• Was so rumsteht

    August 29 in Albania ⋅ ⛅ 32 °C

    Herumstreunen bei sengender Hitze in Nordalbanien und nachdenken über das, was so rumsteht.

    Zwei Bauten aus verschiedenen Jahrhunderten, beide aus Angst gebaut.

    Die Kulla, der „Fluchtturm". Steinmauern, im Obergeschoss Schießscharten statt Fenster. Hierher zog sich zurück, wer von Blutrache betroffen war. Der Turm brachte Sicherheit auf Zeit, bis eine Lösung gefunden war. Der Kanun, das traditionelle Gesetz der Berge Nordalbaniens, regelte auch das: die Besa, die Waffenruhe, unter der überhaupt erst verhandelt werden konnte. Eine Ordnung statt eines Staates, dort gewachsen, wo nie einer hinkam. Nur: Die Versöhnung gelang oft nicht. Die Blutrache forderte viele Tote und zog sich in vielen Fällen über Generationen. Der Turm war Schutzversprechen und Gefängnis zugleich.

    Daneben der Betonbunker. Hoxha ließ das Land zubetonieren, gegen einen Feind, der nie kam. Das war keine Ordnung statt eines Staates, sondern eine Ordnung gegen die eigenen Leute. Die Logik der ständigen Bedrohung, verstaatlicht – nur ohne Besa, ohne Vermittler, ohne Ausweg. Der Kanun kannte die Aussöhnung wenigstens als Möglichkeit. Die Diktatur kannte sie nicht.

    Beide Bauten versprechen Sicherheit und kassieren Freiheit. Der eine gewachsen, der andere verordnet. Heute stehen beide leer – und der Beton hält länger als die Angst, die ihn gebaut hat.
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