• Rauschen im Wald

    Feb 28–29, 2024 in the United States ⋅ ☁️ 19 °C

    Wir werden wach und hören: Nichts! Ich hopse relativ kurzentschlossen aus dem Bett, schnappe mir Bella und laufe los. Hanna bleibt zurück und kümmert sich um den Kaffee. Hier gibt es keine Trails in der Nähe und querfeldein laufen möchte ich mit Bella dann auch nicht. Das ist auch besser so: Der Übergang zwischen offiziellem staatlichem Waldgebiet und den Privatgrundstücken ist hier fließend. Wird ein Privatgrundstück ohne Zustimmung betreten, ist das Hausfriedensbruch und man kann festgenommen werden. So verkündet es zumindest eine Infotafel an einem Schild ein paar Hundert Meter die Straße runter. So laufen wir an der Waldstraße entlang und nach knapp 2 Kilometer stehe ich vor dem Eingang der Stalking Head Creek Tree Farm und drehe um. Links und rechts von der Straße sind nur Bäume zu sehen und ich kann mir gut vorstellen, dass es hier viel Wild gibt. Auch wenn die Pinienbäume immergrün sind, bemerke ich, dass mir ein durchgehendes grün nach all den Tagen in Florida fehlt. Zudem ist es ruhig, sehr ruhig. Es sind kaum Vögel zu hören und es wirkt fast so, als seien diese ausgeflogen.

    Kurz vor dem Platz schreibe ich Hanna eine Nachricht – die Schiebetür ist vom Weg abgewandt und ich möchte sie zur Abwechslung mal nicht erschrecken. Der Kaffee wartet schon auf mich und ich genieße den ersten Schluck auch sehr. Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht: die elektrische Kaffeemühle, die von Hanna vor Kurzem noch so gepriesen wurde, hat den Geist aufgegeben. Ich zögere nicht lange, hole das Feinmechanikerwerkzeug und fange erstmal an, dass Ding zu zerlegen. Als ich an der Platine und dem Motor angekommen bin, bewege ich die kleine Welle am Motorabgang und die Kaffeemühle startet wieder: ich bin zufrieden und fange an, alles wieder zusammenzubauen. Hanna hat in der Zwischenzeit alle zerlegten Teile gereinigt und gibt mir diese nach und nach wieder an. Dem Kaffee für heute Nachmittag oder morgen steht also nichts im Weg.

    So 100%-tig sicher bin ich mir noch nicht, wann ich den ersten Tag des Lesens einstreuen werde. Heute definitiv (noch) nicht. Wir sind seit fast vier Wochen unterwegs, fast die längste Zeit frei am Stück seit dem Abitur 2004 und ich finde jeden Tag etwas zu tun. Heute will ich einen kleinen Lüfter einbauen, um die Stauwärme unter dem Fahrersitz beim Laden des Akkus zumindest in die Fahrerkabine leiten zu können. Bedingt durch den größeren Akku dauert der Ladenvorgang während der Fahrt wesentlich länger und die Komponenten werden dadurch wärmer. Vor der Verschiffung habe ich mir viele Gedanken über das Werkzeug was ich unterwegs brauchen werden gemacht und habe auch für das Bohren in Metall und das Verlegen von Leitungen alles mit was ich brauche. Lediglich ein Lochknacker wäre heute noch von Vorteil, aber ein solches Spezialwerkzeug habe ich noch nicht mal zuhause.

    Während ich also messe, bohre, anpasse, installiere und ein paar Teile in der Fahrerkabine putze, schreibt Hanna den Bericht von gestern, probiert verschiedene Einstellungen an der Kamera und entspannt auf der Shakti-Mattte (eine Akupressurmatte). Vielleicht wird ihre Fähigkeit so selig und ausgeglichen im Moment zu sein, in den nächsten Monaten ein wenig auf mich abfärben.

    Nachdem der Lüfter also eingebaut ist, setzen wir uns erstmal gemütlich in die Nähe der Feuerstelle und frühstücken eine Runde Müsli. Wir haben im Walmart Erdnussbutter ohne Zucker und mit großen Stücken gefunden. Zusammen mit dem Obst, etwas Jogurt ist es nachdem mächtigen Frühstück gestern eine gelungene und leckere Abwechslung. Hanna isst heute Salat mit Avocado und Ei zum Frühstück sie hat mehr Lust auf Herzhaft heute "morgen". Außerdem bemerkt sie bei einem Blick auf ihr Handy, dass es für unsere Waldgebiet eine Unwetterwarnung gibt und wir schauen kurz, was denn da auf uns zukommt. Es scheint eine kurze, aber heftige Sturmfront zu sein und wir schätzen das Risiko von umstürzenden Pinienbäumen als eher gering ein, packen aber trotzdem nach und nach alle Sachen ein wenig zusammen. Durch die kleinen Bastelarbeiten habe ich mich in und zum Teil auch um Freddie ziemlich verteilt. Kurz bevor es mit dem Regen anfängt, drehe ich noch eine kleine Runde mit Bella über den Platz und passend mit den ersten Regentropfen sind wir zu dritt im Bus verschwunden.

    Ich bin hin- und her gerissen zwischen einem kleinen Schläfchen oder einem anderen Projekt und – na wer hätte es gedacht – sitze zwanzig Minuten später vorne in der der Fahrerkabine und mache mich daran unsere Elektroverteilung zu erneuern. Bei der Erstinstallation habe ich einen klassischen Verteiler eingebaut, mittlerweile aber eine neuere Variante gefunden, bei der keine Kabelschuhe benötigt werden. Zudem habe ich immer mal wieder neue Geräte angeschlossen (sei es den smarten Computer für das Frischwasser, ein GPS-Tracker, die Vorbereitung für die Standheizung usw.), so dass die Verteilung im Fahrersitz nicht wirklich ansehnlich ist. Für die nächsten drei Stunden bin ich also abgetaucht und werkle fröhlich vor mich hin, während Hanna hinten an einem Strickprojekt wurschtelt, Fotos editiert und Instagram bespielt. Ich genieße bei der Arbeit Bier und öffnen zwischenzeitlich immer wieder die Tür: Es sind knapp 27 °C hier vorne und es erinnert mich ein wenig an die Arbeitstage im letzten Jahr in Andalusien. Am Ende sieht das ganze schon etwas besser aus als vorher, von hier aus kann ich dann bei Bedarf immer noch etwas verschönern. Mittlerweile kommt auch der Ruf der Küchenfee bei mir an: das Essen ist fertig. Wieder einmal hat Hanna gekocht und ich bin wie immer dankbarst dafür. Heute gibt es Reis mit Brokkoli, Paprika, Zwiebeln und etwas Soja-Erdnusssoße, asiatische Züge sind erkennbar. Mal abgesehen vom Waschen des Reis auch ein Essen, dass sich im Bus ressourcenschonend umsetzen lässt.

    Im Prasseln des Regens füllen wir uns langsam den Bauch, schauen dabei eine Folge auf Netflix und werden nach dem schönen Tag langsam müde. Wir schlafen bei einer Folge ein und werden dann etwas später wach. Ich hüpfe in kurzer Hose und Unterhemd nach draußen, um Bella zu bewegen, hole mir aber ziemlich schnell meine Jacke: Temperatursturz. Von den knapp 20 °C zu selben Zeit gestern ist nichts mehr übrig und es sind gerade mal noch 6 °C.
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