• Lake Cowichan

    20–21 Mei 2024, Kanada ⋅ ☁️ 17 °C

    Montag werden wir wieder recht spät wach. Es schleicht sich aktuell ein Tagesrhythmus ein, der ein bisschen nach hinten verschoben ist. Ein kleiner Teil von mir scheltet mich im Hinterkopf, dass wir dem Einschleifen dessen, spätestens ein paar Wochen vor dem Rückflug eventuell Einhalt gebieten sollten. Der wahrscheinlich sowieso schon herausfordernde Wiedereinstieg in den Alltag erscheint mir sonst noch unmöglicher. Glücklicherweise ist bis dahin noch ein wenig Zeit.

    Ich hopse wieder zur Morgenrunde mit Bella aus Freddie und bin dankbar, dass das Wetter sich heute wieder von seiner zwar kühlen, aber sonnigen Seite zeigt. Heute watschel‘ ich mit Bella in die andere Richtung los. Bei der Beschreibung des Stellplatzes stand in der App, dass es einen Abgang zum Meer geben soll, gestern Morgen habe ich mich aber in einer Sackgasse wieder gefunden. Gestern stand in einer der Wegbuchten in die Richtung, die ich heute einschlage, noch ein anderer Camper, der mit seinem Chihuahua unterwegs war. Ich wollte ihn bei einer kleinen Mittagsrunde am Vortag mit Bella nicht stören, daher war ich noch nicht am Ende dieser Wegmöglichkeit. Heute biegen wir um die zweite Kurve und ich sehe, dass vom Camper heute nichts mehr zu sehen ist. Ein paar Meter weiter sind wir am letzten Schlafplatz auf dieser Schotterpiste angekommen. Auch hier ist kein Trampelpfad zum Meer hinunter zu sehen, darauf achte ich aber erstmal nicht, weil ich total verwirrt davon bin, dass das Lagerfeuer noch lustig vor sich hin brennt. Kurz werde ich stutzig und überlege, ob der Mann mit Hund wohl nur kurz weg gefahren sein könnte, allerdings haben wir, seit wir wach sind, kein Auto Freddie passieren hören und die nächsten Häuser, geschweige denn ein Dorf, liege auch nicht gerade nebenan. Und zum Meer hinunter wird der gute Mann mit einem Auto ganz bestimmt nicht gefahren sein, da es keinen Weg gibt. Ich komme kopfschüttelnd zu dem Schluss, dass der Herr vielleicht das Feuer einfach hat ausbrennen lassen wollen. Sehr klug in einem Gebiet, in dem im Sommer Waldbrand keine unrealistische Gefahr ist. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit aktuell gering ist, man lässt doch nicht einfach ein Feuer brennen und fährt dann weg. Ich mache mich also zu Bellas Verwirrung daran, das Feuer mit Erde zuzuschütten, als mein Blick den Abhang hinunter auf eine blaue Tasche fällt. Kurz habe ich Sorge, dass der Mann vielleicht sogar seinen Hund dagelassen haben könnte. Als ich die Tasche hoch hebe, scheppert sie ordentlich. Nachdem ich sie geöffnet habe, finde ich eine kleine Pfanne, einen kleinen Topf (beides nach Benutzung mit ein bisschen Essensresten), eine Plastikbox und ein paar leere Bierdosen. Auch sehr klug Kochgeschirr mit Essensresten in einem Gebiet in dem Bären leben draußen stehen zu lassen. Ich kann die Unbedachtheit nicht fassen. Aber immerhin entpuppt sich die Pfanne als super Schaufel und ich grabe in der Erde und schütte weiter das Feuer zu. Als dieses aus ist, überlege ich nochmal kurz, ob der Typ eventuell doch noch zurückkommen könnte (das ich das Feuer aus gemacht hätte, fände ich auch dann nicht schlimm). Am Ende entscheide ich mich aber dafür auch die Tasche mitzunehmen, selbst wenn sie nur vergessen wurde, steht sie als Plastikmüll aktuell in der Natur rum.

    Wieder an Freddie, überlegt Christian laut, dass er schon glaubt, dass der Mann die Tasche einfach vergessen haben könnte, hätte das Feuer aber ebenfalls gelöscht. Wir beschließen die Tasche bei uns zu behalten und falls ein Auto zu dem Platz zurückfahren sollte, diese ja immer noch zurückgeben zu können. Uns beiden ist allerdings jetzt schon sehr klar, dass der Camper seine vergessene oder zurückgelassene Tasche nicht mehr abholen wird.

    Wir überlegen, ob wir heute noch eine Nacht bleiben wollen, entscheiden uns dann aber nach kurzer Zeit noch weiter zu düsen. Heute ist das Wetter schön und in uns beiden kribbelt ein bisschen Entdeckerlust in den Füßen. Auch wenn Vancouver Island „nur“ ungefähr 450 Kilometer lang und ca. 100 Kilometer breit ist, gibt es hier bestimmt unglaublich viel zu erkunden. Übrigens herrscht hier das mildeste Klima in ganz Kanada. Ein guter Ort für den Einstieg in unsere Kanada-Entdeckungsreise also. Heute geht es an der südlichen Küste über den Highway 14 Nordwärts. Unser Fahrerhäuschen ist gut mit Abfall befüllt, die blaue Tasche, eine Tüte Müll die ich gestern an unserem, zu Beginn noch recht vermülltem Platz, eingesammelt habe und unsere Abfälle, plus eine leere Gaskartusche sowie ein großer Milchkarton, runden unsere Sammlung ab. Nach nicht mal mehr 20 Minuten Fahrt ist ein Rastplatz ausgeschildert, den wir anfahren. Hier gibt es leere und große Mülltonnen. Wir verstehen nicht, wie man so sorglos mit der Umwelt umgehen kann, wenn es dann so leicht ist, Abfall loszuwerden. Ohne Abfall, mit geleerten Blasen und mit Neugier auf den Tag fahren wir weiter.

    Bis zum Lake Cowichan in der Mitte des Südzipfels Vancouver Islands, ist es eine gute Stunde Fahrt und dort wollen wir uns dann nach einem Stellplatz umschauen. Leider soll das Wetter morgen regnerisch werden und so überlegen wir, dass eine Nacht auf einem Campingplatz mit warmer Dusche ja schon recht verlockend ist. Wir passieren Port Renfrew und sind auf dem Weg begeistert von der Schönheit dieses Fleckchens Erde. Die Straßen sind zwar nicht in dem besten Zustand, aber mit Aussicht auf Wald, Meer, Flüsse und Berge lässt sich diese Kleinigkeit doch gut ertragen. Als wir an einer Mini-Tankstelle vorbei kommen, lassen wir uns vom Besitzer den Tank auffüllen und können sofort bei ihm mit Karte zahlen, ganz schön praktisch, aber auch irgendwie befremdlich.

    Auf dem weiteren Weg hören wir Hörbuch und staunen über die Natur. Wir passieren ein paar Plätze, die bei IOverlander als Übernachtungsplätze ausgewiesen sind. Diese sehen oft schön aus, sind aber ebenfalls sehr vermüllt. Mich macht das ganze Thema neben der Fassungslosigkeit auch einfach zum Teil sprachlos. Wie kann man so rücksichtslos und egoistisch mit so einem wunderschönen Fleckchen Erde umgehen. Ein Teil von mir „hofft“, dass es vielleicht daran liegt, dass hier viele amerikanische Touristen unterwegs sind und das es im Landesinneren von Kanada eventuell besser werden wird. Abgesehen von diesem Frust-Thema ist die Natur hier aber wirklich atemberaubend. Die Flüsse und reißenden Bäche sind super klar, man kann den Boden sehen, der Wald ist immer noch gemäßigter Regenwald und demnach wahnsinnig dicht und auf der Straße sind wir fast allein unterwegs. Das Hörbuch unterhält uns und so vergeht die Fahrtzeit bis zum Städtchen Lake Cowichan wie im Flug.

    Hier angekommen gönnen wir uns ein seeeeehr sehr spätes Frühstück. Mittlerweile ist 16 Uhr und so entscheide wir uns dazu das Frühstück zum Mittagessen werden zu lassen. Wir gehen ins „The Cow“, hier kann Bella mit und wir sitzen gemütlich auf der Terrasse. Es gibt für uns beide ein köstliches Steak mit perfekten Pommes, Gravy und leckerstem Gemüse. Es schmeckt hervorragend. Während wir gewartet haben, hat Christian einen Campingplatz in der Nähe gefunden, der scheinbar noch ordentlich Kapazitäten hat und sofort m See gelegen ist. Den werden wir später anfahren. Auf dem Weg zurück zu Freddie gönnen wir uns noch ein Eis und kommen mit zwei älteren Damen ins Gespräch die vor der Eisdiele sitzen und an meinem Akzent erraten haben, dass wir aus Deutschland kommen. Ich fühle mich fast ein wenig ertappt und gestehe, dass ich immer hoffe, dass man mir das nicht zu deutlich anhört. Wir quatschen bestimmt eine halbe Stunde mit den beiden, die ganz begeistert von unserer Reise sind und uns ein paar Tipps für die Insel geben. Als wir über den Abfall reden, lachen die beiden leider über unsere Theorie der müllverteilenden Amerikaner und sagen, dass das leider auch hier ein großes Problem ist. Sie berichten, dass es für manche – vermutlich schlecht erzogene – Menschen vollkommen normal sei, auch mitten in Gesprächen ihren Müll einfach auf den Boden zu schmeißen. Spricht man das Verhalten an, trifft man auch in seltenen Fällen auf Reue oder Verständnis. Verrückt und schade.

    Nach dem schönen Schnack, fahren wir zur Lakeview Park Campsite und checken für zwei Nächte ein. Wir finden einen wunderschönen Platz in einer versteckten Nische mit Blick durch Bäume auf Wasser, wir haben die freie Wahl und viel ist nicht los. Ich checke uns im Office noch ein und dann geht es für mich Duschen und der gemütliche Abend wird, nachdem Christian noch eine Runde mit Bella und dann auch duschen war, eingeleitet.
    Baca lagi