• Vom fließenden zum stehenden Gewässer

    9.–10. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 19 °C

    Wir wachen in himmlischer Waldesruh auf. Es ist jeden Tag so gemütlich, in Freddie die Glieder zu strecken, schön eingemummelt unter der Decke zu sein und eingekesselt von Christians und Bellas Wärme und Schnarchereien in den Tag zu starten.

    Nach einiger Zeit pellt Christian sich aus dem Bett und bereitet Tee- und Kaffeewasser zu. Ich mahle die Bohnen im Bett, und so duftet es innerhalb kürzester Zeit in und um Freddie nach Tee und Kaffee.

    Ich vertiefe mich wieder in die Falkenbach-Saga von Ellin Carsta, die mich seit gestern in eine neue Bücherwelt abtauchen lässt. Christian klappt seinen Laptop auf und tippt los, um Berichte fertigzustellen. Währenddessen schnabulieren wir die Chocolatins, die wir gestern im Walmart erstanden haben, und schlürfen dazu unseren Morgenkaffee. Da Christian noch in die Berichte vertieft ist, mache ich mich heute mal allein auf zur Morgenrunde mit Bella, und wir begrüßen auf unserem Weg wieder ganze Kuhfamilien. Ohne die Leine hätte Bella wahrscheinlich große Lust, die neugierig dreinschauenden Kälbchen zum Spielen aufzufordern. Aber wir wollen ja weder die Kälbchen verschrecken, noch den Frust der beobachtenden Mutterkühe auf uns ziehen, gell?

    Zurück bei Freddie überlegen wir kurz, ob wir bleiben sollen, entscheiden uns dann aber dazu, uns auf die Suche nach einem neuen Stellplatz zu machen. Hier ist es zauberhaft ruhig und einsam, allerdings sehnen wir uns ein wenig nach einem See oder einem Fluss sofort vor unserer Haustür, also geht die wilde Entdeckungstour bald weiter. Zunächst nochmal in Richtung Williams Lake, weil wir in diese Richtung den Fraser River über die Brücke, die wir gestern schon passiert haben, wieder queren. Dann machen wir uns über den Cariboo Highway, entlang des Fraser Rivers, auf in Richtung Norden. Dort werden wir in den nächsten Tagen Prince George passieren und uns dann langsam nach Osten in Richtung Alberta wenden, wo der Jasper und Banff Nationalpark hinter den Rocky Mountains auf uns warten. Wir können uns innerlich noch nicht so ganz von British Columbia lösen, dessen Natur es uns einfach angetan hat. Wir haben auf dem Weg in Richtung Norden ein paar Stellplätze ausgesucht, die wir anfahren, die uns aber nicht zu 100% überzeugen. Ich glaube, unsere Ansprüche an Stellplätze sind nach den letzten Wochen hier in Kanada wirklich ganz schön hoch.

    Gegen Nachmittag kommen wir durch das kleine Örtchen Alexandria, das man fast nicht als Ort, sondern eher als Ansammlung weniger Häuser bezeichnen könnte. Hier stolpern wir über einen Burgerladen, der damit wirbt, Fleisch aus eigener Herstellung von zu 100% grasgefütterten Kühen zu nutzen. Auch die Pommes werden hier selbst gemacht, und so setzen wir uns in den Garten des Ladens und genießen jeder einen Burger, Pommes und eine Cola. Während ich zahle, lasse ich mir noch ein Stück Apfelcrumble und ein Stück Rhabarberkuchen einpacken, die mich angelacht haben.

    Wir zuckeln noch einige Kilometer über den Highway und steuern dann gegen 19 Uhr den Chubb Lake an. Dies ist eine Recreation Area, die über eine Schotterpiste erreichbar ist und mit blumigen Rezensionen in iOverlander beschrieben wird. Angekommen am See, parkt dort aktuell ein riesiger Mietcamper am Platz mit perfektem Seeblick. Wir rollen einen etwas weiter oben gelegenen Platz an und passieren auf dem Weg dorthin einen Microcamper, dessen Besitzer am Lagerfeuer sitzt und Musik hört. Wir finden ein nettes Plätzchen und überlegen, ob wir bleiben oder weiterfahren. Der Platz ist schön, aber die „Einsamkeits-Box“ können wir hier nicht abhaken. Dennoch entscheiden wir uns zu bleiben, da wir nach den Stunden in Freddie gern ankommen möchten und es jammern auf ganz schön hohem Niveau wäre, wenn wir uns mit diesem schönen Fleckchen Erde nicht zufrieden geben könnten. Um diese Tageszeit und bei dem aktuell recht drückenden Wetter spielt sich vor Freddie die absolute Mückenparty ab. Wir lassen unseren Mückenvorhang runter und schalten das Thermacell an, welches sich um die Mücken kümmert, die ihren Weg schon ins Innere von Freddie gefunden haben. Innerhalb der nächsten Stunde bahnt sich bei mir eine Migräne an, die ich aber mit Triptanen noch in den Griff bekomme. Zusätzlich hören wir noch einige Autos anrollen und stellen bei einer Bella-Runde fest, dass ausnahmslos jeder der 9 Plätze besetzt ist. Eine Gruppe Jugendlicher trifft sich für einen entspannten Lagerfeuerabend. Am nächsten Platz steht ein total verrosteter Van, dessen Besitzer Zeitreisende aus den 70ern zu sein scheinen. Sie tanzt ekstatisch in langem Hulla-Hulla-Gewand und mit fliegenden Haaren und Joint in der Hand auf dem Picknicktisch, während ein John-Lennon-Verschnitt mit passender Sonnenbrille und braunem Seidenhemd, das bis zum Bauchnabel aufgeknöpft ist, etwas aus dem Fahrerhäuschen herauskramt. Die beiden scheinen selig in ihrer kleinen Welt.

    Auf dem Gassigang werden wir von den Mücken nahezu aufgefressen, wobei ich noch am wenigsten angeflogen werde, da ich einen hellen Moment hatte und mich mit einer Chemiekeule gegen die kleinen Plagegeister eingeschmiert habe. Christian war davon ausgegangen, dass es am Weg wahrscheinlich nicht so schlimm sein würde. Selbst Bella wird zwischenzeitlich von 10 Mücken geritten. Als ich ihr die Plagegeister aus dem Gesicht wischen will, hinterlässt eines der Tiere auf ihrer Nase bereits abgezapftes Blut. Die Runde wird also nicht allzu groß und wir retten uns recht zügig zurück in Freddie.

    Hier angekommen, lese ich weiter und Christian wendet sich Zelda: Tears of the Kingdom zu. Die Zeit vergeht nahezu, und so ist es schnell 0 Uhr. Ich habe heute Geburtstag und Christian bereitet einen kleinen Whisky vor, überreicht mir eine Geburtstagskarte und hängt das iPad auf. Ich hatte mir dieses Jahr im Vorhinein einen „Christian-Geburtstag“ gewünscht. Kein großes Aufheben, mein Tele-Objektiv darf ich ja bereits seit ein paar Monaten nutzen, und aktuell fühlt sich sowieso jeder Tag wie ein Traum-Geburtstag an. Trotzdem hat Christian zusammen mit Tim organisiert, dass kurze Zeit später die Gesichter meiner Liebsten über den iPad-Bildschirm flackern und mir persönliche Video-Geburtstagsgrüße übermitteln. Ich bin ja sowieso eher nah am Wasser gebaut und so genieße ich mit einer gebührenden Portion Freudentränen diese zauberhafte Überraschung.

    Nicht lang danach machen wir uns bettfertig und schlummern zufrieden ein.
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