• Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad & Garten

    August 14, 2024 in Germany ⋅ ☁️ 21 °C

    Ich werde wach (habe ich überhaupt geschlafen?!), weil sich um uns herum plötzlich einiges bewegt. Als ich unter meinem Kopfhörer-Stirnband hervorluke, das ich mir über die Augen gezogen habe, sehe ich ziemlich viel Licht. Das „Taglicht“ ist scheinbar bereits eingeschaltet worden, und kurz nachdem ich mich aufrecht hingesetzt habe, kommt auch schon eine Stewardess auf mich zu. Ob ich gerne frühstücken wolle. Um den Tag durchzustehen, brauche ich auf jeden Fall Kaffee, also bejahe ich die Frage und versuche, mich weiter zu orientieren. Der Bildschirm vor mir verrät mir, dass wir nur noch knappe zwei Stunden unterwegs sein werden. Ich schiebe die Fensterverdunkelung nach oben und bin schwer verwirrt, als das Licht hereinflutet. Wir fliegen gerade über die Westküste Englands.

    Wenige Augenblicke später steht vor mir auf dem von der Stewardess heruntergeklappten Tisch ein Kaffee, Tomatensaft und Obst, ein Croissant, Haferflocken und ein Joghurt. Ich schaue auf meine Uhr, die mir 2:14 Uhr morgens anzeigt. Kein Wunder, dass ich mich so verklatscht fühle und wenig Lust auf Frühstück habe. In den letzten Monaten war es um diese Zeit tiefe Nacht für mich. Verrückte Welt. Nach ein paar Schlucken Kaffee schaue ich nach hinten, was Christian macht, und sehe, dass er, im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten um uns herum, tief und fest schnarcht. Ich überlege hin und her und beschließe dann, ihn sanft zu wecken. Ich quetsche mich zwischen Armlehne und Tischchen in den Gang und bin sehr stolz, dass ich weder etwas verschüttet noch etwas heruntergeschmissen habe. Christian ist ebenfalls vollkommen verwirrt, als ich ihn wecke, möchte aber auch nicht auf ein bis zwei Kaffees verzichten. Er hat ordentliche Abdrücke von der Schlafmaske im Gesicht und sieht zum Abknutschen aus.

    Nach dem Frühstück beginnt bereits langsam der Sinkflug und mein Herz wird kurzzeitig schwer. Christian flüstert von hinten: „Wir sind doch gestern erst losgeflogen“, und genauso fühle ich mich auch. Natürlich freuen wir uns auf Familie und Freunde, aber es fühlt sich einfach an, als seien wir gerade mal ein paar Wochen unterwegs gewesen. Mein Verstand weiß, dass man so viel nicht annähernd in zwei Wochen erleben kann, dennoch fühle ich mich nicht, als seien wir schon fertig. 😉

    Nach nur 5 Stunden und 25 Minuten Flug setzt unser Flugzeug sanft in Frankfurt am Main auf der Landebahn auf. Ich packe meine Sachen in meinen Handgepäcksrucksack und schultere ihn, und schon geht es raus aus dem Flieger in den Tag, der eigentlich noch Nacht sein sollte. Es geht durch eine elektronische Passkontrolle. In der Ankunftshalle angekommen, suche ich erst einmal eine Toilette, und dann schauen wir beide aus dem Fenster, wie der Gepäckwagen neben unserem Flieger parkt. Ich wurschtle meine Kamera samt Teleobjektiv aus der Tasche und beobachte weiter das Gepäckband, während Christian auf der Toilette ist. Tatsächlich kann man recht gut sehen, wie die Box mitsamt Bella vom Förderband aus dem Flugzeug nach unten rollt. Christian ist wieder da und schafft es, die Box auf einem der Wagen wiederzufinden. Mit Bella werden noch drei andere Vierbeiner ausgeladen. Als sich der Gepäckwagen auf den Weg macht, schlendern wir zum Sperrgepäckschalter und beobachten einen Mitarbeiter, der zwei Auszubildende auf ziemlich unfreundliche Art herumscheucht. Kurze Zeit später kommt Bella auf dem Förderband vorgefahren und wird von dem Herren und einem seiner Azubis heruntergehoben. Er weist uns harsch darauf hin, dass Bella in der Box bleiben muss, bis wir am Zoll vorbei sind. Wir hatten darauf gehofft, sie zeitnah herausholen zu können, damit sie uns gebührend begrüßen kann, und auch Bella tut ihren Unmut durch herzzerreißendes Fiepen kund. Aber gut, da können wir nichts machen, außer beruhigend auf sie einzureden, ihre Pfötchen zu streicheln und darauf zu warten, dass unser Gepäckband endlich losrollt. Nach ein paar Minuten legt Bella sich auch wieder hin und ergibt sich ihrem Schicksal, ohne weiterhin zu fiepen. Nach weiteren zehn Minuten setzt sich unser Gepäckband in Bewegung und Christian erobert unsere Seesäcke, die wir auf einen Gepäckwagen zu unseren Rucksäcken stapeln, und dann können wir uns auf zum Zoll machen.

    Der Zoll ist unbesetzt und so können wir schnell in den vorderen Teil des riesigen Flughafens, wo wir eine Bank suchen und Bella endlich aus der Box holen können. Sie freut sich ein Loch in den Bauch, und nach einer ordentlichen Begrüßungsorgie ist ihr mal wieder nicht anzumerken, dass sie gerade neun Stunden in einer Box verbracht hat und mehrere tausend Kilometer in einer unfassbaren Höhe den Atlantik überquert hat. Wir sind ihr so unbeschreiblich dankbar für ihr entspanntes Wesen.

    Nach einem weiteren Toilettenbesuch schnappe ich mir Bella und suche einen kleinen Flecken Natur in diesem Betongewusel am Flughafen. Die Bewegung tut sowohl ihr als auch mir gut, auch wenn ich mich fühle, als würde ich apathisch durch die Gegend wandeln, was ich wahrscheinlich auch tue. Christian hat in der Zwischenzeit die Hundebox umgebaut und sie zum Gepäcktransporter umgewandelt. So können wir richtig bequem bis zur Bahn watscheln und sehen wahrscheinlich ganz schön unterhaltsam aus. Christian führt unser Gepäck mitsamt Box Gassi, während Bella gefühlt mich Gassi führt und hinter Christian hertrottet.

    Für den Weg von Frankfurt aus haben wir für 38 Euro ein Ticket für uns drei geschossen. Dadurch, dass das Flugzeug etwas Verspätung hatte, ist der Übergang super entspannt. Wir müssen nur eine knappe halbe Stunde auf den ICE warten, können noch einen Eiskaffee besorgen und werden nur eineinhalb Stunden unterwegs sein. Die nächsten zwei Stündchen rennen an mir vorbei, die Zugfahrt verläuft entspannt und in Solingen angekommen, chauffiert uns dann noch ein Taxi die zehn Minütchen bis nach Hause. Was für eine verrückte Welt. Zehn Stunden nach Abflug schließen wir unsere Wohnungstür auf und stehen gefühlt in der Eingangshalle eines Schlosses. Wir wussten ja, dass wir uns so fühlen werden, aber tatsächlich ist das Gefühl nicht so negativ überwältigend, wie ich es befürchtet hatte. Nach unseren ersten Van-Urlauben haben wir uns ganz schlimm beim Heimkommen gefühlt, als müssten wir sofort wieder zurück in unsere kleinen vier Wände, das ist aber bei mir diesmal anders. Vielleicht einfach, weil ich eigentlich erstmal gern schlafen würde. Es ist vertraut und dennoch komisch und fremd, und es ist halt einfach nicht Freddie. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Freude, Erleichterung, Müdigkeit, Wehmut und Deplatzierung. Wie erwartet, schmeißt Christian sofort den Turbo an und wirbelt los. In 45 Minuten kommt ein Taxi, das Christian einsammelt, um ihn nach Mönchengladbach zu bringen. Dort holt er den Firmenwagen ab und besorgt dann eine Grundausstattung an Lebensmitteln. Bevor das Taxi da ist, packt Christian seine Sachen aus und geht duschen. Ich sitze vor mich hinstarrend auf der Couch, sage Bescheid, dass wir angekommen sind, und lasse die letzten Stunden nachwirken. Als Christian unterwegs ist, fühlt sich das alles immer noch sehr komisch und surreal an.

    Die nächsten Stunden mache ich alles und nichts, ich wasche zwei Maschinen Wäsche, packe aus, sichte die Post, die Mama netterweise für uns angenommen und perfekt sortiert hat. Ich freue mich über gebastelte Herzen von Emma, die Marc mit meiner Siebträgermaschine schon mal zu uns gestellt hat. Ich genieße einen Kaffee und bereite Pizzateig für heute Abend vor. Wenn ich das so schreibe, hört sich das eigentlich ganz schön gut an. Es war aber im Rückblick schon durchaus ein „Durch den Tag schleppen“. Ich bin müde, aber sollte durchhalten, damit der Jetlag die nächsten Tage nicht allzu sehr zuschlägt. Als Christian wieder da ist, füllen wir den Kühlschrank und wurschteln weiter umeinander herum. Es ist ziemlich verrückt, dass unser Garten ordentlicher aussieht als vor unserer Abreise und auch, dass die Wohnung top in Schuss ist. Da gilt ein riesiger Dank an Hans-Dieter, der mehrmals bis nach Solingen gefahren ist, um unsere Wohnung in Schuss zu halten und zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Gegen sieben erlauben wir uns einen 20-Minuten-Nap, von dem ich sicher war, dass er in einen Tiefschlaf übergehen würde, aber alles läuft gut, und wir pellen uns nach dem Wecker wieder vom Sofa. Vielleicht war die Aussicht auf Pizza und Weinchen einfach zu verlockend.

    Ich mache mich an die Pizza, während Christian und Bella eine Begrüßungsrunde durchs Ittertal drehen. Nachdem die beiden wieder da sind, ist die Pizza, dank der 400° im Pizzaofen, im Handumdrehen fertig, und Christian und ich sitzen selig mampfend auf der Couch, genießen einen Schluck Spätburgunder und starten auf dem riesigen Fernseher die Serie „The Handmaid’s Tale“. All das fühlt sich so an, als hätten wir das gestern erst gemacht, als hätte die Wohnung nicht sechs Monate leer gestanden. Es ist verrückt, und auch Bella ist den ganzen Tag über nicht von meiner Seite gewichen. Sogar ins Bad ist sie mitgekommen; da muss sich also noch jemand daran gewöhnen, dass wir nicht mehr zu dritt auf 6 m² hausen.

    So gern wir auch weiterentdeckt hätten, so wenig wir uns auf Köpfe voller To-Do-Listen und Tage freuen, die sich um Arbeit herum ranken werden, so sehr freuen wir uns gerade über Pizza, Wein und sind voller Dankbarkeit für all das Erlebte.

    Irgendwie habe ich aber auch zwischendurch Sorge, dass der Alltag die ganzen zauberhaften Abenteuer der letzten sechs Monate mega schnell in Vergessenheit geraten lassen könnte. Wie gut, dass ich all die Erinnerungen hier immer wieder ganz schnell lebendig werden lassen kann. Was für ein wunderschöner, wilder und besonderer Ritt das war.

    Diese letzten Zeilen zu schreiben, dauert nun auch schon mindestens zehn Minuten, und ich kann mich nicht entscheiden, was ich schreiben soll, da ich weiß, dass diese Worte den Blog für diese Reise schließen, und auch das fühlt sich mehr als komisch an. Danke für euer Mitfiebern, euer Teilhaben und die vielen Kommentare, so war immer ein Stück zu Hause mit dabei.
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