• Grenzenloser Schwermut über den Wolken

    August 13, 2024, Nordatlantik ⋅ 🌬 12 °C

    Das Aufwachen am Dienstag gehört definitiv zu den schwermütigsten Augenblicken der vergangenen Monate. Auch wenn wir uns mit dem Ausräumen am Sonntag und der Abgabe von Freddie gestern schon ein wenig der Realität gestellt haben, manifestiert sich diese an diesem Morgen dann doch nochmal mit einer ziemlichen Endgültigkeit. Gestern Nacht habe ich noch den größten Teil meiner Klamotten und unsere dreckige Wäsche in die Vakuumbeutel und anschließend in meine Tasche gestopft, sodass es doch recht überschaubar im Zimmer geworden ist.

    Wir atmen beide einmal kräftig durch, raffen uns auf und machen uns langsam auf den Weg zum Frühstück. Auch heute Morgen ist es recht voll, aber wir finden wieder einen freien Tisch und versorgen uns mit den vermeintlich leckeren Sachen vom Buffet. Als die Gelegenheit günstig ist, nutze ich das Waffeleisen, mit dem ich uns eine frische Waffel als „Nachtisch“ des Frühstücks zaubern kann. Der leckere Teig zusammen mit der Sahne versüßt uns beiden dann den Start in den letzten Tag in Nordamerika ein wenig. Wir nehmen uns noch zwei Bananen mit und machen uns wieder auf den Weg zurück ins Zimmer. Bella begrüßt uns beide schon freudig und schaut uns in der nächsten Stunde bei unserem Treiben zu.

    Nach und nach verstauen wir die restlichen Sachen in unsere Seesäcke bzw. ins Handgepäck, bis am Ende nur noch unsere Kosmetika auf das Verstauen warten. Bevor wir unter die Dusche springen, machen wir es uns noch einmal auf dem Bett gemütlich. Ein kurzes Brainstorming danach ergibt, dass unser letztes Stündlein wahrhaftig geschlagen hat – zumindest das im Hotelzimmer. Weder ein Zeitumkehrer noch ein DeLorean lassen sich auftreiben, und so machen wir uns dann mit Sack, Pack und Hund bewaffnet um kurz vor 13 Uhr auf den Weg in die Lobby. Unser Gepäck samt der Transportbox geben wir im Gepäckraum ab.

    Während sich Hanna an einen der Tische setzt, schnappe ich mir Bella und spaziere mit ihr eine große Runde durch den Park. Zwischendurch kann sie mit ein paar anderen Hunden toben, aber ich nehme das Grün im Park irgendwie durch einen leichten Schleier wahr. Grob gehe ich im Kopf unsere Stopps der letzten 190 Tage durch, und passend mit der Rückkehr zum Hotel bin ich gedanklich auch bei unseren Übernachtungen am Crow Head angekommen.

    Hanna ist noch immer mit dem Tippen beschäftigt und ich laufe nochmal los, um uns einen letzten Eiskaffee von Starbucks zu organisieren. Zuvor stoppe ich noch an einem Outdoorgeschäft und kaufe eine kleine Lunchbox, die sich auch als Kühlbox verwenden lässt. Die Verspätung unseres Fliegers ist zwar noch nicht offiziell angesagt, aber wenn die Maschine, mit der wir zurückfliegen, mit knapp drei Stunden Verspätung in Frankfurt startet, wird sich – wie von Kapelle Petra (hat nix mit meiner Tante zu tun) besungen – die Störung im Betriebsablauf wohl auch für uns bemerkbar machen. Mit der Box können wir dann das Schmelzen des Trinkwassers für Bella zumindest bis zu ihrer Abgabe hinauszögern. Zurück am Hotel packen wir langsam unsere Sachen zusammen und steuern unser Taxi an, das überpünktlich zur Abholung eingetroffen ist. Die Kiste mit Bella und unsere Seesäcke sind schnell verstaut und keine 20 Minuten später sind wir auch schon am Flughafen angekommen – dank der mittlerweile angezeigten Verspätung fünf Stunden zu früh.

    Wir beobachten das rege Treiben am Condor-Schalter und obwohl dieser noch lange nicht geöffnet hat, stehen unsere zumeist deutschen Mitreisenden akkurat in Reih und Glied. In Sichtweite nehmen wir zu dritt Platz und schauen uns das Treiben in aller Ruhe an. Hanna macht sich nochmal auf den Weg mit Bella entlang des Flughafens, und nach der Rückkehr warten wir noch bis halb sechs, bis wir uns am mittlerweile fast leeren Schalter anstellen. Das Überprüfen der Papiere von Bella geht ohne große Rückfragen und Probleme vonstatten, und ein paar Minuten später nehmen wir wieder am Rand Platz. Wir haben noch knapp zwei Stunden Zeit, bis wir Bella spätestens abgeben müssen, und die nächsten 90 Minuten warten wir dann noch außerhalb des Sicherheitsbereiches ab.

    Nachdem wir uns mit Mutter und Tochter aus Edmonton etwas länger unterhalten haben und Bella von der Tochter kurzzeitig für Streicheleinheiten adoptiert wurde, mache ich mich nochmal auf den Weg entlang des Flughafens. Passenderweise haben die Regenschauer kurz vorher aufgehört, sodass es beim Spaziergang angenehm kühl ist. Ob Bella wegen der vielen Spaziergänge, der Abläufe am Flughafen oder sonstiger Dinge den „Braten“ schon riecht, wissen wir nicht. Sie ist alles in allem mal wieder super entspannt und begrüßt kurze Zeit später auch erstmal gewohnt herzlich die Sicherheitskraft am Sperrgepäckschalter und lässt sich in Ruhe abtasten.

    Nachdem ihr Kissen durch das Röntgengerät gefahren ist, wird noch kurz die Kiste händisch untersucht. Wir demontieren anschließend die Rollen und müssen Bella ein wenig zu ihrem „Unglück“ zwingen, aber nachdem sich die Gittertür schließt, legt sie sich erstmal hin. Zumindest solange, bis wir sie auf das Rollband stellen und sie dann für die nächste Zeit hinter den schwarzen Gummilappen aus unserem Sichtfeld verschwindet.
    Beim Hinflug haben wir sie in Frankfurt abgegeben und sie wurde auf einem Rollwagen weggebracht. Hier jetzt die Box auf dem normalen Band zu sehen, ist schon komisch, und mein inneres Bild, dass Bella von vier Sanftenträgern zum Flugzeug getragen wird bzw. wurde, muss ich wohl revidieren.

    Die Sicherheitskontrolle ist herrlich unspektakulär, und zehn Minuten nachdem Bella verschwunden ist, stehen wir auch schon am Gate. Die Masse und die diffusen Deutschbrocken, die sich über uns ergießen, locken uns noch nicht wirklich, und so spazieren wir einmal fast zum anderen Ende des Abflugbereichs und setzen uns in einen Gastropub. Neben der Tagessuppe bestellen wir uns noch zwei Guinness und freuen uns beide darüber, wie entspannt dann doch alles gestern und heute geklappt hat.

    Gesättigt von der ganzen Flüssigkeit machen wir uns dann wieder auf zum Gate und haben noch immer eine ganze Stunde, bevor es losgehen soll. Wir klappen also nochmal die Laptops auf und tippen ein wenig herum – Hanna am Bericht und ich programmiere ein wenig vor mich hin, komme aber nicht so recht in den kreativen Flow. Also wird der Laptop wieder zusammengeklappt, und mir fällt anschließend auf, dass irgendwas fehlt. Klar, Bella und Freddie ohnehin, aber sollte hier nicht auch der kleine weiße Karton mit den Pässen und Co. sein?
    An vielen Orten kann er ja nicht sein, und nachdem Hanna in aller Seelenruhe bestätigt, dass er noch im Gastropub liegt, spaziere ich dorthin. So etwas ist mir auch noch nicht passiert, aber ein weißer Karton auf weißem Tisch kann ja schon mal übersehen werden. Mit bald 40 sind meine Augen ja auch nicht mehr die Jüngsten.
    Die Kellnerin erkennt mich direkt und gibt mir die kleine Kiste lachend zurück und sagt, dass sie diese fast im Müll entsorgt hätte und nur durch das unerwartete Gewicht stutzig wurde. Das Glück ist mal wieder mit uns bzw. in dem Fall mit mir.

    Die Zeit am Gate vergeht dann doch recht fix, und nachdem zum Boarding aufgerufen wird und sich alle Menschen an einem Schalter anstellen, spazieren Hanna und ich einfach zum zweiten Schalter. Hier ist nur der Monitor defekt, aber die nette Mitarbeiterin nimmt trotzdem flugwillige in Empfang.
    Wir müssen vor dem Einstieg nochmal kurz warten, können dann aber endlich Platz nehmen. Man merkt dem Flieger tatsächlich an, dass er nur 14 Monate alt ist. Alles ist super modern und durchdacht, und es gibt sogar USB-C-Anschlüsse zum Laden der Geräte. Leider gibt es keine einstellbaren (und scheinbar überhaupt keine) Luftdüsen am Platz, aber wir haben schon wildere Temperaturen in den letzten Monaten genießen dürfen – da werden wir die nächsten paar Stunden schon noch überstehen.

    Nachdem dann alle Menschen an Bord sind, geht es auch schnell auf die Startbahn und ab in die Luft. Der Flieger ist wirklich sehr leise, und so sind meine kleinen In-Ear-Kopfhörer auch mehr als ausreichend, als ich den Film "Contact" auf dem Fernseher starte. Diesen haben wir zuletzt in einem Bericht im April erwähnt, als wir am Very Large Array in New Mexico vorbeigefahren sind. Ich fand den Film vorher schon genial und kann diesen nochmal ganz anders genießen. Das VLA ist nicht der einzige Ort aus dem Film, den wir gesehen haben. Während die Stewardess das Essen und einen Spätburgunder serviert, wird mir klar, dass wir beim Schauen aller Filme wohl in den nächsten Jahren zwischendrin grenzdebil grinsen werden, weil uns selbst kleine Anspielungen in unsere sechs Monate zurückkatapultieren werden.

    Zum Nachtisch bestelle ich mir noch einen Cognac, und die ohnehin schon bemutternde Stewardess meint es diesmal besonders gut, als sie mir den Schwenker bis fast oben hin füllt. Mir werden die Augen ein wenig schwer, und nach einem beherzten letzten Schluck mache ich es mir dann gemütlich und schließe die Augen und während ich langsam einschlafe, tauchen immer wieder Bilder der letzten Monate auf.
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