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  • Day16

    Brest III

    July 29 in France

    So ein Tag! Aber von Anfang an. Die ganze Nacht hat es unaufhörlich geschüttet und gestürmt. Auch am Morgen geht es damit fleißig weiter. Also erst einmal lange geschlafen, gemütlich gefrühstückt und es regnet immer noch. Betten bezogen, Wohnmobil geputzt, Wäsche sortiert, geschlafen, gelesen.....Es regnet immer noch. Nach dem Kaffeetrinken reicht es. Regen hin oder her, ich muss raus. Michael erklärt mich für verrückt, bei dem Sturm los zu walken, aber Regen ist gut für die Haut und den Sturm nehme ich mal als persönliche Herausforderung. Ich muss Michael versprechen, nicht durch bewaldetes Gebiet zu gehen. Mache ich. Aber nachdem ich ein Stück Landstraße gelaufen bin, bin ich mir nicht mehr sicher was gefährlicher ist: auf der Landstraße bei dem Schietwetter von einem Auto zu spät gesehen oder von einem herabfallenden Ast unter Bäumen getroffen zu werden. Also schwenke ich auf den Wanderweg in Richtung Leuchtturm ab. Immerhin bin ich dort nicht allein unterwegs. Äste liegen auch nicht herum, auch wenn der Wind mich ordentlich packt und mir die Walking- Stöcke mehr als einmal aus der Hand wehen will.
    Vom Leuchturm laufe ich zurück zur Bucht, von der ein kleiner Pfad durch den Wald steil nach oben zum Campingplatz führt. Versprechen hin oder her, das wird mein Rückweg. Aber vorher statte ich dem "Maison blanche" , einer Kneipe und Tabakbar noch einen Besuch ab, weil ich Durst habe, weil ich mal "Für kleine Mädchen" muss und weil ich neugierig bin, was für Menschen ich dort antreffe. Die Wirtin, Anfang fünfzig, macht einen sehr verlangsamten Eindruck, was ihre Sprache, und die Bewegungen anbetrifft. Entweder ist sie total übermüdet oder sie hat sich heute schon reichlich an den hier angebotenen alkoholischen Getränken bedient. Das zweite scheint mir zutreffender zu sein. An der Bar, an die ich mich jetzt setze und meine Bestellung aufgebe, sitzt eine ältere, dicke Frau, deren Brüste eine entspannende Lage auf den Knien gefunden haben, weil kein entsprechendes Kleidungsstücke, das ihre Erdanziehung verhindern würde, angezogen worden ist. Der dazugehörige Mann steht vor dem Flatscreen, der die halbe Wand der Kneipe einnimmt und kommentiert halblaut ein übertragenes Radrennen. Beide scheinen Stammgäste zu sein. Im Gegensatz zu dem Biker, der allein in einer Ecke vor einem großen Bier sitzt. Die Wirtin schlurft in die hinteren Räume, um mir Wechselgeld zu holen. Auf diesen Augenblick hat die dicke Frau nur gewartet. Blitzschnell, was man bei der Körperfülle gar nicht erwartet hätte, springt sie vom Barhocker herunter, rennt hinter die Theke, greift nach ihrem Bierglas und befüllt es in Windeseile unter dem Zapfhahn. Als die Wirtin zurückkommt, sitzt sie wie vorher auf ihrem Platz mit einem halb gefüllten Glas vor sich. Ein junger, braungebrannter, ziemlich smarter Typ mit einem Handy am Ohr, kommt in die Kneipe. Die Wirtin fragt nach seinen Wünschen. Er ignoriert sie und telefoniert weiter. Sie fragt noch einmal. Er telefoniert weiter. Beim dritten Mal wird er mit einer Fülle von Schimpfworten überhäuft. Etwas fassungslos bemerkt er, er hätte doch nur zu Ende telefonieren wollen. Aber Frau Wirtin sieht das als Respektlosigkeit ihr gegenüber und zeigt auf die Tür. Als er sich nicht gleich bewegt, wird er wieder mit einer Kanonade von Schimpfworten bedacht. Fluchtartig verlässt er die Kneipe, nicht ohne nun seinerseits eine Menge Schimpfworte zurückzulassen. Sprachlos schaue ich dem Schauspiel zu, nicke nur mit dem Kopf, als mir Frau Wirtin nun ihre Beweggründe vornuschelt und widme mich meinem Handy,
    das mir gerade eine Nachricht meldet. Ich will kurz nachschauen und dazu meine Brille aus der Lauf-Tasche holen. Keine Brille. So sehr ich die Tasche auch aus- und wieder einräume, die Brille bleibt verschwunden. Ich bin mir ziemlich sicher sie dort hineingetan zu haben. Oder habe ich sie auf den Kopf geschoben, weil mir die Regentropfen die Sicht eingeschränkt haben? Das wäre fatal. Denn dann könnte sie mir der Sturm unbemerkt vom Kopf geweht haben. Oder ich habe sie beim Auf- und Absetzen der Kaputze verloren. Oder habe ich sie doch nicht mitgenommen? Inzwischen habe ich das Maison Blanche verlassen und versuche Michael anzurufen, ob ich meine Brille im Wohnmobil gelassen habe. Der geht nicht dran. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zunächst den steilen Waldweg zum Campingplatz hochzulaufen, um nachzusehen. Am Wohnmobil versucht Michael gerade besorgt mich zu erreichen, weil ich aus Versehen den Anrufbeantworter laufen gelassen habe und der nun undefinierbare Töne von sich gibt. Nein! Meine Brille ist nicht im Wohnmobil. Das bedeutet die 5 km noch einmal laufen und dabei nach der Brille suchen und das bei dem erneut einsetzenden Sturm und Regen! Am Ende ist und bleibt meine Gleitsichtbrille verschwunden. Einziger Trost in der Misere ist, dass Zuhause schon das Rezept für eine neue Brille liegt. Für den Rest des Urlaubs werde ich wohl ganz undercover mit Sonnenbrille herumlaufen müssen , denn die hat auch Gleitsicht.
    Am späteren Abend gibt es ein Konzert in der Bar des Campingplatzes, und wir lassen es uns nicht nehmen auch vorbeizuschauen. Es ist schon eigenartig in einer Gruppe Menschen zu sitzen, die ganz begeistert ihre Lieblingssongs mitsingen, von denen wir noch nie etwas gehört haben. Aber die Stimmung ist super und ein schöner Ausklang für diesen etwas missratenen Tag.
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  Vive la France