Bukarest #1
April 26 in Romania
Tag 13 - unser Sonntagsgottesdienst ist heute eine armenische Liturgie. Auf dem Weg zur Kirche schauen wir kurz in eine rum.-orth. Kirche in unserer direkten Nachbarschaft, in der auch ein Gottesdienst stattfindet. Auch schön! Aber für heute haben wir ein anderes Ziel.
Die armenisch-apostolische Kirche liegt in fußläufiger Entfernung zu uns in dem sog. armenischen Viertel. Dort zeigen viele Wohnhäuser und auch Kaffeeröstereien von der Präsenz einer (zumindest ehemals?) großen armenischen Community. Als Händler*innen, sehr oft aber auch als Vertriebene und Verfolgte, ließen sich Armenier*innen auf der ganzen Welt nieder. Und dabei brachten sie auch ihre Kirche mit. Sie ist ein wichtiger Faktor für Identität und Kultur der armenischen Diaspora. Die arm.-apost. Kirche ist zudem sehr alt: Armenien ist als erstes Land der Welt zum christlichen Glauben übergetreten. Seit dem ist sie einen sehr eigenen Weg gegangen, theologisch (sie ist eine miaphysitische Kirche, also steht nicht mit den byzantinischen orth. Kirchen in Gemeinschaft sondern mit der koptischen, äthiopisch-orth. u.a.), aber auch liturgisch: Die armenische Liturgie verbindet eine östliche Grundform mit westlichen Einflüssen, ganz offensichtlich ist dies z.B. daran, dass der liturgische Chorgesang mit einer Orgel unterlegt ist, und die liturgischen Gewänder sowohl Anleihen bei den byzantinischen, als auch den westlichen Kirchen haben.
Dem entsprechend erleben wir heute einen Gottesdienst, der sehr anders ist als die, die wir anderswo erlebt haben, aber mindestens so anrührend ist. Hinzu kommt, dass es sich um den ersten Gottesdienst nach dem arm. Völkermordgedenktag ist - am 24. April 1915, vor 111 Jahren, wurden Angehörige der arm. Eliten in Konstantinopel verhaftet, was als Beginn des Genozids an den Armenier*innen im osmanischen Reich gilt, der monatelang andauerte und in dem schätzungsweise bis zu 1,5 mio. Menschen ermordet worden sind. Auch Deutsche Offizielle waren Mittäter, die als militärische Verbündete Teil des osm. Militärstabes waren oder als Offiziere osm. Truppen befehligten. Der Aghet, so wird der Genozid von Armenier*innen genannt, hat ein tiefes transgenerationales Trauma hinterlassen, das weiterhin anhält. Nicht zuletzt weil die Opfer des Aghet durch die arm.-apost. Kirche heiliggesprochen wurden, handelt es sich beim Völkermordgedenktag auch um einen religiösen Gedenktag. Und so waren in diesem Gottesdienst nicht nur der arm. Bischof anwesend, der im Ornat eine Ansprache hielt, sondern auch Botschafter*innen aus Armenien, Frankreich, Griechenland und Zypern, sowie Vertreter der rum.-orth. und röm.-kath. Kirche. Sie legten nach dem Gottesdienst Nelken an dem Chatschkar, einem arm. Kreuzstein, ab, der vor der Kirche als Denkmal für die im Aghet Ermordeten dient. Es war sehr bewegend.
Nach einer mittaglichen Stärkung gehen wir zum Parlamentspalast, der hoch über Bukarest aufragt und als eines der größten Gebäude der Welt gilt. Hier reservieren wir uns für morgen zwei Plätze bei einer Führung. Mehr also morgen zu diesem Gebäude, das viel über die jüngere Geschichte des Landes zu sagen hat.
Danach gehen wir zur Nationalkathedrale des Patriachats von Bukarest, das der rum.-orth. Kirche vorsteht. Baubeginn für diese Kirche war 2010, letztes Jahr wurde sie eingeweiht. Das Bauwerk wird sehr kontrovers diskutiert. Einerseits, wegens ihres vorgesehenen Name (eigentlich sollte sie Kathedrale der Erlösung des Volkes heißen, was eine eindeutig völkische Schlagseite hat) und andererseits weil sie obszön groß (absichtlich höher als der Parlamentspalast) und obszön teuer war (270 Milliarden Euro) - und das in einem der ärmsten Länder des Kontinents und in einer Kirche, bei der Priester mehrere Berufe ausüben müssen, um sich über Wasser halten zu können und für wohltätige Projekte auf Spenden angewiesen sind. Man kann der Meinung sein, dass dieser Bau viel gemeinsam hat mit dem "Haus des Volkes" direkt nebenan, wenn die RumOK Geld für ein solch monströses Bauwerk hat, aber nicht für so etwas wie die Kulturscheune in Hammersdorf. Die Kirche selbst war nicht für Besichtigungen zugänglich, sondern lediglich eine Kirchenshop, der den Charme eines Tedis hatte.
Währenddessen stiegen die Temperaturen immer weiter. Die in der Spitze fast 27°C, die es heute hatte, waren uns sehr unangenehm. Während Jens zurück zur Wohnung ging, weil ihm das Klima zu schaffen machte, besuchte Björn noch das Königsschloss, in dem mehrere Museen untergebracht sind. Es liegt direkt gegenüber von dem heutigen Innenministerium, von dem Nicolae Ceaușescu am 21.12.1989 seine letzte öffentliche Rede hielt. Damals ist er zu seinem Erstaunen von der ausgewählten Menge, die ihm zujubeln sollte, ausgebuht worden. Wenige Tage später ist er gemeinsam mit seiner Frau Elena von Soldaten, die sich der Revolution angeschlossen haben, nach einem kurzen Schauprozess hingerichtet worden. Heute steht vor dem Gebäude ein großer Obelisk als Revolutionsdenkmal.
Björn besichtigt im Schloss zum einen die Nationalgalerie, in der rum. Kunst vom Mittelalter bis zu Gegenwart ausgestellt wird, und einige Prunksäle des Königsschlosses. Den Abend lassen wir wieder gemeinsam entspannt ausklingen.
🚶🏼♂️🚶🏻♂️14 km, ⛪ 3, 🏰1Read more

























