• Invergordon

    June 8 in Scotland ⋅ ⛅ 14 °C

    Murals and Gulls from Invergordon

    Der einzige Autovermieter in Invergordon hatte an Kreuzfahrttouristen offensichtlich schon so viel verdient, dass er seinen Laden inzwischen geschlossen hatte. Das hat uns aber gar nicht so weh getan, denn nach dem ereignisreichen und wetterbedingt sehr anstrengenden Tag gestern auf Skye und einen Tag vor Edinburgh tat ein bisschen Kürzertreten wirklich ganz gut.

    So sind denn auch die HLC-Ausflugsbusse ohne uns in Richtung Loch Ness aufgebrochen. Wobei wir bereits aus früheren Schottlandreisen wussten, dass die Hauptattraktion -das Ungeheuer von Loch Ness- schon vor über 30 Jahren sein ursprüngliches Habitat verlassen hatte. Es wurde nämlich vom Scottish Tourist Office auf den Marktplatz von Drumnadrochit als Touristenattraktion umgesiedelt.

    Die anderen Ausflügler sind in nördlicher Richtung zum Dunrobin Castle gefahren. Allerdings hatten wir nach Kenntnis der schottischen Geschichte auch davon Abstand genommen. Denn der ursprüngliche Schlossherr -der Duke of Sutherland- war ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse, der im Rahmen der „Highland Clearances“ aus lauter Raffgier die Kleinbauern gewaltsam aus der Region vertrieben hatte. Um sie dann lieber durch Schafe zu ersetzen, die ihm mehr Gewinn versprochen hatten. Schon aus Gründen der Solidarität wollten wir des Duke of Sutherlands Nachkommen durch unser Eintrittsgeld nicht auch noch unterstützen. 😁

    So hatten wir ursprünglich die Gelegenheit nutzen wollen, das leere Schiff zu genießen. Am Vormittag brachen wir aber doch zu einem kleinen Spaziergang durch das Städtchen Invergordon auf. Dort gab es natürlich keine Attraktionen wie Seeungeheuer oder prunkvolle Schlösser zu bewundern. Insofern hatten wir auch nicht viel erwartet. Doch so kann man sich täuschen. Natürlich ist die Region Ross & Cromarty nicht mit großem Reichtum gesegnet und die leerstehenden Läden waren Zeichen davon. Und die Erträge des mit den im Hafen sichtbaren Offshore-Plattformen geförderten Öls fließen nun mal nicht in die Region.

    Doch der wahre Reichtum sind sie Menschen eines Orts. Ein Rentner saß auf einer Bank und spielte Musik. Nach einem kurzen Gespräch folgte er meinem Wunsch nach schottischer Musik und er gab uns ein Privat-Konzert mit „Flower of Scotland“. Danach legte er die Gitarre zur Seite und wir plauderten noch mindestens eine Viertelstunde weiter. Das floskelhafte „Nice to meet you“ war danach wirklich ernst gemeint. Auch mit anderen Locals sind wir immer wieder ins Gespräch gekommen. Solche Begegnungen sind für mich in den Erinnerungen an eine Reise wertvoller als noch so rausgeputzte Touristenattaktionen.

    Mit welcher Liebe die Bewohner ihren Ort gestalten, war beeindruckend. Durften wir schon in Liverpool die großflächigen Murals bewundern, die den dortigen Fußball-Helden gewidmet waren, und in Belfast den eher zweifelhaften Helden der sich bekämpfenden Konfliktparteien, so hatten die Künstler hier alle möglichen Freiheiten, auch ohne Helden zu verherrlichen, die Wände der Gebäude im Ort wirklich sehr kreativ zu gestalten.

    Wobei das Thema der Murals am Bahnhof einen sehr nachdenklich gemacht hatten. Es ging um die jungen Männer aus der Umgebung Invergordons, die 1940 in den Kriegsdienst eingezogen wurden und dort von den Engländern ihrem Schicksal überlassen wurden und von unseren Landsleuten als Kriegsgefangene übelst behandelt wurden.

    Bei einem zweiten Rundgang durch den Ort am Nachmittag hatte ich den ehemaligen Leiter der Bonner ARD-Redaktion Sven Kuntze getroffen und ihm von dieser bebilderten Story erzählt. Ich hatte ihm versprochen, im Fototeil dieses Thema etwas ausführlicher zu präsentieren. Überhaupt war es toll, diesen charismatischen Menschen mit an Bord zu haben und mit ihm Gespräche zu führen, die nicht wie sonst so oft an Bord nur oberflächlich bleiben.

    Das wichtigste Gebäude in Invergordon ist allerdings -wie soll es in Schottland anders sein- die Distillery. Die ist nämlich nicht nur durch ihren ausgezeichneten Whisky bekannt, sondern auch bedingt durch ihre etwas nachlässige Endlagerung der Maische und deren Einfluss auf die örtlichen Möwen. Die hatten uns übrigens schon sehr zahlreich auf der sonnenverwöhnten Yachtclub-Terrasse besucht. Über die Grenzen Invergordons sind sie in einem fröhlichen Lied zu überregionaler Berühmtheit gelangt.

    Begleitet mit Gitarre, Flöte, Fiddle und Bodhran ist dieses Lied dann auch der heutige Song des Tages:

    https://youtu.be/HK7LjVgutH0?feature=shared

    Weil das schottische Idiom nicht immer so leicht verständlich ist, hier die Lyrics:

    At Invergordon by the sea
    They've built a great distillery.
    And all the gulls are on the spree, that live in Invergordon.
    The mash that's flowing from the still,
    They gobble doon wi' right good will.
    Now every gull can hold it's gill
    That lives in Invergordon.
    Duramadoo a duramaday, duramadoo a dady oh
    Duramadoo a duramaday. The gulls o' Invergordon.
    A Glasgow gull came frae the Clyde
    To Invergordon to reside
    And got himself half-stupefied
    With the gulls o' Invergordon.
    And then he found to his surprise
    That he was hardly fit tae rise,
    And flying kind o' sidywise
    When he left Invergordon.
    Duramadoo etc.
    Now when we die, some people say
    We come back in another shape.
    How I would love to come and stay
    As a gull at Invergordon.
    Dramadoo a dumaday, reincarnation would be gay.
    A kind of perpetual hogmanay
    With the gulls o' Invergordon <
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