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    Yesterday in Vietnam ⋅ ☁️ 20 °C

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    Ich habe schon lange nicht mehr den Reiseführer aufgeschlagen und lasse mich willenlos treiben. Körperlich merke ich, dass der Tiefpunkt überschritten ist. Ich bin in der Schulter beweglicher und in der Hüfte flexibler. Der Ellenbogen schmerzt nicht mehr, weil ich mich nicht mehr angsterfüllt aufstütze.
    Wir verlassen Ha Giang und mit uns viele andere Motoroller. Gleich am Ortsausgang Polizeikontrolle. Es erwischt eine Gruppe britischer Touristen, die ohne internationalem Führerschein in die Berge wollen. Da haben es die vielen Asiaten ( und Europäer) leichter, die im leichten Top und Röckchen und Badelatschen als Sozia in die Berge mitfahren. Natürlich führt uns der Guide auf Nebenstraßen. Unvermittelt, als wäre es ein Film oder ein Traum aus einem billigen Reiseführer, sind wir in einem Dorf. Dort findet an diesem Sonnabend der Markt statt und weil morgen Wahlen sind ist ein großer besonderer Stand aufgebaut. Die örtliche Polizei hilft bei der Einrichtung und Einweisung in den elektronischen Personalausweises, der morgen zur Wahl Pflicht ist. Nebenbei kann auch die Fahrerlaubnis und die Zulassung auf dem Mobiltelefon gecheckt werden. Als Dank dafür, dass man diesen Service nutzt gibt es ein kleines Geschenk. Gedruckte Ausweise, Zulassungen, Führerscheine sind nahezu unbekannt.
    Unsere Tour führt uns wieder früh durch ein außergewöhnlich schönes und einzigartiges karstiges
    Berggebiet. Es ist UNESCO Weltnaturerbe, der „Karst Plateau Geopark“. Hier nennt man es auch Meo Vac nach zwei der größten Dörfer. Schon kurz hinter Ha Giang wird der Weg schmaler und wir überqueren einen schönen Pass. Wir nehmen uns die Zeit, die atemberaubende Landschaft
    anzusehen und die fleißigen Bergstämme zu beobachten, die imstande sind, Mais an den scheinbar unmöglichsten Stellen anzubauen.
    Dong Van, unser Ziel, liegt in einem annähernd 1100 m hoch gelegenen Tal im äußersten Norden des Landes, nahe der chinesischen Grenze. Die Ortschaft wurde um 1920 während der französischen Kolonialzeit als Vorposten gegen China gegründet. Die Landschaft um Dong Van gehört zu den attraktiven Vietnams. Übergangslos wechseln dichte Regen- mit lichten Kiefern- und Zedernwäldern ab. Weil es hier im Bereich des Wendekreises keine Baumgrenze gibt sind die Nadelbäume ein Indikator für anderes Klima. Subtropische Täler mit Nutzpflanzen wie Bananen und Palmen in den Tälern kontrastieren mit karstigen Steinlandschaften, denen die Bauern in den kleinen Tälern und an den steilen hängen mühsam Trockenreis und Mais abgewinnen. Auch Buchweizen soll es hier geben.
    Wir besichtigen eine Kooperative, die zu Schauzwecken die Herstellung von Leinen zeigt. Leider werden aus pädagogischer Sicht die ersten Schritte vom Halm zur Faser weggelassen und nur das Spinnen und Weben gezeigt, aber interessant ist es allemal.
    Erstaunlich, wie viele hundert Jugendliche hier auf den Nebenstraßen unterwegs sind. Dabei sollen es im September zur Haupt Saison 5 mal mehr sein, was für mich unvorstellbar ist. Schon jetzt komme ich mir vor wie am Großglockner oder am Timmelsjoch an einem schönen Augusttag. Dabei haben wir heute wiedereinmal Pech mit dem Wetter. Fernaufnahmen sind so gut wie unmöglich was viel vom überwältigendem Eindruck der Landschaft weg nimmt. Aber es regnet wenigstens nicht.
    In Dog Van ist alles auf jugendliche Biker ausgerichtet. Die Hotels haben viel Personal für das (geringe) Gepäck, aber kein Restaurant oder eine Bar. Dafür sind die vielen Streetfood-Lokale am Abend gut gefüllt. Man trinkt auf den Erfolg, einen 3 Tageskurs (70 Prozent als Sozius, 30 Prozent selbst gefahren) gebucht zu haben und mehr oder weniger die Landschaft genossen hat. Viele dieser Jugendlichen würde auch nach Sidney zum bungeejumping von der Harbor Bridge fahren.
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