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  • Day1

    Flug mit Philosophie

    May 3, 2019, Eastern Mediterranean ⋅ 🌙 18 °C

    Unfreiwilliger Sitzplatzwechsel von Frankfurt nach Tel Aviv von Reihe 37 (ganz hinten) nach 9 (ganz vorn)... Für den Erhalt der frischen Liebe ♥️ eines jungen Pärchens kämpfe ich mich tapfer durch die Flut der entgegen kommenden Fluggäste zurück an die Front.

    Und lande neben Zach, einem angenehmen Gesprächspartner und die 3,5 Stunden vergehen im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug.
    Er war geschäftlich in Mainz, ist viel unterwegs, da seine Firma in Indien sitzt.
    Augenscheinlich ist er vielleicht Ende 30, hat 4 Kinder von 3 bis 12 und lebt etwas außerhalb von Tel Aviv, in der Stadt selbst ist ihm zu viel Trubel.

    Wir philosophieren über Gott und die Welt, und versuchen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszufinden.

    Die Ausbildung der Kinder ist erschwinglich, bis zum 3. Lebensjahr frei, danach etwa 400 Euro im Jahr.
    Ein Studium kostet etwa 3.000,- Euro im Jahr.

    Arbeitslosigkeit gibt es kaum, aber viele Menschen verändern sich im Leben beruflich, um bessere Stellen zu finden. Niemand will aufs Land, alle wollen im Technologiebereich Fuß fassen. In der Entwicklung ist Israel fleißig, nur reicht der Absatzmarkt mit 7 Mio. Einwohner nicht für die eigene Produktion. Ansonsten gibt es ein gut ausgebautes Agrarsegment, was die Leute im Land versorgt, vor allem aber auch im Export gut ankommt. In der Wirtschaftskrise 2008 sei Israel als einziges Land ohne spürbare Beeinträchtigungen davon gekommen.

    Viele junge Menschen machen zwischen Militär und Studium ein Auslandsjahr, denn danach geht es in der Regel mit Familienplanung los.

    Die Familie hat einen sehr hohen Stellenwert. So groß, dass es normal ist, dass viele junge Frauen auch allein Kinder bekommen und gleichgeschlechtliche Paare nicht aufgeben, für ein Recht auf Adoption zu kämpfen.

    Die Generationen wohnen nah beieinander, teilen in der Regel aber nicht das Haus. Doch sie sehen sich regelmäßig. Selbst, wenn man weiter auseinander wohnt, ist die Fahrt aufgrund der Landesgröße in der Regel nicht länger als eine Stunde.

    Auch in Israel hält die wirtschaftliche Unabhängigkeit Einzug, fast jeder hat ein Auto und fährt allein. Trotzdem gibt es Zusammenhalt und ein gutes Miteinander unter Menschen und Nachbarn.

    Zach vermutet, dass dies neben der Landesgröße zum Teil am langen Militärdienst bzw. Zivildienst liegt, wo nach der Schule 3 Jahre lang Männer wie Frauen aller Herkunft gleichermaßen dienen. "Da sind alle gleich, ob arm oder reich, das macht keinen Unterschied", erklärt er mir.
    Zum anderen trägt wohl auch die Religion mit guten Leitsätzen zu einer gemeinsamen Basis und besseren Beziehung bei.

    Zach ist seinerseits überrascht, wieviel Polizei in Deutschland präsent ist. "Viel mehr als in Israel". Als ich ihm erkläre, dass ich schon vorbereitet wurde, dass in Israel viele bewaffnete Sicherheitsleute sind und das für mich ungewöhnlich sein könnte, lacht er. Nein, in Deutschland hätte er mehr wahrgenommen. Er verspricht mir, dass ich am Flughafen keine Security erkennen werde und hat Recht: er zeigt beim rausgehen auf zwei nett lächelnde Angestellte in lockerer Dienstkleidung. Sehen aus wie Fluggastbetreuer. DAS sei die Security. Da ist bei uns die ein oder andere Sprechstundenhilfe gruseliger 😅

    Wir sprechen auch über Deutschland und seine aktuelle Entwicklung. Zach ist bei vielem überrascht und fragt viel nach. Als er am Ende feststellt, er hätte nicht gedacht, dass Deutschland schon so ähnlich sei wie Amerika, komme ich ins Grübeln, er hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht.

    Wir quatschen über andere Länder auf der Welt und ihre Schwierigkeiten. Zach stellt fest, dass Israel viele Probleme hat, aber die Menschen sind frei und das sei das größte Gut. Man kann sich informieren und frei seine Meinung äußern, auch wenn seiner Ansicht nach die meisten Israelis zu wenig am Weltgeschehen interessiert sind.

    Da das Gespräch so offen ist, traue ich mich, noch einmal direkt nach dem Militärdienst und der Wehrpflicht zu fragen. Und mit einiger Scham wird mir bewusst, wie wenig ich weiß. Dieser weltoffene, gebildete, freundliche Familienvater tauscht jedes Jahr für 20 bis 30 Tage den Anzug gegen die Waffe.
    Er erzählt, dass er mitten in einer Konferenz war, als er vor einigen Jahren in den Gazastreifen beordert wurde.
    Er sagt selbst, dass es unwirklich ist, im einen Moment an der Front zu stehen und danach wieder deine Kinder im Arm zu halten.
    Dennoch hält er es aus. Im Vergleich zu unseren Soldaten in Afghanistan meint er, er hat das bessere Los, da er nicht monatelang weg ist, oft auch an den Wochenenden heim kann und auf der anderen Seite in der Überzeugung antritt, sein Land zu verteidigen.

    Mein Kopf raucht.

    Ich will noch so viel fragen, aber der Flug ist vorbei. Zach wartet auf mich an der Gepäckausgabe, sucht mit mir den Transferfahrer und bietet im Vorwege schon an, falls der Transfer wegen der Verspätung weg sei, würde er mich beim Hostel absetzen. Unfassbar.

    So viel Hilfsbereitschaft bin ich nicht gewohnt.

    Als ich zum Abschied frage, was danke auf hebräisch heißt, lacht er wieder: Er könne es mir sagen, aber ich würde es nicht brauchen, die Israelis seien nicht so höflich.
    Ja neeee, is klar 😁👌
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