Medina
21. december 2025, Saudi-Arabien ⋅ ⛅ 23 °C
Heute beginnt unser Roadtrip und wir machen uns auf den Weg durch die Wüste nach Medina. Die Distanzen in Saudi-Arabien sind groß, um nicht zu sagen riesig. Man könnte jetzt natürlich auch den Flieger (nicht gerade günstig) nehmen oder sich in den ultramodernen Haramain Zug setzen - das Flaggschiff unter den Hochgeschwindigkeitszügen in Saudi-Arabien.
Ich bevorzuge das Auto. So kann ich das Land intensiver erleben und auch einfach mal anhalten. Wir brauchen wohl 4 Stunden bis Medina. Der Zug nur knappe zwei. Wenn man aber die Anfahrt zum Bahnhof, das Warten bis zur Abfahrt des Zuges und die Taxi oder Busfahrt in Medina zum Hotel dazurechnet, brauchen wir nicht viel länger.
Zunächst fahren wir durch flaches Wüstenland, bis sich einige Berge erheben. Leider sind wir in der 3-spurigen Autobahn gefangen und es gibt keine Möglichkeiten anzuhalten. Es braucht definitiv kleinere Straßen, um die Landschaft genießen zu können. Unsere Begleiter sind Kamele, Esel und Paviane. Weihrauchbäume wachsen in den Tälern und Wadis. Ein paar Schnappschüsse aus dem Fenster müssen reichen.
Teilweise ist die Fahrt ziemlich eintönig und dann kommt man auf interessante Gedanken. Irgendwie muss man die Zeit ja rumkriegen. Saudi-Arabien ist Weltmeister der Radarkontrollen. Alle 6km steht ein grauer Kasten. Es gibt sie in den Städten als Säulen, bunkerartige Monster und Blitzkästen, wie wir sie kennen. Entlang der Autobahn stehen sie als kleine graue Kästen. Da die Saudis sehr rücksichtslose Autofahrer sind, ist dies wohl die einzige Möglichkeit, die Rowdies zu zähmen. Ich würde ja lieber etwas schneller und dafür geordneter fahren. Aber gut. Im Auto liegt mein Spickzettel mit den arabischen Zahlen. Es gibt viele Schilder, auf denen die Geschwindigkeit nur auf arabisch steht. Es existiert aber auch ein Modell mit der Angabe in beiden Schriften. Ich fahre so ordentlich wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Bei 120km/h beginnt mein Auto zu piepen. Das scheint die Höchstgeschwindigkeit zu sein. Doch nein. Es gibt auch noch Abschnitte, in denen 140km/h gefahren werden darf. Man erträgt jedoch kaum das Gepiepe. Irgendwann ignoriere ich es und stelle zu meiner großen Freude fest, dass es aufhört, wenn man schneller als 130 fährt. Perfekt. Nachdem es nicht mehr piept, verfolge ich nun das Blitzergeschehen - alle 6km ein Kasten. Das sind auf 400km Strecke allein heute fast 70 Blitzer plus noch 12 mobile Radarkontrollen und 5 Check Points der Polizei. Summasumarum 87 Geschwindigkeitsmessungen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
Ich muss mir heute keine Gedanken darüber machen, was ich anziehen könnte und ob die Haare schön sind. Ganz einfach: über Hose und T-Shirt kommt die Abaya und kurz vor Ankunft in Medina noch ein Tuch auf den Kopf. Die Frisur sitzt.
So habe ich mir das zumindest vorgestellt. Zum Glück bin ich während des Packens auf die Idee gekommen, mal auszuprobieren, wie der Kampf mit dem Stoff, das Binden, Wickeln, Knoten solch eines Kopftuches funktioniert. Es funktioniert überhaupt gar nicht. Dank TikTok (das war mein erstes TikTok Video) war ich dann schon ein bisschen schlauer. Es bildet eben doch. Ich brauche Nadeln oder Magnete und auf jeden Fall etwas Stabiles auf den Kopf unter das Tuch, damit man ja keine Haare sieht. Online finde ich Magnete und im Schrank eine schwarze, perfekt sitzende Bademütze. Nun wird sie auch einmal getragen, wenn auch etwas zweckentfremdet. Geht doch. Jetzt muss ich nur noch üben.
Medina ist der einzige Ort für uns mit „Kleiderordnung“. Nach Mekka dürfen wir als Ungläubige ohnehin nicht. An allen anderen Orten muss ich mir wieder Gedanken machen, was ich anziehen könnte und morgens die Haare im Spiegel ordnen. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Ist nur die Frage, was sich leichter ordnet: die Haare oder das Tuch mit seinen Magneten.
Medina ist nach Mekka die zweitheiligste Stadt im Islam. Sie spielt in der Geschichte dieser Weltreligion eine entscheidende Rolle und kann ihre Bedeutung bis heute behaupten. Der Religionsbegründer Mohammed stammt aus Mekka, einer damals polytheistischen Handelsstadt. Dort empfing er die Offenbarung seines Gottes Allah. Da seine Kunde von einem einzigen Gott nicht besonders gut ankam, musste er fliehen. Er verließ Mekka mit Ziel Medina, wo ihm Zuflucht gewährt wurde. Der Auszug Mohammeds aus Mekka im Jahr 622 n. Chr. wird in der muslimischen Geschichte als Hidschra bezeichnet. Und damit beginnt auch die Zeitrechnung des Islamischen Kalenders – also das Jahr 0 AH (Anno Hegirea, im Jahr der Hidschra). Hier gründete Mohammed seine erste Moschee und hier wurde Mekka als Gebetsrichtung festgelegt.
Der Prophet Mohammed selbst ist in der Al-Masjid an-Nabawi begraben, die auch als Prophetenmoschee bekannt ist. Mohammed half im Jahr 622 n. Chr. beim Bau. Es war die zweite Moschee, die er in Medina errichtete und ist dadurch eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Al-Masdschid an-Nabawi ist die zweitgrößte Moschee der Welt und die zweitheiligste Stätte des Islam.
Genügend Gründe also, um die Stadt im Westen Saudi-Arabiens zu besuchen. Doch bisher war es Nicht-Muslimen verboten, nach Medina zu reisen. Sie war für uns eine verbotene Stadt. Erst seit 2021 ist dieser Bann aufgehoben und solange man sich außerhalb der Prophetenmoschee aufhält, ist es auch für Ungläubige völlig ok sich in Medina zu bewegen. Man darf mittlerweile sogar Hotelübernachtungen in der ganzen Stadt buchen. Wenn schon denn schon - wir wohnen, nicht gerade zum Schnäppchenpreis, innerhalb des Cityrings direkt bei der Prophetenmoschee im heiligen Stadtbezirk Al-Haram. So können wir zu jeder Tages- und Nachtzeit einen Blick auf sie werfen.Læs mere




