• Terrakotta Armee - Bing Ma Yong

    March 31 in China ⋅ ☁️ 9 °C

    Heute ist das Wetter traumhaft. Endlich blauer Himmel. Wir starten zeitig und fahren als erstes zur Fabrik der Terrakotta Figuren. Es wird gezeigt wie sie damals und deshalb auch heute hergestellt werden. In die Formen gepresst, dann die Details fein herausgearbeitet werden. Dann werden sie an der Luft vorgetrocknet und am Ende gebrannt. Das Verfahren wird ständig verfeinert, je mehr man über die Brennweise der damaligen Zeit heraus findet. Natürlich kann man hier auch wunderbar einkaufen. Wir haben Glück, den Morgen beginnen die Frühlingsferien in China. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Während wir heute kaum warten mussten, rechnet man morgen mit Wartezeiten von über 2 Stunden. Täglich werden 70.000 Tickets verkauft. Sogesehen war es heute leer.

    Das 1974 von Landarbeitern bei Xi’an entdeckte Mausoleum ist einer der bedeutendsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine frühchinesische Grabanlage, errichtet für den ersten chinesischen Kaiser Qín Shǐhuángdì. Bereits im Alter von 13 Jahren (246 v. Chr.), kurz nach seiner Thronbesteigung, begann der Bau seines Mausoleums. Während der 36 Jahre dauernden Arbeiten waren bis zu 700.000 Arbeiter gleichzeitig mit dem Bau beschäftigt. Auf einem mehrere 1000 Quadratmeter großen Areal wurde eine Grabkammer, geschützt von einer Armee lebensgroßer Tonsoldaten, der Terrakotta-Armee, errichtet. Der Kaiser wurde im Jahre 210 v. Chr. darin beigesetzt.
    Während das Mausoleum in zeitgenössischen oder späteren Aufzeichnungen erwähnt wurde, kam es zu keiner Erwähnung der Tonsoldaten. Ihre Entdeckung war deshalb für die Fachwelt eine Sensation. Bisher wurden mehr als 3000 Soldaten und Pferde, sowie mehr als 40.000 Waffen ausgegraben und restauriert, geschätzte weitere 5000 Figuren sind noch im Erdreich verborgen. Es ist einer der weltweit größten Grabbauten. Der chinesische Name für die als Terrakotta-Armee bezeichnete Figurenaufstellungen lautet Bing Ma Yong und bedeutet wörtlich übersetzt: „Soldaten-Pferde-Totenfiguren“. Seit 1987 gehört die Grabanlage zum UNESCO Welterbe.

    Etwas außerhalb liegt der Grabhügel des ersten Kaiser Qinshihuangdi. In einem neuen Museum werden die bronzenen Pferdewagen ausgestellt, die in einem der Nebengräber gefunden worden sind. So etwas Außergewöhnliches und Schönes habe ich, glaube ich, noch nie gesehen. Die Pferde und der Wagenlenker scheinen zu leben. Das Zaumzeug und die Züge sind aus Bronze, Gold und Silber und wirken weich und fließend, als wären sie aus Leder. Die Wagen verfügen über Lüftungsschlitze, Geheimfächer für Waffen und sind wunderschön bemalt. Sie sind als Symbolbeigaben in das Grab gelegt worden und haben aber immer noch eine Größe von über 1,50m.

    Jetzt geht es endgültig zur Terrakotta Armee. Die tönerne Streitmacht besteht aus überdurchschnittlich großen Soldatenfiguren (Fuß-, Reit- und Wagenlenkersoldaten, Offizieren und Generälen), deren Pferden und Kriegswagen. Die einfachen Soldatenfiguren sind mindestens 1,85m und die der Generäle bis zu 2m groß.
    Es handelt sich wahrscheinlich um die realistische Darstellung einer vollständigen Garnison der damaligen Zeit. Die verschiedenen Ränge sind an unterschiedlichen Kleidungs- und Rüstungsteilen erkennbar. Die Bemalung der dargestellten Materialien war sehr wirklichkeitsgetreu. Es ließen sich Schleifen, eine farbig gestaltete Jacke, Ärmelaufschläge und die Panzerverschnürungen erkennen. Unterschiede in Obergewand, Gürtel mit Schnalle und das Tragen von Stiefeln stellten in der Bekleidung der Figuren zudem nicht-chinesische Minderheiten dar.

    In der Hauptgrube wurden die Terrakotta-Soldaten in einer Schlachtordnung aufgestellt. Die ersten drei Reihen (204 Bogenschützen) bilden die Vorhut. Dahinter folgt der Haupttruppenteil, der aus 6000 Grabkriegern besteht. Diese Hauptstreitkräfte werden links und rechts durch die Flankendeckung abgesichert. Die vierspännigen Streitwagen aus Holz im Zentrum sind mit einem Wagenlenker, einem Kommandooffizier und einem stark bewaffneten Schutzsoldat besetzt und dienen sozusagen als Befehlsstationen für die Fußsoldaten. Der Fund zweier Glocken in den Gruben, sowie historische Berichte zeigen: Die Offiziere übermittelten ihre Kommandos über akustische Signale, wahrscheinlich auch über Trommeln. Am Ende folgt die Nachhut.
    In der zweiten Grube finden sich Figuren von Infanteristen, Reitern mit Pferden, Bogenschützen und Streitwagengespanne. Diese Grube muss noch fast vollständig ausgegraben werden. In der dritten Grube befinden sich Figuren, die zum militärischen Führungsstab gehörten. Im angrenzenden Museum können weitere Figuren angesehen werden. Hier stehen besonders detailgetreue Krieger. Man sieht wie fein die Haare und Fingernägel gestaltet worden sind. Bei der Kleidung und Rüstung wurde auf jede Kleinigkeit geachtet. Auch von Hinten sind die Soldaten perfekt gekleidet. Die Ausgestaltung mit diesen feinen Details bei der Unmenge an Kriegern muss ewig gedauert haben.

    Wenn man die erste Halle betritt und vor den tausenden Terrakotta Soldaten steht, bleibt einem kurz die Luft weg. Überwältigend ist dieser Anblick und mir schießt der Gedanke durch den Kopf, weshalb dieser Ort nicht zu den sieben Weltwundern gehört. Sie stehen da und wirken absolut lebendig. Sehen einen an in ihren Rüstungen oder mit ihren Pferden. Sollten irgendwann in einige 100 Jahren alle Soldaten wieder hergestellt sein, vermag ich mir kaum vorzustellen, wie dieser Ort wirkt, es sind jetzt schon so viele, obwohl es so wenige sind. Ja, ein Paradoxon. Es ist vielleicht ein Viertel aller Soldaten ausgegraben und von diesen werden viele noch restauriert. Jeder Soldat ist ein Puzzle aus vielen tausend Teilen, das erst wieder zusammengesetzt werden muss. Ist er wieder ganz, so nach dem Motto Operation beendet, Patient lebt, wird er an die Stelle zurückgestellt, an der er gefunden worden ist. Die Chinesen lassen sich Zeit mit der Restaurierung, weil sie erst noch erforschen, wie man am besten konserviert. Die Figuren sind unter der Erde am besten geschützt. Auch die Grabkammer ist deshalb immer noch verschlossen. Man weiß, dass sich dort sehr viel Quecksilber befindet. Weiß aber nicht, wie man damit umgehen muss. Deshalb: Finger weg. Zumindest in nächster Zukunft.
    Was für eine Idee, das gesamte Leben mit ins Jenseits nehmen zu wollen und daher alles, was zum Leben gehört herzustellen und dem Grab beizugeben. Aufgrund des Armee weiß man heute exakt, wie die damalige Armee aufgebaut war. Jedes Gesicht ist anders und ich meine in die Augen der Menschen vor 2000 Jahren zu blicken. Sie leben. Wie viele Künstler waren damit beschäftigt, diese Soldaten herzustellen. On es wirklich die Gesichter der damaligen Streitkräfte sind, weiß man nicht, aber es wird vermutet. Dieser Ort könnte für mich einer der faszinierendsten Orte der Welt werden. Es ist ein unglaubliches Gefühl, dieser Armee gegenüber zu stehen.
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