Erste Eindrücke von Lhasa
April 2 in China ⋅ ☁️ 14 °C
Trotz Atemnot hält uns natürlich nichts im Zimmer. Als wir vor das Hotel treten, sind wir schon mittendrin.
Wir bummeln durch Lhasas Altstadt und sind fasziniert, hin und weg und wissen überhaupt noch wohin wir schauen sollen. Diese Architektur haben wir noch nie gesehen. Uns läuft eine Frau mit Sauerstoffflasche über den Weg und wir beschließen, uns auch welche zu kaufen. Schaden kann es nicht. Doch zunächst müssen wir wieder durch eine Sicherheitsschleuse. Das abgepackte wird durchleuchtet, wir ebenfalls und die Pässe eingelesen. Jetzt stehen wir im Herzen Lhasas. Direkt vor uns ein Juwel - der Jokhang Tempel. Er wird von einem Wandelgang mit Gebetsmühlen umgeben. Der kürzeste Pilgerweg Barkhor verläuft rund um das Kloster. Das Geräusch von Holz, das auf Steinplatten schlägt und reibt, schallt uns entgegen. Es kommt von den Gläubigen, die sich vor dem Tempel der Länge nach flach auf den Boden werfen. Wir erleben hier den aller letzten Abschnitt der langen Pilgerreise kurz vor der Ankunft am Tempel. Ein Strom von Pilgern umrundet auf diese Weise den Jokhang Tempel im Uhrzeigersinn. Das Umrunden eines Tempels im Uhrzeigersinn ist ein Ritual, das mit Götterverehrung verbunden ist und nennt sich Kora. Absolut alle drehen dabei ihre Gebetsmühle, um ein gutes Karma anzuhäufen. Wir schließen uns der Reihe der Pilger an und umrunden den Tempel ebenfalls im Uhrzeigersinn. Viele der älteren Menschen tragen traditionelle Kleidung, was mich sofort begeistert. Dunkle, warme Farben, manchmal sehr farbenfroh, andere sehr schlicht. Viele Menschen sitzen auf den Bänken drehen die Gebetsmühlen und beobachten das Treiben. Die Stadt ist voller Leben. Wir werden viel angelächelt. Die Menschen sind freundlich und offen, können aber nicht mit uns in Kontakt treten.
Während wir den Barkhor entlanglaufen, müssen wir uns ständig umdrehen, weil wir die Menschen von Vorne und nicht von Hinten sehen wollen und Moritz erinnert mich daran, dass wir in Nepal deswegen immer falsch herum gelaufen sind. Gesagt getan. Jetzt passt alles. Ich blicke direkt in die sonnengegerbten Gesichter, die Haut von unzähligen Falten durchfurcht. Ausdrucksstarke Charakterzüge. Ruhige, dunkle Augen blicken mir entgegen. Umgeben wird dieser schmale Weg von wunderschönen Häusern. Weiße dicke Mauern am Boden, die nach oben immer schmaler (erdbebensicher) und auch bunter werden. Aus großen, weißen Öfen qualmt Rauch vom Verbrennen des Wacholders,. Der spezielle Geruch verbreitet sich in den schmalen, winkligen Gassen um den Tempel. Die Häuser aus dicken, weiß getünchten Steinmauern mit traditionellen Flachdächern aus Arga-Lehm stehen hoch gebaut und eng beieinander, sodass die Gassen angenehm schattig sind. Der Geruch von Yak-Butterkerzen und Räucherstäbchen mischt sich mit dem Wacholdergeruch. Was für eine Mischung. Betörend?
So bewegen wir uns mit und gegen den Pilgerstrom bis zum Eingang des Jokhang Tempels. Allein schon der Anblick des Tempels verschlägt uns den Atem. Solch etwas Schönes habe ich selten gesehen. Die Menschen werfen sich auch hier auf den Boden zum Beten. Andere polieren Kupferschalen und werfen Körner darauf. Die Bedeutung dieses Rituals verstehe ich noch nicht. Überall das Gemurmel der Betenden, das Klatschen der Holzschoner der Betenden auf den Boden. Wir sind in einer anderen Welt. Dieser völlig andere Architekturstil ist unglaublich schön und macht die Altstadt Lhasas zu einer der schönsten Städte weltweit.
Die Läden am Weg haben sich mit ihrem Angebot auf die Bedürfnisse der Pilger und auch der Touristen eingestellt. Die Auswahl an tibetischen Souvenirs wie Klangschalen, Buddhafiguren, Gebetsmühlen, typischer Kleidung und Stoffen ist riesig.
Während wir den Barkhor entlanglaufen, fühle ich mich wie beim ersten Landgang nach einem Segeltörn. Der Boden schwankt und in den Geschäften halte ich es nicht aus, weil die Wände ebenfalls zu schwanken scheinen. Mein Gang ist unsicher, wie auf einem schaumigen Teppich und unberechenbare Schwindelattacken lassen mich aus meiner Balance driften. Ein Druckgefühl breitet sich im Körper aus und die Konzentrationsfähigkeit schwindet in Intervallen. Außerdem ist mir schlecht. Dies liegt wohl daran, dass wir nicht ausreichend gegessen haben. Das lässt sich schnell ändern und wir essen zu Abend. Doch es wird nicht besser. Im Gegenteil. Nachdem wir das Restaurant verlassen haben, muss ich mich das erste Mal übergeben. Ich ahne es schon: höhenkrank. Eine Frau, die erst etwas verkaufen wollte, erkennt meine Not und hilft mir. Das ist sehr nett von ihr. Ich muss ins Hotel und schaffe es kaum. Ich bin froh, diese Einkaufstüte zu haben und nicht alles auf der Straße zu verteilen. Kurz vor dem Hotel beginnt der Schüttelfrost. Der gesamte Körper zittert wie bei einem Drogenabhängigen bei kaltem Entzug. Ich habe mir leider nicht den Magen verdorben und es ist auch kein Infekt. Ich bin massiv höhenkrank. Im Hotel wird sofort unser Guide angerufen. Ich bekomme Tee. Dann muss ich mich nochmals übergeben. Alles dreht sich. Es ist so kalt. Ich kann den Tee nicht trinken, weil er durch mein Gezittere ständig aus dem Becher schwappt. Die Frau von der Rezeption hält schließlich meinen Arm fest, damit ich trinken kann. Unser Guide kommt und fragt, was genau los ist. Ich kann es ihm nicht sagen, weil mir die englischen Vokabeln nicht mehr einfallen. Ich erinnere mich an gar nichts. Moritz regelt alles. Er hat glücklicherweise keinerlei Symptome. Unser Zimmer wird geheizt und ich an die Sauerstoffflasche gehängt. In der Nacht übergebe ich mich nochmal und dann reicht es auch. Ich schlafe ansonsten ziemlich gut durch. Am nächsten Morgen trenne ich mich schweren Herzens von der Sauerstoffflasche. Aber es geht. Ich bewege mich wie eine ultralangsame Schnecke vorwärts. Aber es ist geschafft.Read more


























TravelerIch finde Eure Reise so unfassbar spannend. Hoffentlich halten die Symptome nicht allzu lange an!
TravelerEs geht schon wieder. Als ich am Sauerstoff hing, ging es schnell aufwärts. Immer wieder kommen leichte Kopfschmerzen. Es wird spannend, wenn wir höher gehen.