• Overloon

    July 11 in the Netherlands ⋅ ☀️ 24 °C

    Ich gestehe, von Overloon habe ich noch nie gehört. Wer mich kennt, weiß jetzt natürlich sofort, wer dieses Reiseziel ausgewählt hat. Klar - Moritz - und klar, es wird geschichtlich.
    Als Reise kann man diesen Roadtrip nicht bezeichnen. Dauert er doch nur einen Tag und unterbietet damit sogar noch unseren Kurztrip ins Elsass. Vermutlich gehört unser Overloon Tagestrip gar nicht hier her, aber ich war so begeistert von diesem Ort, dass ich beschlossen habe, einen Pinguin zu schreiben.

    Sehr zeitig am Morgen fahren wir also los, um nach kurzen 4 Stunden Fahrt die Niederlande zu erreichen. Da die Klimaanlage unentwegt aktiv ist, leert sich mein Tank beängstigend schnell und ich muss tatsächlich tanken. Bei 2,55€ pro Liter findet meine Kreditkarte das überhaupt nicht lustig. Es fließen nur 7l in den Tank. Das erledige ich dann doch besser in Overloon. Ein kleiner beschaulicher Ort, viel grün, Klinkerhäuser in rot, Hortensien in allen Farben, rotgepflasterte Straßen und viele Fahrräder. Ja, das ist Holland. Kurz vor der Öffnungszeit sind wir vor Ort und erledigen noch schnell das Tankproblem. Ich muss das Preisschild für Super dann schon ganz scharf ansehen, um wirklich zu glauben, was da steht: 2,35€. In einer normalen Kleinstadt. Echt jetzt? Es hilft nichts. Dieses Mal tröpfle ich sorgsam meine 20€ in den Tank.

    Oorlog - das bedeutet Krieg. Wir sehen uns ein Museum über die NS Zeit in Holland an, in dem besonders viele Kriegsfahrzeuge ausgestellt sind. Wer wie ich kein Fan solcher Fahrzeuge ist, bei dem kommt jetzt bestimmt nicht viel Begeisterung auf. Doch der Fuhrpark ist nicht alles. Ich hatte keine Ahnung, wie sich die Niederlande nach dem Deutschen Überfall politisch entwickelt haben.
    Arthur Seyß-Inquart sollte nun die Niederlande verwalten und zu einem Teil des Deutschen Reichs machen. Unter Anton Mussert entstand die niederländische NSDAP, die Nationaal-Socialistische Beweging NSB. Sie kam in ihrer Hochphase auf immerhin 75.000 Mitglieder. Es etablierte sich auch ein Ableger der SS mit 8000 Mitgliedern und eine Hitlerjugend, der Nationale Jeugstorm NJS. Im Gegensatz zu Deutschland war die niederländische Bevölkerung gegen Hitler eingestellt. Bei der Entlassung jüdischer Professoren an den Universitäten protestierten die Studenten. Ebenso kam es zu großen Streiks in Amsterdam, als die Judendeportationen begannen. Die Niederländische Königin im Exil in London schloss sich sofort dem Widerstand an und informierte ihr Volk über den Radiosender Radio Oranje. Viele Niederländer flohen nach London und bauten den Widerstand auf. Vor Ort bildeten sich ebenfalls viele Gruppierungen, die Informationen nach London schickten.
    In sehr interessanten Filmproduktionen wird der Überfall auf Overloon dargestellt. Es handelt sich um interaktives Kino, bei dem man die Räume wechselt, durch Minen und Ruinenfelder läuft und „Teil der Geschichte“ wird.
    Besonders beeindruckend fand ich die Anlandung der Alliierten in der Normandie am D-Day. Zunächst sind wir Teil der Vorbereitungen in England, dann besteigen wir selbst eines dieser Schiffe. Die See ist rau, eisiger Wind pfeift uns um die Ohren und Gischt bespritzt uns. Ja wirklich, wir werden nass gespritzt. Nach dieser unruhigen Überfahrt verlassen wir mit den Soldaten das Boot. Die Frontseite wird geöffnet und es geht durch das Wasser unter Beschuss an den Strand. Quer durch die feindlichen Linien unter Dauerbeschuss, quer durch das Minenfeld erreichen wir die Normandie. Ein sehr eindrückliches Erlebnis.

    Während sich in Deutschland ja niemand am Krieg beteiligt hat, niemand Hitler kannte, keiner Parteimitglied war und auch eine Judenvernichtung in den Konzentrationslagern nicht bekannt war, so unbekannt waren Kriegsabzeichen, Fotos, Bilder, „Mein Kampf“ - alles wurde vernichtet. In den Niederlanden hingegen hat man aufgehoben und gesammelt. Die Panzer begeistern mich eher weniger. Aber die vielen Fahrräder mit Befestigungsvorrichtungen für Krücken, Gewehre, Maschinengewehre, Munition, Krankentransporte …. Das fasziniert. Die Unmenge an vorhandener Munition. Feldküchen in unterschiedlichsten Transportmitteln. Das habe ich so noch nirgends gesehen. Auch die unglaubliche Größe eines Amphibienfahrzeugs, in dem Panzer durch Flüsse transportiert wurden, ist extrem beeindruckend. Nach und nach wächst auch meine Begeisterung für diverse Panzermodelle, Kanonen und die Lichter der Flag. Moritz macht mich immer wieder darauf aufmerksam, wo wir den verschiedenen Panzern bereits begegnet sind. Sei es in Singapur auf Sentosa Island oder im Film „Tiger“, den wir vor einiger Zeit im Kino angesehen haben. Somit finde auch ich Zugang zu den gepanzerten Ungetümen und kann seine Begeisterung für die Details teilen.
    Während der Scheinwerfer der Flag seine kreisrunden Lichtkegel Richtung Himmel schickt, heulen die Sirenen. Detonationen sind zu hören. Kriegsutensilien werden hier in Särgen präsentiert. In einem Kindersarg wird die Gasschutzkleidung für Kleinkinder ausgestellt. Bleiben die Detonationen aus, klimpert im Hintergrund die Deutsche Nationalhymne. Eine sehr eindrückliche Darstellung der Geschichte. Weshalb ist dieses Museum nicht Pflichtprogramm im Geschichtsunterricht? Nach diesem Besuch muss nichts mehr gesagt werden.

    Typisch für die neutrale Position der Niederlande: es gibt hier keinerlei Schuldzuweisung, keine Vorwürfe. Die Geschehnisse werden richtig beim Namen genannt. Nichts wird beschönigt, nichts verschwiegen. Das Oorlog Museum - ein Ort, den man besichtigt haben sollte.
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