La Gleize
September 26 in Belgium ⋅ ☀️ 21 °C
Ein Highlight hat Moritz noch auf seiner Liste für den heutigen Tag.
Wir fahren ganz in Gedanken durch die wunderschöne Landschaft der Ardennen. Grüne Hügel unter blauem Himmel. Sonnenlicht und Wärme. So ganz anders als Weihnachten 1944. Entlang unseres Weges kommen wir durch kleine Dörfer mit schönen Natursteinhäusern, leider schon verblühten Hortensien, einer meiner Lieblingsblumen, Kühen, herrlichen Chateaus. Belgien hat den Charme Frankreichs. Nichts ist perfekt, ein bisschen alt mit Patina und dafür umso schöner. Keine perfekt gestylten Klinkerhäuser und Fahrradwege, wie mit dem Lineal gezogen, wie im Nachbarland Holland. Doch die Idylle kann nicht verstecken, was hier los war. Es gibt viele Gedenktafeln, Gräber und Bunker. In einem der ursprünglich von Belgiern erbauten Bunker hat sich Obersturmbannführer Peiper während des Beschusses versteckt und überlebte.
Die schöne, sich windende Landstraße war damals der völlig vermatschte Weg, durch den sich Panzer gekämpft und sich gegenseitig unter Beschuss genommen haben. Morast, Schnee, Kälte und viele Tote. Totale Zerstörung.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf erreichen wir das wunderschöne Dorf La Gleize, mit einer kleinen, schmucken, alten Kirche auf dem höchsten Punkt des Örtchens. Und direkt darunter - mitten im Idyll ein zerschossener Panzer - Modell Königstiger. Zerschossen, kampfunfähig und einfach stehengelassen. Und so steht er da bis heute. Ein Mahnmal, ein Denkmal an eine schreckliche Zeit in einem Bilderbuchdorf. Riesig ist er. Beinahe so groß wie die Kirche. Er passt nicht ins Bild. Genauso wenig, wie er damals in die Zeit passte. Dieser Krieg.
Die Schlacht um La Gleize im Dezember 1944 war einer der entscheidenden Wendepunkte während der Ardennenoffensive (auch bekannt als Battle of the Bulge). In dem kleinen belgischen Dorf in den Nordardennen wurde die berüchtigte Kampfgruppe Peiper der 1. SS-Panzer-Division komplett eingekesselt und zerschlagen. Während die Amerikaner die Ardennenschlacht strategisch in Bastogne hielten, verloren die deutschen Streitkräfte ihren wichtigsten Angriffskeil in La Gleize. Unter dem Kommando von SS-Obersturmbannführer Joachim Peiper bildete die hochgerüstete Kampfgruppe die Speerspitze des deutschen Angriffs, die bis zur Maas durchbrechen sollte. Sie umfasste rund 4.800 Mann und hunderte Fahrzeuge, darunter überschwere Königstiger-Panzer. Schlechtes Wetter begünstigte anfangs den deutschen Vormarsch, doch das unwegsame, bergige Gelände der Ardennen und gesprengte Brücken bremsten die Kolonne aus. Alliierten Truppen gelang es schließlich, Peiper in und um La Gleize abzuriegeln. Die Kampfgruppe litt unter akutem logistischem Kollaps und extremem Treibstoffmangel. In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1944 sahen die verbliebenen deutschen Truppen keinen Ausweg mehr. Rund 800 Überlebende schlugen sich zu Fuß und unter Zurücklassung ihres gesamten schweren Geräts durch die Wälder zu den eigenen Linien durch. Die Spuren der heftigen Kämpfe sind in der Region bis heute sichtbar und machen das Dorf zu einem bedeutenden Ort des Gedenktourismus. Das wohl bekannteste Relikt der Schlacht ist der gigantische, 69 Tonnen schwere Königstiger (Tiger 213).
Unmittelbar hinter dem Panzer befindet sich das December 44 Historical Museum. Es ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das Peipers Truppen damals als Verbandsplatz nutzten. Das Museum zeigt eine der umfangreichsten Sammlungen von originalen Uniformen, Fahrzeugen, Waffen und Ausrüstungsgegenständen beider Seiten in ganz Europa. Der Besitzer des Museums hat über all die Jahre in Scheunen der Umgebung gesucht und gesammelt. Herausgekommen ist ein liebevoll gestaltetes Museum mit unglaublichen historischen Schätzen, sowohl von deutscher als auch von amerikanischer Seite. Hier sieht man die Begeisterung für die Geschichte in der Ausgestaltung der Vitrinen und Räume. Ich habe noch nie eine solche Menge an Orden gesehen, in bestem Zustand. Bestens erhaltene Helme der SS und Uniformen, als wären sie eben genäht worden. Ich habe generell noch nie SS Helme gesehen. Diese besondere SS Einheit trug an den Ärmeln der Uniform den Schriftzug Adolf Hitler. Da die Armee bei ihrem Abzug alles hat stehen und liegen lassen, finden sich komplette medizinische Versorgungssets, Soldbücher, Dolche, Waffen, Helme, Feldpost, Fotos und die gesamte Ausrüstung, die die Soldaten bei sich trugen. Und das alles nicht nur einmal, sondern in einer unglaublichen Anzahl. Waffen und Maschinengewehre, Fahrräder und andere Transportmittel.
Ein sehr eindrücklicher Propagandafilm, der nach der Niederlage natürlich keine Propagandazwecke mehr erfüllte, dafür heute Teile der Kämpfe zeigt, zeigt die schreckliche Geschichte. Die Panzer im Morast, die unglaubliche Zerstörung.....
Ein "ganz großes" Museum in einem winzigen Ardennendorf, dessen Ausstellungsstücke eigentlich in die Hauptstadt gehören, aber zum Glück an ihrem historischen Ort bleiben dürfen. Denn nur dort gehören sie hin.
Natürlich hat das Auto nach diesen vielen Kilometern Durst und muss dringend aufgefüllt werden. Zu meiner großen Freude kostet in Belgien und Luxemburg der Liter Benzin „nur“ 2,10€. Das ist ja schon fast ein Schnäppchen. Und so wird der Tank in Wasserbillig aufgefüllt, bis absolut an den Rand. Mit vielen Gedanken im Kopf fahren wir durch die Nacht zurück nach Hause. Eine eindrucksvolle Geschichtsexkursion in eine dunkle Zeit beschäftigt den Kopf und liegt schwer im Magen.
Nachdem wir nun begonnen haben, die NS Geschichte unserer Nachbarländer gegen den Uhrzeigersinn rund um Deutschland zu ergründen, werden wir uns wohl als nächstes der NS Zeit in Frankreich zuwenden.Read more
















TravelerSehr interessant 👍. Wieder was gelernt
SYLWIA B.Ziemlich schwieriges Thema. Du hast ja das ganze Geschichtsbuch hier reingeschrieben. Ich finde es gut, wenn Moritz sich so intensiv mit dieser Zeit , mit Geschichte überhaupt beschäftigt. Insgesamt sehr informativ. Nicht nur für Euch
TravelerIch habe auch mal wieder sehr viel gelernt. Ich habe damals in der Schule nur die Hauptabläufe gelernt, keine Details und erst recht nicht, was in unseren Nachbarländern passiert ist. Das hole ich hiermit nach. Moritz lernt das viel detaillierter. Gut so,
SYLWIA B.Ja. 👍🏻