Bastogne
September 26 in Belgium ⋅ ☀️ 21 °C
Wir verlassen Luxemburg und fahren weiter nach Belgien. Wir erreichen Bastogne mit seinen bunten Häusern, schmalen Straßen und vielen Blumenkübeln. Es erscheint als hübscher Ort, der zum Bummeln einlädt. Doch noch ist er nicht unser Ziel. Wir verlassen die Straßen mit den bunten Blumenkübeln und fahren an den Rand des Städtchens. Hier gibt es keine großen Sehenswürdigkeiten, sondern viel schwere Geschichte.
Denn: Überregionale Bekanntheit erlangte die Stadt durch die Belagerung von Bastogne in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Am 16. Dezember 1944 starteten Einheiten der deutschen Wehrmacht unter Feldmarschall Gerd von Rundstedt im Norden Luxemburgs und im angrenzenden östlichen Belgien einen letzten Großangriff, die Ardennenoffensive. Im Verlauf der Offensive wurden die amerikanischen Truppen zeitweilig zurückgeworfen und konnten sich nur im eingeschlossenen Bastogne halten. Da der Ort, an dem sieben Straßen zusammentreffen, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in den belgischen Ardennen ist, griffen deutsche Truppen ab dem 20. Dezember Bastogne an und kesselten die dortigen amerikanischen Einheiten ein. Die Fallschirmjäger verteidigten die Stadt jedoch erfolgreich gegen die deutsche Übermacht, bis ihnen weitere Entsatztruppen zu Hilfe kamen. Bereits am Morgen des 22. Dezember begannen die Amerikaner mit der Gegenoffensive. Die eingekesselten US-Truppen hielten die Stellung trotz heftiger Angriffe, Kälte, Schnee und starkem Mangel an Nachschub und Munition. Die Belagerung von Bastogne dauerte vom 20. bis zum 27. Dezember 1944. In diesen sieben Tagen starben fast 6500 Menschen, deutsche und amerikanische Soldaten und Zivilisten.
Unser Ziel sind die Bastogne Barracs. Sie haben eben erst geöffnet und sind noch ruhig und leer. In diesen Hallen haben sich einst die amerikanischen Soldaten einquartiert. Heute stehen hier Panzer und andere Rüstungsfahrzeuge und warten auf ihre Besucher. Die Geschichte wird hier gelebt und die alten Fahrzeuge liebevoll restauriert. Das Ziel ist ihre Funktionstüchtigkeit. Ich bin jetzt bekanntermaßen nicht der Panzerfan, aber ich lasse mich mal wieder von Moritz Begeisterung für die verschiedenen Modelle anstecken. Mich faszinieren die Graffities auf den Stahlkolossen. Die zeigen viel deutlicher, was damals in den Menschen vorging, die sich in diesen monströsen Fahrzeugen riesiger Gefahr aussetzen mussten. Moritz freut sich hingegen, dass er einige Modelle sehen kann, die er eben noch nie gesehen hat. Und deswegen sind wir ja schließlich auch hier.
Am anderen Ende des Ortes befindet sich das Bastogne War Museum. Bei 7,50€ für das Parkticket muss ich schon mal kurz durchatmen. An der Kasse für das Ticket stockt mir bei 58€ kurz der Atem. Wir erhalten einen Audioguide und machen uns auf den Weg durch eine dunkle, grauenvolle, gewaltvolle Zeit. Ähnlich wie in Overloon - unserem Kurztrip in die holländische NS Geschichte - wird auch hier der Verlauf der Kriegsjahre sehr gut aufgearbeitet. Die gesamte NS Entwicklung innerhalb Belgiens kommt für mich leider etwas zu kurz. Allerdings wurde Holland nach der Übernahme ganz anders in das Deutsche Reich integriert als Belgien.
Belgiens Entwicklung während der NS-Zeit (1930er bis 1945) war geprägt von Neutralitätspolitik, einem raschen militärischen Überfall, harter Besatzung, tiefgreifender Kollaboration und starkem Widerstand.
1936 gab Belgien das Bündnis mit Frankreich auf und erklärte seine strikte Unabhängigkeit, die Deutschland 1937 formell garantierte. Am 10. Mai 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht das neutrale Belgien unter Bruch der Neutralität. Nach der Schlacht um Belgien kapitulierte die belgische Armee im Mai 1940. Die Regierung ging ins Exil nach London, während das Land unter eine militärische Besatzungsverwaltung kam. Teile der flämischen (VNV) und wallonischen (Rexisten-Bewegung) Bevölkerung kooperierten mit den Besatzern. Tausende Belgier schlossen sich Verbänden wie der Waffen-SS (flämische und wallonische Legionen) an. Es bildeten sich aber auch rasch Untergrundnetzwerke. Bereits Anfang 1941 kam es zu großen Arbeiterstreiks gegen die Besatzung und Armutslöhne – einer der ersten im besetzten Europa. Die jüdische Bevölkerung wurde systematisch registriert, entrechtet und ab 1942 über das Sammellager Mechelen in die Vernichtungslager deportiert. Im September 1944 wurde der größte Teil Belgiens von den Alliierten befreit. Nach der Befreiung ging der belgische Staat äußerst rigoros gegen angenommene oder tatsächliche Kollaborateure vor. Hunderttausende Verfahren wurden eingeleitet.
Besonders eindrücklich ist für mich die Darstellung der Kesselschacht von Bastogne. Wir "erleben" diese aus einem Café heraus. Blicken durch die Fenster auf die Straße, sehen vorbeirollende Panzer, marschierende Soldaten und Bombeneinschläge. Da die Intensität der Schlacht zunimmt fliehen "wir" in den Keller des Gebäudes. 20 Menschen verstecken sich dort, haben aber immerhin einen kleinen Ofen und somit Wärme, eine Kochmöglichkeit und ein wenig Licht. Von außerhalb werden sie mit Feuerholz versorgt. Gegessen werden die Vorräte des Cafés. Ein Junge berichtet, dass seine Matratze, die Kartoffelsäcke, mit jedem Tag dünner wird. Die Lage spitzt sich zu. Dieser Film, in dem wir Teil zu sein scheinen, ist sehr eindrücklich. Als ein gefangener, verletzter deutscher General mit seinem amerikanischen Bewacher in das Kellergebäude kommt, um Schutz zu suchen, siegt tatsächlich die Menschlichkeit. Er wird versorgt und erhält ebenfalls etwas zu essen.
Später laufen wir durch ein zerbombtes Haus, blicken durch zerborstene Scheiben, auf deren Fenstersims Porzellanscherben liegen, auf eine Straße voller Trümmer. Alle Häuser sind schwer beschädigt. Fahruntüchtige Militärfahrzeuge versperren den Weg.... An der Ecke befindet sich eine kleine Kapelle, vor deren Marienfigur eine Kerze brennt. Auch sie ist durch den Beschuss beschädigt. Ein Bild des Grauens.
Auf dem Gelände befindet sich ein große Halle zum Gedenken aller Gefallenen. Von oben sieht diese wie ein amerikanischer Stern aus. Betreten kann man sie im Moment nicht, da die Wandverkleidung instabil und teilweise schon heruntergefallen ist.
Bastogne ist ein Ort mit bunten, kleinen Häusern, vielen Blumen. Kleine Straßen führen vorbei an Cafés, Geschäften und historischen Gebäuden. Wenn man durch das Städtchen läuft, erkennt man sofort, dass vieles noch an die leidvolle Geschichte des zweiten Weltkriegs erinnert. Bildtafeln stehen an Plätzen und wenn man die Gebäude von damals mit den heutigen vergleicht - sie sind noch da. Wieder aufgebaut - gegen das Vergessen. Eine kleine Kapelle sticht und ganz besonders ins Auge. Die Einschusslöcher sind noch zu sehen. Auch wenn ich sie noch so lange ansehe, sie verschwinden nicht. Sind auf jedem Foto klar zu erkennen, sehen mich wie traurige Augen aus der Vergangenheit an - vorwurfsvoll und anklagend. Ich bin völlig überrascht. Wir kennen sie bereits, die Kapelle, obwohl wir hier noch nie waren. Sie ist im Museum nachgebildet. Ich glaube, dieser Moment ist für mich der intensivste des gesamten Tages. Diese kleine Kapelle anzusehen und die ganze Wucht und Grausamkeit des Krieges zu erahnen. Das kann kein Foto zeigen. Dieser Moment speichert sich tief in meinem Inneren ab.
Diese lebhafte, schön bepflanzte Straße mit ihren vielen Restaurants ist damals wir heute die Hauptstraße des Geschehens. Heute eine Bummelstraße und damals Hauptkampfplatz. Ganz genau hier, wo ich stehe, rollten die amerikanischen Panzer entlang, Bomben zerbarsten, Menschen versteckten sich in den Kellern genau dieser Häuser oder starrten voller Angst durch zerborstene Glasfenster auf die Straße, die vorbeirollenden Panzer und marschierenden Soldaten. Trotz all der Angst, gab es die Hoffnung, dass die Alliierten die Deutschen zurückdrängen und den Krieg beenden. Die Hoffnung stirbt zum Glück zuletzt und dieser große Wunsch ging in Erfüllung.
Manchmal frage ich mich, ob ich in Belgien oder in den US bin. Entlang der gesamten Rathausfront blicke ich in Portraitaufnahmen amerikanischer Generäle. Ich höre mehr US Englisch als Französisch und die Portion des Burgers im Restaurant hat eindeutig amerikanische Dimensionen. Wer um Gottes Willen soll das essen? Der Ort steht ganz im Zeichen des Dankes und des Gedenkens an die Befreiung durch die US Armee Weihnachten 1944.Read more






























TravelerDeine Betroffenheit kann ich gut nach nachvollziehen. Solche Reisen sind wichtig, aber auch eine große Herausforderung, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Für deinen Sohn sicher eine eindrucksvolle „Geschichtsstunde“
TravelerEr ist ja der Geschichtsverrückte. Er weiß alles darüber. Und jetzt waren wir vor Ort und haben uns noch alles angesehen.
TravelerEs ist so wichtig, dass sich auch die junge Generation mit der Geschichte befasst. Würden das nur alle tun!
TravelerDas stimmt. Aber er ist da extrem. Er weiß in allen geschichtlichen Bereichen fast alles.
Traveler👍🏻