• Alter ≈ fehlende km

    May 7 in Spain ⋅ ☀️ 18 °C

    Wir waren gestern Nachmittag, nachdem wir unsere Rucksäcke im Hostel abgegeben hatten, noch nach Arcade heruntergelaufen und hatten dort eine Bäckerei ausfindig gemacht, die gute Backwaren, guten cafe au lecche und klasse Öffnungszeiten aufwies, sodass wir uns dort für die heutige Etappe stärken konnten. Obwohl wir uns eigentlich Zeit lassen wollten, sind wir doch wieder um kurz nach 6 in der Frühe aufgestanden, hatten unsere Plürren zusammengepackt und wollten losziehen. Es fehlte aber etwas, was nicht angewachsen war, aber wieder sehr wichtig werden sollte: Krücky! Ich hatte ihn gestern, als wir unsere Rucksäcke aus der Rezeption geholt hatten, vergessen. Phami kam sofort auf den Gedanken, daß der Stock nur dort stehen konnte. Nachdem wir ihn zu meinem Glück dort wiedergefunden hatten, konnten wir endlich losgehen, sodass wir wenige Minuten nach 08.00 Uhr, der Öffnungszeit der Bäckerei dort eintrafen und noch Sitzplätze ergattern konnte. Die Anzahl der Pilger nimmt in dem Maße zu, wie die verschiedenen Jakobswege zusammen treffen. Mit uns am Frühstückstisch saß eine Pilgerin aus Bielefeld,die sich ein köstliches Baguette, belegt mit Käse und Ibericoschinken bestellt hatte. Sie fiselte den tollen Schinken vom Käse mit der Begründung, der sei ihr zu fett. Ich fühlte mich schlagartig etwa 3 Jahrzehnte zurückversetzt in das "Alte Gasthaus Lewe" in Münster, in dem sich ein junger Mensch ein Toast Hawaii, "aber bitte ohne Schinken und Ananas", mithin ein Käsebrot bestellt hatte. Warum einfach, wenn es auch schwierig geht. Die Pilgerin hatte in Redondela übernachtet und war, wie sie ebenso ehrlich wie zerknirscht zugab, die Strecke von dort nicht gelaufen,sondern mit dem Bus gefahren -wegen Knieproblemen. Nach dem Frühstück haben wir uns einen "Buen Camino" gewünscht, einen Wunsch, den man mit jedem Meter, den man läuft, immer häufiger hört: ein wechselseitiges Mutmachen. Uns erwartete heute wieder eine Strecke voller schöner Eindrücke, wunderbaren Aussichten einige steile Anstiege, traumhafte Feld- und Waldwege und viele Wanderer oder -um im richtigen Terminus zu bleiben: Pilger (damit sind männliche, weibliche und diverse andere Geschlechter gemeint, gendern werde ich nicht). Nachdem wir von Arcade noch ca 30 Höhenmeter auf ca 1000 m herunter gelaufen waren, erreichten wir Ponte Sampaio, ein malerischer Ort, in dem eine mittelalterliche Brücke den Fluss Verdugo überquert. Die Brücke hatte 1809 in der Schlacht gegen Frankreich historische Bedeutung erlangt. Auf der anderen Seite des Flusses führt der Weg zunächst durch reizvolle Gassen, bevor es nach etwa 1,3 km für 2 km steil bergauf über Stock und Stein geht. Auf diesem Stück des Weges habe ich den Sinn des Krückstockes wirklich schätzen gelernt. Die Hilfe von Krücky verwandelte bei mir den Stolz, dass ich einer solchen Hilfe doch nicht bedürfe in die Erkenntnis der Demut, sich ruhig einer Hilfe zu bedienen, wenn man darauf angewiesen ist. Nachdem wir so den "Alto da Canicouva" in etwa 130 m Höhe erreicht hatten, ging es gemächlich fast nur noch abwärts. Das bedeutete aber, dass es dadurch leichter wurde. Auf dem Weg bergauf gab es eine sehr willkommene Pause, als ein junger Mann schöne Wachsstempel für den Pilgerpass anbot. Das Warten, bis man seinen Pass zur Bearbeitung vorlegen konnte, hat sich in jedem Fall gelohnt. Hinter Vilaboa haben wir uns entschieden, nicht weiter an der Straße, sondern an dem Fluss Tomeza entlang zu laufen. Es war des Wetters wegen die absolut richtige Entscheidung gewesen. Wir hatten heute den ganzen Tag Sonnenschein und auch gestern hatte es nur mäßig geregnet, sodass wir davon ausgehen konnten, daß der Weg insgesamt begehbar war. Wir sind über wunderschöne Fluss- und Waldwege gelaufen, wurden vom Geschwitzer der Vögel und dem Quaken von Fröschen und Kröten begleitet, kamen immer wieder über kleinere Brücken und Stege, hatten mitten im Wald eine "Erscheinung", weil eine Asiatin glaubte, von Kopf bis Fuß in weiss gekleidet diesen wundersamen Weg bereichernd müssen und kamen auf diese Weise zum Ziel unseres heutigen Planes, der Stadt Pontevedra, der ich einen eigenen Footprint widmen werde.Read more