• Gesellig in Kaçarlı

    18. april 2024, Tyrkiet ⋅ ☀️ 24 °C

    Als wir am Morgen aufwachen, dominiert weiterhin das Geräusch des Sturms, Regen und Gewitter sind aber ausgeblieben. Zu behaupten, dass wir in einer Sandkiste sitzen, wäre zwar etwas übertrieben, aber dieses feine rote Zeug überall im Zelt ist alles andere als angenehm. Wir fällen den Entschluss, unsere sieben Sachen zu packen und aufzubrechen, unser Frühstück wollen wir an einem windgeschützten Ort nachholen. Eigentlich gelingt uns der Abbau des Zeltes trotz des starken Windes recht gut, hätte Heiko da nicht eine Kleinigkeit im Zelt vergessen. Auf diese Kleinigkeit in Form von Bananen wird er aufmerksam, als er sich auf das zusammengerollte Innenzelt kniet, um die letzte Luft entweichen zu lassen. So gut es geht beseitigen wir Obstmatsch aus dem Seitenfach des Innenzeltes, um anschließend unseren ungeschützt dem Wind ausgesetzten Platz zu verlassen. Nur einen Kilometer weiter entdecken wir am Eingang eines kleinen Dorfes eine windgeschützte Ecke zwischen verlassenen und recht verfallenen Häusern, die wir für unser Frühstück nutzen. Es dauert nicht lange, da gesellt sich ein interessierter Dorfbewohner zu uns. Ein Gespräch wird allerdings nicht nur durch unzureichende Sprachkenntnisse erschwert, der Mann ist obendrein noch tracheotomiert und kann demzufolge nicht sprechen. Nach einer kurzen Konversation mittels Handy, Zettel und Stift verabschiedet er sich wieder. Wir stellen uns indes frisch gestärkt unserem heutigen Endgegner, dem Wind. Tja, und wenn man schon in der Ebene trotz Anstrengung nur 8km/h erreicht, macht das Erklimmen eines teilweise biestig steilen Berges nicht wirklich Spaß. Das vermutet wohl auch der Autofahrer, der extra anhält, um uns eine Flasche Wasser zu schenken. Irgendwann erreichen wir aber tatsächlich den höchsten Punkt und genehmigen uns an einem halbwegs windgeschützten Platz (man wird zwangsläufig bescheiden in dieser offenen und baumarmen bzw. -losen Gegend...) die Standardbelohnung: Chips! Die meisten Höhenmeter des Tages sind aber geschafft, durch hügeliges Terrain kämpfen wir uns weiter durch den Wind, über dessen Stärke auch der freundlich blaue Himmel nicht hinwegtäuschen kann. Jede noch so kleine Richtungsänderung, die den direkt frontalen Windangriff kurz außer Kraft setzt, ist eine Wohltat. Erst am Nachmittag, nachdem wir bei Heißgetränk und Kuchen eine Pause eingelegt haben, flaut es etwas ab. So radeln sich die letzten Tageskilometer etwas entspannter, bevor wir mal wieder die Augen nach einer Schlafgelegenheit offen halten. Es ist halb sechs, als wir im kleinen Dorf Kaçarlı fündig werden. Als Heiko zwei Männer fragt, ob es okay wäre, auf dem gegenüberliegenden großen Spielplatzgelände zu zelten, bieten diese einen anderen, laut ihrer Aussage sichereren, Platz in Sichtweite an. Wir nehmen das Angebot dankend an und richten unseren Lagerplatz auf der zugewiesenen Wiese vor einer kleinen Mauer ein. Etwas irritierend erscheint uns die Tatsache, dass es auf dieser Wiese auch ein bewohntes Haus sowie zwei Hunde gibt und wir uns folglich auf einem Privatgrundstück befinden, aber das nehmen wir einfach mal so hin. Nach dem Abendessen bekommen wir Besuch von einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, İsmail stellt sich uns als der İmam des Dorfes vor. Kurz darauf kommt ein älterer Herr dazu, der das Haus bewohnt, auf dessen Grundstück wir lagern. Nach kurzem Wortwechsel verabreden wir, später gemeinsam Tee zu trinken. İsmail muss vorher noch die Aufforderung zum Gebet vom Minarett der Moschee rufen und auch seine Frau samt Kindern sowie der ältere Herr ziehen erstmal wieder von dannen. Wir wissen nicht genau, wann und wo später etwas stattfinden soll, warten also einfach mal ab und vertreiben uns vor dem Zelt die Zeit. Bald kommt der ältere Herr mit einem Tablett, auf welchem reichlich Teegläser und Kekse stehen. Kurz darauf erscheint eine ältere Frau und bringt einen Schal, der wohl als Teewärmer dienen soll. Der ältere Herr verschwindet wieder, um einige Minuten später eine große typisch türkische "Doppelkanne" Tee zu unserem Platz zu balancieren. Eine weitere Frau kommt dazu und stellt ein silbernes Tablett mit reichlich türkischen Süßigkeiten auf unseren kleinen Campingtisch. Und schließlich sind auch İsmail uns seine Familie wieder da und steuern Datteln uns Sonnenblumenkerne bei. Ein Junge im Teenageralter schleppt einige dicke Sofakissen ran und so sitzen wir im schwachen Schein der Straßenlaterne zu zehnt vor unserem Zelt auf dem Boden im Kreis, trinken Tee, knabbern viel zu viel Süßes und unterhalten uns in dem Maße, wie es die Sprachkenntnisse zulassen. Gegen 22 Uhr findet der gesellige Abend sein Ende und wir läuten die Nachtruhe ein.Læs mere