Finale georgische Etappe
October 14 in Georgia
⛅ 26 °C
Das ist er also, der letzte Tag im Radsattel. Wir haben eine sehr gute Nacht am Ende eines Feldes verbracht und am heutigen Morgen scheint die Sonne auf unser Zelt. Wir immer lassen wir uns viel Zeit und gerade heute spekulieren wir darauf, dass die Sonne es noch schafft, dem Zelt die nächtliche Feuchtigkeit zu entziehen. Es wäre doch zu schön, unsere kleine Behausung trocken einpacken zu können. Der Plan geht auf und obwohl wir an diesem herrlichen Sommertag sehr gut noch am diesem Plätzchen hätten verweilen können, sind wir am späten Vormittag startklar. Nach knapp 1000 geradelten Kilometern, 10400 erstrampelten Höhenmetern und vielen wunderbaren Eindrücken und Erlebnissen liegt nun also die finale Etappe in die georgische Hauptstadt Tblisi vor uns. Etwa 60 Kilometer sind es bis zum Ziel, als erstes dürfen wir den letzten Gipfel der diesjährigen Tour erklimmen. Die Straße führt durch eine hügelige, trockene Steppenlandschaft und theoretisch könnte es eine angenehme Fahrt sein. Leider können wir aber nicht von einem entspannten Ausrollen reden und wir haben auch kaum einen Blick für die Landschaft übrig, vielmehr fordert die Straße unsere volle Konzentration. Der Verkehr macht uns mürbe: Es ist laut, es ist hektisch, und es riecht nach Abgasen. Marshrutkas (Minibusse) und Lkw ziehen an uns vorbei und Autos setzen zu haarsträubenden Überholmanövern an. Unser Motto auf der engen Straße ohne Seitenstreifen lautet: Ruhig bleiben, Augen auf, Spur halten. Am höchsten Punkt der Etappe machen wir im seltenen Schatten eines Baumes ein kurze Pause. Eine Tasse Tee, etwas Schokolade, dann geht es auf die letzten Kilometer. Nach gut der Hälfte der Strecke taucht die industrielle Kulisse von Rustavi, einem Vorort von Tblisi, am Horizont auf. Statt den großen Highway zu nutzen, schlagen wir uns über die Zubringer- und Nebenstraßen durch. Lange rollen wir über eine wie mit dem Lineal gezogene Straße durch die Peripherie der Hauptstadt. In Tblisi angekommen können wir uns auf einer Busspur in Richtung der Altstadt durchschlagen und schließlich lotst uns das Navigationsgerät in die Aleksandre Tsurtsumia Street. Und dann stehen wir vor dem Hotel "Ramada by Wyndham Tbilisi Old City", wo wir bis Samstag residieren werden. Seitens der Rezeption wird der "Boy" gerufen, der kurz darauf unser Equipment im goldenen Gepäckwagen ins Zimmer transportiert, was für ein Luxus. In den kommenden Tagen steht für uns die Vorbereitung der Räder für den Heimflug sowie Sightseeing an. Heute wird aber nur noch geduscht, um Staub und Schweiß der letzten Tage abzuwaschen, um dann zum Abschluss des Tages einigermaßen vorzeig- und riechbar ein Restaurant in der Umgebung aufzusuchen.Read more
Kurs Hauptstadt
October 13 in Georgia
☁️ 23 °C
Nach einigen Fotos lassen wir die Grenze schließlich rechts liegen und fahren noch einige Kilometer weiter. Wir nehmen Kurs auf den Ort unseres Heimfluges, die Hauptstadt Tblisi. Die Kulisse lässt uns zunächst aber nicht los. Hinter dem Grenzbereich zieht sich eine Schlange aus Stahl entlang. Es sind nicht nur ein paar Dutzend Lastwagen, die hier stehen, es ist eine schier endlose Blechlawine. Kilometerlang reihen sich die schweren LKW Stoßstange an Stoßstange aneinander und warten scheinbar auf ihre Abfertigung. Überall am Straßenrand und auf riesigen, staubigen Logistikplätzen stehen Hunderte von Trucks. Sie wirken wie gestrandete Riesen in der weiten Landschaft. Die Fahrer aus aller Herren Länder sitzen teilweise in Gruppen im Schatten der Auflieger und picknicken. Erst als wir noch ein gutes Stück weiter sind, verstummen die Motorengeräusche langsam. Wir schlagen uns auf das hinterste Ende eines
abgeernteten Feldes, wo wir die Nacht verbringen wollen. Angesichts einer fiesen Mückeninvasion bleibt der Kocher kalt, es gibt weder Tee noch eine warme Mahlzeit. Stattdessen bauen wir zügig das Zelt auf und verkriechen uns, um vor den lästigen kleinen Plagegeistern geschützt zu sein. Es setzt leichter Regen ein, während wir frisches Brot mit Honig sowie den einen oder anderen Schokoriegel genießen und uns im Kniffelspiel duellieren. Und dann liegt sie vor uns, die letzte Nacht im Zelt, morgen führt der Weg uns mitten in die Hauptstadt.Read more
Manchmal geht es einfach nicht anders
October 13 in Georgia
☁️ 23 °C
Unser Tag startet unter grauem Himmel kurz hinter dem verschlafenen Nest Jorjiashvili, versteckt in den Ausläufern des Trialeti-Gebirges. Wie immer haben wir es am Morgen nicht eilig, sondern frühstücken in Ruhe, lesen, fotografieren, lassen die Drohne steigen. Gegen zehn sitzen wir dann tatsächlich auf dem Rad und erfreuen uns auf den ersten Kilometern noch an der herrlich einsamen Landschaft, friedlich grasenden Kühen und kleinen alten Steinhäusern. Nach einem kurzen Anstieg dürfen wir die Räder mal wieder rollen lassen. Mit der kühlen, frischen Bergluft im Rücken lassen wir uns hinab in die fruchtbare Marneuli-Ebene treiben, vorbei an weiten, landwirtschaftlich genutzten Feldern. Als wir die Hauptstraße in Richtung Shulaveri erreichen, ist es schlagartig vorbei mit der ländlichen Ruhe. Uns erwartet extrem dichter Verkehr. Autos Transporter und LKW rauschen an uns vorbei, weshalb wir erst einmal einen kurzen Stopp einlegen, um unsere Warnwesten anzuziehen. Knalliges Neon-Gelb gegen den grauen Asphalt, sicher ist sicher. Wie sehr vermissen wir doch die schönen und vor allem breiten Seitenstreifen, die uns auf den Straßen in der Türkei so ein gutes Gefühl von Sicherheit vermittelt haben. Hier müssen wir uns die Fahrspur mit dem motorisierten Verkehr teilen und stets hoffen, dass uns nicht doch mal der Seitenspiegel eines Fahrzeugs erwischt. Besonders bei viel Gegenverkehr und bei Überholmanövern macht das so gar keinen Spaß. Eine kurze Verschnaufpause gönnen wir uns abseits der Straße für einen Tee. Als wildromantisch kann man die Rast allerdings nicht bezeichnen. Wir sitzen mehr oder weniger an einer Müllhalde, das Rauschen des Verkehrs dringt weiterhin in unsere Ohren. Über uns kreisen ein Kampfhubschrauber russischer Bauart sowie zwei ältere Militärdoppeldecker, warum auch immer?! Die Gegend, durch die wir weiterhin fahren, hinterlässt insgesamt einen eher seltsamen Eindruck bei uns. Die Straße ist teilweise gesäumt mit Autowerkstätten, die scheinbar aus jedem Schrott wieder etwas Fahrbares zusammenflicken. Dazwischen blinkt immer wieder die Leuchtschrift von Imbissbuden oder riesigen Supermärkten. Als wir an einem der Läden anhalten, treffen wir zwei Radreisende, die gerade aus Tiflis kommen. Das Paar stammt aus Frankreich bzw. der Schweiz und ist schon eine ganze Weile unterwegs. Während wir am Sonntag den Flieger nach Hamburg besteigen, werden die beiden den kompletten Heimweg auf dem Rad zurücklegen. Hinter Shulaveri verlassen wir glücklicherweise die Hauptverkehrsachse, die zur armenischen Grenze führt, und biegen ab in Richtung Tekali. Wir bewegen uns mitten im Dreiländereck nahe der armenischen und aserbaidschanischen Grenze, welches mehrheitlich von ethnischen Aserbaidschanern bewohnt wird. Uns fällt auf, dass die Menschen uns auf diesem Abschnitt besonders freundlich begegnen. Es wird gehupt, gewunken, Kinder strecken ihre Arme aus und wollen uns abklatschen. Vor allem genießen wir aber sehr, dass wir es auf dieser Strecke mit deutlich weniger Verkehr zu tun haben. Zum einen müssen wir die Lautstärke nicht mehr ertragen und zum anderen ist es hier nicht mehr erforderlich, in jeder Sekunde hochkonzentriert zu fahren. Je näher wir dem eigentlichen Grenzgebiet kommen, desto mehr verändert sich die Kulisse erneut. Die Ruhe der Steppe weicht dem Puls des internationalen Fernverkehrs. Und schließlich stehen wir am Grenzübergang nach Aserbaidschan. Dies ist eine sehr besondere Wegmarke, die wir bewusst angesteuert haben. Fast genau hier, nämlich exakt auf der anderen Seite der Grenze soll unsere Reise im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Am liebsten wären wir, wie auch im bisherigen Reiesverlauf, selbst über die Grenze geradelt. Leider ist sie jedoch für die Einreise nach Aserbaidschan auf dem Landweg für ausländische Staatsbürger geschlossen, nur auf dem Luftweg ist eine Anreise möglich. Da es auch keine sinnvolle Alternative gibt, um durchgehend weiter gen Osten zu radeln, haben wir bereits im Vorfeld diesen Kompromiss geplant: Wir fahren so dicht wie möglich an die diesseitige Grenze, um im nächsten Jahr nach Aserbaidschan zu fliegen und die Fahrt jenseits dieser Grenze fortzuführen. Manchmal geht es einfach nicht anders...!Read more
Herbstliche Talfahrt
October 12 in Georgia
☀️ 20 °C
Die Nacht war nicht ganz so kalt wie die vorige, die Luft hier oben auf rund 1.600 Metern ist heute Morgen aber nach wie vor äußerst frisch. Der Himmel zeigt sich grau, die Luft ist schwer und feucht, dichte Nebelschwaden hüllen die Landschaft in eine geheimnisvolle, fast melancholische Atmosphäre. Während des Frühstücks nutzen wir noch den wärmenden Effekt unserer Schlafsäcke und hoffen, dass diesen Part möglichst bald die Sonne übernimmt. Bei Abfahrt versteckt sie sich allerdings noch hinter den tief hängenden Wolken. Warm angezogen kehren wir der Tsalka-Hochebene nun endgültig den Rücken. Vor uns liegen 26 Kilometer Asphalt-Surfen bergab durch das herbstliche Trialeti-Gebirge. Die Fahrt ist herrlich, das Gefälle so gut zu fahren, dass wir auch immer noch ein Auge auf die Schönheiten am Wegesrand haben können. Die Route führt uns teilweise über Serpentinen in Richtung des Ortes Manglisi. Auf der Terrasse eines Ladens am Wegesrand genehmigen wir uns Kaffee und Schokomuffins, wir müssen ja schließlich Kraft für die weitere Abfahrt tanken. Und dann passiert das, was einen solchen Tag perfekt macht: Mit jedem Höhenmeter, den wir bergab rollen, reißt die Wolkendecke weiter auf. Das Grau weicht einem strahlenden Blau, die Sonne kommt heraus und die Landschaft erstrahlt in einem ganz anderen, freundlichen Licht. Die bewaldeten Täler leuchten im Sonnenlicht in den prachtvollsten Herbstfarben. Wir gleiten regelrecht durch ein Meer aus leuchtendem Grün und Gelb, sattem Orange und tiefem Dunkelrot. Und die Oktobersonne entfaltet sogar so viel Kraft, dass wir die eine oder andere Kleidungsschicht ablegen können. Es ist purer Genuss! Unterwegs halten wir immer wieder an: Fotografieren, Filmen, Honig am Straßenrand kaufen, Fotografieren, Wasser und Tonis Puri (traditionellen, im runden Tonofen gebackenes georgisches Brot) kaufen, Landschaft bestaunen, Fotografieren...!
Nach zwischenzeitlichem Anstieg geht es weiter bergab, vorbei an dichten, gefärbten Wäldern, bis wir schließlich etwa 1000 Höhenmeter seit dem heutigen Morgen verloren haben. Als die Schatten am Nachmittag länger werden, spähen wir mal wieder nach einem netten Plätzchen für unser Zelt. Kurz hinter dem kleinen Ort Jorjiashvili werden wir fündig, abseits der Straße hinter einer Baumreihe schlagen wir unser Lager auf. Wir genießen es sehr, dass wir noch in der Sonne sitzen können und nicht frieren. Nach einem Instant-Nudelessen freuen wir uns auf die heute unterwegs erworbenen Leckereien: Tonis Puri mit regionalem Honig. Lecker!
Inzwischen steht das Zelt, die Sonne hat sich verabschiedet und wir machen gleich die Augen zu.Read more
Nervenkitzel
October 11 in Georgia
☀️ 15 °C
Wir können festhalten: Oktober in dieser Ecke Georgiens ist nichts für Warmduscher. Als wir morgens die Reißverschlüsse unseres Zeltes öffnen, glitzert der Frost auf den Packtaschen. Das Thermometer zeigt 4 Grad im Innern des Zeltes, die Nacht muss deutlich kälter gewesen sein. Beim zweiten Blick aus dem Zelt sitzt plötzlich ein großer, schwarzer Hund vor der Tür und wedelt freundlich mit dem Schwanz. Warm eingepackt widmen wir uns unserem Frühstück, der Hund behält uns in der Hoffnung, dass was für ihn abfällt, gut im Blick. Im Hundeblick, um es genau zu sagen, der nette Kerl guckt wirklich herzerweichend. Und so geben wir ihm am Ende doch noch ein gutes Stück von unserem Brot ab. Es dauert ewig, bis wir loskommen, dieser tolle Ort lädt einfach zum Verweilen ein. Irgendwann rollen wir dann aber doch mit bepackten Rädern hinunter zur Straße, unser schwarzer Fellfreund schaut uns noch eine ganze Weile hinterher. Wir fahren zuerst gemütlich am Ufer des Tsalka-Stausees entlang. Als wir den Ort Tsalka erreichen, werden wir von dem Geruch einer kleinen Bäckerei angelockt. Hier wird traditionelles georgisches Brot, das sogenannte "Tonis Puri" in einem Tone (Tongefäß zum Brotbacken) gebacken. Das Fladenbrot wird vom Bäcker mit gekonntem Schwung gegen die erhitzte Innenwand des Ofens geschleudert. Nach wenigen Minuten ist der Teig durchgebacken. Anschließend wird das Brot mit einem Haken von der Innenwand genommen. Durch das Schleudern entsteht die spezifische Form des georgischen Brotes. Wir kaufen erst ein Brot und nach erster Testung des noch warmen Gebäcks direkt noch ein zweites. Der Bäcker lässt uns auch noch einen Blick in die kleine Backstube und den Ofen werfen, in dem gerade diverse Brote an der Innenwand kleben und dort fachmännisch mit einem Stab wieder abgelöst werden. Am Ortsausgang verlassen wir unsere geplante Route und machen einen kleinen Umweg: Es geht zum Dashbashi-Canyon. Nachdem wir einen fiesen Anstieg und den Vergügungspark mit Wasserrutschen und Go-Kart-Strecke passiert haben, erreichen wir das Besucherzentrum des Canyons. Das absolute Highlight an diesem Ort ist die "Diamond Bridge". Der Boden dieser 240 Meter lange Hängebrücke besteht in Teilen aus Glas und schwebt mitten über der Schlucht. In der Mitte der Brücke hängt ein riesiges, diamantförmiges Café. Heiko gönnt sich den Nervenkitzel und wird auf der Brücke mit einem 360-Grad-Blick auf die stürzenden Wasserfälle und das satte Grün der Schlucht belohnt. Claudia liest derweil ihren Krimi, der ist nervenaufreibend genug...! Zurück auf den Rädern rollen wir die erarbeiteten Höhenmeter wieder runter, um selbige auf der Hauptstraße auf der anderen Schluchtseite wieder hinaufzufahren. Oben angekommen bauen wir unser kleines Wohnzimmermobiliar auf einer Wiese auf und Heiko kocht eine köstliche warme Mahlzeit. Mit Blick auf die Ausläufer des Tsalka-Stausees und mal wieder in Gesellschaft eines freundlichen Hundes genießen wir das Essen in Kombination mit dem leckeren Tonis Puri. Ein paar Kilometer wollen wir noch radeln, bevor wir den Feierabend einläuten. Die Landschaft öffnet sich und wir durchqueren die Ausläufer der Trialeti-Bergkette. Die Route führt uns durch die wellige Hochebene. Mal rollen wir kilometerweit flach dahin, mal fordert uns ein knackiger Anstieg. Am frühen Abend erklären wir die Etappe schließlich für beendet und schlagen unser Lager auf einem Feld auf. Möglicherweise steht uns hier und heute die letzte kalte Nacht bevor. Morgen wartet eine lange Abhahrt und ein enormer Höhenverlust auf uns.Read more
Bilderbuchpanorama
October 10 in Georgia
☀️ 15 °C
Der Morgen beginnt so laut wie der gestrige Abend aufgehört hat. Ohne jegliche Rücksicht beginnen die Wanderer am frühen Morgen, ihre Abreise vorzubereiten. Polternd und sich über die Zimmergrenzen hinaus unterhaltend zieht sich das Procedere über etwa zwei Stunden. Wir üben uns in Gelassenheit. Zum Frühstück sitzen wir allein im Speisesaal, es wird reichlich aufgetischt. Von Brot bis Omelett, von hausgemachten Dingen wie Käse, Butter und Quark bis zu selbst hergestellten Kompotten, dazu eine Kanne Tee, es bleiben keine Wünsche offen. Wir hinterlassen noch einen Gruß auf der Flurwand, dann geht es ans Beladen der Räder. Zumindest bis jetzt hält die Wettervorhersage das, was sie versprochen hat: Blauer Himmel, Sonne, juhuuu! Der kleine Market im Ort hat leider geschlossen, hier wollten wir eigentlich unsere Wasser- und die überaus wichtigen Schokoladenvorräte auffüllen. Da bleibt uns wohl nur die Hoffnung auf eine weitere Möglichkeit in der kommenden, weiterhin eher sehr einsamen Gegend. Glücklicherweise müssen wir nicht lange bangen, schon bald sind wir mit viel Wasser und noch viel mehr Schokolade ausgestattet. Motiviert starten wir in den Radeltag, die äußeren Bedingungen sind perfekt. Nur wenige Kilometer hinter Gandzani öffnet sich das Plateau in seiner vollen Pracht: Der Paravani-See, der größte See des Landes auf 2073 Metern, liegt vor uns inmitten der weiten, kargen Landschaft. Die umliegenden Gipfel tragen bereits ihre ersten weißen Schneemützen. Einen kleinen Abstecher mschen wir, um das Poka St. Nino Frauenkloster zu besichtigen. Direkt am Südufer des Sees erreichen wir diesen geschichtsträchtigen Ort. Hier gründete die Heilige Nino im 4. Jahrhundert ein kleines Kloster, als sie das Christentum nach Georgien brachte. Die kleine Steinkirche aus dem 11. Jahrhundert strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Heute leben hier Nonnen, die für ihre besondere, handgemachten Produkte berühmt sind. Die besonders angepriesene, von den Nonnen selbstgemachte Schokolade hätten wir nur zu gerne gekauft. Leider waren wir zu doof, den entsprechenden Laden zu finden. Immerhin haben wir aber einen schönen Eindruck von diesem Ort gewinnen und eine entspannte Pause mit unserer Schokolade aus den Packtaschen machen können. Mit den obligatorischen Fotos haben wir lieber gewartet, bis die zwei Busse mit den Horden von Jugendlichen abgefahren sind.
Wir lassen auf unserer Weiterfahrt den wunderschönen Paravani-See vor fantastischer Bergkulisse hinter uns, das Bilderbuchpanorama bleibt uns dennoch erhalten. Die Straße schneidet wie ein graues Band durch das weite, einsame Hochplateau. Es geht wellig dahin, kurze und knackige Rampen wechseln sich mit sanften Abfahrten ab. Die Landschaft wirkt fast surreal, wie eine Mischung aus Mongolei, schottischen Highlands und irgendwie auch Island. Bäume wachsen hier nicht, es domoniert das unendliche Spiel von Wolken und Licht auf den braun-gelben Hängen, die von unzähligen Schafen und Rindern abgegrast werden. Bald erreichen wir den heutigen Gipfel auf einer Höhe von 2160 Metern, so hoch wird es für uns in diesem Urlaub nicht mehr gehen. Kurz nach vier ist es inzwischen und wir wollen demnächst die Augen nach einem Übernachtungsplatz offen halten. Leider verschmähen wir die erste Möglichkeit und auf der folgenden Abfahrt gestaltet sich die Suche eher schwierig. Wir haben bereits 500 Höhenmeter verloren, da
breitet sich schließlich das riesige, tiefblaue Tsalka-Reservoir vor uns aus. Der künstlich angelegte Stausee liegt auf gut 1.500 Metern und ist jetzt im Oktober von einem dichten Kranz aus herbstlich verfärbten Kiefernwäldern umgeben. Es heißt, dass man mit etwas Glück die Dächer der alten Dörfer sehen kann, die in den 1940er-Jahren geflutet wurden, wenn der Wasserstand im Herbst niedrig ist. Wir sehen tatsächlich etwas aus dem Wasser ragen, aber ob es sich um einer der alten Hausdächer handelt..., keine Ahnung. Auf einem Plateau etwas oberhalb der Straße scheint ein guter Platz zum Zelten zu sein. Wir schieben/fahren die Rasenrampe rauf, stellen die Räder ab, trinken einen heißen Tee vom Gaskocher, essen Chips und schauen zu, wie die Sonne hinter den Vulkanbergen versinkt. Ein freundlicher Hirte kommt vorbei und bestätigt, dass es überhaupt kein Problem ist, hier die Nacht zu verbringen. Ohne Sonne wird es sehr schnell bitterkalt. Also: Zelt aufstellen, Zähne putzen, warm anziehen, Schlafsack bis obenhin zuziehen, schlafen.Read more
Flucht vor Umwetter
October 9 in Georgia
☁️ 10 °C
Eine kalte, frostige Nacht liegt hinter uns und es kostet reichlich Überwindung, aus dem Schlafsack zu kriechen. Eingepackt in Fleece-Pullover und mit dem Schlafsack als wärmendem Unhang frühstücken wir und erfreuen und mal wieder an vorbeiziehenden Viehherden. Als die Sonne zu unseren Gunsten etwas am Temperaturregler gedreht hat, machen wir uns startklar für die heutigen Etappe. Um das letzte bisschen Kälte aus den Gliedern zu bekommen, dürfen wir mit einer kurzen Bergauffahrt beginnen. Die Belohnung folgt sogleich, als sich hinter dem Hügel der Saghamo-See, auch bekannt als "Abendsee", ins Blickfeld schiebt. Die vulkanischen Hänge des Javakheti-Gebirges werfen ihre herbstlichen Schatten auf das klare Wasser. Bei herrlichem Sonnenschein rollen wir durch diese grandiose Landschaft, passieren winzige Bergdörfer und erfreuen uns an den riesigen Schafherden, die wie Wollmeere daherkommen. Inzwischen wissen wir, dass das Wetter in Georgien alles andere als beständig und verlässlich ist, was sich heute wieder bestätigt. Gerade war der Himmel noch blau und wir haben uns von den Sonnenstrahlen wärmen lassen, da kündigt sich ein ungemütlicher Wetterumbruch an. Binnen weniger Minuten ziehen schwarze Wolken auf und werfen die ersten Regentropfen ab. Wir treten kräftig in die Pedale, um das nächste Dorf zu erreichen und Unterschlupf zu suchen. Direkt am Ortseingang wartet mal wieder ein Bushaltestellenhäuschen auf uns, perfekt. Und wir hätten den Zeitpunkt mal wieder kaum besser abpassen können. Kaum haben wir ein Dach über dem Kopf, tobt sich das Wetter so richtig aus: Gewitter und Starkregen, der in kräftigen Hagel übergeht. Sturzbachartig fließen die Wassermassen die Straße hinunter, reichlich Schneematsch rutscht vom Dach unseres Unterstandes, der Wind ist eisig. Ein Blick auf die Wetter-App verrät, dass auch der Rest des Tages sehr wechselhaft und bisweilen ungemütlich werden soll. Außerdem steht im Internet geschrieben, dass in einer Entfernung von gerade mal 150 Metern im Ort Gandza das Hotel "Family Corner" liegt und dieses noch dazu in den Rezensionen sehr gelobt wird. Da der kommende Radelabschnitt extrem schön sein soll, morgen wieder besseres Wetter angekündigt ist und wir gerade reichlich durchgefroren sind, brechen wir unsere heutige Fahrt nach wahnsinnigen 12 Radelkilometern ab und steuern "Family Corner" an. Samvel und seine armenische Familie betreiben dieses gemütliche Kleinod direkt an der Hauptstraße, wir werden mit ausgesprochener Herzlichkeit empfangen. Unsere Räder dürfen in einem trockenen Raum parken und wir beziehen ein geräumiges Zimmer im ersten Obergeschoss. Das Haus hat den Flair einer gemütlichen Alpenvereinshütte, es herrscht eine entspannte und familiäre Atmosphäre, alle Reisenden verewigen sich mit Bildern, Sprüchen und Unterschriften auf den Wänden des Flures. Samvels Ehefrau Hasmik bereitet alle Speisen frisch aus biologischen, regionalen Zutaten der dschawachetischen Hochebene zu. Nachdem wir den Nachmittag in unseren Zimmer verbracht haben, zieht es uns am Abend nach unten in den Speisesaal, um die Köstlichkeiten zu testen. Wir bekommen auf Empfehlung von Hasmik Brot und hausgemachten Käse, Salat, eine Suppe, zweierlei traditionelle Dolma sowie hausgemachten Saft und Tee serviert. Es schmeckt uns ganz wunderbar, die Teller werden restlos leer. Inzwischen ist noch eine Gruppe von etwa acht Wanderern eingetroffen, deren Sprache wir nicht eindeutig zuordnen können. Sie nutzen ihre Sprache aber leider in einer Lautstärke, die im ganzen Haus zu hören ist und das zu unserem Leidwesen bis tief in die Nacht. Heiko drückt die Ohropax noch etwas fester als sonst in die Gehörgänge, Claudia liest bis ein Uhr und wird noch Zeugin des Gittarenspiels, welches um diese Zeit angestimmt wird. Vielleicht soll es ein Schlaflied sein...!?Read more
Georgische Mongolei
October 8 in Georgia
⛅ 14 °C
Als wir am heutigen Morgen aus unseren äußerst bequemen Hotelbetten aufstehen und die Gardine zurückziehen, sind wir zunächst etwas verwirrt: Die Sonne blendet und der Himmel erstrahlt in leuchtendem Blau! Wir können uns kaum erinnern, wann wir das in diesem Urlaub zuletzt erlebt haben. In Georgien war das zumindest nicht der Fall. Heute steht eine entspannte, weil eher kurze und nicht besonders höhenmeterlastige Etappe auf dem Programm. Wir lassen es entsprechend ruhig angehen. Nach dem Frühstück verbringen wir noch eine Weile im Hotelzimmer, das uns so gut gefällt, und beladen erst um halb zwölf die Räder. Einen Einkauf erledigen wir noch, um u.a. auch wirklich genug Schokolade an Bord zu haben, dann rollen wir los. Als wir nach einigen Kilometern die Stadt hinter uns lassen, fällt sofort auf, dass die Landschaft sich im Vergleich zu den letzten Tagen radikal verändert zeigt. Es fühlt sich an, als hätten wir ein Tor in eine andere Welt durchschritten: Keine engen Canyons mehr, sondern eine schier unendliche Weite. Das Dschawacheti-Plateau, welches wir mit dem Aufstieg in den Ort Achalkalaki erreicht haben, empfängt uns mit weiten Graslandschaften und einer rauen, fast mystischen Schönheit. Wir verstehen jetzt, warum diese Hochebene auch als "georgische Mongolei" bezeichnet wird. Auf fast 2000 Metern über dem Meeresspiegel rollen wir durch die Landschaft, während am Horizont die Gipfel erloschener Vulkane aufragen. Die malerische Kulisse wird gebildet von den recht nahegelegenen Trialeti- und Javakheti-Bergketten, zwei bedeutenden vulkanischen Gebirgszügen des Kleinen Kaukasus im Süden von Georgien. Ein besonders prominent emporragender Berg ist der Didi Abuli. Er ist mit einer Höhe von 3301 Metern der höchste Gipfel des Samsari-Gebirges sowie der gesamten südgeorgischen Region Samzche-Dschawachetien. Bei dem sehr markanten, wohl oft und auch jetzt schneebedeckten Massiv handelt es sich um einen erloschenen Stratovulkan, der die Weite des Hochlandes weithin sichtbar dominiert. Und auch wir dürfen den hübschen Schneegipfel aus verschiedenen Perspektiven bewundern. Einzig störend an unserer heutigen Fahrt ist der Verkehr. Es sind für unseren Geschmack deutlich zu viele LKW auf der Straße, die an uns vorbeidonnern und die Geschwindigkeit der Autos auf der langen Geraden halten wir auch für übertrieben. Im Ort Ninozminda, etwa 20 Kilometer vor der armenischen Grenze, verlassen wir die Hauptstraße und schwenken nach links weg. Im Sommer prägen in diesem Ort und der umliegenden Region Weißstörche das Bild. Uns bleibt zur jetzigen Jahrenszeit aber nur der Blick auf die vielen massiven Nester auf den Strommasten, deren Bewohner sind längst gen Afrika ausgeflogen. Wir hoffen indes, dass der Großteil des lästigen LKW-Verkehrs in Richtung Armenien unterwegs ist und es nach dem Abzweig für uns nun ruhiger auf der Straße wird. Einige Radelkilometer weiter machen wir auf einer Wiese eine ausgedehnte Pause. In der Sonne! Ohne zu frieren! HERRLICH!!! Nach der Rast schwingen wir uns noch für sagenhafte sechs Kilometer in den Fahrradsattel. Eine kleiner Felswall in der riesigen Graslandschaft scheint uns gut geeignet, um dahinter unser Nachtlager aufzuschlagen. Zum jetzigen Zeitpunkt kommen aber erstmal nur Tisch und Stühle zum Stehen und wir widmen uns bei herrlichem Blick auf den Didi Abuli unserem warmen Abendessen. Parallel bekommen wir mehrfach tierischen Besuch. Nacheinander ziehen zwei riesige Kuhherden, eine Ziegen- und eine Schafherde, mit teils berittenen Hirten und Eselbegleitung vorbei. Einige Tiere zeigen sich dezent irritiert bei unserem Anblick und halten einen Moment vor uns inne, ziehen dann aber gemächlich weiter. Ein toller Anblick sind diese Herden, immer wieder! Das Kinoprogramm des heutigen Abends ist ein wunderbarer Sonnenuntergang, den wir gerne bei Tee und Schokoriegel bestaunen. Es dauert nicht mehr lange, bis es dunkel und auch empfindlich kalt wird, so dass wir den geordneten Rückzug in Zelt und Schlafsack antreten.Read more
Weit über das Ziel hinaus...
October 7 in Georgia
⛅ 12 °C
Grau in grau zeigt sich der Himmel, als wir um sieben Uhr die Reißverschlüsse des Zeltes öffnen. Was soll's, es ist immerhin trocken, nachdem es fast die ganze Nacht geregnet hat. Erstmal wird in Ruhe gefrühstückt, dann der trockene Zeltinhalt und das klatschnasse Zelt eingepackt und an den Rädern verstaut. Trotz Kälte radeln wir barfuß in Sandalen, zu groß erscheint uns das Risiko, dass Socken und feste Schuhe nass werden. Wir müssen nicht lange radeln, bis wir einen wegweisenden Punkt der heutigen Etappe erreichen. Hoch oben auf einem steilen Felsvorsprung, genau am Zusammenfluss von Mtkwari (Kura) und Parawani, thront die mächtige Festung Chertwisi. Und genau hier müssen wir eine Entscheidung treffen: Biegen wir rechts ab, um nach 17 Kilometern eine der Hauptsehenswürdigkeiten Georgiens, die berühmten Höhlenstadt Wardsia, zu besichtigen? Das würde bedeuten, dass wir denselben Weg zurück an den Punkt, an dem wir jetzt stehen, auch wieder zurückradeln müssten. Oder verzichten wir auf Wardsia und folgen der Hauptstraße? Das würde uns wiederum durch die eingesparten Kilometer einen Pausentag in der kommenden Zeit ermöglichen, nachdem wir angesichts der Regenausbremsung in Batumi etwas in Verzug geraten sind. Wir wägen alle Pros und Kontras ab und kommen zu dem Schluss, dass wir vielleicht später bereuen würden, an dieser Stelle die "Faultier-Variante" gewählt zu haben. Spontan wollen wir entscheiden, ob wir vor Ort unser Zelt aufschlagen oder gegebenenfalls nach dem Wardsia-Besuch direkt wieder ein Stück zurückfahren. Also lassen wir die Hauptstraße, die weiter Richtung armenische Grenze führt, links liegen. Wir biegen rechts ab und folgen nun dem dem Lauf des Flusses Mtkwari (Kura). Ab hier wird das Tal spürbar enger, wilder und einsamer und die Straße ebenfalls kleiner und deutlich weniger befahren. Die Felswände ragen senkrecht in die Höhe, die Straße schlängelt sich direkt am reißenden Fluss entlang. Es ist ein unglaubliches Gefühl, sich auf dem Fahrrad zwischen diesen riesigen Steinmonumenten so klein zu fühlen. Langsam, aber stetig geht es bei moderater Steigung bergauf. Zwischendurch sind auf der anderen Flussseite hoch oben in den Felsen bereits erste in Stein gehauene Höhlen zu sehen, ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Die eine oder andere knackige Steigung im zweistelligen Prozentbereich sollen wir uns am Ende dann doch noch hochkämpfen, werden aber umgehend mit einer großartigen Aussicht in die spektakuläre Schlucht belohnt. Und dann, hinter einer letzten Kurve, öffnet sich das Tal ein Stück und vor uns ragt der Berg Eruscheti auf. Wie ein gigantischer Bienenstock ist die Felswand von unzähligen Höhlen, Terrassen und Gängen durchlöchert. Das ist Wardsia. Wir rollen auf ein Plateau, welches sich exakt gegenüber des Felsens befindet. Hier platzieren wir unsere Picknickstühle und genehmigen uns eine ausgiebige Pause mit Blick auf das Postkartenmotiv. Ab und zu halten Autos oder Kleinbusse, spucken Menschen aus, damit sie ein Folo machen können, und brausen weiter. Wir beobachten das Treiben in den Felshöhlen, die Besucher, die ameisenartig über die Steintreppen und durch die Gänge wuseln. Für uns ist schnell klar, dass wir uns dort nicht einreihen werden. Uns reicht der tolle Blick von "unserem" Plateau und statt Eintritt zu zahlen und den anstrengenden Fußmarsch auf uns zu nehmen, schickt Heiko die Drohne in die Luft um uns ein paar Eindrücke aus unmittelbarer Nähe einzufangen. Außerdem treffen wir die Entscheidung, nicht in dieser Gegend zu zelten, sondern angesichts der noch recht frühen Tageszeit zumindest noch ein Stück des Weges zurückzuradeln. Die Strecke kennen wir zwar schon, doch in Gegenrichtung wirkt die Schlucht fast noch imposanter. Es geht tendenziell leicht bergab, so dass wir meist ohne großen Kraftaufwand am Fluss entlangrollen können. Die Überlegung, irgendwo hier im Mtkwari-Tal übernachten, verwerfen wir. Es ist noch früh am Nachmittag, das Wetter spielt mit, also radeln wir noch etwas weiter. Wir genießen noch einmal den Blick auf die gewaltigen Felswände, bevor wir wieder die Kreuzung an der Festung Chertwisi erreichen. Hier überqueren wir die bereits bekannte Brücke und stehen wieder am markanten Knotenpunkt des Tals. Hier endet der gemütliche Teil. Wir verabschieden uns vom Mtkwari-Tal, biegen rechts ab zurück auf die Hauptstraße (E691/S11) und schalten direkt mal ein paar Gänge runter, denn es wird auf den nächsten Kilometern ununterbrochen bergauf gehen. Während wir nun am Fluss Parawani entlangradeln, setzt leider mal wieder Regen ein. Eine Möglichkeit zum Unterstellen bietet sich nicht, der nächste geeignete Platz soll uns als Nachtlager dienen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Kilometer um Kilometer halten wir Ausschau nach einer kleinen ebenen Fläche für unser Zelt, aber: Keine Chance! Links ragen die Felsen steil nach oben, rechts fließt der Fluss. Wir könnten also das Zelt mit mindestens 60 Prozent Neigung oder im Wasser aufstellen, beides keine gute Idee. Immerhin hört es im Verlauf auf zu regnen und wir sehen sogar heute erstmals blauen Himmel. Empfindlich kühl ist es trotzdem und unsere Beine werden zunehmend müder. Irgendwann wird uns bewusst, dass unser Zelt heute wohl eingepackt bleiben muss. Wir recherchieren Übernachtungsoptionen im nächsten Ort und geben diesen als neues Ziel aus. Lust und Kraft sind zwar nicht mehr viel vorhanden, aber die letzten Kilometer schaffen wir nun auch noch. Der einzige Vorteil ist, dass nun locker wieder ein Pausentag möglich ist, da wir weit über das Ziel hinausgefahren sind. Mal sehen, wo und wie wir den verbringen werden. Ein letzter, kurzer Serpentinenanstieg ist noch zu bewältigen und dann ist es bereits früher Abend, als wir auf einer Höhe von 1700m Achalkalaki erreichen. Etwa 1100m Höhenmeter mussten wir uns dafür heute hinauf arbeiten. Die Stadt empfängt uns mit einem ganz eigenen, rauen Charme. Sie ist stark geprägt von der armenischen Kultur der Region. Wir lesen, dass 90 Prozent der 8000 Einwohner Armenier sind. Das zuerst angesteuerte Hotel sieht so runtergerockt und verwegen aus, dass wir hier nicht bleiben möchten. Auch der zweite Versuch scheitert, alle Zimmer sind ausgebucht. Aber aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei, im 4****-Hotel "Vegas" mit angeschlossenem Casino heißt man uns willkommen. Wir beziehen ein geräumiges, herrliches Zimmer und genießen erstmal eine heiße Dusche. Was für eine Wohltat in unserem durchgefrorenen, abgekämpften Zustand! Anschließend schaffen wir es zum zum 150m entfernten Fastfood-Imbiss "Mr. Burger", wo wir uns jeweils einen großen Shawarma sowie reichlich Pommes einverleiben. Mehr als satt geht's auf direktem Wege unter die Decke, Schluss für heute!Read more
Auf der Straße nach Armenien
October 6 in Georgia
⛅ 17 °C
Beim ersten Blick auf dem Fenster sehen wir nicht nur die Festung, sondern auch blauen Himmel, super! Gut ausgeschlafen sitzen wir um neun Uhr am Frühstückstisch des Hotels, eine gute Stunde später checken wir aus und machen die Räder startklar. Vor dem eigentlichen Etappenstart füllen wir noch unsere Vorräte an Wasser, Nahrungsmitteln und Bargeld auf, denn am Ende des heutigen Tages wollen wir endlich mal wieder in unserem Zelt übernachten. Die ersten Kilometer rollen wir dann auf der Hauptstraße aus der Stadt heraus und teilen uns die Straße noch mit ein paar LKW und den typischen georgischen Minibussen (Marschrutkas), doch je weiter wir uns von der Stadt entfernen, desto ruhiger wird es. Die Straße verläuft kurvig fast eben direkt am Ufer des Flusses. Herbstlich frisch ist es wieder, aber es ist trocken und der Himmel zeigt sich recht freundlich. Links und rechts erheben sich die kargen, aber faszinierenden Hänge des kleinen Kaukasus. Nach einer Weile verengt sich das Tal und die Landschaft wird wilder. Dunkle Felsmassive ragen steil über dem Flussbett auf. Als sich einige Kilometer weiter die Landschaft wieder etwas öffnet, setzt leichter Regen ein. Wir nutzen die Chance des überdachten Strohlagerplatzes am Straßenrand nahe des Dorfes Rustawi, um eine Pause einzulegen und trocken zu bleiben. Einige Schokoriegel und Heißgetränktassen später sieht das Wetter wieder etwas besser aus und es wird auch Zeit, sich warm zu strampeln. Die Straße führt nun tendenziell leicht bergauf und verlangt uns etwas mehr Kraft ab, bleibt aber durchgehend asphaltiert und jederzeit gut fahrbar. Es handelt bei der Straße, auf der wir unterwegs sind, um die E691 und es wird an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass sie geradewegs auf die armenische Grenze zusteuert. Parallel zur Straße verläuft durchgehend das hellblaue Band des Flusses Mtkvari (Kura), mal ganz ruhig und friedlich und dann wieder mit kräftiger Strömung um die felsigen Steine im Flussbett herumwirbelnd. Nachdem wir eine Weile bei Sonnenschein durch die nach wie vor herrliche, aber wiederum ganz andere Landschaft aus sanften, teilweise landwirtschaftlich genutzten Hügeln und Weinbergen geradelt sind, verdunkelt sich abermals der Himmel. Als die ersten Regentropfen fallen, suchen wir Schutz unter einer überdachten Sitzgelegenheit auf dem Gelände einer Kirche. Man muss sagen, dass wir diesbezüglich bislang viel Glück haben auf unserer Reise. Speziell in der letzten Woche ist soooo viel Regen gefallen und wir haben es irgendwie immer geschafft, selbst kaum bis gar nicht nass zu werden. Diese Serie reißt auch am heutigen Tag nicht ab. Wir sind nach der Regenzwangspause noch gar nicht lange wieder auf der Straße, als die Wolken erneut nichts Gutes erahnen lassen. Wir beschließen, die Etappe zeitnah, etwas früher als eigentlich geplant zu beenden, und den nächstbesten Platz anzusteuern, der sich für eine Zeltnacht eignet. Gerade als Heiko ein ebenes Stück Wiese etwas abseits der Straße entdeckt, ist das erste Donnergrollen zu hören. Zügig bauen wir das Zelt auf und just in dem Moment, als alles einschließlich uns trocken verstaut ist, fallen die ersten Regentropfen. Das soll uns nun aber nicht mehr stören, wir machen es uns in unserer kleinen, aber feinen Behausung gemütlich. Gekocht wird im Regen nicht, satt werden wir trotzdem dank Chips, Obst, Keksen, Schokoriegel. Bei der abendlichen Kniffelrunde darf ausnahmsweise mal Claudia gewinnen, danach gibt es noch eine trockene Gelegenheit zur Optimierung der Zeltabspannung. So können wir also entspannt die Nachtruhe antreten, das Rauchen des Flusses wird uns in den Schlaf begleiten.Read more
Bilderbuchabfahrt
October 5 in Georgia
☀️ 14 °C
Ein klarer Morgen mit strahlend blauem Himmel sowie ein deftiges Frühstück mit Würstchen und Spiegelei bilden den Start des heutigen Tages. Wie gut, dass wir nach dieser opulenten Mahlzeit nicht bergauf fahren müssen. In herrlichem Licht und bei morgendlich frischen Temperaturen, in der Nacht hat es gefroren, stürzen wir uns in die Abfahrt. Und es ist ein fantastischer Etappenstart: Bei moderatem Gefälle cruisen wir durch die Bergkulisse, urige Holzhäuser stehen versprengt auf den Wiesen und an den Hängen, ein kleiner Bergfluss windet sich plätschernd durch die Landschaft, die Herbstfarben der Laubbäume strahlen in der Sonne, am Horizont thronen über allem die verschneiten Bergkuppen. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, erstmals fahren wir in langen Hosen und tragen feste Schuhe und Heiko auch eine Mütze. Die Abfahrt ist ein absoluter Rausch für die Sinne. Die Straße schlängelt sich in weiten Kurven in das Tal hinab. Links und rechts von uns erheben sich dichte, tiefgrüne Nadelwälder. Der Geruch von feuchter Erde und frischen Kiefern liegt zwischendurch intensiv in der Luft. Mehrfach entsendet Heiko die Drohne in die Luft, um Erinnerungen an diese traumhafte Fahrt festzuhalten. Je weiter wir das Tal hinabrollen, desto mehr verändert sich die Landschaft. Aus den rauen Bergwäldern werden sanftere Hügel, das Tal wird breiter und die alpine Wildnis weicht langsam einer idyllischen Kulturlandschaft. Außerdem wird es mit dem rasanten Höhenverlust auch merklich wärmer. Wir werfen Kleidungsschicht für Kleidungsschicht ab und freuen uns nach dem Regen der letzten Tage und der Eiseskälte am Morgen nun über bestes Radelwetter. Wir folgen dem Rauschen des Flusses und treffen am Straßenrand immer wieder auf friedlich spazieren gehende oder grasende Kühe, die sich von uns überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch die vielen Hunde, denen wir begegnen, sind zu unserer Erleichterung ausnahmslos harmlos. Die Straße ist durchgehend gut asphaltiert und es herrscht kaum Verkehr, so dass wir den Blick voll und ganz auf die epische Kulisse richten können. Und episch ist nicht untertrieben, denn dank klarer Sicht können wir in der Ferne sogar den Hauptkamm des Großen Kaukasus mit den über 5000m hohen vergletscherten Zentralgipfeln Georgiens erkennen. Ja, dieses Georgien kann was, das müssen wir schon sagen! Wir radeln noch einige Kilometer durch die Ebene, was tatsächlich auch mal wieder recht angenehm ist, und erreichen dann am frühen Nachmittag die kleine Stadt Achalziche. Der Ort ist vor allem für seine aus dem 9. Jahrhundert stammende Festung Rabati bekannt, die um 2012 umfangreich restauriert wurde. Wir beschließen, hier ein Quartier zu suchen und dieser Sehenswürdigkeit einen Besuch abzustatten. Ein nettes kleines Hotel mit Blick auf die Festung ist schnell gefunden und wir unterziehen uns lediglich einer Dusche, bevor wir uns auf den Weg machen. Die mächtige, restaurierte Burganlage thront majestätisch über der Stadt und wir müssen von unserem Hotel aus lediglich die Straßenseite wechseln, um das Tor in ein vergangenenes Zeitalter zu durchschreiten. Das Besondere an Rabati ist der Mix der Kulturen: Direkt nebeneinander stehen eine orthodoxe Kirche, eine Moschee mit goldener Kuppel und ein Schloss. Wir spazieren durch die Wehrgänge, Türme und sorgfältig angelegten Gärten. Vom oberstem Turm, an welchem eine große georgische Flagge weht, haben wir einen wunderbaren Blick über die Stadt und die umliegenden Berge, durch die wir uns noch wenige Stunden zuvor den Weg an diesen Ort gebahnt haben. Ja, heute morgen haben wir den Tag noch bei eisigen Temperaturen in der wilden, unberührten Natur der Hochebene begonnen und jetzt, ein paar Stunden später, 1000m tiefer und einige Grad wärmer, schlendern wir entlang der mächtigen Festungsmauern des touristischen Highlights von Achalziche. Verrückt!
Uns fällt auf, dass in den Straßen und selbst in der Festungsanlage sehr viele Hunde unterwegs sind, die aber allesamt sehr entspannt, freundlich und menschenbezogen und gleichzeitig eher unaufdringlich sind. Manchmal begleitet uns ein Hund eine Weile, als würde er zu uns gehören, dann geht er wieder eigene Wege. Die meisten der Tiere haben einen gelben Chip im Ohr. Wir recherchieren, was es damit auf sich hat und werden fündig: Gelbe Marken an den Ohren von Straßenhunden in Georgien bedeuten, dass der Hund registriert, geimpft und kastriert oder sterilisiert wurde. Diese Kennzeichnung ist Teil eines staatlichen bzw. städtischen Tierschutzprogramms zur Kontrolle der Straßenhundepopulation. Nach der medizinischen Versorgung werden die Tiere wieder in ihrem gewohnten Revier freigelassen. Als einzige Gäste in einem kleinen Restaurant, die Nachsaison ist deutlich spürbar, lassen wir uns schließlich noch ein georgisches Abendessen schmecken, bevor wir unser Hotel ansteuern und den Feierabend einläuten.Read more
Goderdzi-Pass
October 4 in Georgia
☁️ 6 °C
Unser Tag beginnt früh im beschaulichen Guest House Oasis in Chulo auf etwa 850 Metern Höhe. Es ist noch dunkel, als wir um halb sieben aufstehen, immerhin scheint es aber nicht zu regnen. Wir packen unsere Sachen und sitzen eine halbe Stunde später in unseren Radsätteln, frühstücken werden wir irgendwann unterwegs. Es ist knackig frisch und die Straße schraubt sich unerbittlich aufwärts. Unser heutiges Ziel ist der Goderdzi-Pass, dafür sollen auf einer Strecke von etwa 24 Kilometern rund 1200 Höhenmeter erklommen werden. Die Wolken hängen wieder tief in den Bergen und wir frieren trotz Zwiebellook. Vor allem die Füße sind kalt, ihnen fehlt aber auch die adäquate Kleidung. Ist es möglicherweise ein wenig dilettantisch, bei sieben Grad am Morgen barfuß in FlipFlops bzw. Sandalen einen Pass bezwingen zu wollen? Optimistisch stimmen uns zumindest ein paar hellblaue Fetzen am Himmel, gleich kommt bestimmt die Sonne raus und zaubert einen Sommertag. Träumen darf man ja, die Realität hat andere Pläne. Als wir uns nach etwa fünf Kilometern in einem Bushaltestellenhäuschen, die hier immerhin sehr groß und sauber sind, zur Frühstückspause einfinden, ist kein Blau mehr am Himmel zu sehen. Stattdessen fängt es zur Abwechslung mal wieder an zu regnen. Die heißen Getränke zum Frühstück sind sehr wohltuend und als es Zeit wird, weiter zu fahren, regnet es dann auch nur noch minimal. Unsere kalten Füße treten uns brav weiter nach oben. Ein kleiner Markt am Straßenrand hat zu unserer Überraschung und Freude am heutigen Sonntag geöffnet, so können wir uns noch mit einer Batterie Schokoriegel eindecken. Es bleibt konstant steil, der kleinste Gang ist heute unser bester Freund. Leider machen sich heute deutlich Unterschiede bezüglich unseres Form-Levels bemerkbar. Während Claudia selbst überrascht ist, wie gut sie sich und ihr Fahrrad den Berg hinaufbefördert bekommt, läuft es bei Heiko eher mittelprächtig. Schon in den letzten Tagen hat er sich leicht angeschlagen gefühlt und muss sich den Höhengewinn mühsam erkämpfen. So oder so lohnt sich aber jede Kurbelumdrehung. Als die Wolkendecke nach einer Weile aufreißt, wirkt die Natur wie frisch reingewaschen. Das feuchte Grün glänzt in der wärmenden Sonne, über den tiefen Tälern stiegen dicke, weiße Nebelschwaden auf, die sich träge an den bewaldeten Hängen emporziehen. Aus den Holzhäusern der Bergbauern steigt der Rauch aus den Schornsteinen senkrecht auf, Wasserfälle stürzen sich aus den Felsen in die Tiefe. Die kontrastreichen Ausblicke, die wir geboten bekommen, sind fantastisch und lassen uns euphorisch weiterfahren. Je höher wir klettern, desto karger wird die Landschaft. Auf 1600m Höhe angekommen, legen wir eine Pause ein. Wir nachen es uns auf den sehr liebgewonnenen Campingstühlen bequem, genehmigen uns Tee und Kekse und bestaunen zum einen die grandiose Sicht ins Tal und zum anderen die bereits leicht mit Schnee bedeckten Bergkuppen, die unser Ziel markieren. Was für ein Genuss! Zwischendurch weicht der feste Untergrund aus Asphalt einer Schotterpiste mit reichlich Schlaglöchern, diese unbefestigten Straßenabschnitte präsentieren sich nach dem Regen der letzten Tage zudem recht matschig. Insgesamt haben wir aber nach unserer Recherche, die wir zu Hause hinsichtlich dieses Passes betrieben haben, mit deutlich schlechteren Straßenverhältnissen gerechnet. Auch hatten wir mehr Verkehr erwartet. Umso mehr freut es uns, dass wir die Piste nicht mit vielen anderen Verkehrsteilnehmern teilen müssen. Manchmal kommen uns gemächlich Kühe entgegen, einmal kreuzt eine alleinreisende Ziegenherde den Weg, der eine oder andere Hund begegnet uns. Die Anzahl der motorisierten Fahrzeuge hält sich in Grenzen und wenn uns diese überholen oder entgegekommen, hupen und winken die Fahrer meist freundlich. Vielleicht steht uns die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, als ein LKW-Fahrer die Fensterscheibe runterfährt und uns zwei Dosen Energy-Drinks schenkt. Die sollen ja angeblich Flügel verleihen, schauen wir mal! Einige Kurven, Serpentinen, Höhenmeter und atemberaubende Ausblicke später erreichen wir in frostiger Luft schließlich das Passschild des Goderdzi-Passes auf 2.025 Metern, toll!!! Nachdem selbstverständlich die obligatorischen Beweisfotos an dieser Stelle gemacht sind, stellt sich die Frage der Übernachtung. Rollen wir noch ein Stück abwärts und hoffen auf einen schönen Platz für unser Zelt oder gönnen wir uns ein Zimmer in dem Hotel hier auf der Passhöhe mit Blick auf die Berge. Wir entscheiden uns für letzteres und beziehen ein Zimmer, das genau genommen aus zwei Räumen besteht. Im eigentlichen Zimmer steht ein Doppelbett, in der sich anschließenden Loggia befinden sich zwei weitere Betten vor einer großen Fensterfront, die den Blick in die Weite freigibt. Vor genau dieser Aussicht auf Tal und Berge kocht Heiko unser Abendessen und wir lassen es uns schmecken. Faszinierend ist, wie wahnsinnig schnell Wetter und Sicht sich hier oben verändern können. Binnen weniger Minuten zieht Nebel auf und wir sehen plötzlich rein gar nichts mehr von der herrlichen Landschaft. Es ist, als hätte jemand eine Milchglasfolie an die Fenster geklebt. Das ist dann auch Anlass genug, diesen Tag zu beenden und uns auf morgen zu freuen. Die Wettervorhersage sieht gut aus und wir dürfen seeeehr viel bergab fahren 😀.Read more
Regen, Regen, Regen
October 3 in Georgia
☁️ 11 °C
Über den heutigen Tag gibt es nicht viel zu sagen. Beim ersten morgendlichen Blick aus dem Fenster fällt mal wieder Wasser vom Himmel. Das Frühstück bereitet unsere Gastgeberin frisch für uns vor und gegessen wird wie schon am gestrigen Abend im privaten Wohnzimmer der Familie. So schmackhaft es auch ist, für uns könnte das Frühstück eine Spur weniger deftig sein. Uns werden schon zu früher Stunde Khachapuri mit reichlich Käse und weitere in Fett ausgebackene krapfenähnliche "Brötchen" serviert, dazu warme Milch und Tee. Mit schweren Bäuchen lassen wir uns im Zimmer auf unsere Betten fallen und checken den Wetterbericht. Das sieht übel aus: Regen, Regen, Regen! Wir beschließen, heute hier zu bleiben und erst morgen aufzubrechen, denn da sieht die Vorhersage wieder etwas besser aus. Und wenn wir uns etwas sputen, sollten wir es dennoch bis zum gebuchten Rückflug nach Tiflis schaffen. Der Rest des Tages spielt sich im Zimmer ab: Lesen, Schlafen, Kniffeln, lesen, dösen, kniffeln...! Wir bereuen unsere Entscheidung nicht, denn am Nachmittag gesellen sich zum Regen noch böse Sturmböen. Wir haben es warm und trocken in unserer kleinen Butze und werden am Nachmittag sogar noch mit einem Tablett von unserer Gastgeberin überrascht, auf welchem sie Kartoffeln, Schafskäse, eine uns nicht bekannte Sauce und Weintrauben für uns drapiert hat. Ansonsten bleibt nur noch zu sagen, dass Heiko in diesem Urlaub unverschämtes Kniffelglück hat, das gab es in der Form wahrscheinlich noch nie. Tja, und irgendwann ist es doch tatsächlich wieder Abend. Morgen wollen wir früh auf den Rädern sitzen, der Berg ruft. Gute Nacht!Read more
Immer weiter in die Bergwelt
October 2 in Georgia
☁️ 12 °C
Als wir am Morgen aufwachen, hören wir den Regen auf das Dach unserer Unterkunft prasseln. Was bleibt uns also anderes übrig, als noch einmal in die Schlafsäcke zu kriechen. Ein Stündchen später raffen wif uns zum Frühstück auf uns siehe da, plötzlich stellt der Regen seinen Dienst ein. Wir hatten uns schon auf eine Partie Kniffel eingestellt, stattdessen packen wir schnell unsere Sachen und beeilen uns, auf die Räder zu kommen. Die heutige Etappe gehört zum Herzstück der trans-adscharischen Route, auf welcher wir aktuell unterwegs sind. Sie verbindet die subtropische Schwarzmeerküste bei Batumi mit den rauen Bergregionen des Kleinen Kaukasus. Inzwischen hat unser Ritt uns vom Trubel in Batumi am Schwarzen Meer direkt in eine Welt katapultiert, in der die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben zu sein scheint, welch ein Kontrast. Je weiter wir vorankommen, desto steiler rücken die bewaldeten Felswände zusammen. Die Steigungen werden knackiger, die Kurven enger, wir teilen uns die Straße mit freilaufenden Kühen und blicken in tiefe, mystisch anmutende, nebelverhangene Täler. Fast durchgehend führt unser Weg heute nach oben, immer mal wieder passieren wir kleine Bergdörfer. Erstmals machen wir heute auch Bekanntschaft mit einem anderen Radreisenden. David aus Spanien kommt uns auf seinem Weg nach Batumi entgegen. Im Gespräch können wir unter anderem etwas zu den Straßenverhältnissen erfahren, die uns auf dem Weg zum Goderdzi-Pass bevorstehen. Nicht immer befestigt und bisweilen "muddy" soll die Beschaffenheit des Untergrundes wohl sein. Nach kurzem Plausch rauscht David weiter bergab, wir arbeiten uns langsam weiter hinauf. Das ist anstrengend, wird aber auch prompt belohnt. Mit jedem Höhenmeter öffnen sich neue Blicke auf die faszinierende Landschaft, die grüne Bergkulisse und die traditionellen Holzhäuser, die sich an die fast senkrechten Hänge klammern. Auf gut 900 Metern Höhe erreichen wir das Bergstädtchen Khulo, wo wir uns mit Bargeld und etwas Proviant eindecken. Hinter dem Ort müssen wir zum Glück nicht mehr allzu weit strampeln, um ins Paradies für erschöpfte Radler zu gelangen. Eingebettet in die grüne Szenerie des kleinen Dorfes Ghurta, direkt an der Bergstraße Richtung Goderdzi-Pass, erwartet das Gasthaus Oasis, wo wir heute Morgen ein Zimmer für die Nacht reserviert haben. Die Gastgeber erwarten uns bereits vor dem Hauseingang und nach herzlicher Begrüßung erhalten wir eine kleine Führung über dieses idyllische Kleinod mitten in der georgischen Bergwelt. Die zwei Kühe und die eigenen Hühner werden uns ebenso gezeigt wie der große Garten. Hier wachsen Weintrauben, Äpfel, Birnen, Mais, Paprika, Tomaten und vieles mehr. Wir werden zudem in einen Raum geführt, in welchem das Ehepaar gerade in großem Ausmaß Marmelade kocht und geerntete Trockenbohnen zur Lagerung vorbereitet. Man präsentiert uns die Vorratskamner, die bereits prall gefüllt für den kommenden Winter ist. Nach diesen ersten Eindrücken beziehen wir unser Zimmer im Obergeschoss des Hauses und machen uns erstmal etwas frisch. Da in unserer Buchung kein Frühstück enthalten war, dieses aber laut Angabe im Internet vor Ort bestellt werden kann, sucht Claudia am frühen Abend die Gastgeberin auf. Die Ankündigung des Frühstückswunsches endet mit einer Einladung zum Abendessen. Claudia wird sofort in den vom Holzofen gewärmten Raum gebeten, in welchem viel Leben herrscht. Drei kleine Kinder spielen und toben hier, Tochter und Schwiegertocher unserer Gastgeberin pendeln zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, schieben immer wieder Brot und andere Dinge in ein Fach des Holzofens. Claudia wird aufgefordert, auch Heiko zu holen und nicht viel später sitzen wir mit der gesamten Familie in der guten Stube, trinken Kaffee und essen Maisbrot, Schafskäse, Joghurt und süße Börek, alles aus komplett eigener Herstellung. Die Verständigung ist nicht einfach, aber tatsächlich erinnern unsere Gastgeber sich an ein paar Brocken deutsch, die sie vor dreißig Jahren in der Schule gelernt haben. Wir machen gemeinsame Fotos, die noch am selben auf der Facebook-Seite des Gasthauses zu sehen sind. Später kommt der Sohn des Paares dazu, der sehr gut englisch spricht. Das macht die Sache deutlich einfacher. Satt und gewärmt vom gemütlichen Holzofen sowie von der Herzlichkeit dieser Familie ziehen wir uns schließlich in unser kleines Zimmer zurück und treten die Nachtruhe an, während vor dem Fenster der Fluss durch die Berge des kleinen Kaukasus rauscht.Read more
Radeln in Adscharien
October 1 in Georgia
🌧 14 °C
Die Zeit des Müßiggangs ist vorbei, um sieben Uhr klingelt der Wecker uns aus den Federn. Der erste Blick aus dem Fenster offebart: Es ist trocken, juhuuu! Wir räumen unseren im Zimmer verteilten Krimskram in die Packtaschen, um im Anschluss nochmal das gute Frühstücksbuffet im Speisesaal zu entern. Mit Pancakes, "armen Rittern", Würstchen, Toast und einigen anderen Leckereien im Magen tragen wir unsere Packtaschen die Treppen hinunter und lassen uns von Hotelinhaber die Garage öffnen, in welcher unsere Fahrräder residieren durften.
Nun ist es an der Zeit, die moderne Küstenmetropole zu verlassen, es soll wieder hinein in die tiefe Bergwelt gehen. Noch in Batumi, auch „Las Vegas des Kaukasus“ genannt, legen wir die ersten Kilometer noch entspannt auf dem flachen, palmengesäumten Küsten-Boulevard zurück. Doch schon bald lassen wir die riesigen glitzernden Wolkenkratzer hinter uns und biegen ab ins Landesinnere. Erst führt die Straße entlang des Çoruh-Flusses, der uns schon in der Türkei begleitet hat, später fließt der Fluss Adjaristsqali uns entgegen.
Etwa 15 Kilometer müssen wir radeln, bis wir endlich den äußeren Stadtrand erreichen und damit auch den ärgsten Verkehr hinter uns lassen. Wir folgen zwar weiterhin der Hauptstraße, die ist aber weitaus weniger befahren als von uns befürchtet. Es ist zu unserer großen Freude weiterhin trocken und inzwischen scheint sogar die Sonne, das haben wir gar nicht zu hoffen gewagt. Bei der Region, in welcher wir aktuell unterwegs sind, handelt es sich um die Autonome Republik Adscharien im Südwesten Georgiens, über die wir folgendes lesen: "Sie liegt eingeklemmt zwischen den warmen Wellen des Schwarzen Meeres, der Grenze zur Türkei und den steilen Wänden des Kleinen Kaukasus. Es ist die feuchteste und grünste Region des Landes und gleicht einem subtropischen Dschungel, der direkt in alpine Berglandschaften übergeht – gespickt mit alten osmanischen Steinbrücken, Holzdörfern und einer unglaublich herzlichen Kultur." Wir entfernen uns weiter von der Stadt, rechts und links ragen die felsigen und grün bewaldeten Berge empor. Des öfteren passieren wir Cafés und Restaurants am Straßenrand sowie Zipline- und diverse Raftingangebote. Außerdem sind viele Wasserfälle ausgeschildert, den einen oder anderen können wir direkt von der Straße aus sehen. Wir haben uns im Vorfeld vorgenommen, nicht zuviel zu trödeln, da ab dem Nachmittag Regen vorhergesagt ist. Also machen wir unsere einzige Pause nach etwa 36km, zu diesem Zeitpunkt ist die Sonne auch bereits wieder hinter einer immer dichter werdenden Wolkendecke verschwunden. Durch welliges Terrain strampeln wir weiter, kaum merklich gewinnen wir dabei an Höhe. Nach guten 60 Kilometern wollten wir eigentlich in einer Anlage namens "Riverland" unterkommen, mehr als das Schild finden wir aber leider vor Ort nicht. Heiko hatte am Vormittag bereits eine Nachricht an die im Internet angegebene Handynummer geschickt, eine Antwort haben wir nicht erhalten. Wir werden auf ein kleines, altes Häuschen aufmerksam, an welchem zwei Schilder baumeln, auf einem steht "FAMILY HOTEL" auf dem anderen "FOR RENT". Neben dem Haus buddelt ein sehr betagter Herr in der Erde. Eine Zeit lang sorgt die Sprachbarriere dafür, dass jeder Verständigungsversuch in verzweifeltem Schlulterzucken endet. Irgendwie kann Heiko aber ausgerechnet auf türkisch unser Anliegen mitteilen. Der alte Herr signalisiert uns, dass wir wohl für wenig Geld in dem Haus übernachten können. Mühselig schleppt er sich die wenigen Stufen zur Eingangstür hoch, um dann festzustellen, dass diese verschlossen ist. Das Ganze ist schon eine sehr skurrile Situation. Der Mann verschwindet mit Heiko im die Ecke, kurz darauf kommen sie mit einem jüngeren Mann nebst Schlüssel zurück. Hinter der Haustür verbirgt sich eine winzige Wohnung, die wahrscheinlich vor 50 Jahren schon genauso aussah. Der alte Herr präsentiert uns stolz den Fernseher, den er neben einem alten Ofen zum Flimmern bringt. Außerdem zeigt er uns, wie der Wasserhahn funktioniert und hat noch andere Anliegen, die wir jedoch nicht verstehen. Ist er einfach nur etwas kauzig oder möglicherweise nicht vollständig orientiert, wir wissen es nicht. Freundlich ist er aber auf jeden Fall. Bald stößt eine jüngere Frau zu uns und bringt einen Stapel Bettwäsche. Als sie das Haus wieder verlässt, bugsiert sie auch direkt den alten und reichlich multimorbiden Herrn mit hinaus. Da sitzen wir nun in unserer sehr spartanischen Unterkunft und freuen uns, dass wir den Tag im Trockenen radeln durften und für die Nacht ein Dach über dem Kopf haben. Wir kehren in einem kleinen Lokal auf der anderen Straßenseite ein und bestellen zwei Khachapuri. Dabei werden wir irritiert angeschaut und sicherheitshalber fragt man uns noch zweimal, ob wir das wirklich wollen. Was machen wir bloß falsch? Wir befragen die KI und bekommen mitgeteilt, dass die komischen Blicke, die wir geerntet haben, wahrscheinlich an zwei typischen Missverständnissen der georgischen Esskultur liegen: der Portionsgröße und der Kultur des Teilens. Als Gründe für die Verwunderung bei unserer Bestellung werden genannt:
1. In Georgien bestellt man im Restaurant normalerweise nicht „jeder sein eigenes Hauptgericht“. Die georgische Küche basiert auf dem Prinzip des Teilens. Zwei ganze Khachapuri für zwei Personen zu bestellen signalisiert dem Kellner: „Wir planen, zwei riesige, mächtige Käsebrote komplett allein zu essen und nichts anderes zu probieren."
2. Ein einziges Khachapuri ist extrem reichhaltig. Ein normales Adjaruli gilt für Georgier oft schon als extrem sättigende Einzelmahlzeit, nach der man sich erst einmal hinlegen muss.
3. Für Einheimische ist Khachapuri oft der „Brot-Ersatz“ auf dem Tisch. Man isst es zusammen mit z.B. Auberginenröllchen mit Walnusspaste oder Eintöpfen. Wer nur zwei Khachapuri ohne Beilagen oder andere georgische Spezialitäten bestellt, irritiert das Servicepersonal, weil die kulinarische Balance auf dem Tisch fehlt.
Okay, wir müssen noch viel lernen und geloben Besserung. Heute trinken wir aber nur noch Tee, befassen uns mit der Routenplanung der nächsten Tage, spielen sechs Spalten Kniffel uns gehen schlafen. Das können wir wenigstens!Read more
Ein weiterer Tag in Batumi
September 30 in Georgia
🌧 21 °C
Der Wecker hat heute Sendepause und so ist es schon fast neun Uhr, als wir aufwachen und uns für das Frühstück rüsten. Wie angekündigt regnet es draußen und wir sind sehr zufrieden mit der Entscheidung, heute noch in Batumi zu bleiben. Das erste georgische Frühstücksbuffet nutzen wir gut aus, es ist für herzhafte sowie süße Gelüste alles dabei. Lesend, schreibend und schlafend verbringen wir die folgende Zeit im Hotelzimmer. Im Verlauf des Tages legt der Regen glücklicherweise doch noch eine Pause ein, die wir für einen kleinen Ausflug nutzen. Schließlich befindet sich nur wenige Schritte von unserem Hotel entfernt, also quasi auf der anderen Straßenseite, die Talstation des "ARGO Cable Car". Es ist nicht viel los, schnell halten wir unsere Tickets in den Händen. Die Fahrt mit der Seilbahn beginnt quasi gegenüber von unserem Hotel und endet nach einer Strecke von 2.568 Metern auf dem Anuria-Berg, 256 Meter über dem Meeresspiegel. Etwa ein Viertelstunde schweben wir in einer Gondel aufwärts und freuen uns über eine ganz neue Perspektive auf die Stadt, den Hafen und das Meer. Mit in unserer Gondel sitzt ein schräges Pärchen, bestehend aus einer recht gut deutsch sprechenden Russin und einem Mann aus Bremen, die in der vergangenen Woche geheiratet haben. Wir halten etwas Smalltalk und auf einmal stellt die Frau mit einem Blick zum Himmel fest: "Wenig Vögel hier. Vielleicht alle gegessen." Interessante These...! An der Endstation angekommen begeben wir uns auf eine Aussichtsplattform, von welcher wir nochmal einen herrlichen Panoramablick haben. Als wir uns nach einer ganzen Weile sattgesehen und -fotografiert haben, besteigen wir die nächste Gondel und gleiten sanft wieder bis fast vor die Hoteltür. Nach dieser Wahnsinnsaktivität ist jetzt selbstverständlich erstmal wieder Pause angesagt. Passend dazu setzt auch wieder Niederschlag ein, der im Verlauf das Ausmaß des angekündigten Starkregens annimmt und mit gehörigem Wind einhergeht. Das wäre auf dem Rad sicher sehr ungemütlich geworden und wir sind einmal mehr froh, dass wir es uns warm und trocken im Hotelzimmer gut gehen lassen. Erst am Abend treibt uns der Hunger wieder vor die Tür. Wir landen im "türkischen Viertel" nahe der Zentralmoschee um die Ecke und kehren in einem georgisch-türkischen Restaurant ein. Heute wagen wir keine Experimente, sondern bestellen bewährte und lieb gewonnene Speisen und Getränke: Beyti, Lahmacun, Ayran, Sütlaç, Baklava und natürlich Çay. Angesichts des erneut einsetzenden Regens begeben wir uns mit unseren vollen Bäuchen schließlich auf direktem Weg zurück ins Hotel, unterwegs hüpfen wir lediglich noch in einen Supermarkt. Einkaufen in Georgien ist auch ein interessantes Erlebnis, wir müssen uns erstmal zurechtfinden mit den unbekannten Produkten, der fremden Schrift und der neuen Währung. Auf jeden Fall gelingt es uns, einige Lari loszuwerden und mit einer vollen Tüte den Laden zu verlassen. Im Hotel angekommen geht's via Badezimmer zügig unter die Bettdecke. Morgen soll wieder geradelt werden, für heute wird das Licht ausgemacht.Read more
Zweigeteiltes Sightseeing
September 29 in Georgia
☁️ 22 °C
Leider bietet unser Hotel kein Frühstück an, folglich müssen wir uns selbst organisieren. Aus "unserem" Block C begeben wir uns in Block A, welcher ein kleines Café beherbergt. Wir bestellen Tee, Kaffee und gefüllte Croissants, der Rest der Karte überfordert uns. Draußen regnet es Bindfäden und so verschieben wir unser für den heutigen Pausentag vorgesehenes Sightseeing auf einen späteren Zeitpunkt und sitzen zunächst den Regen im Hotelzimmer aus. So gänzlich trocken will es einfach nicht werden und so rüsten wir uns mit Regenjacke und Regenschirm, bevor es an die Luft geht. Wir spazieren an der palmengesäumten Strandpromenade entlang in Richtung der etwa 2,5 Kilometer entfernten Altstadt. Das erste Ziel ist ein Laden des Mobilfunkanbieters Magti, wo wir eine Sim-Karte für Georgien kaufen wollen. Das Vorhaben gelingt problemlos und noch dazu sehr kostengünstig, für gerade mal fünfzehn Euro sind wir nun für den Rest des Urlaubes mit grenzenlosem Datenvolumen ausgestattet. Im Dauernieselregen setzen wir unseren Spaziergang fort, das Touri-Programm will abgearbeitet werden. Uns treibt es als erstes zum Europaplatz, der Ende des 19. Jahrhunderts während des Osmanischen Reiches angelegt und später in der Sowjetzeit renoviert wurde. Zu sehen bekommen wir hier schöne neoklassizistische Gebäude, Springbrunnen sowie eine Vielzahl an Cafés und Restaurants. Außerdem steht an diesem Ort die ikonische Medea-Statue, welche die mythische kolchische Prinzessin darstellt. Leider wirkt bei dem heutigen nassgrauen Wetter alles etwas trist und trostlos. Das haben wir schon an der ansonsten bestimmt recht hübschen Strandpromenade so empfunden und in der Stadt sieht es nicht anders aus. Wir malen uns aus, wie die Orte an einem sonnigem Tag mit buntem Treiben auf uns wirken würden. Wir lassen uns weiter durch die Straßen und Gassen treiben, statten unterwegs dem Piazza Square einen Kurzbeduch ab. Der Platz wurde nach dem berühmten Markusplatz in Venedig benannt und ist wohl bekannt für seine italienisch inspirierten Gebäude und sein Design. Nun gut, wir drehen uns einmal um die eigene Achse, nehmen die Kulisse zur Kenntnis und ziehen weiter. Eine ganze Weile werden wir ab jetzt von einem freundlichen Hund begleitet, vielleicht konnte der auch nicht so viel mit der italienisch angehauchten Architektur anfangen, wer weiß. Als nächstes verschlägt es uns an die Küste, wo wir bei weiterhin tristem Einheitsgrau und leichtem Regen weitere Sehenswürdigkeiten begutachten. Das Wetter lädt nicht zum Verweilen ein und so belassen wir es bei einer recht kurzen Stippvisite an Leuchtturm, Riesenrad, Alphabetturm sowie Ali & Nino Statue. Um dem Regen für einen Moment zu entfliehen, steuern wir lieber ein Café an. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Laden namens "The Baklava House", wir können es einfach nicht lassen. Beim Schlürfen des türkischen Tees schmieden wir mal wieder neue Pläne. Da die Wettervorhersage für morgen mehr als bescheiden aussieht und Starkregen sowie kräftigen Wind prognostiziert, beschließen wir, noch einen weiteren Tag in der Stadt zu bleiben. Darüber hinaus entscheiden wir uns für einen Hotelwechsel, näher an der Altstadt und mit Frühstück darf es gerne sein. Schnell werden wir fündig, lassen uns von einem sogenannten BOLT-Taxi zum aktuellen Hotel bringen, packen, beladen die Räder und fahren über den tollen Küstenradweg zum neuen Hotel. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen und der Abend scheint tatsächlich noch ganz schön werden zu wollen. Nachdem wir uns häuslich eingerichtet haben, zieht es uns noch einmal hinaus. Der Gastgeber hat uns ein Restaurant empfohlen und hier werden wir nicht enttäuscht. Im Bermukha gibt es authentische georgische Küche, die Speisekarte ist mit Bildchen bestückt und das Personal sehr hilfsbereit. Unser Essen ist ausgesprochen köstlich, unter anderem probieren wir sehr landestypische Gerichte wie Khinkali und Adjarian Khachapuri. Der anschließende Verdauungsspaziergang entwickelt sich zu einer neuerlichen Sightseeing-Runde. Ohne Regen, bei milden Temperaturen und lebhaftem Treiben in den inzwischen bunt beleuchteten Straßen ist die Stimmung gleich eine ganz andere. Wir spazieren erneut über den Europaplatz und flanieren anschließend durch den Batumi Boulevard Park, wo wir uns eine Weile an einer musikalisch und farblich untermalten Wasserfontänenshow erfreuen. Zur besonderen Atmosphäre dieses Ortes trägt auch der von vielen am Boden liegenden Leuchtkugeln angestrahlte Bambushain bei, der hier in den 1970er Jahren auf einer Fläche von 1.500 Quadratmetern angelegt wurde. Sämtliche Gebäudekomplexe in der Umgebung leuchten und blinken ebenfalls in den schrillsten Farben. Am Hafen angekommen herrscht reges Treiben, das freundliche Wetter am Abend hat scheinbar viele Menschen ins Freie gelockt. Und auch wir sind jetzt wesentlich motivierter, den bereits vorher abgegrasten Sehenswürdigkeiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Da ist z.B. der 130 Meter hohe Alphabetturm, auf welchem eine bunt beleuchtete Kugel mit Restaurant und Aussichtsplattform kreist. Der Turm zeigt die 33 Buchstaben des georgischen Alphabets, die an ein DNA-Modell einer Zellstruktur erinnern. Er zählt zu den bedeutendsten modernen Bauwerken, die dem georgischen Alphabet gewidmet sind. Und schließlich halten wir an der Ali & Nino Statue inne. Die weltberühmte, 8 Meter hohe kinetische Skulptur aus Edelstahl ist für ihre faszinierende mechanische Bewegung und tiefe Symbolik bekannt. Sie besteht aus zwei großen, transparent wirkenden Figuren, einem Mann (Ali) und einer Frau (Nino), die aus horizontalen Stahlscheiben übereinandergeschichtet sind. Die beiden Figuren stehen auf getrennten Plattformen und beginnen sich im Kreis aufeinander zuzubewegen. Sie kommen sich näher, scheinen sich für einen kurzen Moment zu umarmen und zu verschmelzen. Da die Metallscheiben der beiden Körper perfekt auf Lücke versetzt konstruiert sind, gleiten die Figuren buchstäblich ineinander und gehen vollständig durcheinander hindurch, ohne sich tatsächlich zu berühren. Nach der "Verschmelzung" bewegen sie sich weiter und entfernen sich mit dem Rücken zueinander wieder voneinander. Die Skulptur ist von dem berühmten, 1937 veröffentlichten gleichnamigen Roman "Ali und Nino" inspiriert, die Geschichte gilt als das "georgische Romeo und Julia". Sie erzählt von der Liebe zwischen Ali Khan Shirvanshir, einem muslimischen aserbaidschanischen Adligen, und Nino Kipiani, einer christlichen georgischen Prinzessin, zu Zeiten des Ersten Weltkriegs. Trotz der religiösen und kulturellen Barrieren finden sie zueinander, doch die Wirren des Krieges und der Einmarsch der Roten Armee trennen sie am Ende dauerhaft und tragisch. Die Bewegung der Statue spiegelt genau das wider: Das kurze, intensive Glück des Zusammenseins und das unvermeidliche, schmerzhafte Wieder-Auseinandergehen. Durch die farbige Illumination der Skulpturen am Abend vor der Kulisse des Schwarzen Meeres wirkt die Szene besonders stimmungsvoll. Mit diesen vielen schönen Eindrücken im Gepäck sind es nun nur noch ein paar Schritte bis in unser Hotelbett, perfekt!Read more
Güle Güle Türkei - Gamardschoba Georgien
September 28 in Georgia
☁️ 22 °C
Während unseres Frühstücks vor unserem Zelt auf dem Holzlagerplatz, wo wir eine sehr gute Nacht verbracht haben, hängen die Wolken noch tief über der Landschaft und verschlucken stellenweise die Baumwipfel. Die Luft wirkt schwer von Feuchtigkeit und das spiegelt sich auch auf unserem kleinen Zelt wider: Es ist klitschnass. Im Verlauf unserer eher gemächlichen morgendlichen Routine vertreibt die Sonne die tiefen Wolken. Der feuchte Nebel, der eben noch durch das Geäst gekrochen ist, löst sich in Wohlgefallen auf, als auch die ersten Sonnenstrahlen unser Zelt treffen und die klamme Kälte recht bald wohliger Wärme weicht. So lässt es sich gut in die nächste Etappe starten. Zunächst gilt es, den letzten Teil des Anstieges abzuhaken, den unsere Beine am gestrigen Abend verweigert haben. Unerwartet flott spulen wir die Strecke bis zum höchsten Punkt auf gut 700m ab, das Landschaftsbild lädt dabei zum Genießen ein. Nicht zum letzten Mal am heutigen Tag freuen wir uns darüber, diesen Umweg der direkteren Tunnelroute vorgezogen zu haben. So erleben wir auch den wunderbaren Moment, uns mit dem Erreichen des Gipfels über den ersten Blick auf das Schwarze Meer und den kleinen Küstenort Hopa am Horizont erfreuen zu können. Ebenfalls sehr erfreulich ist die Tatsache, dass es für uns ab jetzt fast nur bergab weitergeht. Uns erwartet eine traumhaft schöne Passage auf der Fahrt Richtung Meer. Bei mildem Gefälle folgen wir den Kurven und Serpentinen, tauchen ein in ein schier endloses Meer aus Grüntönen. Wir rollen vorbei an riesigen Teeplantagen, an deren spekakulär steilen Hängen gerade Menschen die frischen Teeblätter ernten. Einige freundliche Kühe kreuzen unseren Weg, ein Fluss plätschert romantisch durch die Landschaft, wir sind restlos begeistert von dieser Fahrt. Schließlich lassen wir dann aber die grünen Berge hinter uns, erste Möwen kündigen das salzige Meer an, vor uns liegt der Ort Hopa. Nach der wildromantischen Abfahrt folgt nun ein Kontrastprogramm. Hopa präsentiert sich sehr wuselig und nicht besonders ansehnlich. Wir müssen festhalten, dass unser erstes Erreichen des Schwarzen Meeres im September 2023 am Leuchtturm von Bafra deutlich mehr Bilderbuchcharakter hatte als das heute der Fall ist. Wir wollen uns diesen Moment dennoch nicht nehmen lassen und manövrieren uns durch den dichten Verkehr der Hauptstraße an die Küstenmauer. An einer Bank machen wir Halt, blicken bei einer Tüte Chips (heute mal Tal- statt Gipfelchips) über das tiefblaue Schwarze Meer und lassen kurz die Fahrt aus den Wolken und grünen Bergen direkt an den Strand sacken. Es schließt sich eine wenig idyllische Fahrt entlang der Küste an. Unzählige (stehende) LKW prägen das Straßenbild, glücklicherweise hält sich der Verkehr aber einigermaßen in Grenzen. Außerdem müssen wir auf unserer Strecke, die geradewegs an die türkisch-georgische Grenze führt, diverse Tunnel unterschiedlicher Länge durchfahren, was nicht wirklich Spaß macht. In Kemalpaşa, dem letzten Örtchen vor der Grenze, hauen wir unser restliches türkisches Geld auf den Kopf, nicht viel später haben wir dann tatsächlich die letzten Meter türkischen Asphalt unter den Reifen. An der Grenzanlage müssen wir uns kurz orientieren und dann zur Kenntnis nehmen, dass wir uns nicht in die Autoschlange einreihen dürfen, sondern erstmals bei einer Grenzüberquerung als Fußgänger gelten. Das heißt, wir müssen mit den bepackten Rädern in ein Gebäude, uns über aufwärts fahrende Rollbänder (Fahrstuhl außer Betrieb) in das Obergeschoss begeben, zweifach die Räder zum Passieren der Sicherheitskontrolle ab- und wieder aufladen und gemeinsam mit den fußläufig Reisenden und ihren vielen überdimensionierten Rollkoffern das Gebäude auf der anderen Seite wieder verlassen. Immerhin hat der Zollbeamte uns nach kurzer Befragung geglaubt, dass wir ausschließlich "personal stuff" mitführen und auf einen Check unserer Taschen verzichtet. Ja, und dann stehen wir plötzlich mit einem neuen Stempel im Pass in Georgien, dem 14. Land auf unserer Reise. Wir machen noch das eine oder andere Foto vor dem futuristischen Bauwerk am Grenz-Kontrollpunkt, welches wir schon auf vielen Bildern gesehen hatten, dann treten wir in die Pedale und lassen das Abenteuer Georgien beginnen. Die Hauptstraße an der Küste bringt uns in die zweitgrößte Stadt des Landes namens Batumi, deren Skyline bereits viele Kilometer zuvor auf türkischer Seite gut sichtbar war. Problemlos erreichen wir die für heute angedachte Unterkunft. ORBI CITY liegt nur wenige Meter vom Strand entfernt und besteht aus fünf 55-stöckigen Türmen. Angeblich handelt es sich, gemessen an der Anzahl der Apartments, um den größten Hotelkomplex der Welt. Am Eingang von Block C angekommen fühlen wir uns eher an einen Bahnhof erinnert. Scharen von Menschen strömen in das Gebäude hinein und wieder heraus, Straßenhunde wuseln auf dem Vorplatz herum, die Lobby gleicht einer Wartehalle. Nun gut, Heiko checkt ein und wir erhält die Schlüsselkarte zu einem Zimmer in der 42. Etage. Sehr praktisch ist, dass wir mit den bepackten Rädern in das Gebäude, in den Fahrstuhl und sogar bis in unser Zimmer schieben können. Das hatten wir in der Form noch nie. Heiko stürmt sofort den Balkon und ist hellauf begeistert angesichts der Aussicht aus dieser schwindelerregenden Höhe. Claudia hingegen ist die Dimension nicht geheuer und ebensowenig das Betreten des Balkons. Einen Eindruck von der Aussicht bekommt man schließlich auch, wenn man Heikos Fotos anschaut, das muss reichen. Ein Restaurant-Besuch am Abend entpuppt sich als mäßig erfolgreich. Bei extrem lauter Musik sind wir zunächst etwas überfordert mit der Speisekarte (neue Sprache, neue Schrift, keine Bilder) und die Bestellung endet in einem Missverständnis. Statt den Gerichten, die wir eigentlich hätten essen wollen, haben wir am Ende eine Käsepizza zum Teilen auf dem Tisch. Uns wird bewusst, dass die uns über die letzten Jahre so vertraut gewordene Türkei nun wirklich hinter uns und etwas gänzlich Neues vor uns liegt. Es gilt jetzt, offen dafür zu sein, sich einzulassen auf das neue Land mit einer ganz anderen Kultur. Wir sind bereit, aber für heute ist erstmal Feierabend. ღამე მშვიდობისა (das könnte vielleicht "Gute Nacht" heißen...)Read more
Harmloser als gedacht...
September 27 in Turkey
☁️ 19 °C
Der heutige Morgen beginnt mit Blümchen, Ständchen, Kerze und Geschenk, da hat wohl jemand Geburtstag. Passend dazu genießen wir noch einmal das gute Hotelfrühstück, welches wir uns auf der Terrasse schmecken lassen, vor uns plätschert der Çoruh-Fluss, hinter uns der Pool. Dann wird es aber auch Zeit, das Luxusleben mal wieder zu beenden. Die Sachen sind schnell gepackt und wir schwingen uns bei herrlich sonnigem Wetter in den Radsattel. Kleine, aber viele Anstiege sollen heute dafür sorgen, dass wir unterwegs reichlich Höhenmeter hamstern. Eine weitere Challenge stellen diverse Tunnel dar, die heute auf unserer Route liegen. Der Gedanke daran, diese engen und dunklen Röhren mit dem Auto- und LKW-Verkehr zu teilen, flösst einem immer wieder Respekt ein. Beide Herausforderungen sollen sich aber als deutlich harmloser als angenommen erweisen. Die App Komoot hat sich scheinbar gehörig zu unseren Gunsten verrechnet: Die Steigungen der heutigen Etappe sind sehr milde und in der Summe werden es deutlich weniger Höhenmeter als erwartet. Und auch die Tunnel stellen sich unproblematisch dar, da sie zum einen beleuchtet und zum anderen mit einem gut befahrbaren Gehweg ausgestattet sind. Schön! So können wir entspannt in die Pedale treten und die herrliche Sicht auf den Çoruh-Fluss und die umliegenden dunkelgrün bewaldeten Berge genießen. Eine nette Begegnung durften wir mal wieder während einer Pause erleben, nachdem uns auch unterwegs mal wieder Wasserflaschen aus dem Autofenster heraus geschenkt wurden. Als wir bei einer Tasse Tee am Straßenrand sitzen, hält ein Auto mit einer Familie an Bord. Nach kurzem Plausch wühlen sie auf der Ladefläche ihres Autos und zaubern frisches Brot und köstliche Weintrauben für uns hervor. Ach ja, die reißen einfach nicht ab, diese warmherzigen Zusammentreffen mit den Einheimischen. Da es sich so gut und entspannt radelt, beschließen wir, weiter als eigentlich vorgesehen zu fahren. Den kleinen Ort Borçka lassen wir hinter uns und stellen uns einem Anstieg, der ursprünglich für morgen auf dem Programm stand. Etwas ungemütlicher gestaltet sich die Fahrt im Verlauf, da sowohl die Bewölkung als auch der Verkehr zunimmt. Vor allem der Straßenlärm ist lästig, aber manchmal gibt es leider keine sinnvolle Alternative. Eine solche ergibt sich aber, als die Straße mal wieder durch einen Tunnel geführt wird. Angesichts der Tatsache, dass es diesmal über fünf Kilometer durch den Berg gehen soll und uns diese Vorstellung nicht wirklich gefällt, nehmen wir eine Alternativroute. Diese führt über einen Berg und handelt uns entsprechend zusätzlich Höhenmeter ein, aber das nehmen wir in Kauf. Ganz nach oben schaffen wir es nicht mehr, die Beine werden müde. Da es grundsätzlich in dieser Gegend nicht einfach ist, einen guten Platz für eine Zeltnacht zu finden, dürfen wir nicht wählerisch sein. Unser Lager errichten wir schließlich am Rande eines aktuell leeren Holzlagerplatzes. Heiko kramt unser letztes Gemüse aus den Packtaschen und kocht daraus ein leckeres Abendessen, als Beilage futtern wir das geschenkte Brot. Leichter Nieselregen setzt ein, als wir uns noch Tee und den einen oder anderen Keks genehmigen. Sehr froh sind wir darüber, dass stärkerer Regen und Gewitter erst einsetzt, als wir schon warm und trocken im Zelt liegen. Das Wetter-Timing klappt bisher perfekt in diesem Urlaub, das darf gerne so bleiben. Mit dem Grollen des Donners und dem Rauschen des Flusses sowie des Windes in den Bäumen treten wir nun recht bald die voraussichtlich letzte Nachtruhe in der Türkei an. Morgen werden wir nach langer Zeit mal wieder eine Grenze überqueren. Wir sind gespannt...Read more

TravelerHallo Claudia zu deinem Geburtstag wünschen wir dir alles erdenklich Gute bleib gesund und vor allem viele viele positive Erlebnisse auf euren Fahrradtrip.

Traveler
Die herzlichsten Geburtstagsgrüße aus Rodenkirchen. Weiterhin gute Fahrt und ohne unangenehme Überraschungen. Bleibt gesund . Glg Manfred und Doris
KI-gesteuerter Ruhetag
September 26 in Turkey
☁️ 23 °C
Den heutigen "Ruhetag" beginnen wir mit einem guten Frühstück im Hotelrestaurant mit Blick auf den Çoruh-Fluss und die imposanten Felsen in unmittelbarer Nähe. Mit den gefüllten Mägen legen wir dann erstmal wieder eine Pause ein und lassen uns später durch KI einen Plan für den restlichen Tag generieren. Wir geben ein paar Eckdaten vor und Zack, der Ablauf für einen kleinen Ausflug vor Ort steht. Brav halten wir uns an alle Vorgaben, dazu gehört als ersten die Bestellung eines Taxis an der Hotelrezeption. Eine Stadterkundung zu Fuß erachtet die KI am Ruhetag als zu anstrengend. Immerhin beträgt der Höhenunterschied hier auf engstem Raum 500-600m. Die Stadt wurde terrassenförmig an einer extrem steilen Bergflanke über dem Çoruh-Flusstal erbaut, die Gebäude wirken wie an den Hang geklebt.
Die Höhe innerhalb der Stadtteile variiert entsprechend drastisch. Während unser Hotel in der Talsohle auf Flussniveau (150-200m) liegt, finden sich das historische Stadtzentrum und der Marktplatz mit 500-550m auf halber Höhe des Hangs. So kann in den höchsten Wohnvierteln (750-800m) im Winter bereits Schnee liegen, während es unten am Flussufer noch regnet. Über zahlreiche enge Serpentinen lassen wir uns mit dem Taxi zum Marktplatz hinaufschrauben. Nach kurzer Orientierung und dem Befragen von Passanten lässt sich die Aussage der KI verifizieren, dass hier demnächst ein kostenloser Bus die Sehenswürdigkeit "Atatepe" ansteuert. Mit vielen anderen Ausflüglern quetschen wir uns in den Kleinbus und erleben eine spektakuläre Fahrt hinauf zum Hügel, auf welchem die mit 22 Metern angeblich größte Atatürk-Statue der Welt über der Stadt thront. Wir lassen die imposante Statue neben riesiger türkischer Flagge sowie die spektakuläre Panoramaaussicht auf die Stadt, das Tal und den Çoruh-Fluss auf uns wirken und können in der Ferne auf der gegenüberliegenden Flussseite sogar die steilen Straßen ausmachen, über die wir gestern in den Ort geradelt sind. Anschließend gehorchen wir artig weiter der KI: "Setz dich ins Atatepe-Café, trink einen Tee oder Kaffee und genieß in Ruhe die Aussicht." Alles klar, machen wir! Auch dem nächsten Hinweis leisten wir Folge, er lautet: "Zurück ins Zentrum kannst du dann gemütlich bergab laufen." Nach etwa einer Stunde Fußmarsch, der sich recht bald in den Waden bemerkbar macht, sind wir zurück am Markplatz im Zentrum. In diesem Ort scheint man kaum 10 Meter in der Ebene gehen zu können, es geht entweder steil nach oben oder nach unten. Fahrzeuge winden sich über die engen Serpentinen durch die Stadt, für Fußgänger gibt es unzählige, extrem steile Treppenabkürzungen. Wir sollen jetzt laut KI für unser leibliches Wohl sorgen und da wollen wir natürlich auf gar keinen Fall widersprechen. Also marschieren wir geradewegs zum Restaurant Fidan Sultan El Lezzetleri, was sich als sehr gute Wahl erweist, denn auch hier hat die KI mit ihrer Ankündigung Wort gehalten: "Es handelt sich um ein fantastisches Restaurant für traditionelle und hausgemachte Gerichte. Sie haben echtes, traditionelles Kuymak (heißer, gezogener Käse-Maismehl-Topf) auf der Karte." Da können wir ja gar nicht anders, als eine Portion Kuymak als Vorspeise zu bestellen und tatsächlich schmeckt uns das für diese Region typische Gericht sehr gut. Mindestens ebenso gut bewerten wir unsere Hauptspeisen, den Nachtisch und den köstlichen türkischen Kaffee, den uns die sehr herzlichen Inhaber zum Abschluss spendieren. Es werden noch einige Worte sowie die Adressen der jeweiligen Instagram-Accounts ausgetauscht und ein gemeinsames Foto gemacht, dann verabschieden wir uns. Nachdem wir mit einem Zwischenstopp im Supermarkt kurz vom KI-Ablauf abweichen, sind wir danach sofort wieder gehorsam. Es heißt, der Abstieg zum Hotel sei zu Fuß sehr gefährlich und diesem Risiko wollen wir uns selbstverständlich nicht aussetzen 😉. Ein schnell gefundenes Taxi kreiselt uns wieder 300m in die Tiefe und setzt uns direkt vor dem Hotel ab. Danke KI, das war ein gelungener Ruhetag!Read more
Auf und ab nach Artvin
September 25 in Turkey
☁️ 22 °C
Eigentlich hatten wir den Wecker auf sieben Uhr gestellt, aber bereits eine Stunde früher wird unsere Nachtruhe durch den Auszug einer Gruppe arabischer Männer aus den anderen Zimmern jäh beendet. Es wird gepoltert, laut miteinander gesprochen, Musik gespielt..., an schlafen ist nicht mehr zu denken. Nun gut, dann stehen wir eben auch auf und starten heute mal etwas früher in den Tag. Unser Hotel bietet kein Frühstück an, deshalb packen wir direkt unsere sieben Sachen, beladen die Räder und verlassen dem Ort Şavşat. Die Wolken hängen tief, Nebelschwaden wabern durch die bewaldeten Berghänge, es ist noch empfindlich kühl. Schon nach zwei abwärts gerollten Serpentinen bietet sich eine schöne Sitzgelegenheit mit Panoramablick auf die Berge. Der Gaskocher wird ausgepackt und bald riecht es herrlich nach Kaffee, es ist Zeit für Frühstück. Die Fortsetzung unserer Fahrt lässt uns weiterhin rasant an Höhe verlieren, Haarnadelkurve für Haarnadelkurve schwinden die gestern mühsam erarbeiteten Höhenmeter. Wir passieren die Überreste der Festung von Şavşat, zu unserer linken plätschert der Fluss "Berta-Çayı", der in dem uns umgebenden Karçal-Gebirge entspringt. Gemeinsam mit dem Fluss schlängeln wir uns auf der Straße D010 zwischen Şavşat und Artvin durch die markante, tief eingeschnittene Schlucht oder auch das "Tal des Berta-Flusses" (türkisch: Berta Vadisi). Wir rollen durch eine spektakuläre Kulisse, die an jeder Ecke zum Staunen und Fotografieren einlädt. Die üppige Vegetation hat fast Urwaldcharakter und lässt Erinnerungen an unsere Fahrt in der Schwarzmeerregion vor drei Jahren wach werden. Inzwischen strahlt der Himmel leuchtend blau und die Sonne meint es so gut, dass etwas Sonnencreme fällig wird. Als die Abfahrt durch die landschaftlich beeindruckende Flussstrecke sich dem Ende nähert, legen wir eine Pause ein, um uns für den folgenden Anstieg zu wappnen. Waren wir gestern noch in fast 2500m Höhe unterwegs, sind es nun nur noch 400m, jetzt soll es aber wieder rauf auf 800m gehen. Ach ja, manchmal wünscht man sich, dass von irgendwo zwei große Hände erscheinen, um mit einem kräftigen Schütteln die Erdfalten zu glätten - nur kurz - bis wir drübergerollt sind. Aber das bleibt wohl ein frommer Wunsch, es werden stattdessen die kleinsten Gänge eingelegt und das Damenrad auch gerne mal geschoben. Der Berta-Fluss, welcher uns weiterhin treu begleitet (oder wir ihn...) ist inzwischen zu einem wilden Gebirgsfluss angeschwollen, bald soll er in das östliche Ende des riesigen Deriner-Stausees münden. Es ist bereis halb vier am Nachmittag, als wir uns wieder auf die Höhe von 800m gearbeitet haben. Was machen wir? Vor der Stadt einen Zeltplatz suchen oder in Artvin ein Zimmer buchen? Heiko checkt den einen oder anderen Spot auf Campingtauglichkeit, so richtig geeignet ist aber nichts. Und so schrauben wir uns durch enge Kurven wieder 600m nach unten und checken im "Villa da Otel" ein. Es handelt sich um eine moderne Hotelanlage mit viel bunter Beleuchtung, einer Gartenanlage mit Palmen und Außenpool sowie einem eigenen Restaurant, Wir beziehen dort ein großzügiges Appartement. Welch ein Kontrast zum Zelten auf dem Acker! Wir beschließen, dem Luxus etwas länger zu frönen und zwei Nächte hier zu verbringen. Morgen ist somit radelfrei! Am heutigen Abend besuchen wir noch das Restaurant "unserer" Hotelanlage, lassen uns ein üppiges Mahl schmecken und hängen anschließend in unserem Zimmer ab. Nix mehr los mit den alten Leuten. Gute Nacht!Read more
Aus luftiger Höhe hinab nach Şavşat
September 24 in Turkey
☀️ 27 °C
Es ist ungefähr drei Uhr in der Nacht, als scheinbar ein Tier um unser Zelt schleicht, das Schnüffeln ist deutlich zu hören, ebenso das Klappern der Tasse, die draußen an den Packtaschen befestigt ist. Diese Geräusche nimmt jedoch nur Claudia wahr, Heiko hört dank seiner Ohropax nix. Als das Tier, was auch immer es sein mag, mehrfach das Zelt zum Wackeln bringt, möglicherweise ist es über die Zeltschnüre gestolpert, regt auch Heiko sich. Während Claudia stumm und regungslos im Schlafsack liegt und den nächsten Angriff fürchtet, tritt Heiko die Flucht nach vorne an. Er steht auf, verlässt das Zelt, leuchtet mit der Stirnlampe in alle Richtungen und kommt zu dem Ergebnis: "Da ist nix!" Der Mann kriecht zurück in den Schlafsack und schläft weiter, die Frau lenkt sich in den nächsten Stunden mit Lesen ab und freut sich, als es endlich wieder hell wird. Die Nacht war recht kühl, entsprechend freuen wir uns über die ersten Sonnenstrahlen, die sofort für angenehme Wärme sorgen. Bei perfektem Radelwetter starten wir nach unserer üblichen morgendlichen Routine gegen viertel nach neun in die heutige Etappe. Nach sehr kurzem Einrollen wird es direkt schweißteibend. Unterbrochen von kurzen Verschnaufpausen arbeiten wir uns über eine Strecke von ungefähr 13 Kilometer 600 Höhenmeter nach oben und freuen uns sehr auf Chips und Tee kurz nach Erreichen des Gipfelschildes mit der Aufschrift 2470m. Eine ganze Weile sitzen wir in luftiger Höhe in der Sonne und genießen die Ruhe und den Pausensnack. Als wir unsere Fahrt fortsetzen eröffnet sich ein spektakulärer Blick, kaum das wir im Sattel sitzen und die ersten Meter gerollt sind. Während wir bislang durch eine Gegend geradelt sind, die vorwiegend durch geschwungene, kuppenartige und fließend ineinander übergehende Berge geprägt ist,
eröffnet sich jetzt der Blick auf eine völlig andere Welt. Am Horizont ragen die messerscharfen Felsgrate des imposanten Karçal-Gebirgszuges empor, ein wahrlich grandioses Panorama. In dieser Szenerie zwischen sanften Hügeln und schroffen Felsen sind nun weniger die Muskeln unserer Beine gefragt, vielmehr werden ab jetzt die Handgelenke und die Bremsen gefordert. Bereits der Blick von oben lässt erahnen, was auf uns zukommt: Viele Serpentinen und enormer Höhenverlust. Steil ist die Abfahrt, die sich unter anderem durch kleine Dörfer mit für diese Region typische Holzhäuser windet. Deutlich mehr als 1000 Höhenmeter verlieren wir in kurzer Zeit, auf einmal präsentiert sich die Umgebung nicht mehr schroff und grau, sondern sanft und in satten Grüntönen. Diese vielfältigen Eindrücke sollen natürlich festgehalten werden. Die Drohne wird zum Speichern von Erinnerungen auf die Reise geschickt, wir filmen, fotografieren oder schauen und staunen einfach. Plötzlich und unerwartet ist die Zeit schon recht fortgeschritten, so dass wir die Entscheidung fällen, uns einfach im vor uns liegenden Ort Şavşat einzuquartieren. Das Ziel ist schnell erreicht und wir beziehen ein einfaches Zimmer im zentral gelegenen "Otel 7 mart". Frisch geduscht ist der Plan nun, uns mit einem Restaurantbesuch für die Anstrengungen des Tages zu belohnen. Die Umsetzung gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht. Obwohl in den Straßen reges Treiben herrscht, ist die Auswahl an Lokalen eher mau. Am Ende gibt's einen Adana-Dürum im Kebab-Laden, der laut Google-Rezensionen als Treffpunt der Einheimischen gilt. Nach diesem nicht ganz so feudalen, aber durchaus schackhaftem Abendessen, werden wir noch von einigen Männern, die vor dem gegenüberliegenden "Çay Evi" (Tee-Haus) sitzen, zum Tee eingeladen. Nachdem die Gläser leer und einige Worte ausgetauscht sind, ziehen wir uns ins Hotelzimmer zurück. Hier hängen bereits Akkus u.ä. zum Laden am Netz, denn morgen in der Frühe soll es mit voller Power weitergehen. Auch die müden Radler beenden den Tag, um Energie für die nächste Etappe zu tanken. İyi geceler!Read more
Planänderung
September 23 in Turkey
☁️ 17 °C
Um sechs Uhr ist es hell im Zelt. Claudia widmet sich ihrem Buch, bis auch Heiko sich aus seinem Schlafsack raschelt. Während des Frühstücks poltern plötzlich jede Menge Kühe direkt hinter uns den kleinen Abhang von der Straße auf das Feld hinunter. Als wären wir eine Verkehrsinsel strömen die muskelbepackten Rinder rechts und links an unserem Zelt vorbei, um sich auf dem weiten Feld wieder zu einer grasenden Herde zusammenzufinden. Kurz gesellt der Hirte sich zu uns ans Zelt, die angebotene Zigarette lehnt Heiko dankend ab. Obwohl wir so früh wach waren, ist es dank unserer morgendlichen Trödelei schon neun Uhr, als wir unseren Nachtacker verlassen. Bei Sonne und angenehm warmen Temperaturen fahren wir zunächst in den nicht weit entfernt liegenden Ort Göle. Kurz zuvor passieren wir das erste Straßenschild, welches nach Gürcistan (Georgien) weist und uns daran erinnert, dass es unsere letzten Tage sind, die wir durch die Türkei reisen. In Göle angekommen statten wir einer Bäckerei und dem Supermarkt einen Besuch ab, woraufhin unsere Packtaschen wieder vellgepackt mit Proviant und die Wasservorräte aufgefüllt sind. Vor dem Laden erregen wir wie so oft die Aufmerksamkeit der Einheimischen. Ein Mann, der sich als Eisverkäufer vorstellt, interessiert sich besonders für uns und so kommen wir ins Gespräch. Als er unsere geplante Route auf der Karte in Claudias Lenkertasche sieht, empfiehlt er uns dringend eine Planänderung. Es seien viel zu viele stark befahrende und deshalb für Radfahrer gefährliche Tunnel auf der Strecke. Wir sollten doch lieber den Weg über die Orte Ardahan und Şavşat nehmen, der sowohl weniger gefährlich sls als auch "çok güzel" (sehr schön) sei. Wir merken uns die Ortsnamen und wollen uns die Option später einmal ansehen. Der Eisverkäufer lädt uns noch zu einem Tee ein, bevor wir Göle wieder verlassen und unsere Fahrt fortsetzen. Eine ganze Weile rollen wir durch die Ebene, das Wetter ist weiterhin herrlich. Weiterhin begegnen wir in diesem Jahr deutlich mehr Kuh- als Schafherden und diese sind stets von beeindruckender Größe. Auch jede Menge Pferde sind auf den Weiden zu sehen, immer wieder ein wunderschöner Anblick. Gegen Mittag steht dann die Arbeit des Tages an, der eine oder andere Höhenmeter will mal wieder bezwungen werden. Der Wind meint es gut mit uns und schiebt von hinten, so dass wir schneller als erwartet am Gipfelschild, welches eine Höhe von 2150m ausweist, ankommen. Am nächstbesten Pausenplatz lassen wir uns nieder, schlürfen Tee bzw. Kaffe, essen Sesamkringel mit Schokopaste und lesen. Außerdem checken wir den Routenvorschlag des Eisverkäufers und beschließen tatsächlich, unseren ursprünglichen Plan zu ändern. Die vorgeschlagene Strecke hat zwar mehr Kilo- und auch mehr Höhenmeter, sieht aber angesichts der Wegführung durch einen Nationalpark sehr reizvoll aus. Und die Aussicht auf weniger oder sogar keine Tunnel kommt uns auch sehr gelegen. Wir lassen also auf unserer Weiterfahrt den Abzweig, den unsere Navigationsgeräte anzeigen, links liegen und folgen der Straße nach Ardahan. Flott geht's voran, denn wir dürfen etwa 13km abwärts rollen. Der Stadt Ardahan schenken wir nicht viel Beachtung, sondern belassen es bei einer zügigen Durchahrt. Vielleicht wäre ein Aufenthalt in diesem Ort mit historischer Festung, durch den der Fluss Kura fließt, sogar ganz lohnenswert gewesen, aber wir ziehen es vor, noch ein paar Kilometer zu radeln. Als wir an einem Straßenhändler vorbeikommen, hält er uns an und will uns unbedingt mit Obst beschenken, Widerrede zwecklos! Im Korb an Claudias Fahrrad sammeln sich inzwischen Pflaumen, zwei Sorten Äpfel und rote und grüne Weintrauben, Bananen hatten wir bereits zuvor gekauft. Es bleibt die Frage: "Wer soll das alles essen?" Bis 16 Uhr fahren wir noch durch die Ebene und können heute noch den Blick auf die Berge genießen die wir in den kommenden zwei Tagen erklimmen sollen. Auf einer Wiese, die mit Sicherheit auch wieder für Tierherden-Besuch gut ist, beenden wir die heutige Etappe. Wir teilen uns den Platz mit einem Rind, welches skelettiert und in Einzelteilen als 3D-Puzzle im Gras verteilt ist. Es folgt das übliche Procedere: Tee, Gemüsetopf (heute mal mit Fladenbrot, noch ein Tee, lesen, Schokolade essen, Zelt aufbauen und "Gute Nacht" sagen.Read more
Angenehme und weniger angenehme Begegnungen
September 22 in Turkey
☁️ 18 °C
Claudia liest bereits seit einer Weile, als Heiko den Reißverschluss seines Schlafsacks öffnet, einen Blick aus dem Zelt wirft und das erste Wort des Tages spricht: "Sonne!". Tatsächlich ist der Hagelspuk des gestrigen Abends vorbei und die Sonne lacht vom blauen Himmel. Wir lassen es gemächlich angehen, frühstücken in Ruhe, lesen, nehmen eine Feinjustierung an unserem Packtaschenkonzept vor und genießen die Stille dieses Platzes, den wir uns lediglich mit unzähligen Grashüpfern teilen. Die heute Etappe beginnt direkt wieder herausfordernd, es geht weiter bergauf. Am höchsten Punkt, der auf etwa 2340m liegt, wollten wir uns eigentlich die üblichen Gipfelchips und einen Tee gönnen, das verschieben wir aber aus gutem Grund. Der Himmel sieht zunehmend finster aus und so ziehen wir es vor, noch ein Stück zu fahren, um mit etwas Glück eine Gelegenheit zum Unterstellen für den Ernstfall zu finden. Derartige Möglichkeiten sind nämlich sehr rar in dieser Gegend. Als es anfängt zu regnen und Heiko schon sein Kamera-Equipment wasserdicht verstaut, rollt Claudia in die Auffahrt einer Anlage, die mit schweren Toren und Stacheldraht und Kameraüberwachung ausgestattet ist. Fragen kann man ja mal...! Zwei Männer in einem Wachhäuschen entdecken uns sofort und kommen uns entgegen. Auf das Hochsicherheitsgelände könne man uns nicht lassen, "it's too dangerous", aber auf Nachfrage dürfen wir uns in einem kleinen Toilettenhäuschen unterstellen, welches sich außerhalb der Anlage befindet. Gerade rechtzeitig stehen wir in dem Mini-Container, da bricht ein Gewitter mit Platzregen los. Das wäre draußen wahrlich ungemütlich gewesen. Den Männern war schon anzusehen gewesen, dass sie uns nur ungern lediglich das Klo-Haus anbieten konnten. Es dauert nicht lange, da kommen sie mit zwei Bechern heißem Tee und bitten uns auf die Rückbank eines parkenden Autos. Wie nett, so lässt sich ein Unwetter aushalten. Bald ist es wieder trocken und der Himmel zeigt sich deutlich freundlicher. Wir danken den Männern für die Beherbergung und radeln weiter. Leider lässt die nächste dunkle Wolkenfront nicht lange auf sich warten. Heiko entdeckt eine kleine Unterführung, unter der wir bei Tee und Keksen den nächsten Regen aussitzen wollen. Trocken haben wir es auf jeden Fall in der kühlen Unterführung, aber auch draußen bleibt der große Regen aus, die Wolken wollten sich scheinbar an einem anderen Ort erleichtern. Wir freuen uns über die wärmenden Sonnenstrahlen, als wir aus der Unterführung hinaus und zurück auf unsere Fahrräder steigen. Es dauert nicht lange, da hält ein Auto vor uns und die drei Insassen, ein Mann und zwei Frauen, halten uns an. Sie begrüßen uns herzlich und als sie hören, dass wir aus Deutschland kommen, wird umgehend per Videoanruf die Cousine aus Stuttgart dazugeschaltet. Nachdem wir eine Weile geplaudert haben, einige Erinnerungsfotos gemacht waren und der Korb an Claudias Fahrrad mit reichlich Pflaumen gefüllt wurde, setzen wir unsere Fahrt fort. Den im Verlauf dann doch noch einsetzenden Regen empfinden wir gar nicht wirklich schlimm, die Regenjacken halten und warm und trocken. Es überwiegt vielmehr die Euphorie über die fantastische Gegend , die wir zu sehen bekommen. Mitten durch felsige Berge, entlang an einem wilden Fluss windet sich unser Weg durch die Landschaft, bisweilen eröffnen sich gar schluchtartige Perspektiven, große Greifvögel kreisen über unseren Köpfen. Zu letzteren gesellt sich bald auch Heikos Drohne, um diese schönen Eindrücke festzuhalten. Auf der Weiterfahrt erwartet uns eine langgezogene Abfahrt mit sehr seichtem Gefälle, so dass es sich extrem angenehm rollen lässt. Alles andere als angenehm ist hingegen die Begegnung mit drei großen Hunden. Claudia erreicht die Tiere zuerst und zieht deren Zorn auf sich. Nach Absteigen und Stehenbleiben lassen die Hunde etwas ab, behalten die feindliche Radlerin aber im Blick. Jeder Schritt vorwärts motiviert die Hunde wieder zum Angriff, blöd. Also warten, bis hoffentlich ein Mensch vom benachbarten Hof, zu dem die Hunde offensichtlich gehören, zu Hilfe kommt. Inzwischen hat auch Heiko die Stelle erreicht und versucht sich an der Taktik des langsamen Weiterschiebens, die bei früheren Hundebegegnungen immer gut geklappt hat. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel, hier und heute entpuppt die Idee sich als nicht erfolgreich. Die drei Hunde knurren, fletschen die Zähne, bellen und lassen nicht von Heiko ab. Das Szenario gipfelt darin, dass nicht nur in die Radtaschen, sondern auch in Heikos Wade, glücklicherweise nur oberflächlich, gebissen wird. Und dann endlich naht Rettung. Die Bäuerin hat Notiz von dem Spektakel genommen, eilt heran, verscheucht ihre Wachhunde und lässt uns passieren. Puh, ein Erlebnis, auf das wir gern verzichtet hätten! Durch welliges Terrain geht die Fahrt weiter, rechts und links auf den Feldern grasen riesige Kuhherden. Ohne weitere Vorkomnisse, nur unterbrochen von einer kleinen Kuchen- und Schokoladenpause radeln wir, bis die Zeit reif ist, einen Nachtlagerplatz zu suchen. An einem Feldrand unterhalb der Straße werden wir fündig und richten uns zunächst mit unserem Mobiliar häuslich ein. Es folgt lesen, schreiben, Nudel-Gemüse-Topf kochen und essen, Zelt aufbauen, in den Schlafsack kriechen und Reißverschluss schließen. Wie bereits gestern, erweist sich unser Timing auch heute als perfekt. Kaum sind wir im Zelt setzt draußen ein ein Gewitter mit starkem Regen ein. Aber egaaal, wir liegen im Trockenen und können entspannt lesen und schließlich die Nachtruhe einläuten.Read more
Gerade rechtzeitig das Zeltdach über dem Kopf
September 21 in Turkey
☁️ 17 °C
Juhuuu, heute halten die Leckereien am Frühstücksbuffet das, was ihr Aussehen verspricht. Wir genießen die erste Mahlzeit des Tages, bevor wir im Hotelzimmer den Versuch unternehmen, unsere Taschen taktisch klug für den Radreisestart zu packen. Als all unser Hab und Gut an den Rädern verstaut ist, lassen wir sie noch einmal im Hotel zurück, um die letzten Erledigungen abzuhaken. Etwas kompliziert gestaltet sich der Kauf einer SIM-Karte für unseren mobilen WLAN-Router. Der uns seit Jahren bekannte Anbieter Turkcell will uns keine Karte mehr verkaufen, wie wir am gestrigen Abend bereits erfahren haben. Angeblich brauche man eine Registrierung, ein Reisepass wie in den letzten Jahren sei nicht ausreichend. Wir steuern also erstmals einen Laden der Türk Telekom an, wo ein Pass zum Kauf der gewünschten Karte okay ist. So weit, so gut. Gänzlich unproblematisch ist die Aktion dann aber auch hier nicht. Heikos Pass wird fotografiert, sämtliche Daten und Nummern mehrfach in den Computer getippt und schließlich wird Heiko selbst noch vor der Wand hinter dem Verkaufstresen fotografiert. Danach scheitert allerdings mehrfach die Gesichtserkennung. Aus verschiedenen Perspektiven halten die zwei netten und sehr bemühten Mitarbeiterinnen des Mobilfunkladens Heiko Handys in Glitzerhüllen vor das Gesicht und machen ihm in Zeichensprache Ansagen: Etwas mehr nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, grinsen, Augen schließen. Die ganze Aktion sieht reichlich albern aus, führt aber nicht zum gewünschten Erfolg. Innerlich beginnen wir schon, uns auf ein bis zwei Wochen "Digital Detox" einzustellen, da vermelden die beiden Frauen doch noch Erfolg. Wie sie es am Ende hinbekommen haben ist ein Rätsel, aber immerhin können wir nun den Router mit einer SIM-Karte füttern. Ohne problematische Zwischenfälle schaffen wir es anschließend, im örtlichen Supermarkt eine gute Portion Reiseproviant zu kaufen und in den Packtaschen zu verstauen. Ja, und dann geht es tatsächlich los. In Richtung des Festungsberges rollen wir los und lassen Kars hinter uns. Sofort bekommen wir zu spüren, dass es mit der Gemütlichkeit ein Ende hat. Der Weg führt uns direkt 120 Höhenmeter steil bergauf, so dass uns schon nach drei Kilometern der Schweiß auf der Stirn steht. Das geht ja gut los...! Erstmal oben angekommen tritt es sich dann aber deutlich leichter. Eine Weile radeln wir durch die wellige, steppenartig anmutende Landschaft, erste Schafherden ziehen vorbei, der Wind schiebt von hinten, herrlich! Nach knapp 20km ist die erste Pause dieses Urlaubes fällig. Wir bauen unser kleines, aber feines Mobiliar auf und genießen Tee und Sesamkringel mit Nutellaverschnitt aus der Tube. Die Weiterfahrt hat es dann doch wieder in sich. Nach wenigen überwiegend ebenen Kilometern sollen wir unsere Räder wieder aufwärts bewegen. Mal weniger und mal deutlich mehr Steilheit hat der zu bezwingende Berg im Angebot. Zwischendurch erleben wir die übliche Freundlichkeit, die uns schon aus den letzten Jahren bekannt ist und die uns immer wieder so begeistert. Autos hupen und ihre Insassen winken uns zu, einige rufen uns nette Worte zu. Ein Auto hält vor uns, vier Menschen steigen aus und halten uns freundlich an. Nach den gewohnten Fragen, wo wir herkommen und wo wir hinfahren, schenken sie uns reichlich Mandeln und Rosinen. Wir kämpfen uns nach dieser netten Begegnung weiter den Berg hinauf, wollen aber angesichts der recht fortgeschritten Uhrzeit demnächst nach einem Schlafplatz Ausschau halten. In dem Moment, als Heiko einen Platz für unser Zelt erspäht, hören wir in der Ferne Donnergrollen und sehen dunkle Wolken aufziehen. Wir legen eine Punktlandung hin: Als wir gerade im Zelt verschwunden sind und die Reißverschlüsse hinter uns zugezogen haben, prasselt ein heftiger Schauer erbsengroßer Hagelkörner auf die Erde nieder. Wir verstehen im Zelt unser eigenes Wort nicht mehr und sind extrem froh über das perfekte Timing. Viele Blitze zucken am Himmel und auch der Donner tobt sich weiter aus. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke und ziehen diese angesichts empfindlich kalter Temperaturen bis oben zu. Die Küche bleibt heute kalt, wir genehmigen uns hauchdünn geschnittene, frittierte und dezent gesalzene Kartoffeln: CHIPS. Das Unwetter hat sich inzwischen verzogen und wir hoffen, dass wir morgen wieder von Sonnenstrahlen geweckt werden.Read more





































































































































































































































































































































































































































































TravelerHeute ist Sonntag, ich glaube für euch geht es nach Hause. Wir danken für Eure tollen Berichte und Bilder. Leider hattet ihr ja an manchen Tagen nicht so tolles Wetter. Wir wünschen euch einen guten Flug und Fahrt nach Hause. Glg