• Gewitter auf'm Acker

    Apr 27–May 1, 2024 in Turkey ⋅ ☁️ 22 °C

    Erste Feststellung am Morgen: Das Rauschen hat sich halbiert! Während der vorbeibrausende Verkehr auf der Autobahn weiterhin unaufhörlich die Geräuschkulisse prägt, hat der Wind sich zu unserer Freude verabschiedet. Der Himmel sieht etwas freundlicher aus, sie Sicht ist besser und die Sonne bringt reichlich Wärme mit, als sie hinter den Bergen zum Vorschein kommt. Heiko schickt nach unserem 7-Uhr-Frühstück die Drohne zu einem Rundflug in die Luft und startet danach eine Foto-Runde zur Würdigung der verschiedenen bunt blühenden Pflanzen, die der Kargheit in dieser Gegend trotzen. Claudia widmet sich währenddessen ihrem Krimi, bevor es an das inzwischen wieder recht routinierte Abbauen und Packen geht. Rauf und runter führt unsere heutige Fahrt zunächst weiterhin mal mehr und mal weniger dicht an Autobahn durch die felsigen Ausläufer des Taurusgebirges. Es handelt sich um einen historischen Pass, über den die heutige Autobahn an dieser Stelle führt und in "nur" 1050m Höhe den äußersten Taurus-Bergzug quert. Die sogenannte „Kilikische Pforte“, die hier passiert wird, ist eine geradezu mythisch umwobene Engstelle im Taurusgebirge auf dem Weg vom anatolischen Hochland hinunter in die Ebene von Kilikien. Die Durchfahrt trennte in der Vergangenheit die Küste und das anatolische Hochland so stark voneinander, dass ein Passieren nur mit größter Mühe möglich war. Unzählige Heere von Alexander dem Großen, von römischen und byzantinischen Feldherren bis zu den Kreuzfahrern haben sich hier durch einen schmalen Felsenschlitz gequetscht, durch den kaum Reit- und Lasttierre oder gar Fuhrwerke passten. Über Jahrtausende diente die Pforte als einzige Handels- und Verkehrsöse durch den Taurus weit und breit. Erst die "moderne" Türkei hat diese Mythen rigoros beseitigt, die engen Felswände weggesprengt, um dem "modernen" Verkehrssystem einer sechsspurigen Autobahn Platz zu schaffen. Bis heute stellt die Kilikische Pforte, in der Türkei als Gülek Bogazi bezeichnet, die wichtigste Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem anatolischen Hochland dar und war entsprechend auch von hoher strategischer Bedeutung. Während die vielen Autos und LKW duch die geschichtsträchtige "Kilikische Pforte" rauschen, winden wir uns auf der schon vor der Autobahn existierenden Landstraße D750 auf 1370m hinauf. Sie wurde etwas weiter westlich als Umfahrung der Pforte trassiert und führt uns durch eine langgezogene Stadt namens Pozantı mit sehr quirliger Hauptstraße, die wir für einen Einkauf nutzen. Als wir nach absolvierten 500hm den Gipfel erreicht haben, freuen wir uns mal wieder über unsere Standardtüte Chips. Die "Arbeit" für heute ist getan, für den Rest des Tages sind keine nennenswerten Anstiege mehr zu erwarten. Vielmehr geht es zunächst sogar eine ganze Weile bergab. Eine Weile radeln wir noch an der mäßig befahrenen Hauptstraße entlang, wollen dann aber auch gerne den Feierabend einläuten und halten die Augen nach einem Zeltplatz offen. Die Suche gestaltet sich mal wieder nicht einfach, aber als wir gerade etwas ratlos am Straßenrand stehen, erleben wir einen Motivationsschub der besonderen Art: Ein kleines (!) Auto kommt vor uns zum Stehen und sechs (!) junge Männer steigen aus. Sie machen den Kofferraum auf und fragen, ob wir Lahmacun essen möchten. Wenige Augenblicke später halten wir tatsächlich die warme (!) türkische Pizza in den Händen und stehen auf Bitte der Jungs gerne für ein gemeinsames Foto zur Verfügung. Sie quetschen sich wieder in ihr kleines Auto und düsen winkend davon, während wir mit unserer sehr leckeren warmen Mahlzeit verblüfft an der Straße stehen. Crazy!
    Die Schlafplatzsuche bleibt leider schwierig und so langsam drängt auch die Zeit angesichts der bald einbrechenden Dunkelheit. Immerhin sind wir dank der Lahmacun-Jungs schon satt. Als wir die Hauptstraße verlassen und auf eine kleine Nebenstraße abbiegen, schöpfen wir neue Hoffnung. Und tatsächlich sehen wir bald eine zelttaugliche Wiese und eine Familie, die auf dem benachbarten Acker arbeitet. Das Übernachten auf der Wiese können sie uns nicht zusagen, da ihnen selbige nicht gehört, aber auf ihrem Acker seien wir willkommen. Die ebenfalls angebotene Option, unsere Fahrräder auf den Transporter zu laden und mit zum sechs Kilometer entfernten Haus der Familie zu fahren, um dort zu übernachten, halten wir für zu aufwändig und lehnen dankend ab. Wir freuen uns aber sehr, dass wir durch das Holztor auf den Acker gelassen werden und dort nächtigen dürfen. Im letzten Tageslicht bauen wir das Zelt auf und gerade, als alles fertig ist und wir noch einen kleinen Salat verspeist haben, zucken die ersten Blitze am Himmel. Wir liegen schon in den Schlafsäcken, als auch Donnergrollen und zeitweise Regen einsetzen. In der Hoffnung, dass der Spuk bis morgen früh vorbei ist, machen wir die Augen zu.
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