• Hinter der Fassade Hanois

    18 ноября, Вьетнам ⋅ 🌧 18 °C

    Heute klingelte der Wecker früh, denn wir hatten eine Tour „unter der Oberfläche - unbekannte Kriegsgeschichten aus Hanoi“ gebucht. Bei kühlen 19–20 Grad und Regen mussten diesmal lange Sachen und die Schirme mit. Unser Guide traf uns – nach kleiner Verspätung unsererseits – eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant in einem kleinen Café. Wir hatten uns vertrödelt und dann 1-2 Grab verloren. Bei einem richtig guten vietnamesischen Kaffee führte er uns in die Kriegsgeschichte des Landes ein: eine 3000 Jahre alte Historie, geprägt von rund 2000 Jahren Konflikten davon etwa 1500 mit China. Ho Chi Minh hat den Kommunismus aus Paris mitgebracht.
    Anschließend ging es weiter zum ehemaligen Schwarzmarkt, der durch die Mangelwirtschaft mit der Teilung von Nord- und Südvietnam entstand. Noch vor zwei Jahren galt das Gebiet als gefährliche No-Go-Area. Hier verkauft nun jeder dasselbe – weshalb laut unserem Guide viel getrickst wird. Er erzählte, wie er selbst einmal vier kaputte Batterien in einer nigelnagelneuen Verpackung gekauft hat. Die vielen Nummern über den Läden dienen dazu, Stammkunden Ware dann direkt zu beliefern – oder um einfach schneller betrogen zu werden. Und wenn das nicht reicht, wird eben der Staat hintergangen.
    Wir liefen weiter an alten Arbeiterwohnblöcken vorbei, die stark an DDR-Zeiten erinnern – auf etwa etwa 21 qm wohnen vier Personen, oft ohne Fenster. Die Wohnungen sind verpachtet und können über Generationen weitergegeben werden. Viele Bewohner hoffen auf eine Modernisierung oder einen Abriss, weil sie dann Geld für einen Umzug oder ein neues Apartment erhalten. Wir durften sogar in einen Hausflur hineinschauen und bekamen einen Eindruck davon, wie unterschiedlich die Menschen dort leben. Der Brandschutzplan hing kaum sichtbar im Dunkeln, die Schilder für den Notausgang und der Alarm sind schon seit Jahren kaputt. Das beste Warnsystem ist hier der Straßen-Gossip. Einer der Vorteile wenn man auf so engem Raum wohnt. Das schweißt die Gemeinschaft zusammen.
    Auf dem sogenannten Skymarket, benannt nach der mysteriösen Herkunft vieler Waren („vom Himmel gefallen“), erfuhren wir, dass es in dieser Gegend keine großen Supermärkte gibt. Das Wachstum war so rapide, dass man vom Straßenmarkt direkt zum Online-Shopping gesprungen ist.
    Weiter ging es mit einem gemeinsamen Grab zur Kham-Thien-Ward-Statue.
    Ein Symbol des Hasses gegen die amerikanischen Feinde. Es ist ein Ort, um die barbarischen Verbrechen des amerikanischen Empires anzuprangern. Sie gedenkt der Bewohner der Kham-Thien-Straße, die am 26. Dezember 1972 um 22:45 Uhr von einem B.52-Flugzeug des amerikanischen Empires bombardiert wurden. Damals wurde versehentlich nicht entlang der Zugstrecke, sondern ein 3 km langer Abschnitt der Straße bombardiert, inklusive eines Krankenhauses. Bomben fielen bereits ab 18.12. zum 25. gab es Waffenstillstand, weshalb viele wieder nach Hause zu ihren Familien sind.
    287 Menschen starben, 290 Unschuldige wurden verletzt, 534 Häuser wurden vollständig zerstört und 1.200 weitere beschädigt. Unser Guide erklärte, dass die Sprengkraft teilweise nahe an einer Atombombe lag. Das Denkmal zeigt eine Mutter, die ihr sterbendes Kind im Arm hält und auf einer Bombe steht – sinnbildlich für den unerschütterlichen Willen zu überleben.
    Um das Trauma zu verarbeiten, gaben die Menschen ihren Hunden Namen amerikanischer Präsidenten wie Kimmi, Nix und John – nicht aus Hass gegenüber Nationen, sondern um Einzelpersonen (z. B. Nixon) die Verantwortung zuzuschreiben.
    Ein Sprichwort fasst die Mentalität Hanois zusammen: „Roller haben keine Spiegel – niemand blickt zurück.“
    Zum Abschluss ging es zur auf die Train Street mit ihren illegal erbauten Häusern direkt an den Gleisen. Sie wurde schon mehrfach offiziell geschlossen – aber jedes Mal kehren Anwohner*innen und Cafés zurück. Für viele Familien ist der Schienenstreifen Heimat und Arbeitsplatz zugleich.
    Dort erlebten wir auch zum endlich wieder die warmherzige Kinderfreundlichkeit, die wir in den letzten Tagen vermisst hatten. Kaum standen wir dort, bildete sich eine kleine Traube Frauen um die Zwillinge, alle wollten schauen, berühren, helfen. Damit Falk seine Trage ablegen konnte, landete Hanna kurzerhand auf dem Arm der Cafébesitzerin – und war damit bester Laune, während wir auf den vorbeiratternden Zug warteten.
    Mittagessen gab es dann später gemütlich in der Unterkunft. Unser Plan, am Nachmittag das Old Quarter mit seinen vielen Einkaufsmöglichkeiten zu erkunden, fiel buchstäblich ins Wasser. Wegen des Regens zogen wir mit den Mädels lieber in den Spielraum – der uns heute eine weitere Lektion in Physik bescherte: ein neues Veilchen fürs Unfallbuch.
    Nach dem Abendessen wollte keine der beiden einschlafen, und so zog sich der Abend über zwei lange Stunden, bis sie schließlich doch aufgaben.
    Als dann auch noch Grab uns im Stich ließ und ewig keinen Fahrer fand, stornierten wir und aßen einfach die Reste aus dem Kühlschrank. Ein turbulenter, langer, aber beeindruckender Tag.

    Viele „Alternative Tours“ in Hanoi werden übrigens von Locals geleitet, die aus eigener Erfahrung erzählen. Gerade in geschichtlichen Vierteln lohnt sich eine geführte Tour sehr – man erfährt Dinge, die kein Reiseführer erzählt.
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