• Katastrophen und die Welt von oben

    5 gennaio, Tailandia ⋅ ☀️ 32 °C

    Der erste Reisetag ist weiß. Wie ein unbeschriebenes Blatt, das Thailand diesmal nicht mehr ist.
    Am Anfang steht der Flug. In den Tagen nach Silvester der Vorbereitungsstress, der in einen ersten dramatischen Höhepunkt gipfelt, als sich das Erstellen des Online-Visums, das Thailand neuerdings fordert, wie befürchtet als schier unüberwindliche Hürde gebärdet. Vielleicht mit ein Grund, warum sich mein Körper auf den letzten Metern den Viren und Bakterien ergibt, denen er, umzingelt von lauter Infektiösen, bis dahin standgehalten hat. Zwei Tage vor Abreise erwischt mich eine schmerzhafte Halsentzündung, immerhin so rechtzeitig, dass ich mir am einzigen Werktag innerhalb einer Inflation von Sonn- und Feiertagen bei der Ärztin ein Antibiotikum verschreiben lassen und dieses besorgen kann. Es wirkt sehr prompt, und so verläuft die Fahrt nach Frankfurt am Sonntagmorgen wider alles Erwarten schmerzfrei. Am Gate Schrecksekunde, als ich feststelle, dass mir bei der Sicherheitskontrolle mein Handy abhanden gekommen ist. Spurt zurück zu den Durchleuchtern, die schon mit dem Teil winken, als ich angehetzt komme. Ich muss es aus Versehen in einer der hundert Wannen liegenlassen haben, in die meine Habseligkeiten beim Sicherheitscheck sortiert worden sind.
    Nach überwundenen Katastrophen sitzen wir zur Mittagszeit endlich im Flieger. Für die nächsten 10 Stunden heißt es aushalten als Sardine zwischen Sardinen in einer fliegenden Büchse, komprimiert auf 30 Zentimeter Sitzfläche, vollgestopft mit Gliedmaßen, Kissen, Decken, Fläschchen und Technik. Bewegen ist quasi unmöglich, das Aufsuchen der Toilette Schwerstarbeit in zahlreichen Akten, die man sich mehrfach gut überlegt, ehe man sie bleiben lässt. Auch die Bordmahlzeit eine artistische Herausforderung. Am geschicktesten wäre es, mit bei den Sitznachbarn untergehakten Armen zu essen, um den nicht vorhandenen Platz besser auszunutzen.
    Weit ist nur der Blick nach draußen, ins Blaue nach oben, ins Weiße nach unten. Frau Holle hat sich was Schönes für uns ausgedacht. Ein Flickenteppich aus grauen und weißen Vierecken, kubistische Schneelandschaft, wie sie Paul Klee oder Picasso malen würden, wenn sie noch lebten. Allzu rasch verschwindet die Bildkunst unter Wolken, übrig bleibt langweilige gebleichte Schäfchenwolle.
    "Deutschland von oben", sagt R. Und Deutschland ist dann bald Geschichte, die Eiseskälte auch.
    Was in 10 Kilometern Flughöhe nur dünne Luft ist, heißt unten Prag, Budapest, Brasov und Bukarest. Über dem Schwarzmeer ist es gleich weit bis zu meinem Sohn und seiner Freundin in ihrem Urlaub in Antalya und bis nach Donetsk im Krieg in der Ukraine. Wie weit ist es bis zum Frieden?
    Hinter Tiflis hören die bekannten Namen auf, und aus der Heimat wird die große weite Welt, die Herzklopfen macht auch hier oben. Längst ist es dunkel, die Wolkendecke hat mutiert zu einem schwarzen Schaf. Inmitten des großen Schattens, in den wir hineinfliegen, begleitet uns das Positionslicht des Flugzeugflügels wie eine Wegleuchte. Das Kaspische Meer sieht auf Google maps aus wie ein aufrecht stehender Frauentorso, an dessen Rücken sich Aserbeidschan schmiegt. Baku liegt im Hohlkreuz.
    Auf der anderen Seite folgt Turkmenistan mit Asgabad. In Afghanistan will R. nicht notlanden müssen, ich auch nicht. Auch nicht in den jungfräulichen Gebirgen, die keine Grenzen kennen und bis nach Pakistan reichen. Danach kommt Indien, dann etwas Meer und schließlich ein Zipfel Myanmar.
    11 Staaten haben wir überflogen und dabei 2 Dutzend Metropolen auf- und wieder untergehen sehen, namhafte und namenlose samt dem Netz der Milchstraßen, die das Universum am Boden miteinander verbinden. Diese Reise nach Osten ist soviel spannender als der Flug über einen einzigen blöden Atlantik mit ein bisschen New York oder Toronto zur Belohnung hintendran!
    Um 6 Uhr früh erreicht die Thai Air Maschine Bangkok und setzt zur Landung an. Die Immigration vollzieht sich, genau wie im Jahr zuvor, mit Lichtgeschwindigkeit, das idiotische Visum, das mich zuhause zur Verzweiflung gebracht und Weinkrämpfe gekostet hat, will niemand sehen. Thailand, wir kommen!
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