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  • Feb6

    Let's talk about Cambodia #4 Khmer Rouge

    February 6, 2020 in Cambodia ⋅ ☀️ 34 °C

    Teil 4 - Steinzeitkommunismus

    Die Militärdiktatur war gefallen, viele Menschen feierten im ganzen Land den Beginn einer neuen Zeit. Die Führung der siegreichen Kommunisten, die sich selbst Khmer Rouge nannten, versprachen eine egalitäre Gesellschaft. Wie das dann jedoch in Kambodscha ausgestaltet wurde beschreibt euch Jonas in seinem vierten Post über Kambodscha.

    1975 begann eine neue Zeitrechnung im nun sozialistischen Kambodscha. Die Revolution kam und sie fegte im Nu alles Alte hinweg. Staatliche Institutionen wurden neu strukturiert, Religion, Geld und Privatbesitz verboten. Doch was den Kommunismus in Kambodscha so von den anderen Formen des Sozialismus/Kommunismus unterscheidet, war die Brutalität und Menschenverachtung, die komplett neue Dimensionen erreichte.

    Eine egalitäre, gleiche Gesellschaft, so die Theorie, könne erreicht werden, wenn alle "gleich arm wären", wenn alle Bauern und Bäuerinnen wären.
    Dieser Grundgedanke führte dazu, dass alle Städte in Kambodscha leergefegt wurden. Nur drei Tage nach der Einnahme war Phnom Penh quasi leer. Jede*r hatte sich zu seinem Heimatdorf zu begeben, um dort auf dem Feld zu arbeiten. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden jedoch auch Menschen wahrlos Dörfern zugeteilt und später wurden die familiären und dörflichen Bande durch Umverteilungen weiter zerstört. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man sich die Lebensform in Kambodscha vor Augen führen. Oft wohnen mehrere Generationen unter einem Dach, die Verbindung zur Familie und auf dem Land auch zur Dorfgemeinschaft sind sehr sehr eng. Von der Familie verstoßen oder getrennt zu sein, bedeutet hier jedes sozialen Rückhalts beraubt zu werden. Die Khmer Rouge sprengten mit voller Absicht diese Bande und ließen viele Menschen auf sich allein gestellt zurück. Durch die Umverteilungen gab es in den neu zusammengewürfelten Gruppen keinen solchen Zusammenhalt und Widerstandskraft gegen die Willkür und Grausamkeit des Regimes. Man arbeitete gemeinsam mit Fremden auf den Feldern im ganzen Land.

    Von jetzt auf Gleich sollte die Produktion auf den Reisfeldern verdreifacht werden und das durch Arbeitskräfte, die noch nie auf dem Feld gearbeitet hatten. 12 und mehr Stunden arbeitete der Großteil der Bevölkerung auf dem Feld. Doch nicht um die eigene Ernährung zu sicher. Die Khmer Rouge exportierten einen großen Teil der Ernte nach China, um Waffen und Luxusgüter für die Armee und die Führungsriege finanzieren zu können. Die Bevölkerung hungerte und bekam während der harten Feldarbeit oft nur eine leichte Reissuppe pro Tag zu essen. Viele Menschen starben bereits nach wenigen Wochen.

    Doch nicht nur das führte dazu, dass unter dem Khmer Rouge ein Viertel der Bevölkerung starb. Sie machten systematisch Jagd auf jegliche Art von Intelligenz. Der Untergrabung des Bauernkommunismus verdächtig waren alle, die Bildung genossen hatten. So wurden Lehrer*innen und Akademiker*innen verfolgt, jede*r der*die eine andere Sprache sprechen konnte und auch Menschen, die einfach eine Brille trugen. Zudem wurden Minderheiten deportiert. Vor allem die vietnamesische Minderheit fiel dem nationalistischen Wahn zum Opfer. Und auch Nonnen und Mönche wurden interniert und getötet. Eine unglaubliche Masse an Vernichtungslagern verteilten sich über das ganze Land. Wir besichtigten die Killing Fields in der Nähe von Phnom Penh, wo zu Hochzeiten 300 Menschen pro Tag umgebracht wurden. Umgebracht von einem Regime, was zunehmend paranoid wurde. Grundlage für die Deportation konnte das "Stehlen" von zwei Bananen oder die erfundenen Anschuldigungen anderer sein. Nur der leiseste Verdacht den fanatischen Staat unterwandern zu wollen und sei es nur, weil man Liebesbriefe schrieb oder Hunger hatte, wurde bestraft. Die Menschen wurden dann so lange gefoltert, bis sie alles unterschrieben, was man ihnen vorlegte. Meistens gestanden sie ein, für amerikanische Geheimdienste spioniert zu haben. Danach wurden sie direkt in die Vernichtungslager deportiert.
    Nicht nur wurden unschuldige Menschen ermordet, nein auch ihre Familien fielen immer öfter dem Morden zum Opfer. Kinder der Opfer könnten sich ja rächen und gegen den allmächtigen Staat rebellieren, so die paranoiden Gedanken des Regimes.

    In Kambodscha geschah etwas, was auch in Deutschland vor 80 Jahren geschah. Die massenhafte Vernichtung von Millionen von Menschen. In Kambodscha waren es zwischen 2 und 3 Mio., bei einer Bevölkerungszahl von 8 Mio. Einwohner*innen. Umgebracht wegen einer verblendeten Ideologie, einer Idee von Gleichheit durch Armut, einer Idee davon lieber die Unschuldige umzubringen, als die Schuldigen vielleicht leben zu lassen.

    Doch wer tat dies? Wer machte sich dieser Verbrechen schuldig? Die führenden Personen waren teilweise gut gebildete Männer, die in Frankreich studiert hatten. Der Genosse Nummer Eins Paul Pot hatte während seines Studiums der Radiotechnik in Frankreich die französischen Kommunisten kennengelernt und war begeistert von Mao. Eine Begeisterung, die er in einer eigenen kommunistischen "Utopie" verarbeitete. Er selbst war in Kambodscha Lehrer und rebellierte gemeinsam mit anderen Lehrern gegen die französische Besatzung. Kollegen, die er wenige Jahre später vernichten lassen würde.
    Vernichten durch einfache Menschen, durch meist schlecht gebildete junge Männer vom Land. Rekrutierungstrupps kam in die Dörfer, wählten ein paar junge Männer aus und zwangen sie der Armee beizutreten. Ihnen blieb oft keine andere Wahl als zu folgen, sie wären sonst selbst Opfer des Regimes geworden.
    Ohne diesen Menschen die Schuld an den von ihnen verübten Taten abnehmen zu wollen, war es doch innerhalb der Armee kaum möglich zu widersprechen ohne sein Leben zu riskieren. Gut möglich, dass es auch viele gab, die an die Staatsideologie glaubten und deswegen im Namen der "guten Sache" Menschen töteten, doch gab es auch viele, die keine Wahl hatten als auf Befehl massenhaft Menschen zu vernichten.
    Im Verlauf der Jahre wurde das Regime immer paranoider, immer mehr Menschen wurden umgebracht und immer mehr Teile der Armee schlossen sich dem Widerstand gegen die Khmer Rouge an. Viele von ihnen flohen nach Vietnam.

    Nachdem auch die Vernichtungswut gegen Vietnamesen immer weiter zunahm und das Regime Kambodschas, auf Grundlage der historischen Grenzen des Khmerreiches, ein Auge auf das Mekongdelta geworfen hatte, griff Vietnam ein. Im Dezember 1978 marschierte der sozialistische Nachbar in Kambodscha ein und beendete 1979 die Herrschaft der Khmer Rouge. Diese zogen sich in den Nordwesten Kambodschas zurück, von wo aus sie einen Untergrundkampf gegen die vietnamesischen Besatzer führten.
    Vietnam hielt Kambodscha bis 1991 besetzt, weswegen der sozialistische Staat Kambodscha von vielen Staaten der Welt nicht anerkannt wurde. U.a. die USA, UK, Frankreich und Deutschland sahen bis weit in die 90er Jahre die Khmer Rouge als offizielle Vertreter Kambodschas an. Noch bis 1993 vertraten die Khmer Rouge Kambodscha bei der UNO und erhielten sogar Gelder aus dem Westen. Unfassbar, wenn man nun im Nachhinein darauf schaut...

    Was bleibt nun von diesem Schrecken? Ein internationales Gericht unter der Leitung Japans sollte die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufklären und die Hauptverantwortlichen verurteilen. Paul Pot starb bereits 1998 - wahrscheinlich in Gefangenschaft seiner eigenen Leute, die sich gegen ihn gewendet hatten. Wenige der Führungsriege wurden vor Gericht gestellt. Vom 2000 Personen umfassenden Führungskader wurden gerade mal drei verurteilt, zwei sind mittlerweile im Gefängnis verstorben. Insgesamt ein Armutzeugnis für einen internationalen Gerichtshof, der ein solch schreckliches Verbrechen aufklären soll.
    Dazu muss aber auch gesagt werden, dass die kambodschanische Regierung diesen nur unter Vorbehalt anerkannte und nicht eng mit ihm zusammenarbeitet. Hun Sen billigte nur die Verhandlung der oben genannten fünf Anklagen, keine weiteren Ermittlung oder Prozesse. Dies kann auch daran liegen, dass Teilen der jetzigen Regierung vorgeworfen wird, sie seien auch Teil der Führungsebene unter den Khmer Rouge gewesen. Der bekannteste Oppositionspolitiker (Ramsey) wurde wegen des Publikmachens dieses Vorwurfs gegen einige Minister angeklagt. Jahrelange politische Verfolgung waren die Folge. Das Hun Sen nicht will, dass diesem Vorwurf, unter der Leitung eines internationalen Gerichtshofes, weiter nachgegangen wird, scheint logisch.

    Die Aufarbeitung wird auch dadurch erschwert, dass das steinzeitkommunistische Kambodscha von der Außenwelt nahezu angeschnitten war. Einzig einige Diplomaten konnten offiziell einreisen. Es gab kaum Berichte über das Land und über die Gräultaten der Khmer Rouge. Es bleibt ein kollektives gesellschaftliches Trauma innerhalb der Bevölkerung. Denn viele Kambodschaner*innen haben die Zeit der Khmer Rouge noch miterlebt. In Gänze aufgearbeitet wird dies wohl nie. Eine gesellschaftliche Vergangenheitsbewältigung scheint unwahrscheinlich unter Hun Sen.
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