• Die bisher schönste Zugfahrt

    12 Eylül 2022, Norveç ⋅ 🌧 14 °C

    Der Umstieg hat wunderbar geklappt und damit sitze ich in einem kleinen Regionalzug nach Åndalsnes. Auch hier ist unerlässlich, eine Reservierungen zu besitzen. Hat man diese nicht, sitzt man vor der Tür. Da der Zug nur in Åndalsnes hält, kennen sich hier alle. Man lacht, man plaudert und alle sind guter Dinge. Die Mitfahrer, von denen der überwiegende Teil weiblich ist, ist eher älterer Natur. Sie zeigen mir gegenüber auch ein gesteigertes Interesse, merken aber schnell, dass sie mit Norwegisch nicht so weit kommen. Trotz nicht hervorragender Englischkenntnisse und einer ersichtlichen Anstrengung, nehmen Sie direkt den Kontakt auf. Ich erzähle von meiner Reise, von meinen Zukunftsplänen und was noch so erfragt wird.

    Als ich ausgequetscht bin, tönt aus meinem Rücken in schönstem Kölsch: " Wo jet et denn hin?". Aha, also ein Landsmann denke ich und dreh mich um. Im nun folgenden Gespräch stellt sich raus, der Herr ist vor 17 Jahren hier her gezogen, nach dem er sich in das Land verliebt hatte. Nun arbeitet er hier für einen Wohnmobil Verkäufer. Er erzählt mir viel über die Natur und den Landstrich hier. Auch, daß Geiranger im Winter keine Zufahrtsstraße hat. Er wäre sich noch nicht einmal sicher, ob im Winter dort Menschen wohnen.

    Doch am interessantesten ist, was vor dem Fenster passiert. Wer das nicht selbst erlebt hat, dem wird es schwer das zu beschreiben. Zunächst schlängelt sich die Bahn hunderte Meter über dem Tal, am Fels entlang. Im Tal einsame Gehöfte, kleine Siedlungen, Felder und Weiden. Dazwischen Wald und Wiese. Dann aber fährt man in eine Art Canyon. Auf beiden Seiten stürzen Wasserfälle hinab, die bei der Schneeschmelze in Mai und Juni, wesentlich mehr und reißender sein sollen, und fließen im Tal zu einem Fluss zusammen. Dieser ist so atemberaubend schön, daß ich meinen Blick für Minuten nicht abwenden kann....kristallklar und in den schönsten aller Blautöne, säuselt ein Fluss über sein weißes Kiesbett. Er unterquert Brücken, zieht an malerischen Landschaften vorbei und stürzt ab und zu in Stromschnellen oder Wasserfällen weiter hinab. Es ist unbeschreiblich schön....

    Dann geht es in einen Tunnel, wo der Zug eine Kehrtwende macht und nun tiefer sowie in umgekehrte Richtung am Fluss entlangfährt. Wir erreichen eine Brücke und über diese das andere Ufer. Entlang dessen geht es dann wieder eine Zeit, bis es über eine Brücke zurück auf die andere Seite geht. Während dessen hat sich die Umgebung auch gewandelt. Die Felsen sind gerade zu gigantisch geworden und wirken nun mit ihren Wolkenverhangenen Spitzen, ihrer Schroffheit und in der Abendsonne sehr bedrohlich. Die Trollveggen, ein Gebirgsmassiv, erscheint. Es ist einfach nur beeindruckend und erneut: unbeschreiblich.

    Nach Beendigung der Fahrt im 19.40 Uhr, bietet eine der Frauen mir sogar an, mich an meinem Hostel abzusetzen. Dankend nehme ich an. Dort angekommen, erwartet mich eine Überraschung. Es gibt keine Rezeption oder irgendwas. Also rufe ich die Nummer an, die ich gestern schon einmal gewählt hatte, um mich zu erkundigen bis wann der Check-In möglich ist. Da hätte ich es schon wissen müssen. Dort meinte eine Stimme aus dem Hörer, ob ich denn schon da sei. Natürlich war ich das nicht, meine Reservierung war schließlich für heute. Als er das verstanden hatte, fragte er mich, ob ich denn Einchecken wollte. Da wusste ich, er hatte es doch nicht verstanden, denn wie sollte ich aus hunderten Kilometer Entfernung einchecken ? Ich gab es auf und dachte, wird schon.

    Stellt sich raus: wird nicht. Ich rufe also an und sage, dass ich einchecken möchte. Dir selbe unverständliche Stimme sagt, er schicke seine Frau los. Die steht auch wenig später im Treppenhaus, jedoch wirkt es nicht so, als hätte ihr jemand bescheid gesagt. Ok, Problem erneut geschildert - es folgt ein Telefonat. Bei diesem Telefonat, kann ich Ihren man schon fast aus Ihrem Hörer kommen sehen, so sehr aggressiv redet sie auf chinesisch darein. Dann bedeutet sie mir mitzukommen. Wir gehen in dem ersten Stock und sie klopft an eine Tür. Keiner öffnet. Erneut klopfen - erneut Stille. Ok, jetzt fange ich an mir Gedanken zu machen.

    Mit Google translator und etwas englisch brocken erklärt sie mir, das Zimmer ist aus irgendeinem Grund doppelt belegt. Sie bereite das Kinderzimmer auf dem Flur für mich vor. Ich bin nicht picky oder abgehoben ABER: für 55 Euro die Nacht, bekommt man in Deutschland ein günstiges Hotelzimmer mit mindestens Frühstück. Ich bekomme dafür in Norwegen, ein Kinderzimmer das an den Hausflur grenzt mit Duftstäbchen drinn. Mein Kopf dreht sich jetzt schon, meine Nasenschleimhäute sind alles andere als glücklich, aber am schlimmsten sind die Kopfschmerzen. Selbst das entfernen der Stäbchen bringt nix, denn um diesen Geruch loszuwerden, müsste man das Haus abreißen und ein neues bauen.

    Immerhin lerne ich in der Wartezeit Vitali und seine Schwester Larissa kennen. Beide kommen aus Russland, doch Larissa lebt seit 11 Jahren in Trondheim. Dort arbeitet sie als Managerin einer Zahnklinik. Sie bietet mir an Mitzuessen. Es gibt eine Art Graupen oder so, mit Süß-saurer Soße. Dazu Matjes aus der Dose. Es schmeckt vorzüglich. Zum Nachtisch bzw. aus russischen Tradition gibt es anschließend einen Rooibos Tee.

    Ich bedanke mich vielmals und verabschiede mich...mein Gott diese Kopfschmerzen...naja, ist ja nur über Nacht. (An Muddi gewandt: müssen wa da was tun?)

    Für morgen habe ich schon etliche Vorschläge und Tipps zwecks Wanderungen bekommen. Ich bin gespannt, denn das was ich hier schon gesehen habe, macht sehr viel Lust auf mehr.
    Okumaya devam et