• 19 Wertingen/Frankfurt und Ende

    June 22, 2025 in Germany ⋅ ☀️ 33 °C

    Meine zweimonatige Radreise ist zu Ende nach 7 Ländern, 3650km, 55 Radeltagen und 45.000 Höhenmetern (inkl. Wanderungen).
    Noch niemals war ich in meinem Leben so intensiv auf mich allein gestellt, keine Freunde, Familie, höchst selten Menschen aus der Kultur, die Heimat prägt. Nach den 9 Monaten in Afrika und Asien frage ich mich jedoch, was genau das ausmacht. Mal schauen, wie lange dieser körperliche und geistige Zustand anhält und was ich zum Erhalt beisteuen kann.

    Die neunmonatige Reise haben Annette und ich hier dokumentiert:
    https://findpenguins.com/6wymzaeodiwyn/trip/669…

    Vielleicht ist Alleinsein (-Können) ein Schlüssel zum Glücklichsein, ich habe es, natürlich nicht immer, als einen Zustand empfunden, von dem alles möglich scheint.

    Auch die Reduktion auf das absolut Notwendige hilft, das viele Hab und Gut im normalen Leben neu zu betrachten. Mangel macht erfinderisch, in vielen Situationen war Improvisation gefragt.

    Achtsamkeit muss ich nicht aktiv üben sondern annehmen, sie kommt mir zugeflogen, viele alltägliche Tätigkeiten werden zu Ritualen und das Radfahren lässt großen Raum zum Nachdenken und Nichtdenken.

    Zuhause wartet ein Zimmer mit gemachtem Bett 🥰, Jule und Helen sind in der Auszugsphase, die anderen Mitbewohnis sind schon weg.

    Von Frankfurt musste ich Zugfahren (von München nach Hannover ist es exakt die Hälfte), damit ich an Proben und Entlassungsfeier meiner 25jährigen Kollegin Angelika teilhaben kann. Es ist aber auch genug auf dem Sattel! Einmal volles Brett Birkenhof Bildungszentrum vor den Ferien war gar nicht geplant, aber das Wiedersehen ist schön, vor allem mit der Aussicht in die Sommerpause zu gehen.

    Spontan buche ich nach perfekter Beratung 4 Nächte Weltbeat in Rudolstadt, das gehört in diesen Bericht schon nicht mehr hin, ABER:
    Nachdem sich bereits ein Kreis bei der Ankunft im April schloss (Harris aus Blantyre begrüßte uns in Hannover!!) startet das Festival mit viel Musik aus Mali, bei der, wie in Malawi, die 12/8 Rhythmen zelebriert werden und endet mit 'Dubioza Kollektiv' aus Mostar und verschiedenen Balkanländern, also alles auf meiner Route! Ich quatsche kurz mit Teilen der Band, Oha ist bei dieser Tour jedoch nicht dabei, siehe Footprint "Mostar", wir lachen über die gemeinsamen Fotos.

    Und nun zur letzten Radetappe, auf der beide Pannen des gesamten Trips passieren!

    Bei Fürstenfelsbruck finde ich das Pucher Meer, das sich als Badeteich entpuppt, immerhin mit FKK-Ufer. Von dort geht es westlich Richtung Augsburg, der Weitmannsee an der Lech bietet jeneits des Naturschtzgebietes abgemähte Wiesen, prima für die Nacht.

    Die große Schwester meiner Mutter lebt in Wertingen bei Augsburg, also direkt zwischen München und Frankfurt. Schön sich zu treffen bei Döner und Eisbecher, alte und neue Geschichten zu hören und von Verschwörungspraxis zur Theorie zu kommen. Ein paar Stunden später geht's über die Donau, der Wind bläst kräftig entgegen.

    Ein ruhiges Waldstück (keine Forst) nimmt mich auf, mit der Freikampier-Routine ist die Gewissheit, dass nichts und niemand im Wald gefährlich ist nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch angekommen.

    Im nächsten Flecken frage ich nach einem Bäcker, "es gibt einen Wagen" ist die Antwort. Während ich noch denke die Antwort wäre also 'nein' gewesen und dass im Balkan ab zwei Häusern jeder dem anderen irgendwas verkauft (wieso hier denn nicht?) schrillt mich eine Klingel aus den bösen Gedanken - es ist der Backwarenwagen. 😊

    Die Landschaft bei Schrattenhofen verstehe ich nur mit Hintergrundwissen. Ich wundere mich, warum die Straße plötzlich mit 150 Höhenmetern steil bergan geht, aber sonst ohne Erhebungen ist: Hier raste mit 20.000km/s ein Meteorit mit 30.000°C herab, erzeugte einen Krater von 300km (!) Durchmesser und der Glutauswurf bildet den Kraterrand über den ich strampele.

    Oben reißt mir eine Speiche, ich muss noch 20km zum Reparateur schaffen, es gelingt im 2. Anlauf inklusive gratis Radfachwissen sowie AFD-Sprüche. 😬

    Nach Rothenburg ob der Tauber wird der Radweg am Fluss besonders schön und ab
    Biberrehren verbindet die alte Trasse der Gaubahnsttecke das Tauber- mit dem Maintal. Rüben, Getreide und Arbeiter*innen nahm die Dampfbahn zwischen 1907 und 1992 auf. Die Erträge des fruchtbaren Ochsenfurter Gau's, also der wichtigsten Kornkammer Unterfrankens, wurden 85 Jahre verteilt und bietet nun schon seit 30 Jahren einen tollen Radweg, der mich an den Main führt. So schlafe ich nachts im Waldbett und fahre tagsüber auf dem Gleisbett. Wer jetzt denkt, ich könnte einfach dem Main bis Frankfurt folgen, werfe einen Blick auf die Karte!
    Bis Würzburg passt's, nette Leute beim Ruderclub, Schwimmen im Fluss, wenn nicht gerade ein Hotel vorbeschifft - krasser Scheiß.

    Nun aber hurtig nach Frankfurt, zum ersten mal will ich auf Termin irgendwo ankommen, mir wird bewusst, wie unglaublich frei ich die Wochen unterwegs war. Nie wusste ich morgens, wo ich abends ankommen werde.

    Katrins 50ster Geburstag ist rundum superschön, Menschen (logo!), Location, Speis&Trank und gemeinsames Musizieren mit Anne und Team. Da bleibe ich doch gleich 3 Tage! 🥰

    Bei 30° trifft sich hier die Welt-Ironmen-Szene am Sonntag, alles gesperrt und viele Scherben. Den Reifen bekomme ich nicht geflickt und so muss ich auf der Felge den Mantel ruinieren Dank Zugbindung. Ich freue mich verschwitzt, dass es knapp gepasst hat.

    In den Hainhäuser Weg geht es also sehr entschleunigt-achtsam schiebend.
    Noch ein paar mal schlafen, dann sehe ich meine große Liebe wieder, natürlich zur Silberhochzeit! Annette vermisse ich im Kontext 'zu Hause' viel mehr, als 'unterwegs' - ganz aufgeregt werde ich sein, wenn wir uns wieder haben. 😍
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