Medellín - Comunas, Drogen & Veränderung
Nov 30–Dec 5, 2024 in Colombia ⋅ ⛅ 27 °C
Mein erster Abend in Medellín, ich sitze auf einer Parkbank und beobachte das Treiben: Kinder malen vorgedruckte Bilder auf kleinen Leinwänden mit Wasserfarben aus, daneben der Rapper mit seinem tragbaren Lautsprecher, Hüpfburgen, Streetfoodstände rechts und links, die Weihnachtsdeko blinkt, im Restaurant gegenüber schreit der Kommentator des Fußballspiels, Autos (weniger dick als erwartet) mit dröhnendem Bass fahren vorbei. Meine Arepa und der frische Guanabana Saft sind so lecker.
Ich verbringe entzerrte Tage, lerne über die Historie und Entwicklung der Stadt, trinke den besten Kaffee, lerne viele verschiedene Nachbarschaften (Comunas) und deren engagierte Bewohner*innen kennen und lasse mich auf den Trubel ein - diese Stadt begeistert mich!
Besonders eindrücklich sind für mich die Begegnungen und Geschichten der drei Comunas, die ich besuche. So verschieden sie auch sind, zeigen sich auch viele Gemeinsamkeiten: Rote, unverputzte Backsteinhäuser, teilweise aufeinandergebaut, Stromkabelsalat, steile Hänge, enge Gassen, viele Treppen, unglaubliche Aussicht auf die im Kessel liegende Stadt, an den öffentlichen Nahverkehr angebunden mit Gondeln. Gebaut wurde hier ohne Genehmigung und Stadtplanung wegen Wohnraummangel. Nach 10-11 Jahren ist ein Haus dann legal. Die Anerkennung des Viertels und damit Anbindung an die städtische Versorgung bzgl. Bau von öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, ärztliche Einrichtungen oder Sportanlagen kommt erst Jahre später. Die Entwicklung eines Viertels und die Schaffung von Möglichkeiten liegen lange bei den Menschen, die dort wohnen. Der Kontrast zu Deutschland könnte nicht größer sein.
Die wohl bekannteste Nachbarschaft ist die Comuna 13, auf 70 km2 wohnen ca 200.000 Bewohner*innen in 16 Vierteln. Die Comuna war früher vor allem bekannt für die viele Drogenkriminalität nach dem Tod von Pablo Escobar. Unser Guide erzählt von seiner Kindheit inmitten von Drogenhandel, Schutzgeld-Zahlungen, Militäroperationen und der Transformation der Gemeinde. Er betont die Relevanz der Zugänglichkeit des Viertels durch die Unterstützung der Stadt mit dem Bau der Rolltreppen, Wasser- und Stromversorgung uvm sowie der Kunst als Protest- und Erinnerungsbewegung. Die Historie und Kunst ziehen nun hunderttausende Touristen an und nach vielen Jahren gibt es zahlreiche Job-Möglichkeiten, die nicht im Gang- und Drogen-Business liegen.
Heute ist der touristische Teil der Comuna geprägt von bunter Straßenkunst, Kleinkünstler*innen, Souvenir- und Snackläden, Bars mit lauter Musik und endlosen Motive für das perfekte Instagram Bild. In diesem touristischen Treiben finde ich meine Abenteuerlust in den Seitenstraßen. Ich komme mit einer lokalen Künstlerin ins Gespräch und erweitere meinen Souvenirbestand.
Nicht jede Comuna erhält solche Unterstützung der Stadt und muss sich vieles weiterhin selbst erschließen. Über einen Kontakt kann ich die Randbezirke der Comuna 6 entdecken, die noch mitten im Aufbau steckt. Stromkabel und Wasserleitungen sind wild gelegt, neben den typischen roten Ziegelbauten sind viele Holz- oder Plastikkonstruktionen zu sehen, es gibt keine betonierten Straßen. Hier lerne ich über den Prozess der Entstehung neuer Viertel. Ich bin beeindruckt von der Initiative von Erika und Pablo, die sich Themen wie Abtransport von Müll, Versorgung durch Aufzucht von Küken und anschließende Verteilung, Unterstützung bei Schulutensilien, Schulungen von freiwilligen Frauen für die Herstellung und Verteilung von Hygiene Artikeln, Unterstützung für Kinder und Senior*innen uvm. widmen. Große Empfehlung für einen Spaziergang mit Pablo nur empfehlen (+57 (304) 355-1936).
Die letzte Comuna, die ich erkunde, ist Comuna 8.
Hier sind wir noch mehr außerhalb, es ist richtig grün! Was Musik und Kunst für die Verändwrung von Comuna 13 war, ist hier der Kaffee.
Wir besuchen die Kaffeeplantage von Rosas Familie und lernen über die Entwicklung des Landes, den Anbau und die Ernte. Im passenden Outfit schlängeln wir uns durch die Reihen des eng bepflanzten Berges, pflücken rote Bohnen und sind beeindruckt von der Effizienz der Profi Plücker*innen (in 8 Stunden 300kg Bohnen). Wir starten den Prozess der Verarbeitung unserer 1.5 kg schweren Ernte (dafür würden wir nur ein paar Cent bekommen). Nach der Auslese wird die Schale entfernt, die Bohnen 4 Tage fermentiert und für ca 1 Monat getrocknet. Für die Zubereitung des Kaffees werde ich mir merken und anwenden: Medium roast, 7 gr für 100ml und 3 min brühen.
Rosas Familie arbeitet eng mit einem mir bekannten Café in Köln zusammen, wie klein ist bitte die Welt? Ich weiß, wo ich ab jetzt meinen Kaffee kaufe!
Unser Guide David war mega nett, spricht super Englisch, kommt aus Medellín. Schade, dass ich keine Zeit mehr für eine Essens- oder Früchte-Tour mit ihm habe. Auch hier große Empfehlung +57 301 2328538.
Das Zentrum erschlägt (im positiven Sinne) mit Reizen von allen Seiten. Straßenverkäufer mit Lautsprechern, Staturen von Botero, endlose Marktstände mit Schuhen, Kleidung, Kappen. Ich laufe im Menschenstrom, in der einen Hand eine frische Mango, die andere auf meiner Tasche. Es ist eine unübersichtliche aber gute Stimmung, ich fühle mich sicher und Teil vom wuseligem Leben in Medellín. In kleinen Cafés gibt es Ruhe und guten Kaffee, überall gibt es handgemachten Schmuck. Im geschäftigen Markt Placita de Floréz könnten die Eindrücke nicht vielseitiger sein: frisches Fleisch, von der Decke hängen ganze Schweine, frische Schnittblumen, Deko bis unters Dach gestapelt, unbekannte Früchte, duftende Kräuter. Ich trinke frischen Curubasaft bei Gloria. Wir sprechen alle Sprachen und lernen voneinander. Wir unterhalten uns über einheimische Früchte, das Leben in Kolumbien und Deutschland, ihre Familie - so eine herzliche Begegnung.
Medellín hat mich mit seiner Vielfalt, Geschichte und den Menschen so beeindruckt und begeistert.Read more






















Traveler
Ja, die vielen Boteros sind schon schön. Soviel Kunst in der Stadt.
Traveler
Unsere Blondie mit nem Botero - schön
TravelerDie Frage kommt vermutlich nicht überraschend: Welches Café in Köln?😃☺️