• Albetabakery II

    November 10, 2023 in Greece ⋅ ☁️ 13 °C

    Eine Flaumfeder setzte sich von irgendwoher auf meinen Unterarm. Ich ließ sie dort, bis sie in einem unbemerkten Moment wieder verschwand. Ich stellte mich hinter die Angler, die aus dem etwas brackigen Wasser der Bucht von Thessaloniki tatsächlich noch Fische holten, gestern Abend einen weißen kleinen Oktopus. Angler, die mich an Istanbul erinnerten, Galata-Brücke dort, auch die junge Bankangestellte, die von nebenan aus dem Café Kaffee holte, in Istanbul die kleinen çay gläser, die hin und hergetragen wurden. Gestern stellten wir fest, dass Istanbul fast auf der gleichen geographischen Breite liegt, für die Jungs eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte es bisher weiter im Norden verortet.
    Wie langsam eine Stadt vertrauter wird, die erst fremd ist. Die erste Busfahrt vor drei Tagen. Inzwischen kenne ich die Straßenführung, finde ich mich in den in geraden Winkeln angelegten Straßen zurecht. Unten ist immer das Meer. Die laladika ist das einzige Viertel, das einen Brand überstanden hat. Die Häuser sind nur zweistöckig, jetzt voller Restaurants und Nightclubs. Gegessen und geredet wird immer. Etwas reicher und von Wärmestrahlern am Abend angenehmer gemacht an der langen Promende, etwas studentischer weiter oben in der Nähe der Ausgrabungsstätte aus der Römerzeit oder an der Hagia Sophia, die wir gestern nur in der Nacht sich in den Himmel wölben sahen. Auf die Römerzeit blickt man dort hinunter, fünf Meter Geschichte.

    Gestern eine Fahrt übers Land. Schon bald nach Thessaloniki Felder, die ein wenig zu den überraschend bewaldeten Hügeln von Chalkidiki ansteigen. Wir nehmen die Route am Meer entlang. Die Ausblicke, die Häuser, die Straßen erinnern an Kreta oder an Rhodos, in den letzten Jahren zur selben Jahrezeit bereist. Die Sonne glitzert herbstlich schräg über dem Wasser. Eine weissblaue Kirche steht am Wegesrand. Wir lesen eine Geschichte an ihrer Wand, die so nicht wahr gewesen sein kann, sich aber so weiter getragen hat und ausgeschmückt wurde. Ein Innenraum, bei dem man fast den Kopf einziehen muss. Die Wände bemalt, die Motive im Stein verblasst, winzige Kapelle mit 12 Holzstühlen an den Wänden und einem mit roten Vorhängen abgetrennten Altar. Winzig. Draußen eine Katze, verwelkte Blätter über Wellen, Melancholie des Herbstes. Man wartet auf den Regen, wie der junge Mann in einem Retsaurant auf deutsch erzählte. 2005 aus Deutschland zurückgekehrt. Es ist ein angenehmeres Leben hier, sagt er, nicht ganz so leicht. Es sind außer uns keine Gäste da. Der Friseur und der kleine Supermarkt an der Ecke schließen. Fine stagione.

    Die Plätze in der Bäckerei sind gefüllt. Ein Paar am Fenster, neben mir zwei Männer, Handys, leerer Blick, gegenüber zwei Frauen über Papieren, die sie durchschauen. Leben, Gespräche.

    Auf dem Platz hat eine Bundestagsdelegation einen Kranz in Erinnerung an die Judenverfolgungen hingelegt. Zum Glück hat dieses deutsche Weltreich in der größten Ausdehnung nur drei, vier Jahre gedauert, bis es von außen zerstört wurde. Diese Geschichte begleitet unsere Gespräche zu den Ereignissen gerade in der Welt.
    Read more