• Matthias Helwig
  • Matthias Helwig

Gut

Täglich den Spuren folgen, die das Herz einem legt Read more
  • Trip start
    September 24, 2023

    Gut Nantesbusch, Leithen und Haarsee

    September 24, 2023 in Germany ⋅ ⛅ 8 °C

    Heute im schönsten See des Fünf Seen Landes geschwommen nach einer kleinen Wanderung entlang der Loisach, im Wald, über fast schon verfaulte Äste, nasse Moorwiesen, Wege an bucklien Hügeln vorbei, jeweils besetzt von Anwesen, die eine lange, manchmal dunkle Geschichte haben, von denen inzwischen von Efeu überwucherte Bunker zeugen. Mittagessen mit Innsbrucker schnitzel und Zwetschgendatschi mit Sahne wie immer in Leithen, Ausblicke zuhauf zwischen Hohenlinden und Mürrnsee, Gefühl von Weite bis zu den Bergen, auf denen ich gerne stehen würde. Der See in dem ich mich bewegen, ist der Haarsee, von mit entdeckt auf einer Wanderung mit meinem Vater 50 Jahre zuvor. Damals war das Gut noch ein Gasthaus. Ich verfolge die schimmernden Wellenlinien in dem fast schwarzen Gewässer..Gedanken wie immer an fiktive Figuren in meinem Kopf, eine ganze Familie, Historie. Warum? Das Bad war wunderbar. Ich fahre heim und die Hügel schwingen in grünem HelldunkelRead more

  • Wasserplätschern in Haifa

    September 30, 2023 in Israel ⋅ ☀️ 29 °C

    Plötzlich Israel. Haifa. Aus einem Namen wird ein Ort, wird eine Geschichte, werden Menschen. Im Moment Frühstück in dem Hotel Bat Gatlim. Kleiner Innenhof, Holzterrasse, Tisch und Couchelemente, loungig, Wassergeplätscher aus mehreren Wandauslässen, mal höher, mal tiefer angebracht, in rechteckige Becken sich ergießend, kleine Bar, an der ich gestern nach einem langen Tag noch einen NAZARE trank, auf Rumbasis. Danach ins Bett gewankt, ein Rauschen gehörte, ich dachte, es wäre ein naher Verkehrsträger, doch es war das Meer. Noch gesehen in der Nacht, gelblich erleuchtet von den Lichtern einer sandigen Strandpromenade. Glitzern von anderen Küstenorten und Schiffen über dem dunkelblau heranwogenden Wasser. Die Lichter sind nahe dem Libanon. Levante, Libanon, was für klangvolle, historisch aufgeladene Namen, jetzt besetzt mit Kriegsangst, Waffen, Hass, Religion, Macht, Rechthaberei. Bisher natürlich nichts zu spüren. Touristenattitüden. Anflug über karges Land, Siedlungen und immer wieder Siedlungen, rechteckig oder kreisförmig auf Bergen und in den wüstenartigen Bergen angelegt. Abholen des Mietautos, Begutachten früherer Schäden, Ausfahrt schon mit Navi, Fortschritt zu früheren Reisen, Vorbeigleiten an den Hochhäusern von Tel Aviv, immer wieder anderen in weiss gehaltenen Hochhäusern, vieles im Neubau, nur im Skelett oder halb vollendeter Fassade. Das Land ist klein, we are a small country, gleich zweimal gehört, aber auch ein junges Land. Und ein freundliches. Sofortige hilfsbereite Antworten und Auskünfte. Hier der Parkplatz für die Nacht, am Strand dann für den Tag, dort ein gutes Restaurant und so weiter. Schabbatabend in der Innenstadt. Pizza am Straßenrand, um das intensive Hungergefühl zu stillen. Busse, die halten und fahren, auf einem steht Grand Kanton. Eine Frau, die wartet, in grünem Kleid. Eine Gruppe dunkelhäutiger Mädchen in weissen Kleidern, irgendwie religiös, die die Straße überqueren, sonst pulsierendes südländisches Leben. Es ist warm, die Läden und Schnellimbisse, die Obst- und Gemüstestände haben offen. Verständigung auf englisch. Schrift leider nicht lesbar. Das Filmfestival im hellen Licht, fast alles ausverkauft, keine Übersetzung in einem dechiffrierbaren Programm. Eine Ausstellung eines polnischen Künstlers mit von ihm konzipierten Plakaten berühmter Filmtitel. In einem Park unter einem weissen Dach Menschen auf Couchen, Monobloc-Stühlen und Sitzkissen. Sie lauschen einer Band vor einer Filmfestival Wand. Abschlussong I DID IT MY WAY, aber leider viel zu hoch intoniert, so dass es fast schmerzt. Umgeben von Verkaufsständen für Kleidung und Schmuck. Darüber die warme Nacht.

    Haifa also. Morgen. Haifa an einem Berg. Weit oben die Stadt. Hängende Gärten, deutscher Boulevard, mal schauen was wird, Haifa, Anlaufstelle von vielen Flüchtlingen nach dem Krieg, Haifa Hotel Bat Gatlim, zum Ausgang hin zwei Duschen für Strandbesucher, der Sand ist nur 200 Meter weg. Palmen, die in den noch nicht ganz blauen Himmel ragen, hebräische Töne von den Couchen. Lo heißt Nein, Kim heisst Ja, effo oder so ähnlich Wo?, tota danke.
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  • Regen in Haifa

    October 2, 2023 in Israel ⋅ ☁️ 25 °C

    Die Wolken den Tag über hatten es schon angekündigt. Es regnete in der Nacht. Das Rauschen der Wellen vermischte sich mit dem des Regens. Als müsste es meine Gedanken an den Herbst verstärken. Sie sind immer verbunden mit diesen Tagen auf südlichen Mittelmeerorten oder -inseln. So kraftvoll besetzt während der Corona-zeit in Kreta oder auf Zypern oder Rhodos letztes Jahr. Dazu die mittelalterlichen Mauern und Gassen, Festungen gegen das Meer und gegen die Feinde, seien es die Piraten, die Römer, die Spanier, die Türken oder Napoleon bei der Stadt Akko hier unweit von Haifa. Wer Akko nimmt, nimmt die Welt, soll er gesagt haben. Die Gassen heute sind dem Tourismus völlig verfallen. Natürlich schön das Theaterfest an verschiedenen Stellen. Vor einem Tor üben drei dragqueen-verkleidete Frauen ihre abendliche Performance in großen, in der Luft schwebenden Ringen. Auf der Fussballfeld weitläufigen Stadtmauer stehen nur vier Stühle als Theateraufbau auf einer schwarz drapierten Bühne. Etwas weiter schweifen die grellen, zur Technomusik rhythmisierten Scheinwerfer über die ausgedörrte Glasfläche. Die Musik kämpft kurz gegen die Aufforderung zum Gebet des Muezzin an, dann wird sie leiser gedimmt. Der Muezzin Lautsprecher ertönt vom Minarett der Moschee. Ein grünes Neonlicht ist entlang seines umlaufenden Balkons angebracht. Es leuchtet vor einem überwältigenden Abendrot. Abendrot schlecht Wetter droht. Heisst es so? Oder geht der Spruch anders? Ich rätsle. Der spätere Regen scheint es eher zu bestätigen.
    Begonnen hat der Tag mit Kino und noch davor mit Parkplatzsuchen, einem redseligen Parkplatzwächter, der auf die horrenden Preise hinweist. Israel ist teuer. Die Menschen müssen mehr verdienen oder Essen gehen und Kino sind eben Luxus, teurer als bei uns.

    Seltsam, die Kurzfilme eines Landes in dem Land selber zu sehen. Plötzlich sind die Bilder nah. Ja, draussen sieht es so aus, stehen diese Häuser, bewegen sich die Menschen innerhalb dieser Zeichen und Chiffren. Die Kurzfilme haben ein Motto, zuerst Väter und Söhne. Zwei Filme gehen über den Konflikt der sexuellem Orientierung gegenüber einer streng religiösen Welt. Der nächste Film ist aus der arabisch sprechenden Welt. EIne Nacht, in der die Rächer kommen können, Vater und Sohn alleine sind, Bekanntes und
    Familiäres austauschen, während immer wieder Lichter auf den verschwommen farbigen Türgläsern auftauchen und verhuschen: Es könnten die Rächer sein. Am Morgen werden sie endlich kommen.
    Der letzte Film ist eine kleine nette Vater Sohn Geschichte. Beide gehen zum Fischen. Der Sohn sagt, Mama hätte gesagt, es gäbe keine Fische mehr in dem See. Doch der Vater hat vorgesorgt und einen gekauft, den er an den Angelhaken fabriziert.
    Der zweite Kurzfilmblock geht über den Tod und hat den stärksten Beitrag gleich am Anfang. Israel, die Wüste waren einmal der Boden des Tethys Meeres aus der Urzeit. Auf dem Gipfel in dieser Wüste befindet sich ein Haus, in dem man sterben kann. Ein alter Mann kommt, muss Formulare unterschreiben. Da ist das Leben ja billiger, sagt er dabei, als die beiden verwalterinnen dieses Hauses die Kosten für das selbstbestimmte Sterben nennen. Jüdischer Humor. Er verabschiedet sich, auch von seiner Tochter ein letztes Mal am Telefon. Gieß den Platanenbaum, sagt er, morgen. Dann nimmt er die verschiedenen Gifte. Er sitzt auf einem Stuhl und schaut über die Wüste. Später räumen die beiden Angestellten des Hauses die Sachen auf für den nächsten Kunden und im Abspann geht der alte Mann in die Wüste hinunter, tanzend.

    Im zweiten Film stürzt sich ein Mädchen eine Klippe hinunter, trifft danach auf Uriel, wird ins Leben zurückgeschickt, stürzt sich nochmals von der Klippe, um am Ende gemeinsam mit Uriel ins Leben zurückzukommen. Ein bisschen unausgereift, aber nicht schlecht.

    Der letzte war ein Dokumentarfilm über einen palästinensischen Transmamm oder muss man sagen Transfrau. Also sie ist ein Mann und lebt als Frau. Lebte. Sie starb, weil sie mit all den Verfolgungen nicht zurechtkam, kein Asyl in Israel erhielt. Nicht überzeugend...

    Nach dem Kino die Fahrt hinaus auf den Mount Carmel. Lichter Wald, sandiger, fast staubig weisser Boden. Ein Haus auf der hochgelegenen Lichtung, vergittert, Reste eines Kamins, auch Halterungen von Waschbecken. Warum? Was war da? Ein verschlossener, tief hinunterreichender Brunnenauslass vor dem Haus. Ansonsten von Motorrad- und Kradspuren durchzogene Pfade. Ein Ort, der viele Geschichten kennt, Ausflügler, Familien, Liebesuchende aller Art, Geologen...

    Die Sonne kommt hier auf der Frühstücksterrasse des Hotels Bat Galim heraus, der Himmel wird blauer und blauer, der Wind bewegt die langen Blätter der Palme über der Mauer, die den Innenhof des Hotels umgibt. Wie schnell die Zeit vergeht. Gestern Abend dachte ich auf der Heimfahrt von Akko, dass ich ja erst 24 Stunden in Israel bin. Und schon kommen einem die Straßen bekannt vor, kennt man die Richtungen, den Bergzug, das Meer, die Promenade, den Weg zum Hotel, den Laden an der Ecke mit den Obstauslagen im Neonlicht.

    Nach dem Berg Karmel, der natürlich mit den Karmelitern und dem Propheten Elia zu tun hat, Fahrt durch die Ebene nach Akko, aber ohne dass viel von diesem Ort in mir hängen blieb. Vielleicht der Aniskringel, in einem Supermarkt gekauft, oder der Blick auf einen Parkplatz am Fuß der Festungsmauer. Man würde heute dafür nicht mehr Gebäude opfern, aber damals in den 70ern und 80ern hat man dem Auto rigoros Platz gemacht. Nun stehen sie da neben den alten Festungsmauern und am Ende der Treppe aus der alten Stadt hinaus, auf der früher bestimmt die Fischer zu ihren Booten gingen. Stehen im wahrsten Sinne des Wortes im Weg. An diesem.Platz das überall gerühmte und auch bei uns wohl durch einen Bericht bekannte Fischerrestautant Uri Buri. Mit Goldlettern steht der Name an der Aussenwand aus Sandsteinquadern. Aber der Platz wirkte unwirklich für mich, auch trotz der darüber hängenden Glühbirnen. Vielleicht fehlte einfach die Sonne oder die Menschen. Sie kommen wohl später in diese künstliche Museumswelt.

    Zum Abschluss des Tages ein Restaurant unweit des Hotels direkt am Meer. Aufgetischt wurden 15 Platten mit Starters, Salaten, Cremes, andere Delikatessen. So etwas hatte ich erst einmal erlebt, mit Gülay in Mersin vor vielen Jahren, aber das ist ja auch gar nicht so weit weg von hier...
    So vollgegessen war ich schon lange nicht mehr...
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  • Nächtliches Baden an der Levanteküste

    October 3, 2023 in Israel ⋅ ☀️ 25 °C

    Das ist eigentlich schon alles Erzählenswerte eines Tages für die Erinnerung. Nicht weit vom Hotel Bat Gatlim liegt der öffentliche Strand hinter einem umgitterten Basketballfeld und einem ebenso eingezäunten Handballfeld. Eine relativ kleine Sandfläche führt zum dunklen Meer. Die rot leuchtende digitale Uhr auf einem Gebäude mitten drin sagt 21.05 Uhr. Es ist dunkel. Das Meer ist schwarz. Im Hintergrund die Lichter der Küste nach Libanon, wahrscheinlich auch von Akko. In einem Meer muss man auch baden, denke ich und lege die über den Tag staubig gewordene Kleidung ab. Das Wasser ist sehr warm, viel wärmer als die Luft, und irgendwie weich, wiegt mich hin und her, wölbt sich ohne Farbe auf. Vom der Straße leuchten zwei Scheinwerfer, zwei weitere nächtliche Schwimmer kommen. Ich bleibe noch ein bisschen im Wasser.
    Ansonsten unnütze schwere Gedanken, die in der Nacht dann wahrscheinlich zu den Bauchschmerzen führten, und natürlich Bilder der gesehenen Kurzfilme und Filme. Die Kurzfilme über Beziehungen diesesmal, alle nicht besonders, aber doch auch etwas aufzeigen. Eine Frau, die bei einem Date mit einem sich ständig aufspielenden Mann beschließt, sich den richtigen Mann zusammenzuschneidern, mit ihm tanzt, ihm die Sprache gibt, die er schnell lernt, und wieder zu dem gut aussehenden, in Wörthersee redenden Mann werden lässt.
    Oder ein Coronafilm. Beim Backen einer Karottentorte entwickelt eine Frau ihre Phantasien, mit einem Mann über Twitter und über ihren Nachbarn, den sie durch die Wand hört.
    Unbedingt wollte ich den in Cannes ausgezeichneten BLAGAS LESSON sehen. Sold out, hieß es, da kann man nichts machen. Ich stellte mich vor den Eingang. Menschen strömten hinein, alles voll. Dann schlossen sich die Türen, keiner hatte eine Karte zurückgegeben. Ich sah, dass Leute bei einem anderen Eingang eingelassen wurden, ging dorthin. Ein älterer Mann stand dort, irgendwie wie aus einem Film. Ich fragte ihn, ob es denn keine Chance gäbe hineinzukommen und er zwinkerte und wies mit dem Kopf einfach hinein. Eine ganze Reihe war frei. Ich setzte mich in die Mitte. Ein junger Mann kam, setzte sich neben mich, legte seinen Rucksack ab und stand wieder auf und ging. Immer noch nicht begann die Vorstellung. Weitere Besucher füllten die Reihe auf. Es war inzwischen zehn Minuten nach dem angesetzten Beginn. Das Licht ging aus und noch immer kamen Besucher mit Karten, genau in meine Reihe. Taschenlampen flackerten auf Handys auf. Eine weitere Dreiergruppe zwängte sich durch die Reihe, angeführt von einer sehr alten Frau mit einer Karte in der Hand, immer in meiner Richtung. ... und ging vorbei. Endlich schien der Film zu beginnen. Aber was machte der Rucksack unter meinem Sitz? Warum hatte der junge Mann ihn abgestellt, war eine Bombe darin? Die ersten Bilder zeigten eine ältere Dame in dem Ort Shumen, die ihrem verstorbenen Mann, einem Ex-Kommunisten ein Grab auf einem Friedhof geben sollte. Der Friedhofswärter war korrupt, verlangte Geld für den Platz und für jedes inzwischen verbotene Insignum auf dem Grabstein. Ich dachte an den Rucksack unter meinem Sitz, spürte ihn an meinem Bein. Da zogen sich rote und grüne Streifen durch das Bild auf der Leinwand, für mich nichts Neues. Sie würden einen Neustart des projektors machen müssen, aber es dauerte hier noch viel länger als wie bei einer Schicht mit einem unwissenden Vorführer in Gauting, bis sie reagierten. Endlich ging das Saallicht an. Ich schaute zum Eingang. Kamen etwa noch andere Besucher und wollten auf den von mir einfach so in Beschlag genommenen Platz. Ich sah den alten Wärter - und ergriff den Rucksack zu meinen Füßen, zwängte mich an den anderen vorbei, sagte ihnen, dass ich gleich zurückkäme, und übergab dem Alten den Rucksack, kehrte an meinen Platz zurück, erwartete noch, eine Explosion irgendwann zu hören, sah das Licht ausgehen und erst einmal einen anderen Film. Es war der nächste, wie ich zwei Stunden später feststellen sollte. Noch eine Pause und dann Blagas lesson.
    Die Protagonistin wurde Opfer der Telefonerpressung. Erst letzte Woche hatte ich in der SZ auf Seite Drei gelesen, wie es letztendlich jeden erwischen kann, einfach durch ständigen Druck. Die 70jährige Blaga wird von einem fiktiven Polizisten angerufen, der sie schließlich wirklich veranlasst, all ihr Geld, das sie für das Grab ihres Mannes ausgeben wollte, aus dem Fenster zu werfen und sich angstvoll hinter die Brüstung zu ducken, immer den Anweisungen folgend. Als sie zur Polizei geht, realisiert sie, dass sie alles verloren hat. Sie muss Arbeit suchen, doch wer nimmt schon eine 70jährige. Man fordert sie auf, zur Prävention ihre Geschichte zu erzählen doch zur Scham kommt danach noch die Häme. Die Boulevardpresse fragt, ob sie senil wäre. Und der korrupte Friedhofswärter verlangt mehr und mehr. Das einzige Geld, was sie verdient, ist der Lohn für die Privatstunden für eine Armenierin. Sie will Bulgarin werden. Was heisst das eigentlich? Welche Werte will man bekommen, in welches Volk eintreten, eine Frage, die durchaus auch für uns gültig ist. Blaga antwortet auf eine Anzeige, in der ein Kurier gesucht wird. Sie nimmt das Auto ihres Mannes und es stellt sich heraus, dass sie nun das Geld abholen soll, das Menschen aus Angst aus Fenstern werfen oder irgendwo deponieren. Blaga verdient dadurch mehr Geld als in einem Monat mit ehrlicher Arbeit. Ein Kind entdeckt sie. Die Polizei lädt sie erneut vor und fragt sie, ob ihr vor ihrem Betrugsfall eine ältere Frau aufgefallen wäre. Blaga beschließt im nächsten Fall das Geld selber zu behalten. Bei der Übergabe will der Betrogene sein Geld zurück. Blaga rast davon, wirft das Handy weg, hat Angst, schaut sich im Spiegel an. Was tut sie da? Übergibt am Friedhof das ganze Geld, kehrt in die Wohnung zurück und schaut immer wieder hinaus. Da klingelt es. Vor der Tür steht die Armenierin. Sie hat die Prüfung bestanden. Sie ist Bulgarin. Sie hat einen Kuchen mitgebracht, um ihn mit Blaga zu teilen. Blaga ist der Tee ausgegangen. Sie sagt, sie holt ihn sich schnell aus dem Supermarkt. Als sie das Haus verlässt, kommen im Hintergrund die Verbrecher. Als sie zurückkommt und die Treppe hochsteigt, hört sie die Schreie. Die Betrüger haben die Armeniern für ihren Kurier gehalten, schlagen sie und durchsuchen die Wohnung, zerstören alles. Blaga steht da, dann zieht sie sich zurück, geht auf die Straße und davon. Wir sehen ihr Gesicht.... dann kommen die Credits.

    Wow. Der Regisseur wird natürlich nach dem Ende gefragt, nach dem Ende des Kommunismus. Er sagt, dass man nach 35 Jahren nichts mehr auf den Kommunismus schieben könnte. Der Kapitalismus hat alle Werte genommen. Sind wir auf dem Weg dahin?

    Der zweite Film EUROPA behandelt das gleiche Grundthema. Beate Winter kommt als Beauftragte einer multinationalen Firma nach Albanien. Sie spricht für Frauenrechta am Anfang, steht anscheinend auf der guten Seite. Doch im Auftrag der Firma soll sie die albanischen Landwirte überzeugen, ihr Land zu verkaufen. Zwei Männer wehren sich. Sie sind gastfreundlich zunächst, es wird Raki getrunken, aber sie wollen alles das, wofür sie ein Leben lang gearbeitet haben und wa sie von den Vorfahren geerbt haben, nicht veräußern. Beate Winter wird alle Mittel anwenden. Ihr Chef vertraut ihr. Am Ende gibt der eine nach, weil Beate Winter die Tochter auf ihre Seite zieht. Erst als die Bagger seinen Gemüsegarten und seine Bienenstöcke zerstören, merkt er, wie er betrogen wurde. Er will beate Winter zur Rechenschaft ziehen. Sie will gerade nach Hause fahren. Er stellt sich ihr in den Weg, springt auf die Karosserie schlägt die Scheibe ein...so wie wir es am Beginn des Filmes schon gesehen haben.
    Natürlich wunderbar schöne Bilder über und aus Albanien, grossartige Laiendarsteller, aber meines Erachtens falsch angepackt, gespielt, an manchen Stellen nicht klar, obwohl Beate Winter natürlich wir sind...mal schauen, ob er nächstes Jahr auf dem Festival sein wird.

    Jetzt erst mal blauer Himmel und Fahrt nach nazareth. Wo füe Christen alles begonnen hat

    PS. Shumen hat das größte kommunistische denkmal im Balkan.
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  • Legenden am See Genezereth

    October 4, 2023 in Palestine ⋅ ☁️ 20 °C

    Magenverstimmung. Magen-Darm-Infekt, was weiß ich. Dazu ein Traum, in dem ich eine kleine Chipkarte verwenden muss, um das Auto wieder in Schwung zu bringen. Ich muss sie suchen, verliere sie, wundere mich immer wieder, dass es sie gibt. Jedenfalls den ganzen Tag über enorme Schlappheit, Müdigkeit und Erschöpfung. Fahrt nach Nazareth. Berühmter Ort, der aber letztendlich nichts von den Legenden der Bibel erzählt, auch mit großer Einbildung nicht. Die Kirche wirkt ein wenig wie ein Sandstein-Lourdes. Hell in der Sonne liegend erhebt sie sich sich zweistöckig über den Ausgrabungen eines früheren Hauses, in dem Josef gelebt haben soll oder in dem Maria von Gott ihr Kind bekam. Wer immer Gott war. Ein Priester, der einer bigotten Frau begegnete? Ein Wunder, das geplant wurde, durchaus auch gegen die Juden in der damaligen Zeit. Wie Josef und seine Familie gelebt haben, ist auf einer Steinmalerei abgebildet. Eine größere Pilgergruppe verweilt davor. Das wirkliche Leben kann man sich heute eher in Matera vorstellen als hier in Nazareth. Im Boden vergitterte Auslässe in die Tiefen der vergangenheit. Gefüllt mit den Geldscheinen und Münzen der Pilger und Gläubigen. Ein Wunder ist sicher, wie sich diese Legende bis heute hielt. Man hätte das Rätsel der Geburt sicher vergessen, wenn Jesus nicht 12 Jahre später gegen die Kirchenmänner aufbegehrt hätte und man hätte vielleicht auch das vergessen, wenn sich die Ereignisse in den letzten beiden Jahren seines Daseins nicht kulminiert hätten. Er war zum Star geworden und die Apostel schafften ein übriges. 2000 Jahre alte Legenden, unglaublich.

    An den Wänden des Kirchumgangs Mosaiken von Heiligen Bildern jeweils aus den verschiedenen Ländern. Wenn man die Kirche verlässt, erst die normalen Touristenstände und um die nächste Ecke schon das Pulsieren einer eher arabisch wirkenden Stadt, laut, heiss, staubig. Niemanden interessiert hier die Geschichte von damals.

    Weiterfahrt zum See Genezareth. Ich halte aus Müdigkeit am Ufer. Schilf, graubrauner Matsch, dürres Gestrüpp. Kurzer Schlaf. Drei Autos mit jungen Israelis halten neben mir. Einer bläst einen rosa Luftballon auf und saugt die Luft immer wieder ein. Keine Ahnung, warum. Eine Droge?

    Es ist unglaublich heiss. Weiterfahrt nach Kapernaum, wo Jesus gelebt haben soll. Vorher an der Straße ein Pfad zu einem kleinen kiesigen Strand . Aus zwei Öffnungen ergießen sich zwei Wasserfälle wie überbordende, kräftige, breite Duschstrahlen aus dem Berg. Nur kurz setzen sich Männer und Frauen darunter, so stark prasselt das Wasser auf ihre Körper. Die anderen Familien stehen herum, reden, setzen sich, gehen hin und her, einer stellt seine Wasserpfeife auf, inmitten von Schlamm, Wasser, auch ein paar grünen Glasscherben. Auf dem See tümpeln Motorboote und etwas weiter gleitet ein hölzernes Ausflugsschiff vorüber. Die Luft über dem See ist diesig, das südliche Ufer nicht sichtbar, dafür aber die westlich liegenden Steilhänge, die fast schon die Grenze zu Syrien bilden.

    Der schönste Ort des Tages ist der Berg der Seligsprechungen, der Ort der Bergpredigt, oder besser der Ort, den man für die Pilger ausgesucht hat. Es ist ein Ort, an dem sie hätte möglich sein können, auch wenn es sie wahrscheinlich gar nicht gab und einer der Evangelisten einfach Jesus' verschiedene Sentenzen zusammengefasst hat, in einer Zusammenkunft auf einem Hügel, von dem man den ganzen See Genezareth überblicken kann. Bougainvileen in weiß und rot säumen den Weg zu dem Park dorthin. Wind bewegt die Palmen vor dem Hintergrund des Sees und der weiten Landschaft. Pilgergruppen stimmen ihre Lieder an, sind ergriffen, beten. In der achteckigen Kirche künden Tafeln von den Besuchen verschiedener Päpste. Die Gedanken an die Legenden unseres Glaubens finden hier am ehesten einen Zugang. Ich lege mich auf eine Steinbank, schließe die Augen, spüre die Sonne und höre den Wind, während der Infekt sich mehr und mehr meines Körpers bemächtigt. Ich bin nur noch müde.

    Heimfahrt durch ein fast grünes Nordisrael. Sonnenuntergang an der Grenze zum Libanon. Eine Seilbahnstation bildet die Grenze oder genauer eine mit schwarzen Planen verhängte Stellgitterand. Auf einer Klippe. Rosh haanim. 120 km nach Beirut, 205 Kilometer nach Jerusalem. Ich will nur noch ins Bett und schlafen, in der Hoffnung dass es morgen besser wird...
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  • Happy Holiday in Jerusalem

    October 5, 2023 in Palestine ⋅ ☁️ 23 °C

    Sicher habe ich vieles gesehen, kann vieles einordnen, vieles wiederentdecken, doch gibt es immer noch Momente völliger Überraschung. Heute war so einer.

    Zunächst aber Abschied vom Hotel Domus Bat Galim. Frühstücksbuffet, die ältere Dame, fast krank wirkend am Nebentisch, eine Zigarette anzündend, dann ein Buch ganz nah an ihre Augen haltend. Später setzt sich ein gut gebauter, kräftiger, bärtiger Mann neben sie. Ihr Sohn? Welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Ihr letzter gemeinsamer Urlaub vielleicht? Kurz begegnen sich unsere Augen, aber sie lächelt nicht unter ihren kurzen weissen Haaren. Unter ihren Augen liegen tiefe traurige Ringe.

    Cäsarea, eine römische Stadt direkt am Meer. Fast 800 Jahre völlig vergessen, vom Sand vergraben allmählich erst ausgegraben. Auf dem Weg dorthin gepflegte CLUSTER von Ferienwohnungen, so heißen sie, unter Pinien und umsäumt von den immer präsenten Bougainvilleen, mit Ziffern versehen, kubusartig gebaut, oft mit großen Fenstern zum Meer hin und auch zu den vier Schloten einer Industrieanlage. Riesige Parkplätze, vor allem für die Konzertbesucher des Amphitheaters. Im Internet die Aufnahmen der Konzerte. An diesem Tag nur Touristenbusse und weiter entfernt am Aquädukt Badegäste. Das Monument aus römischer Zeit ist eingezäunt. Gen Norden ist es vom Sand noch oder schon wieder überholt, in der Mitte bietet es den Rücken einer Düne und gen Süden hin ist es freigelegt, Bogen für Bogen. Hier geht es nicht um Legenden, hier geht es um Bauwerke, Materielles. Wir können uns die Arbeiter vorstellen, die Architekten, die Baumeister, die Sklaven wahrscheinlich, die eventuell kurz auf dem Gemäuer innehielten, wie jetzt die Touristen, und auf das Meer schauten, türkis über dem sandigen Part, dunkelbraun über den Steinen draussen. Sie bildeten eine natürliche Mole. Sie rasteten dort vielleicht wie heute ein Arbeiter vor einem Richtfest. So saßen auch sie da, bevor das Wasser in der Rinne freigegeben wurde, heruntersprudelnd von den Bergen. Warum ist mir dieses Aquädukt näher als die Bauwerke, die architektonisch vernachlässigbar über Orte gebaut wurden, die vor 2000 Jahren etwas bedeutet haben an ganz anderer Stelle, in Nazareth zum Beispiel. Orte für den Glauben.

    Im sandigen Boden in der Wasserrinne steckt eine schöne weiss blühende Blumenanordnungmit langstieligen Blättern. Ich denke an eine Distelart zuerst, kann sie aber nicht durch die app bestimmen, zunächst. Später gebe ich das Foto ein. Es ist eine Dünen-Trichternarzisse, auch Strandlilie genannt. Sie blüht nur nachmittags bis morgens. Die gemeine Wegwarte würde sie nie blühen sehen. Früher hätte das nur ein Botaniker gewusst. Fortschritt ist schon nicht schlecht.

    Nach einem Bad im warmen Meer Weiterfahrt nach Jerusalem. Stau vor der bergigen Landschaft, deren Hügelkuppen fast alle von riesigen Wohnungen in Gebäudekomplexen überbaut sind, stetig wachsend. An den ersten Ampeln dann die ersten orthodoxen Juden, Männer mit Kippa, Judenhut und sogar Streiml, dem zylinderförmigen Hut aus Fell und Leder. Daneben ihre Frau in schwarzem Rock und Bluse unter Kopftüchern, dazu fünf bis sieben Kinder, im Jahresabstand geboren. Die Männer schieben den Kinderwagen. Es ist happy holiday in Israel, ich realisiere es erst später. Die Balkone an den Mehrfamilienhäusern sind mit Holzverdchlägen verbaut. Zusätzlicher Raum für die vielen Kinder?

    Das Hotel ist wiederein Boutique Hotel . Der Garten ist geplättelt, von den Lautsprecherboxen erfüllt popmusik die Luft, vor allem Celine Dion und Whitney Houston, hmm, da wären mir ein Vogelzwitschern oder anderes schon lieber.

    Jerusalem, Berge im wahrsten Sinne des Wortes, von Geschichte, übereinandergehäuft seit 3000 Jahren, Herrscher, mit ihnen Religionen, Massaker, Eroberungen, Niederlagen, Zerstörungen. Die Grabeskirche später ein Zeichen davon. Um den Tod Jesus herum soll es hier einen Steinbruch außerhalb der Stadt gegeben haben, in dem Verbrecher gekreuzigt worden sein könnten. Genau weiss man nur das Ende des Steinbruchs, 40 n. Chr. Der Kreuzigungsweg durch die Altstadt, den Bazar von Jerusalem heute, wurde im 19. Jahrhundert für die Pilger angelegt, damit sie richtige Orte für ihre Gebete haben. Es ist nicht die wahre via dolorosa und doch sind hier an Türen und an Wänden die Nummern für diesen letzten Gang Jesus angebracht, gipfelnd in der Kirche, die man über dem Grab errichtet hat. Golgatha, hier überbauter Felsen hinter einer Vitrine. Zu kleiner Felsendorn für drei Hinrichtungen, aber darüber denkt keiner nach. Es ist ein Symbol. Im oberen Teil der Kirche der griechisch-orthodoxe Teil. Pilgerschlange zur Kuppe von Golgatha. Hinknien, beten, wenn es zu lange dauert, schlägt ein Wächter auf eine Schachtel und fordert zum Weitergehen. Unten der christliche Teil. Weitere längere Pilgerschlange, um die ersten zu sein, doe das Grab sehen, auch dieses im Lauf der Jahrtausende verschoben. Dazu passend gibt es im Eingangsberich eine angebliche Salbungsplatte. Männer und Frauen und Kinder beugen sich, legen ihre Hand darauf, wischen die Platte mit einem Tuch ab, erheben sich, wieder ergriffen. Als ein Kind auf die Platte krabbelt, sind viele erbost, werden in ihren Gefühlen verletzt, meiden kurz den Stein, als hätten sie gemerkt, dass er doch nur profan ist, bevor die Nachdrängenden ihren Platz einnehmen, das Kind nicht mehr gesehen haben. Die Mutter hat es inzwischen weggenommen.

    Die Kirche selber ist düster und in völliger Renovierung, erhebt sich in drei Etagen über dem ehemaligen Steinbruch samt Höhlengräbern.

    Das Überraschende kam zuletzt, deutete sich an durch die Familien orthodoxer Juden, die mir entgegenströmten, ich aber nur deutete als der richtige Weg zur Klagemauer, die ich von Fotos aus dem Internet kannte. Dann eine Treppe nach rechts inmitten der engen Gassen, nicht allzu breit, heller Sandstein, der Hinweis auf einen heiligen Ort, Bitte um Stille, keine Fotos, schließlich ein Sicherheitseingang mit Check der Mitbringsel, Taschen und Rucksäcke, und dann daraus hervortretend, völlig unerwartet, ein weiter Platz zwischen hohen Steinmauern, gefüllt mit Tausenden schwarz und weiss gekleideter Menschen, Männern mit Hüten, Frauen, Kindern, unzähligen Kinderwagen, sich drängend zu einer hoch aufregenden Wand hin, Western wall hier genannt, davor stehend oder sich rhythmisch beugend oder auch nur auf Plastikstühlen sitzend, den Text blätternd, rezitierend, betend, getrennt in den größeren Bereich für Männer und den kleineren für Frauen, dort untersetzt von dauerndem Kindergeschrei, geordnet von einem Sicherheitsmann in gelber Warnweste mit Megaphon. Unglaublich, wie vor einem Stadion bei einem vollbesuchten Bayernspiel, nur in den Farben Schwarz und Weiss. Happy holiday, sagte mir ein junger Israeli ohne die übliche Tracht auf Nachfrage bei seiner Mutter. Sie wies ihn darauf hin, aber nicht zu laut zu sein. Auf der Treppe dauerndes Auf und Abgehen, Kinderwägen, Kinderwägen, Kinderwägen. Es gab vier Eingänge, grün gekennzeichnet, rot die Ausgänge. Vor den Toiletten endlose Schlangen von Menschen, die Männer alle in ihrer schwarzen Tracht. Nur Juden vor der Mauer, eng an eng. Kinder, die an Händen raschen Schrittes mitbeordert wurden. Happy holiday am Western wall, ein unglaublicher Anblick. Unvergesslich.

    Auf dem Rückweg hatten die meisten Geschäfte schon geschlossen. Soldaten und Soldatinnen an den Ecken, aber nicht aufdringlich, wie ich gedacht hatte, oder bedrohlich, in diesem Falle wirklich beschützend für die noch zur western wall hastenden jüdischen Familien. Sie feierten auch vor den Mauern der Altstadt in Parks oder unter Zelten, in denen Konzerte dargeboten wurden. Die Straßen waren überfüllt und ich dachte an die mit Holzverschlägen zugebauten Balkone.
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  • Yad Washem

    October 6, 2023 in Palestine ⋅ ⛅ 21 °C

    Ist es interessant? Immer interessant? Noch interessant. Das Museum von Yad Washem ist aus Beton gebaut wie ein Giebeldach. Der Blick zum Himmel ist durch das Glas offen. Während sich das Dach unmerklich senkt, steigt der Boden leicht an und führt endlich ins Freie auf einen Balkon. Er weist nach all dem gesehenen Leid auf den Mount Herzl, das grüne Tal um ihn herum, die Häuser, eine Autobahn. Leben. Was habe ich nicht alles eben (wieder-) gesehen? Kann ich dadurch mehr von diesem Land verstehen? Oder spielt es keine Rolle mehr?

    Es ist 20 Uhr in Jerusalem, noch immer happy holiday. Ein Krankenwagen heult auf, im Hintergrund laute Musik, gelbes Laternenlicht illuminiert den Platz vor der Mauer der Altstadt zwischen Jaffa- und Damaskustor. Die Straßen voller Menschen, die Straßenbahnen vollgestopft bis zur letzten plattgedrückten Nase. Immer wieder diese seltsam anmutenden Familien mit dem Mann mit Schtreimel auf dem Kopf und Kinderwagen in den Händen, dort drin ein Zweijähriger, im Arm ein Einjähriger, gefolgt von drei weiteren Kindern, geschätzt drei, vier und fünf Jahre alt, sowie einer Frau mit knapp über 20 Jahren. Sie prägen das Stadtbild hier. Nur 500 Meter weiter zwischen Damaskustor und Löwentor herscht keine Feiertagsstimmung. Neonlicht über billigen Waren, Araber, die in den kleinen Verkaufsläden stehen oder im Neonlicht Fleischspieße braten. Die Busse auch hier voll, aber in einer anderen Richtung, die Gesichter sorgenvoller und müder.

    Am Morgen nochmals Western Wall, nur etwas weniger Menschen im Sonnenlicht, durchsetzt von mehr Touristen. Durch einen Ausgang das Areal verlassen und in 180 Grad Kurve umgewendet zu einem Sicherheitscheck in einem engen Holzverschlag. Über eine Holzbrücke dann in den arabischen Teil, zur Al Aksaar Moschee. Ein Soldat kommt entgegen. Nur noch viereinhalb Minuten. Dann ist das Areal für Touristen und Juden verboten. Bis ein Uhr dürfen die Araber dort beten.
    Der Holzgang führt auf eine weite helle, ruhige, sehr schöne Fläche. Sie erstreckt sich direkt hinter der Western Wall.. Auf schattigen Segmenten Bäume, unter denen Araber verweilen, warten, wie die Tauben am Boden. An einer langen weissen Wand kniet inbrünstig betend eine Araberin. Im rechten Winkel eine weitere weisse Wand und eine weitere Gläubige. Den beiden gegenüber die wunderschöne Moschee hinter hohen Bögen und am Ende mehrerer Treppenaufgänge. Eine goldene Kuppel über blauen Mosaiken. Time over, ruft ein Wächter. Please go. Die letzten Touristen werden von einem Soldaten hinausgeleitet. Ich steige in die Altstadt hinab, hinter mir schließt sich das Tor. Man hat eine Regelung gefunden, immerhin eine irgendwie funktionierende.

    Immer noch pilgern die orthodox jüdischen Familien zur Altstadt und zur Western Wall, fast mehr als von Unterföhring zum Bayern/Dortmund Spiel. Und genauso rennen sie anderthalb Stunden später zu der fast leeren Straßenbahn, die sie zurückbringen wird, dann wieder prall gefüllt, in die Hochhäuser Richtung Mount Herzl. Herzl war der erste, der den Staat Israel konzipierte und seine Realisierung visionierte: Vielleicht nicht in fünf jahren, aber sicher in 50 Jahren, sagte er um 1900 und behielt recht.

    Auf der leicht übermannshohen i love jerusalem - IL ❤️ JLM - Schrift tummeln sich die weissgekleideten Söhne und Töchter, werden vom Vater fotographiert. Ein Oud-Spieler sitzt dahinter, findet seine Klänge, die Massen strömen an ihm vorbei. In der Fußgängerzone tanzt eine Gruppe Männer ausgelassen. Unter weißen Zelten stehen lange Tafeln aus zusammengestellten Tischen mit viel Essen darauf. Festtagsstimmung bis tief in die Nacht.

    Im ersten Raum von Yad Washem ging es um den Ursprung des Judenhasses, die Ermordung Jesus, die Nichtanerkennung des Messias. Und die Meinung der Christen, etwas Besseres zu sein. Von Raum zu Raum geht es über die eine ins Licht führende Achse des Museums. Raum um Raum geht die Geschichte weiter von den Kreuzrittern zu den Judenbildern des Mittelalters, vom Aufkommen der Nazis, zu den ersten Rassengesetzen - mein Vater war ein Mischling zweiten Grades, schwarz gekennzeichnet, also jüdisch gezeichnet nicht arisch. Irgendwann wäre er der Nächste gewesen. Dann die erste Auswanderung, zu der bei uns die Familie der Arons gehörte , dann Restriktionen auf Restriktionen, Lager, Ghettos, unaufhaltsam zur Endlösung führend und am Ende zur Befreiung mit grausamen Bildern der Überreste, bei denen ich mich abwenden muss. Was hat deutsche Gründlichkeit gepaart mit Hass nur angestellt? In einem Bild lassen Amerikaner die Dorfbewohner an den Toten vorbeidefilieren, die sie selber ins Massengrab geworfen haben. Seine Haltung ist klar. Wer in Gottes Namen seid ihr, dass ihr das gemacht habt??!!

    Es ist alles bekannt und dennoch gibt es Menschen, die es negieren. Im childrens memorial werden alle umgebrachten Kindernamen vorgelesen. Es bräuchte drei Monate sie alle zu hören. Der Raum ist dunkel und voller Spiegel. Sechs Kerzen brennen in einem Innenraum - sie vervielfältigen sich ins Unendliche wie die Sterne im Universum.
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  • Sirenen und Detonationen

    October 7, 2023 in Israel ⋅ ☀️ 24 °C

    Für die Überschrift hatte ich mir zunächst SALZ UND WASSER gedacht, Bericht eines langen Tages im Süden von Israel. Letzter Tagesbericht.
    Aber dann beginnt der Morgen mit etwas anderem. Kurz nach sieben erklingt eine Sirene. Das ist nicht normal, denke ich, das ist kein Krankenwagen und keine Polizei. Die Terrassentür ist noch geschlossen, Sonnenlicht schimmert durch eine mit Milchglas geschlossene Fensteröffnung weiter oben in der Wand. Und kurz danach Erschütterungen, leichtes Beben des Bodens, nicht in der Nähe. Einmal, zweimal, dreimal. Eine Nachricht der Wohnungseigentümerin kurze Zeit darauf. Hinweis auf den Schutzraum, den Code dafür und dass Israel die bestausgerüstete Armee der Welt hat. Schweigen nach den Detonationen. Ein paar Krähen, wie Ruhe vor dem Sturm. In den Nachrichten Meldungen von überraschenden Raketenangriffen nach vorangegangenen Spannungen mit der Bevölkerung des Gazastreifens. Wo ist der Anfang, wo das Ende?

    Während ich frühstücke, liegt ein Vorort von Tel Aviv vor mir. Grüner Park, eine breite Strasse, zur linken geschlossene Läden. Es ist Schabath. Ein orthodoxer Jude mit Aktentasche steht davor. Es ist der erste, den ich hier sehe. Und ein Polizeiauto mit rotem und blauem Licht rast vorbei, die Sirene laut geschaltet. Ich höre weitere Detonationen, Der Verteidigungsminister Gallant ruft Reservisten zu den IDF, Israeli Defense Forces. Wieviel gebraucht werden, wird der weitere Verlauf zeigen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Heute ist das Ende des happy holiday Sukkot. Das Fest ist mit großen Wallfahrten zu den Jerusalemer Pilgerstätten verbunden und geht auf den Auszug aus Ägypten zurück. Es wird auch Laubhüttenfest genannt. Unter freiem Himmel errichtet, erinnern die heutigen schnell aufgestellten Zelte an die Zelte während der 40tägigen Wanderschaft. Wie damals dienen sie heute der Gemeinschaft, Essen und Trinken.
    Wie nahe liegt alles zusammen. Ein Hahn kräht und eine weitere Bombe detoniert.
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  • Salz und Wasser

    October 7, 2023 in Israel ⋅ ⛅ 26 °C

    Nun doch der letzte Tag. Zwei Biegungen hinter dem Grün unter mannigfaltigen Bäumen liegenden Ölberg beginnt die Wüste und die Straße senkt sich und senkt sich. Während die Hügel jedes Grün verlieren, wird die Straße leerer und leerer. Besetztes Land. Der Nullpunkt des Meeresspiegels wird passiert und die Straße senkt sich weiter. Als zur linken Jericho in staubiger Hitze erscheint, ist die Ebene erreicht. Totes Meer. Gefühl von Nichts, Gefühl von kein Leben. Später krabbelt eine Maus aus den Steinen hervor. Wie kann sie leben? Erinnerungen an Die Wüste lebt. Irgendwo gibt es noch Feuchtigkeit und Leben. Ausgetrocknete, tief eingegrabene Flußläufe. Wann regnet es hier eigentlich?

    Der See liegt ohne Bewegung in der Hitze zur linken hinter einem Zaun. Besetztes Gebiet? Israel. Später eine Grenzstation und eine freundliche Soldatin. 'Hi'. Mehr nicht. Israel also. Gegen Südende des Toten Meeres zur rechten in dem Bergrücken ein herausstehender Berg mit einem platten, leicht schrägen Abschluss. Masada. In dem riesigen Besucherinformationszentrum zunächst ein Film mit Ausschnitten aus der gleichnamigen Fernsehserie mit Peter O'Toole. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Masada_(Film)
    Leider darf der Fußweg hinauf nicht benutzt werden. Die Kabine ist riesig und gut gefüllt. Trotz einer Höhe von 500 Metern über dem Meeresspiegel bleibt es heiß. Die Ruinen auf dem Berg sind erstaunlich. Wie kamen die Bewohner an Wasser? Wie konnten sie eine siebenjährige Belagerung durchhalten? In großen lang gestreckten Lagerräumen sammelten sie die Vorräte. Das Wasser leiteten sie aus den Bergen über Aquädukte direkt in den Berg, bauten riesige Zisternen, in die sie wiederum sich Wasser aus der nahen Oase EnGedi bringen ließen. Das Wasser reichte in guten Zeiten sogar für die Badeanlagen von Herodes, der sich einen Palast über drei durch eine in den Fels gehauene Wendeltreppe verbundene Etagen bauen ließ, mit einem noch immer gigantischen Ausblick über die Ebene des toten Meeres, die Wüste und die jordanischen Berge.
    Am Südende der Stadt stieg ich in eine Zisterne hinunter, vielleicht 40 Stufen. Die meisten Touristen waren nicht bis hierhergekommen, die Hitze lähmte jeden Schritt. Die Felsen in der riesigen Höhle waren abgewaschen. Ein kleiner Lichtauslass erhellte ein wenig das Dunkel. Viele kleine Auslässe an der Treppe, fast noch spürbar die Handgriffe der Bewohner von damals, fast noch hörbar ihre Worte, während sie Wasser holten und dabei Neuigkeiten austauschten.
    Auf dem Rückweg zum Eingang passierte ich das Haus eines Eremiten aus der byzantinischen Zeit. Da war schon alles vorbei gewesen, das Felsmassiv wahrscheinlich so leer wie heute, kündend von der letzten Zerstörung. Der Bau der Rampe durch die Römer hatte sie besiegelt, ein gigantisches Unternehmen, um den Widerstand endlich zu brechen. Auf dieser Rampe wurde dann ein vielleicht vierstöckiger Turm bis zum westlichen Eingang der Stadt gezogen. Mit ihm konnte man endlich die Mauern der Felsenstadt erreichen, aber noch nicht die Tore öffnen. Flavius Silva, der befehligende Feldherr, hatte die Idee, die Tore mit einer zweiten Wand zu versehen und mit Feuerpfeilen in Brand zu setzen. Doch der Wind kam von der falschen Seite und bedrohte das eigene römische Heer. Auch diese Idee schien zu scheitern, doch dann drehte der Wind und es war klar, dass die Tore im Feuer brechen würden. Die letzte Nacht war angebrochen. In dieser Situation beschlossen die zelotischen Einwohner den massenhaften Selbstmord an allen 960 Einwohnern als bevorzugte Lösung zur erwarteten Sklaverei. Nur zwei Mütter mit ihren fünf Kindern verkrochen sich in einer Zisterne. Der Mythos Masada war für die Juden geboren. Dieses Symbol geleitete sie in den Unabhängigkeitskrieg und durch die letzten 75 Jahre. Nicht aufgeben. Never surrender.

    In En bokek Baden im Toten Meer. Das Wasser weich und warm. Die baren Füße in körnigem Salz. Als es mir zur Hüfthöhe reichte, legte ich mich auf den Rücken und siehe - ich schwebte, glitt mit mit ein paar Paddelbewegungen dahin. Es war wirklich einmalig. Auf dem Bauch war das Schwimmen aber eher etwas unbequem. Der Hintern wurde sofort hochgedrückt, aber in Rückenlage... zum Einschlafen.

    Später verließen wir die Hauptstraße und fuhren nach Arad, durchquerten den Ort bis zu einer Piste, die hinaus in die Wüste führte, blieben stehen, wanderten zu einem dürren Baum, unter dem eine Bank mit Blick übe rdie steinigen Hügel des Landes wartete. Wir waren nur ein paar Kilometer von Gaza entfernt. Es war der 6. Oktober 2023.
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  • Warten

    October 10, 2023 in Israel ⋅ ⛅ 25 °C

    Der letzte Bericht war geschrieben, der Urlaub oder die Dienstreise abgeschlossen. Inzwischen sind zwei weitere Tage vergangen. Für das Land Israel sicher viel schlimmere als für mich. Ich suche nach einem Zustand oder einer Vorstellung davon.
    Das restaurant, das Tage vorher noch Essen für Studenten anbot, ist geschlossen für die Öffentlichkeit. Die Inhaber und weitere junge Leute packen Care-Pakete für die Armee. israel ist im Krieg. Militärjets fliegen in der Nacht über Haifa. An einer Straßenecke ist noch ein Kiosk offen. Der Fernseher zeigt israelische Kämpfer im Ego-Shooter-Modus das überfallene Grenzgebiet durchkämmen. Schreckliche Szenen, die selbst wir kaum im Fernsehen zeigen. Die Hamas hat den grennzaun durchbrochen und stieß wahrscheinlich für sie selber überraschend auf ein psychedelisches Fest in der Wüste - und mordete, mordete - über 1000 mal. die israelische Regierung war zunächst wie erstarrt, ihr Geheimdienst hatte versagt, ihr Iron Dome-Schutzschild hatte versagt, aber schon nachts im deutschen Fernsehen zeigte der israelische Botschaft die Sichtweise, wie man das Geschehen betrachten sollte. Israel war überfallen worden, man sprach von menschlichen Tieren, und Israel würde grausam zurückschöagen und erwartete die Rückendeckung durch Europa und wegen der Geschichte gerade auch von Deutschland.
    Möglich wäre auch etwas Anderes. Innezuhalten, zu verstehen, endlich zu verhandeln.
    Aber das ist nicht der Weg. Alternativlos, wie e sso schön heißt, wählt man die Waffengewalt.
    Ich denke immer wieder an den Ausblick über das karge hügerlige Land, nur zehn Stunden und wenige Kilometer von den Geschehnissen entfernt, die wahrscheinlich lange die Weltpolitik prägen werden. Nach einem Tag am Toten Meer, nach einem Tag in Masada.

    Ich habe Zeit. Die hatte ich sonst auch, doch sie war klar bestimmt: Das und das will ich sehen, meinem Wissen hinzufügen. Eindrücke sammeln. Und dann weiterziehen, am Ende nach Hause fahren, wo alles für eine einwöchige Unterbrechung vorbereitet war. Nun dauert sie fast eine Woche länger.
    Die Ereignisse vom Samstag sind nicht aus dem Kopf. War es gefährlich, als ich beim zweiten Angriff nichtsahnend auf der Terrasse stand? Wie sorglos war Tel Aviv am Freitagabend, ich selber. Wie habe ich noch am Freitag nur ein paar Kilometer entfernt von den grausamen Ereignissen über die Wüste geschaut.

    In den Zeitungen, im Netz gibt es inzwischen andere Bilder, die die weitere Diskussion bestimmen. Wie immer stehe ich da etwas außerhalb, da ich sie kaum nutze.

    Haifa wieder. Kilometerlange Promenade zwischen sieben und acht Uhr. Eine riesige Bauruine, jetzt von der Sonne angestrahlt. Mit ihren Betonfundamenten steht sie in den unendlich heranwogenden Wellen. Viele Jogger, Spaziergänger, hier ein Wiesenstück mit Picknickbänken, in weiss und hellem Violett, der Boden weich vom nächtlichen Regen.

    Warten. Ich habe an die Menschen im Exil gedacht. Ihre Blicke über das Meer, ihr Versuch in fremder Sprache an Informationen zu kommen und ihr Versuch wegzukommen. Heute ist es das dauernde Eintippen von Daten in Internetportale, um dann doch wieder zu lesen, dass der Flug ausgebucht ist. Wo bin ich? Nicht daheim, bei meiner Arbeit, bei den Kinos, den Menschen dort. Alles, was dort ist, die Zahlen zum Beispiel, Filmtitel, wirken weit weg und völlig unwichtig. Sie gehören dorthin und nicht hierhin.
    Hier ist die hellviolette Verkaufsbude, bei der ich frisch gepressten Orangensaft, einen Espresso und ein Croissant für 10 Euro gekauft habe.

    Nicht weit weg die Grenze zum Libanon.
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  • Warten und die Welt, wie sie ist

    October 12, 2023 in Israel ⋅ ☀️ 23 °C

    Es ist fast sieben Uhr früh, ich liege auf einer Couch auf der Terrasse des Bat Galim Hotels in Haifa. Sollte sich wirklich das Ende dieser Reise nähern? Ein Regenschauer geht über der Stadt nieder. Zuerst war es nur eine kleine Wolke am Himmel gewesen, dann plötzlich ein Morgenregen, der sich aber bald verzieht. Die Frühsonne trifft wieder die Häuserdächer und die Vögel zwitschern erneut, wie auch schon um 5 Uhr.

    Die Nacht war lang, ich rief über Skype eine Hotline in Frankfurt an, hörte die Musik, eine Stunde lang, in der ich mich fragte, ob überhaupt noch einer diesen Anruf je beantworten würde. Dann war es eine englisch radebrechende Philippinerin, die ich erreichte. Ihr Pc fumktionierte nicht, wie sie nach mehrmaligen Versuchen erklärte. Es tat ihr leid. Willkommen in dieser Welt, dachte ich. Schon lange funktionieren die Dinge nicht mehr so, wie ich sie gelernt habe. Alles wird outgesourced. Natürlich. Wie konnte ich nur denken, dass irgendwo in Deutschland noch tatkräftige Menschen eine Nacht saßen, um anderen einfach und schnell zu helfen, am besten eine alphabetisch geordnete Liste neben sich hätten, einen kurzen Abgleich machten und die Buchungen beeendeten, eingedenk der Tatsache, dass am anderen Ende der Leitung ja schon vier oder fünf Tage nach Antworten suchten. Die junge Dame am anderen Welt bat mich später anzurufen.
    Ich legte auf, war frustriert. Würde das alles nie enden? Wie sieht eine ungewohnte Verlängerung einer Dienstreise aus?

    Zunächst war es am Samstag die Entscheidung Tel Aviv zu verlassen. Die Straßen waren fast leer, erst auf der Autobahn normaler Verkehr. Ich wollte noch einmal nach Cäsarea. Die Anlagen waren zwar offen, alle Anmehmlichkeiten darauf aber geschlossen. Ruinen um einen ehemaligem Hafen, fast völlig abgetragen. Weite leergeräumte Flächen am Meer, auf denen mal eine Stadt gestanden war, mit Forum oder Tempeln. Gewölbe, waren geblieben, die die Häuser der Stadt während der byzantinischen Blütezeit stützten und deren Enden in den Hügel hinein unheimlich schwarz verliefen. Fiepende Geräusche daraus. Bei genauem Nachchauen kamen sie von Tausenden an den Decken hängenden Fledermäusen. Ein irgendwie gespenstischer Anblick. Aber meine Gedanken fragten sich, wie es weitergehen würde. Also eine automatische Lufthansa Bot kontaktiert. Umbuchung des Fluges. Die Sonne lag wunderbar glitzernd über den Wellen. Ein Amphitheater stieg am Ende der Fläche auf, modern restauriert. Auf der Bühne Aufbauten und Traversen für Konzerte, dazu eine Rückwand für Projektionen. Wären die alten Steinreste am Boden nicht gewesen, hätte es auch ein Gebäude von heute sein können. Die Bot schlug einen Flug in zwei Tagen vor. Schnelle Entscheidung, während Netz und Akku schwanden, ein Anlagenwärter mahnte zur Eile, weil er schließen wollte. Ja gut, noch zwei Tage. Und wo bleiben? Haifa, Domus Bat Galim, aber haben sie noch ein Zimmer. Hatten sie. Genau eines, mehr eine Abstellkammer, aber es war erst einmal gut, der nächste Tag war ein Sonntag, genügend Zeit, um den Montag vorzubereiten, die Arbeit dort, Filme bestellen, Kinos einteilen, Dienstpläne schreiben, Frachten organisieren. Es ging weiter. Mails beantworten, auf ungelöste Fragen zurückkommen.

    Aber der Flug am Dienstag wurde am Montag gestrichen. Rat der Botschaft, sich um andere Flüge bei anderen Fluggesellschaften zu kümmern. Die Preise dort rasch doppelt oder dreifach so hoch wie üblich. Also nicht sofort fliegen. Freitag, mit turkish Airlines, aber sicher, zwar sieben Stunden lang, aber sicher. Erleichterung. Spaziergang am Meer, Aufnehmen des Landes wieder möglich.

    Dann wurde auch dieser Flug gestrichen. Wie weiter? Mit dem Bus über Amman? Ja, aber wie teuer waren da die Flüge? Gab es sie noch? Wie sicher ist das?

    Die deutsche Botschaft schlug endlich Sonderfälle vor. Über die deutschen Medien. 18 Stunden später kam die Hotline Nummer der Lufthansa, wo wir uns melden sollten.

    Und mit der Zeit wurden die Geschehnisse bewusst. Der Alarm, die Einschläge. War es knapp gewesen? Ich zu übermütig? Oder doch realistisch die Situation eingeschätzt?

    Auch in Haifa ertönte die Sirene. Eine Straßenecke. Zur linken ging es zu den unglaublich schön im Abendlicht illuminierten Gärten hinauf. Sie zogen sich majestätisch über den ganzen Berg zur Oberstadt. Unter ihnen lag das deutsche Viertel, genannt nach den Templern aus dem 19. Jahrhundert.
    Zur rechten über drei Stufen und ein Portiko eine Bar, die als Shelter ausgewiesen war. Wodurch weiß ich auch nicht. Vielleicht durch die schwere Eisentür. Wie beiläufig fanden sich sechs, sieben Leute ein. Die Home command alert App hatte schon angezeigt, dass es nur Drohnen wären. Man verließ die Bar, kurzes Nicken zu dem Soldaten und zu den Besitzern. Alltag in Haifa.

    Um fünf Uhr hatte ich meine Frustration überwunden. Ich betrat die nächste Warteschleife. Nach 20 Minuten meldete sich jemand aus Südafrika, vielleicht gerade aufgewacht, weil sie ja dieselbe Tageszeit haben. Freundlich, hilfsbereit. Den Namen sagen, später die visa-karte, alles kein Problem.

    Freitag, 14.30 Uhr. Ist es nach sechs weiteren Tagen endlich das Ende der Reise?
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  • Wien, Viennale und viele Bilder

    October 28, 2023 in Austria ⋅ ☁️ 12 °C

    Gartenbaukino. Mal wieder, fünf Minuten bis Vorstellungsbeginn. Ich sitze auf der Empore des Foyers und schaue mir die Besucher des rumänischen Films an. Gleich geht es in den 800 Personen fassenden Saal aus den 60er Jahren, vorbei an Garderoben, die schon lange nicht mehr benutzt werden, aber zeigen, wie man damals ins Kino ging. Auf einen Platz, den ein Gönner gekauft hat und damit das Programm des Kinos unterstützt, das seit Jahrzehnten zum besten gehört, was Wien hat. Schon zwei Filme gesehen, eingetaucht in diese großartige Welt der Geschichten, erst über eine resolute Frau aus einem georgischen Dorf, 48 Jahre alt, die gegen alle Klischees ihren Weg geht, die Anwürfe wegen ihrer Fettleibigkeit und Kinder- und Männerlosigkeit negiert, heimlich eine Affäre aufbaut und schließlich zur eigenen Überraschung am Ende erfährt, dass sie in ihrem Alter noch schwanger geworden ist. Die Regisseurin von WET SAND hat ein genauso gutes Nachfolgewerk geschaffen. Bei uns wird dieser neue Film AMSEL IM BOROMBEERSTRAUCH heißen.

    Den nächsten Film hätte sich wohl in Deutschland keiner angesehen. FOLLOW THE SOUNDS aus Japan. Alltagsszenen, -Gespräche, -Bilder, aber so nahegehend über die Menschen erzählen, die nicht mehr da sind. Das Fertigen eines Omeletts wird zur Erinnerung wie das Backen von Plätzchen, Börek oder anderem. Die Menschen, die uns nahe waren, erstehen vor unserem Auge, kulminierend in der Erkenntnis, dass man den anderen braucht, nicht alles alleine schafft.
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  • Sonne über Thessaloniki

    November 8, 2023 in Greece ⋅ ☁️ 17 °C

    Noch in den Gedanken an die Vorkommnisse in Israel bringt mich der Flieger nach Thessaloniki. Am Flughafen meine ich Volker Schlöndorff zu sehen, der auf dem griechischen Festival nochmals seine BLECHTROMMEL zeigen wird. Ich stelle mir vor, ihn bei der Gepäckaufbewahrung anzusprechen, aber da ist er gar nicht, weil er offensichtlich nur einen Tag auf Kosten des Festivalsponsors Aegean Airlines rasch in die nordgriechische Stadt fliegt.

    Wieder geht bei der Ankunft meine Netzverbindung nicht, was das Auffinden meiner Unterkunft etwas schwierig werden lässt. Mit dem Bus vorbei an den weißen, neunstöckigen Mietshäusern, die Balkone rundumlaufend. An einer Stelle ausgestiegen, an der ich dachte, dass das Apartment wäre, nachdem mir Elia die Adresse gesagt hatte. Die Hausnummer war nicht so leicht zu finden, weil der Besitzer eines Kleinmaschinenladens mich erst einmal in die falsche Richtung schickte. Endlich aber die richtige Tür, der richtige Code, der Aufzug und die Umarmung. Elia und Lorin. Selbständig, kraftvoll, gutaussehend, mit vielen Erlebnissen auf dem Balkan. Der Raum für uns drei ist klein, zwei Fenster, ein Bett, eine ausziehbare Schlafcouch, die, wie sich später herausstellte, eine Holzversteifung direkt in der Mitte hatte, was das Schlafen - gelinde gesagt -etwas unbequem machte.
    Die Stadt. Wir befanden uns direkt neben dem Szeneviertel mit alten einstöckigen Häusern an kopfsteingepflasterten Gassen. Über den unzähligen Lokalen und mehreren Friseuren Balkone, bewachsen mit Ranken. Die Gassen führten zum Meer und der Wasserfront, auf die ich gerade schaue.
    Auch hier die weißen Häuser, über das kaum bewegte Wasser hinausblickend. Frachter liegen in der Bucht wie in Haifa. Die Werftanlagen wurden ausgebaut, beherbergen Museen, Cafés und das Festival Zentrum. Wie in Rotterdam, wie in Lübeck werden diese Anlagen modern genutzt. Riesengroße Festivalschrift direkt am Wasser. Am Platz des Aristoteles herrschaftliche Hotels, den Platz gerundet umfassend, mit Dachterrassen, die verlockend den Himmel und die Weitsicht unter den Überdachungen spüren lassen.
    Wir haben Hunger und gehen sehr gut vegetarisch in einer der Gassen essen, entscheiden uns schließlich für den einzigen Film des Abends, für den es noch Karten gibt. METS. Über eine gelangweilte Athenerin, die durch eine andere Frau- Engel? Imagination? - angeregt wird, das Leben zu ändern, am Ende auf einem Schiff zu sitzen und wieder von einer Frau angesprochen zu werden. Sehr dünn, ein Kurzfilm von zehn Minuten wäre vielleicht noch möglich gewesen.

    Danach noch durch die Warehouses gegangen, über KI gesprochen, was es ändern wird, schließlich ins Bett bei offenem Fenster. Zunächst im Traum dann in Realität stellte ich fest, dass wir direkt über einem Club waren, mit ohrenbetäubendem Lärm auf die offene Straße hinaus um drei Uhr nachts. Die Kinder bemerkten nichts davon. Ich werde wohl alt.
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  • Albetabakery

    November 9, 2023 in Greece ⋅ ☀️ 11 °C

    Es ist früh, der Espresso steht vor mir auf dem kleinen Tischchen. Die Sonne fällt noch sehr schräg durch das Fenster der Bäckerei herein. Klares Wetter, blauer Himmel, die Frachter sind ganz nahe, die Aufbauten deutlich sichtbar, dahinter das Bergland, das diese Bucht einschließt.
    Die Nacht war erträglich im Vergleich zur vorhergehenden, auch wenn die Beats der Clubs weiter wummerten. Selbst heute morgen. Ich bin vorbeigegangen, habe keine Lautsprecher draußen gesehen, auch keinen Grund um halb acht Uhr so laute Musik zu machen. Aber da sonst keiner in diesen Straßen wohnt, scheint es niemanden zu stören.

    Gestern ein ruhiger Tag zu dritt. Zwei Filme, Gespräche darüber, einer über Trauerbewältigung, einer über die kurze Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, diesesmal in Sarajewo mit einer absehbaren Geschichte. Heute morgen in einem Status einer ehemaligen Mitschülerin gelesen, dass sie wohl in Afrika ist. Ein bisschen hat sie sich ihren Traum damit endlich erfüllt. Ihr Gesicht ist inzwischen so alt wie meines. Aber jene Zeit der Jugend, der Irrungen, falschen Aussagen, Visionen, Hoffnungen, Geheimnissen und Ängsten haben wir gemeinsam erlebt. Ach ja, von ihr habe ich den ersten Kuss bekommen.

    In der Bäckerei arbeiten vier, fünf Mitarbeiterinnen. Eine hat einen blauen Wedel, mit dem sie die Glasvitrinen voller Süßigkeiten säubert. Erste Gespräche für den Tag am Nebentisch, zwischen zwei Männern, zwischen einem Paar. Sie schweigt die meiste Zeit. Plötzlich wird sie lauter, gestikuliert, als hätte sie länger etwas zurückgehalten.
    Vom der hohen Decke hängen verschieden große korbförmige Lampen herunter, das Sonnenlicht ist von meinem Tischchen verschwunden. Albetabakery.
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  • Albetabakery II

    November 10, 2023 in Greece ⋅ ☁️ 13 °C

    Eine Flaumfeder setzte sich von irgendwoher auf meinen Unterarm. Ich ließ sie dort, bis sie in einem unbemerkten Moment wieder verschwand. Ich stellte mich hinter die Angler, die aus dem etwas brackigen Wasser der Bucht von Thessaloniki tatsächlich noch Fische holten, gestern Abend einen weißen kleinen Oktopus. Angler, die mich an Istanbul erinnerten, Galata-Brücke dort, auch die junge Bankangestellte, die von nebenan aus dem Café Kaffee holte, in Istanbul die kleinen çay gläser, die hin und hergetragen wurden. Gestern stellten wir fest, dass Istanbul fast auf der gleichen geographischen Breite liegt, für die Jungs eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte es bisher weiter im Norden verortet.
    Wie langsam eine Stadt vertrauter wird, die erst fremd ist. Die erste Busfahrt vor drei Tagen. Inzwischen kenne ich die Straßenführung, finde ich mich in den in geraden Winkeln angelegten Straßen zurecht. Unten ist immer das Meer. Die laladika ist das einzige Viertel, das einen Brand überstanden hat. Die Häuser sind nur zweistöckig, jetzt voller Restaurants und Nightclubs. Gegessen und geredet wird immer. Etwas reicher und von Wärmestrahlern am Abend angenehmer gemacht an der langen Promende, etwas studentischer weiter oben in der Nähe der Ausgrabungsstätte aus der Römerzeit oder an der Hagia Sophia, die wir gestern nur in der Nacht sich in den Himmel wölben sahen. Auf die Römerzeit blickt man dort hinunter, fünf Meter Geschichte.

    Gestern eine Fahrt übers Land. Schon bald nach Thessaloniki Felder, die ein wenig zu den überraschend bewaldeten Hügeln von Chalkidiki ansteigen. Wir nehmen die Route am Meer entlang. Die Ausblicke, die Häuser, die Straßen erinnern an Kreta oder an Rhodos, in den letzten Jahren zur selben Jahrezeit bereist. Die Sonne glitzert herbstlich schräg über dem Wasser. Eine weissblaue Kirche steht am Wegesrand. Wir lesen eine Geschichte an ihrer Wand, die so nicht wahr gewesen sein kann, sich aber so weiter getragen hat und ausgeschmückt wurde. Ein Innenraum, bei dem man fast den Kopf einziehen muss. Die Wände bemalt, die Motive im Stein verblasst, winzige Kapelle mit 12 Holzstühlen an den Wänden und einem mit roten Vorhängen abgetrennten Altar. Winzig. Draußen eine Katze, verwelkte Blätter über Wellen, Melancholie des Herbstes. Man wartet auf den Regen, wie der junge Mann in einem Retsaurant auf deutsch erzählte. 2005 aus Deutschland zurückgekehrt. Es ist ein angenehmeres Leben hier, sagt er, nicht ganz so leicht. Es sind außer uns keine Gäste da. Der Friseur und der kleine Supermarkt an der Ecke schließen. Fine stagione.

    Die Plätze in der Bäckerei sind gefüllt. Ein Paar am Fenster, neben mir zwei Männer, Handys, leerer Blick, gegenüber zwei Frauen über Papieren, die sie durchschauen. Leben, Gespräche.

    Auf dem Platz hat eine Bundestagsdelegation einen Kranz in Erinnerung an die Judenverfolgungen hingelegt. Zum Glück hat dieses deutsche Weltreich in der größten Ausdehnung nur drei, vier Jahre gedauert, bis es von außen zerstört wurde. Diese Geschichte begleitet unsere Gespräche zu den Ereignissen gerade in der Welt.
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  • On the waterfront

    November 10, 2023 in Greece ⋅ ☁️ 17 °C

    Zweifellos ein Filmtitel. Gleichzeitig Ausblick über den Golf. Immer den Horizont im Blick. 2000 wurde die Promenade renoviert, in sogenannte Gärten unterteilt. So etwas könnte man in Starnberg machen, aber die Ideen sind hängen geblieben.

    In einem Ausschnitt heute morgen im Filmuseum Bruno Ganz in DIE EWIGKEIT UND EIN TAG an dieser Promenade entlanggehend gesehen. Es gibt sie nicht mehr. Der Film ist von 1998. Die heutige Promende ist auch nicht mehr der Platz, an dem 45000 Juden zusammengetragen wurden, um in Auschwitz umgebracht zu werden. Noch immer und immer wieder sind diese Geschehnisse erschreckend und unvorstellbar. Die griechischen Juden waren in den Konzentrationslagern Außenseiter, konnten weder jiddisch noch polnisch wie die meisten Ostjuden. Einer von ihnen fotografierte die einzigen Bilder des Schreckens, die in Auschwitz von Gefangenen gemacht wurden, in einer selbst hergestellten Eimerkamera. Sie standen gegen sinnlose Brutalität und für die Aufrechterhaltung der Würde auch in Extremsituationen. Es ist weiter nötig dafür zu kämpfen. Geblieben sind nur ungefähr 1500 Juden in der Stadt. Und ein Mahnmal.

    Ich sitze in einem Café an der Warerfront. Es hat zu regnen begonnen. Das riesige Reiterstandbild von Alexander dem Großen liegt hinter mir, genauso das von Karamanlis, aufrechterhalten schreitend. Im Museum wurde das Schlussbild von ZIMT UND KORIANDER gezeigt, ein nicht ganz überzeugender Film in meiner Erinnerung, aber das Schlussbild am Bahnhof bleibt ikonisch. Dazu die Ausstellung über Takis Kanelloppulos, von dem ich nie gehört hatte. Sehnsuchtsvolle Bilder in Schwarz-weiss, in seinem letzten Film vor seinem Tod, 1980 - gestorben ist er 1990 - auch in Farbe. Die Protagonistin bricht vor Liebeskummer auf der Straße zusammen und stirbt. Wahrscheinlich ist der Film heute kaum zu ertragen. Man gibt sich abgebühter.

    Ein Radfahrer mit orangen tretenden Schuhen. Zwei Schülerinnen auf dem Heimweg. Ein Mann mit leerem Blick, ein Jogger, nein, das ist Erfindung, einfach Einbildung, als gehörte es zum Blick aus dem Fenster an den kugelförmig Kiefern vorbei über den Holzboden der Promenade zum Meer, den leichten Wellen und schließlich dem hell leuchtenden Horizont mit den Aufbauten der Frachter und westlich zu den Wertanlagen.
    Ich bestelle einen doppelten Espresso.

    Später ging es zum Olymp. Hier Lorins bericht:
    Eineinhalb Stunden Fahrt sind es zum sagenumwobenen Berg Olymp. Wir umfahren den Golf, bis wir von der anderen Seite Thessaloniki sehen können. Eine Panoramastraße führt uns bis auf 1.100 Meter über den Meeresspiegel. Von hier aus können wir schon den schneebedeckten Gipfel des Göttersitzes sehen. Auf die knapp 2.900 Meter hochzusteigen würde allerdings den Rahmen sowohl zeitlich, als auch kräftemäßig in dieser Gruppenkonstellation sprengen. Schon zu Beginn der kleinen Wanderung empfangen wir ein Zeichen Hephaistos. Ein Feuersalamander, sinnbildlich für Schönheit und Gefahr tappt über den Trampfelpfad. Während Helios wohl zum Urlaub in den Süden gefahren zu sein scheint, empfängt uns Aiolos mit kalten Winden, die heulend durch die Tannwipfel peitschen. Wir ziehen die Kapuzen über, um die Ohren zu schützen. Wir treffen auch ein Wandererpaar - natürlich Deutsche - die aber wieder umkehren, da der angepeilte Wasserfall wohl momentan trocken liegt. Unser dreistündiger Rundweg führt uns noch etwas weiter hinauf, bis wir auf etwas über 1.700 Metern einen einigermaßen guten Ausblick auf die schneeglasierten Spitzen der umliegenden Zweitausender haben. Der Abstieg ist steil! Zu steil für Papas kaputte Knie, sodass er sich mit Stützstock herunterquälen muss. Zurück am Parkplatz treibt es uns so schnell wie möglich nach Hause, um die leeren Mägen zu füllen. Zurück in der flachen Ebene klart der Himmel über den Berg ab. Hat Zeus etwas gegen uns?
    Zuerst halten wir bei einem kleinen Lokal in einer Stadt. Einheimische tanzen zu traditioneller Musik Schulter an Schulter, die Arme umeinander gelegt. Fast schon, als probierten sie den Stereotyp eines Griechen so gut wie möglich zu bestätigen. Jedoch: "No, nothing vegetarian" erklärt die Kellnerin klipp und klar. Also doch zurück nach Thessaloniki - die progressive, junge Stadt. Zum letzten gemeinsamen Abendmahl lassen wir uns es nochmal richtig gut gehen. Gefüllte Weinblätter, Rote Beete Salat, frischgebackene Brot, frittierte Kartoffelschnitze, Fleischbällchen, Nudeln mit Schweinewürfelchen und für mich noch ein Pilzrisotto. Zum Nachtisch noch ein türkisches Gericht, bestehend aus Kadaifi, Mozarella und Sirup. Ein wahrer Gaumenschmaus! Ein Verdauungsspaziergang entlang der Mole zeigt nochmal in voller Pracht, wie jugendlich und wach die Stadt, auch noch nach 22:00 Uhr ist. Überall tummeln Jungen und Mädchen, liebkosen, blödeln herum oder laufen herausgeputzt, in den schönsten Dressen zur nächsten Bar oder Club. Auf den Aristotelesplatz hält eine Motorradgang mit Pikachu-, Minni-, Micky- und Playboyhasen als Helme. Bissl Crazy!
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  • Albetabakery III

    November 12, 2023 in Greece ⋅ ☀️ 11 °C

    Diesesmal vor der Tür der Albetabakery. Gestern habe ich sie fast verpasst, weil ich so in Gedanken war. Lorin hat mich aber wieder auf den rechten Weg gebracht und wir haben sehr gut zusammen gefrühstückt.

    Jetzt schon wieder letzte Stunden in der größtenteils schachbrettaetig angelegten Stadt. Die Sonne strahlt noch tief stehend durch eine dieser dadurch entstehenden Häuserschluchten. Lorin hat den gestrigen Tag erzählt, aus meiner Sicht ist leider nur hinzuzufügen, dass das Alter oder die Untrainiertheit wenig Spaß macht. Beim Abstieg schmerzen die Muskeln und wollten die Knie immer ausbrechen, der Segleranorak ließ keine Luft durch und ich schwitzte meinen Pulli durch, gepaart mit einem durchaus überall spürbaren Schweißgestank. Aber der Wind oben auf der höchsten Stelle unserer Tour, die Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel, die Ruhe der Natur haben alles weggetrgaen. Auf dem Rückweg lag die Ebene bis Thessaloniki im gleissenden Sonnenlicht, darüber dunkler Himmel . Das Licht wie ein göttlicher Strahl, kein Wunder in der Nähe von Zeus und all den anderen. Wir unterhielten uns natürlich auch über Bellerophon und davon ausgehend über Namen, Erderstehung, Familiengeschichten, dem Interesse an Geschichte, an der Frage, wie es wirklich war, an dem Frieden finden darüber, Vernarben, Weitermachen.

    Ich esse meine Zimtschnecke, die Termine der nächsten Woche und der kommenden Zeit sind bereits präsent. Thessaloniki ist für mich die Promenade. Kilometerlang, immer mit Ausblick zum Horizont, immer mit einem neuen Eindruck des Wetters, von sonnig bis diesig, von Regen zu Wolkenschüben. Dazu die vielen jungen Leute, das Essen, Plätze aufsuchen, Reden, die Mole Bevölkern, selbst die Kultur darauf wahrnehmend.

    In einem Nebenraum - die FANTASMAS Retrospektive des Festivals begleitend - die Bilder von Nikos Kessanlis. Die Beschreibung an der Wand vor dem Ausstellungsraum sagt das Wichtigste. Hinter den Fakten, den Nachrichten liegt das Unscharfe, die Schemen, die Chimären. Mit Hilfe des fliegenden Pegasus hat Bellerophon die Chimären besiegt. Am Ende zahlte er seinen dieser und anderen Heldentaten folgenden Übermut mit dem Fall aus dem Himmel und mit dem Dasein eines verkrüppelten Blinden.
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  • Grün

    March 19, 2024 in Portugal ⋅ ☀️ 17 °C

    Erwachen in Fuseta. Innerhalb grüner Wiesen immer wieder vereinzelte Häuser, meist weiß mit Flachdächern, Dachterrassenwohnungen. Die Sonne gleisst müde über dem flachen Wasser hinter Flüssen, kleinen Gewässern, Tümpeln . Die Stadt über dem Fluss ebenfalls in Weiß. Ein Auto mal, ein paar Bauarbeiter, dann wieder Stille, Vögel, Ruhe. Gedanken beginnen zu fließen.Read more

  • Gleissend

    March 19, 2024 in Portugal ⋅ ⛅ 19 °C

    Doix cinquenta. Ich kann es kaum glauben. Für Espresso, Vanilletörtchen, Wasser. In München mindestens das dreifache. Einziger Wermutstropfen. Meine Pupille ist, wie die Augenärztin sagte, beleidigt. Sie schließt sich kaum bei Sonnenlicht. Also ist alles hell und gleissend, der Blick leider stark beeinträchtigt. Kleine Bar, alter Barkeeper, moderne Musik, blaue Stühle auf kleinpfastrigem weißem Stein. Drei Plätze sind besetzt, auch von alten Einheimischen, ein Motorrad knattert vorbei. Etwas weiter entfernt steht die Markthalle mit den Fischauslagen. Vor mir die Salinenlandschaft in der Frühlingssonne. In der Ferne ein weißer Salzberg. Steinhartes Salz. Im Wasser zwischen den Erdwällen Vögel - Lorin würde sich freuen - und dann ein Flamingo. Er stakst in ganzem Stolz über eine Sandbank . Französische Touristenstimmen vermischen sich mit portugiesischen Rufen. Dann wieder Ruhe, Warten auf die Saison. Ich trinke mein Wasser und denke an die Möglichkeiten des Lebens.Read more

  • Orangen

    March 20, 2024 in Portugal ⋅ ⛅ 16 °C

    Gerade Abendrot über den Salinen. Man meint Orte zu kennen, weil man einmal da war und dann ist es doch beim zweiten Mal ganz anders. Olhao zur Coronazeit mit Lorin. Geschlossene Läden, abends fast keiner auf den Straßen. Diesesmal eben quirlige lebendige Kleinstadt am Meer, alle Läden offen, hell und leuchtend in der Sonne. Durch den Markt voller Früchte, während der Fischmarkt schon geschlossen hatte. Viele Gedanken an die Coronazeit, an die ganze Absurdität, von der heute keiner mehr zu reden wagt, die vielleicht entstanden ist wegen all der Suche nach noch mehr Sicherheit in den Jahrzehnten zuvor. Oder es war der entscheidende wechsel in der Geschichte. Das Misstrauen gegenüber den Daten und der Beobachtung wich dem Suchen eben dieser Beobachtung und der Daten, um Sicherheit zu finden. Die Menschheit verlor ihr natürliches Empfinden und Erkennen der Umwelt. Sie vertraute sich den Daten an, den Chats, den Bubbles, den Medien. Der weg ist noch nicht bis zu Ende gegangen.

    Die Häuser voller Majoliken, Fliesen an den Wänden. Aus Olhao über das Land gefahren, blühend im Frühling. Neben den Straßen fast mannshohe Margariten, Orangen und Zitronenhaine. Die Szenerie erinnert mich an den letzten Teil aus KAOS von Pirandello. Einer der Tavianis ist eben gestorben. Vielleicht auch deswegen, weil der dicke Anwalt in dieser Geschichte über Don Lollos Ansinnen nur lachte und ihn aufforderte, das Haus zu verlassen. So etwas würde heute nicht mehr vorkommen.
    Jede Absurdität kann Geld bringen und wird verhandelt.
    Ich halte vor einem verlassenen Haus mit Veranda, betoniertem Pool, liebevoll gestalteter Wasserzufuhr. Es ist inzwischen zugewachsen, von Efeu und anderen Schlingpflanzen überwuchert, aber noch mit verschlossenen Türen und Fenstern. Braungüne Majoliken zieren die ganze Fassade zur Straße. Was mag wohl passiert sein, welche Geschichte sich hinter dem zurückgelassen Gebäude verbergen? Ich schüttele zwei Orangen von den Bäumen im Vorgarten und fahre weiter. Sie schmecken noch etwas bitter.
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  • Alentejo und das Meer

    Mar 21–23, 2024 in Portugal ⋅ ☁️ 17 °C

    Es ist wirklich keine Absicht, aber wieder landete ich im Nirgendwo. Ich lenkte mein Mietauto auf einen Feldweg, der Richtung cabeza delha velha mitten im Alentejo führte. So wie es auf anderen Reisen im den vergangenen Jahren passiert war, hatte Google den Weg auserkoren. Nun, er wurde enger, wilder, voller Schlaglöcher, Steine, Gräben und hohen Zwischenrainen in immer einsamer werdender Landschaft, wie schon mal auf Kreta oder Zypern oder wo auch immer, diesesmal aber ohne Elia, was mein Behagen eher in Unbehagen umschlagen ließ. Dagegen stand die herrliche Landschaft, hügeliges Macchialand ohne jeden Menschen, durchzogen von wegen der Erde rötlichen Feldwegen, die auch mal kerzengerade zur Spitze eines Berges hochführten. Letztendlich näherte ich mich dem Tal der velha, durch die die Straße einfach hindurchführte, zum Glück auf einer Betonpiste unterhalb der dahinplätschernden Bachoberfläche. Wieder mal wie in Kreta eine Flussdurchquerung, ich musste fast lachen über mich, weil mir Immer wieder so was passiert und immer die Gefahr besteht, dass der Wagen aufsetzt oder steckenbleibt. Eine Truppe Motorcrossfahrer kam mir entgegen wie in einem Film. Wir arrangierten unser Vorbeikommen auf schmaler Straße, dankten und grüßten einander. Irgendwann, nachdem ich mich einmal verfahren und eine weitere Bachdurchquerung überstanden hatte, gelangte ich wieder auf eine Teerstraße. Von da führte der Weg nur noch abwärts, vorbei an Siedlungen, eng an die Straßen gebaut, Orangenhainen, bis zum Meer . Der Himmel zog sich weiter zu, doch ging ich noch durch die Salinenlandschaft vorbei an Häusern mit alternativen Bewohnern und an zwei Bussen, die einfach die Abgeschiedenheit der Landschaft gesucht hatten, zum Meer. Es hatte sich weit zurückgezogen, die Muschelkulturen ragten wasserlos im die Luft. Man konnte wegen der Ebbe bis zur vorgelagerten Sandinsel gehen, die kleine Düne erklimmen und endlich die Wellen des Atlantiks sehen. Vor zwei Jahren war ich mit Lorin sieben Kilometer südlich am Barrilstrand gestanden, Strand voller verrosteter Anker. Es war die gleiche vorgelagerte Insel. Durch das Watt hatte ein Zug geführt. Ich schaute auf die Wellen. Es gab kein anderes Ufer. Das nächste Land war vielleicht Madeira, die Azoren oder eben Amerika. Inzwischen war es fast dunkel geworden. Ganz weit in der Ferne leuchteten die Scheinwerfer der Landebahn von Faro auf. Sonst war alles in Grau- und Blautöne getaucht über dem weiten unendlich wirkenden Strand. Die Wolken zogen weiter zu und jetzt prasselt der Regen auf das Dach.Read more

  • Sagres 2

    March 23, 2024 in Portugal ⋅ ☁️ 17 °C

    Vorgenommen hatte ich mir schon zu Beginn der Reise nochmals Sagres zu besuchen, am äußersten südwestlichen Punkt Europas zu stehen und mich der Magie dieses Ortes noch einmal zu vergewissern. Leider war das Wetter nicht so gut wie vor zwei Jahren, doch trotzdem war die grüne hügelige Landschaft am südwestlichen Zipfel Portugals einnehmend und fast ohne Menscheneinfluss. Nach Villa de Bispo breitete sich erneut die Ebene bis zu den steil abfallenden Klippen aus. Sagres nahm mich auf. Ich erkannte die Straßen wieder, den Supermarkt, dann die Abzweigung zum Leuchtturm. Inzwischen, da ja nicht mehr im Coronajahr, mehr Touristen, Surfer, Campingvans. Kalter Wind. Unten das tosende Meer. Ein Boot, von dem aus man die Wellen betrachten konnte, wie sie sich hoben, vier fünf Meter und wieder senkten. Etwas weiter ein Strand für die Surfer, und noch einer, darin die Surfer wie Pinguinansammlungen, schließlich das Fort, das ich damals mit Lorin nicht besichtigt hatte. Der Wind noch kälter, hinter der ersten eckig angeordneten Mauer aus dem 15. Jahrhundert eine weite brache Fläche. Darin ein Gebäude wie ein riesiges Zelt, eine Kapelle, leider geschlossen, ein Labyrinth um das voz del mar und zwei steile Höhlenzugänge, an deren Ende das Meer gurgelte. Nach der Besichtigung die von mir geplante Fahrt zur laundry lounge. Gutes Essen, veggie Topf und als Nachtisch ein Brownie, im Angesicht der namengebenden Waschmaschinen. Relaxte Surferatmosphäre. Irgendwie mochte ich den Ort erneut. Ein bisschen Fernweh und viel Entspannung vermittelnd.Read more

  • Weiter Blick nach Südosten

    April 5, 2024 in Austria ⋅ ☁️ 14 °C

    Nich ein Wochenende in Graz, bevor die große Reise beginnt. Elf Stunden Bahnfahrt gestern haben einen unfreiwilligen Vorgeschmack geliefert. Die Beine haben gekribbelt und das Schicksal meiner Mutter scheint auch auf mich überzugehen. Nach dem Frühstück mit Lektüre des diagonale Programms auf den schlossberg gegangen, besser die stallbastei. Die Sonne wartet noch etwas, bis sie sich wohl das Wochenende über von den Wolken befreit. Kirschbäume blühen, die Blumen sind so farbenfroh, dass sie meiner handykamera schon Grenzen setzen. Der Blick geht weit nach Südosten, hier nur slowenien, aber die Gedanken weiter. Bis dahin senkt sich der Blick wieder, auf die Kunsthalle graz, einer Lunge nachgearbeitet, den Filmen hier, den Gästen, die ich auf das fsff einladen möchte...dann ist der Sommer fast vorbei. So fliegen die Jahre dahin. Zum wievieltren Mal bin ich schon hier? Was ist geschehen in den Jahren? Was wird noch passieren? Meine Schulfreunde sind alle in Rente inzwischen, reisen durch die Welt. Gestern erzählte der Schaffner wie er im Sommer in Kroatien segeln geht, im Herbst mit Freunden nach Prag fährt und es sich gut gehen lässt. Dazwischen bungee springen udn Tandem fallschirmsprung. Ich dachte an die Bilder von den Kindern, auch an die Brücke, auf der ich in kreta mit elia stand. Bei Chora sfakion, coronazeit. Nikolaus geyrhalter präsentiert hier seinen Film darüber. STILLSTAND. Er holt all die Bilder von 2020 bis 2022 hervor. Die Diskussion darüber und die Folge m werden kommen. 2020 sagte der Besitzer des größten Kinos in wien, des gartenbaukinos, dass er hofft, dass die Solidarität nach corona die welt bestimmen wird, eine Lehrerin redete von bewusstseinsänderung udn klimaschutz. 2021 im zweiten langen lockdown waren sie viel skeptischer, trauriger geworden. Der kinobesitzer sah den egoismus voraus, meinungseinfalt, tja... allmählich kommt die Sonne heraus. Der Tag entfaltet sichRead more

  • Zwischenstopp

    Apr 12–16, 2024 in Qatar ⋅ ⛅ 24 °C

    Sitze im größten Flughafen, den ich bisher gesehen habe... vielleicht mit Ausnahme von Paris Orly... schon am richtigen Gate. Braune Ledersessel, Gesichter aus aller Herren und Damen Länder, gegenüber schwarz gekleidete dunkelhäutige Frauen - woher wohl? - im Gespräch mit einer rosa gekleideten und ein paar Sitze weiter blau gekleidete Männer, mit einem blauen Fez auf dem Kopf, woher sie wohl kommen?
    In der anderen Richtung, Europäer oder Amerikaner, Australier, weißhäutig, mit Handy wie ich. Wie eigentlich alle hier. Hinter mir liegt der erste Teil des Fluges, noch nicht einmal die Hälfte.
    In der Dunkelheit unter mir erschienen plötzlich die Städte des vorderen Orients, afghanische, irakische, dann Kuwait. Ich gleite darüber wie auf einem fliegenden Teppich und erinnere mich an die Geschichte, die ich Elia immer zur guten Nacht erzählte, über Mannomann, Mann aus Oman, Quadlatsch und ich weiß nicht mehr wen, nehme mein Camembertbrot mit Geramontkäse heraus und esse die letzten Stücke. Auf den Bildschirmen Nachrichten aus Palästina. Unten drunter steht Genocide in Gaza. Da gibt es gar keine debatte darüber. Das ist die offizielle Lesart.

    Morgen nachmittag werde ich erst in Phnom Penh ankommen. Es wird eine kurze Nacht, denn ich fliege ja der Sonne entgegen. Die Menschen um mich herum kommen aus Nigeria und fliegen heim.
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  • Villa Papillon

    April 13, 2024 in Cambodia ⋅ ☁️ 32 °C

    Erste Stunden in Kambodscha. Elia holte mich vom Flughafen ab, was sehr angenehm war. Ein Schwall warme, dicke Luft umfing mich, als ich das Flughafengebäude verließ, mit dem Visum für 35 Dollar in der Tasche. Taxifahrer umstanden uns, wollten uns mitnehmen, aber Elia hatte schon alles organisiert. Das Auto brachte uns durch die Stadt. Viele Autoscooter, Tuktuks, aber auch viele normale Autos. Vorbei an Läden, Gebäuden einer großen Stadt, zwei Millionen Einwohner erreichten wir nach 20 Minuten die Villa Papillon. Hinter dem Eisentor ein schöner Innenhof unter grünen Bäumen, im ersten Stock unser Zimmer mit vier Betten. Ich war nur müde, schaffte es gerade noch ins Bett. Als Lorin aus Vietnam kam, konnte ich mich wieder aufraffen, duschen, fand die Kraft noch auszugehen vor allem vom Hunger getrieben. Ein paar Straßen weiter ein veganes Restaurant, liebe Bedienung, vier blonde Touristinnen, sonst keiner, die Speisekarte entsprechend in Auswahl und Dollarpreisen. Anruf aus München wegen der Pressemitteilung und ich merkte, wie schwierig mein Anliegen zu vermitteln ist, denn die Journalistin stellte zurecht fest, dass wegen dieser Kürzungen das Festival ja nicht gefährdet wäre. Da hat sie recht. Es geht eher darum, dass ich als Veranstalter nicht weitermachen will. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, diesen Übergang hinzukriegen. Nach dem Essen noch ein Gang durch die Straßen, dabei auch durch eine Nebengasse, in der wir sahen, wie die Kambodschaner leben. Eine Mutter saß auf dem Boden und spielte mit ihren vielen Kindern in einem Raum. Am Ende der Gasse machten Kinder ein Wettrennen mit den Rädern, aber anders herum. Die Aufgabe war, ohne Treten möglichst weit zu kommen. Die Gasse befand sich neben dem touristischen Ausgehviertel mit allen Speiserichtungen, Live Musik und anderen Attraktionen. Schirme über der blessac street wie in Jerusalem oder Wien. Ein paar Meter weiter Park und Prachtstraße um den Tempel, in dem eine Statue von König Sihanouk gute fünf Meter hoch ragte, etwas weiter noch ein von Polizisten bewachtes Schloss. Einer der Polizisten stand, während der andere in einer Hängematte schlief. Müdigkeit stellte sich wieder ein und wir gingen zurück ins Zimmer, schauten uns noch vier Kurzfilme an und schliefen ein.
    Erwachen am White Day. Nach dem Ende des Pol Pot Regimes kamen die Leute vom Land zurück und besiedelten die Stadt wieder. Am White Day kehren sie dorthin zurück, wo sie her stammten. Dies erzählte uns die engagierte Besitzerin der Villa Papilon. Sie kam aus einer reichen, einflussreichen Familie, musste während der Pol Pot Zeit alles aufgeben und floh nach Vietnam für drei Jahre. Kambodscha ist für sie nurmehr eine chinesische Provinz. Politik, Macht, Geld, das Trauerspiel dieser Welt, sie nennt Syrien Ukraine, Israel und Palästina. Ein kleiner Windhauch bewegt die Blätter in dem Innenhof, ein Motorrad knattert vorbei, neben uns sitzt ein französisches Paar, das schon wieder weiterzieht. Die Besitzerin fragt, wie ihnen Kambodscha gefiele. Sie sind noch nicht lange da. Wie ich. Zu früh um etwas zu sagen
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