Kopfsteinpflaster
February 15, 2025 in Germany ⋅ ☁️ 2 °C
Es sind oft nur Zufallsgedanken, die im Strom der Bilder, Erinnerungen, Termine, Vorhaben hängenbleiben. Schneefall, eine Kreuzung in Berlin, im Hintergrund der Martin Gropius Bau und im Blick auf die Straße der gebogene Verlauf einer zweitreihigen Kopfsteinpflasterspur im Teer-Straßenbelag. Hier verlief die Mauer. Ich habe sie noch gesehen, habe hinübergesehen auf leere, überwachte Plätze, weiße Wachttürme, Menschen darin. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Geschichte werden würde, nurmehr Kopfsteinpflaster als Erinnerung.
Zeitzeuge werden. Berlin. Ich sitze im Café am neuen See. Auch dies schon wieder umgebaut. Früher aus Holz mit Kaminfeuer irgendwo am Rande. Apfelkuchen mit Sahne, natürlich. Heute gibt es keine Sahne und das neue Personal an der Kaffeemaschine hat wohl Probleme, heißt es. Früher war ich immer im Schleusenkrug. Mein Vater hatte davon erzählt. Seitdem war ich fast jedes Jahr dort gewesen. Große Glasscheibe Ausflügler, genauso wie heute, mit Kinderwagen, Kleidung der 50er Jahre, wahrscheinlich auch der 30er des letzten Jahrhunderts, Gespräche über die Geschehnisse der jeweiligen Zeit. Wieviel konnte man je Einfluss nehmen. Man wusste vieles, genauso wie man es heute weiß. Gestern Abend im Fernsehen bei Wahldiskussionssendungen hängengeblieben, fast wundersam für jemanden, der kein Fernsehen schaut. Lassen sich die Leute wirklich davon beeinflussen? Oder ist es nur ein Vorbeirinnen von Bildern und Geräuschen. Die frühere Trennung zwischen Kommentar und Nachricht ist im Entertainment völlig verwischt und wird auch nicht kenntlich gemacht. Die Markus-Lanz-show mit vier Gästen ging vor allem darum, die Meinung des Moderators kundzutun. Ist das heute Gang und gäbe. Wo fangen die kleinen Puzzlesteine an, die zur Aufwiegelung führen, zur Aufweichung von Grenzen, zur Respektlosigkeit. Politische Prozesse werden negiert, Politiker verlassen sie selber und reagieren auf das, was gerade passiert. Dadurch werden Themen, die eigentlich wichtig wären, nicht mehr behandelt. Wir sind daueraufgeregt und lernen durch das Fernsehen, dass es durch ruhige Abwägung heutzutage zu keinem Ergebnis führt, sondern dass Anschreien, Herabmachen, Ausweichen die öffentlich dargestellten Verhaltensmuster sind.
Und das Kino? Ja, dort gibt es noch Filme, die fast anachronistisch noch Wege aufzeichnen, tieferliegende Beweggründe behandeln, abwägen, meist aber nicht in deutschen Filmen. Empfänge, darauf Gespräche, wer was macht. Eitelkeiten. Lebensentscheidungen. Gier mach Wahrnehmung, Darstellen von Macht. Wo will man hin, was schafft man davon, wie zufrieden wird man, auch eine Frage in dem taiwanesischen, vor allem auch für Architekturfans interessanten Film über eine Familie. Er ist Arzt, reich, einflussreich, allen geht es äußerlich gut. Nur sehnt sie sich nach der Liebe ihrer Jugend. Eine ältere Frau, die mit ihrem Mann den Weg schon bis ans Ende gegangen ist, die nun Gutes tut, Künste fördert, drängt sie, bei dem Mann zu bleiben. So schlimm ist es nicht. Sie versucht es, immer wieder, aber am Ende ist ihre Sehnsucht stärker, ihr Wissen um ihr eigenes Leben ...bevor sie erblinden wird.
Es war einer von vielen Filmen. Am spannendsten weiter das Thema Israel/Palästina. Eine Geschichte im Film über 80 Jahre. Ein palästinensches Paar kann die Organe ihres von Israelis erschossenen Sohn in einem Krankenhaus in Haifa sieben wartenden Patienten spenden. Sollen sie das? Um eventuell einen Israeli zu retten, der, wenn er groß ist, auf sie schießt. Sie machen es. 25 Jahre später sucht sie den Israeli auf, der das Herz ihres Sohnes hat. Er sieht den Vorgang eher technisch, es gäbe kein palästinensisches Herz. Sie schaut ihn an und fragt angstvoll, ob er in der Armee gedient hätte. Nein hat er nicht, wegen seinem Herzen...
ALL THAT IS LEFT OF YOU, späterer Titel IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMSRead more




