• Vorher, da war nicht nichts

    February 16, 2025 in Germany ⋅ ☁️ -2 °C

    Wie jeden Morgen gehe ich zum Potsdamer Platz, gerade an einem Bild der Gegend Anfang des letzten Jahrhunderts und noch früher vorbei, Postkutschen, dann Straßenbahn, die zugehörige Kleidung, unter mir die Kopfsteinpflasterlinie, vorher die Ruinenfassade des Anhalter Bahnhofs, in meinem Kopf der letzte Film von gestern und die Begegnung mit Viktor Ronen. Überraschenderweise hatte ich ihn auf der Toilette nach dem Film PETER HUJARS DAY gesehen. Viktor stand neben mir, sich ebenfalls wie ich die Hände waschend, wir schauten zum Spiegel auf, zögerten und erkannten einander. Wir hatten uns Jahrzehnte nicht gesehen. Natürlich hatte ich seinen Weg verfolgt. Als Studenten hatten wir zusammen im Gärtnerplatztheater als Statisten gearbeitet. Dann hatte ich Kinder bekommen, Familie, die sogenannte Karriere aus dem Blick verloren. Hatte ich mich bewusst dafür entschieden? Ich weiß es nicht, ob ich die Alternative wirklich gesehen habe. Und wen̈n Herr Velten nicht tödlich verunglückt wäre und ich sein Geschäft übernommen hätte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Es war ein Autounfall gewesen. Mit seiner Frau war er auf einem Geburtstag gewesen. Er war mit seinem Wagen von einem Termin gekommen, sie mit einem anderen von zuhause in Herrsching am Ammersee. Dorthin wollten sie zurück, fuhren hintereinander, die Frau voraus. Ein Laster und dahinter ein Auto kamen ihr hinter einer Kuppe entgegen. Als sie sie passierte, überholte der Autofahrer, rasch, entschlossen, ein wenig wild. Frau Velten wusste, dass ihr Mann hinter der Kuppe gleich auftauchen würde. Sie konnte nur in den Rückspiegel schauen, dieser kurze Moment, diese Millisekunde, in der er noch nicht sichtbar war, dehnte sich, Sie spürte den Regen, sie nahm die Rücklichter des bereits bremsenden LKW wahr, die grüne Landschaft, eine Gruppe Kühe, von denen eine den Kopf wandte, und trat auf die Bremse, als hinter ihr das Auto ihres Mannes erschien, im Rückspiegel konnte sie nicht sein Gesicht erkennen, nicht seinen Schrei hören, sein erstauntes Schweigen vielleicht, auch nicht den Versuch, noch das Lenkrad herumzureissen, sondern nur das Aufeinanderprallen, Ineinander-Verschmelzen der Karosserien, des Blechs, Gummis und Plastiks, des Durchbohren des Fleisches und der Knochen. Herr Velten war sofort tot.
    Es änderte mein ganzes Leben.
    Ich dachte eher an den eben gesehenen Film, als ich Viktor Ronen erkannte. Das kann nicht wahr sein, sagte er und ich dachte das Gleiche, mich an die Berichte über Oscarverleihungen erinnern, in denen der Schreiber hoffte, irgendwo auf der Toilette Brad Pitt oder George Clooney zu treffen. Viktor Ronen sah gut aus, leicht gebräunt, nicht zu stark verwaltet, mit kurzgeschnittenen grauen Haaren. Die Augen wie immer groß wirkend unter breiten dunklen Augenbrauen, so als müssten sie alles wahrnehmen, was um einen geschähe, selbst die Handtuchhalter, die Wärmetrockner, das aus Nichtfunktionalität schwarz bedeckte Urinal, den Aufkleber auf den Fliesen über einen Aufruf zur Demokratie.
    Du hast den Film auch gesehen, fragte Viktor, da wird keiner reingehen.
    Das ist sicher, aber wir beide haben ihn schon gesehen und mir hat er gefallen.
    Viktor nickte, während er sich weiter die Hände trocknete. Ich dachte daran, dass ich vorher nie von Peter Hujar gehört hatte, vielleicht noch von Allen Ginsberg, den er an diesem Tag fotographiert hatte, oder von Susan Sonntag. Später wurden die Stones oder Donovan erwähnt, doch das Besondere an diesem Film war die Stimmigkeit oder die Atmosphäre. So als hätte das Gespräch der Beiden wirklich in den 70er stattgefunden, gedreht auf Super Acht, mit einer begrenzten Länge, weil nicht mehr in eine Kassette auf der Kamera passte, mit einer großen Körnigkeit, auch Weichheit des Filmmaterials. In der kleinen Wohnung verging ein Tag, mit Blicken auf New York, auf den Hudson, auf dem Bett, an einem Tisch, in aller Ruhe, ohne jedes Mobiltelefon. Die beiden redeten miteinander, aufgenommen von einem winzigen Tonbandgerät. Erst Jahre später wurde das abgestimmte Manuskript entdeckt, nicht das Originalmaterial. Es war verschwunden bei einem Umzug oder einem Aufräumen bei Linda Rosenkrantz. Sie lebt noch immer, inzwischen 91 Jahre alt. Ich war damals mit anderem beschäftigt als der New Yorker Kunstwelt. Und doch fühlte ich mich diesem langsam vergehenden Tag nahe, diesem Verschieben der Schatten, diesem Auf- und Abgehen im Raum, diesem Warten auf die Worte des anderen, diesem plötzlichen Tanz, Drehen im Raum, dieser Sehnsucht nach dem Sinn. Was haben die Beiden an diesem Tag gemacht? Nur geredet, nur einander zugehört, wirklich nur? Es war kein produktiver Tag in der immer noch oder schon wieder herrschenden Ansicht des dauernden Arbeitens, Anhäufens von Mehr, Bestätigen des Wachstums.
    Wir waren inzwischen aus der Toilette getreten, ganz kurz das gemeinsame Empfinden bestätigend. Um uns waren die Menschen in ihre Handys vertieft oder schon in der entschlossenen, zielgerichteten Bewegung zum nächsten Film. Ich muss weiter, sagte auch Viktor Ronen, aber lass uns treffen, wie lange bist du noch hier? Wir tauschten unsere Nummern aus, verabredeten uns für einen der nächsten Tage, dann wandte er sich ab und verschwand in der Menge. Sein schwarzer Mantel wehte um seinen aufrechten Körper.
    Ich hatte Hunger, beschloss noch essen zu gehen und dort die Fotographien von Peter Hujar zu googeln.
    Es sind schon wieder fast 30 Stunden seitdem vergangen, nur noch ein paar Minuten fehlen zu dem Geburtstag, der früher das Rentenalter, heute auf alle Fälle die Seniorenermäßigung in Kraft treten lässt . Natürlich ist es nur eine Zahl. Im ersten Moment die erstaunte Wahrnehmung des gelebten Lebens. Ein Film heute - er hieß January 2 - spielte am Tag eines Umzugs nach der Trennung des Paares. Die sieben Fahrten zwischen den verschiedenen Wohnungen drückten, wenn man genau hinschaut, das gesamte Leben aus, nicht nur all die Gefühle des sich trennenden Paares, sondern auch die Räume, die dies korrespondieren, die Architektur, die der neuen Wohnung, der Eltern, der alten Wohnung, des engen Autos. Ein Tag, so reich. Ein Leben, wie glücklich sollte man immer darüber sein. Ich vergesse es manchmal, bin immer noch gehetzt. Es wird weniger. Die Empfänge, das Gerede interessiert mich überhaupt nicht mehr. Ich sehe die Mittfünfziger, die noch einmal Karriere machen wollen. Habe ich selbst so empfunden. Wahrscheinlich. Daraus ist Gauting entstanden, in einem Jahr der völligen Überforderung, aber das sehe ich erst jetzt so. Genau ein Jahr ist die Netzhautablösung her. Heute kann ich wieder hinausgehen und die Welt betrachten. Auch hier nur Dankbarkeit, ja Glück. Vor ein paar Tagen habe ich meinen siebten Enkel im Arm gehabt. Er wird wahrscheinlich sicher das nächste Jahrtausend erleben. Was sind das für Zeiträume! Geschichte wird für mich spürbar: Dass sie weitergeht, dass Weltreiche kommen und auch wieder vergehen, was für den Einzelnen oft kaum vorstellbar war. Heute am Checkpoint Charlie vorbeigegangen, Jugendliche posierten mit ihren Handys vor dem kleinen mit Sandsäcken geschützten Grenzwärterhäuschen. Ich bin noch über die Friedrichstraße in die DDR gefahren und musste Geld umtauschen, kaufte mir in einer Buchhandlung ein schwarzes Büchelchen vom Aufbauverlag. War es nicht TRANSIT von Anna Seghers? Es war auch während einer Berlinale gewesen, damals ausschließlich im Westen der Stadt. Ich war noch nicht mal 30 Jahre alt gewesen, meine Tanten und Onkel hatten alle noch gelebt, die eigenen Kinder waren noch nicht in die Schule gegangen. Viktor Ronen kannte ich schon. Ich bin gespannt, ob ich ihn nochmal treffe.
    Es wird Zeit, dass ich das Licht ausmache und dem Traum die Möglichkeit gebe, die dahinfließenden Erinnerungen mit imaginären Bildern zu ersetzen. Gute Nacht!
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