• Da ist das Paradies nicht mehr weit

    April 29, 2025 in the United States ⋅ ☀️ 26 °C

    Muss das sein, würde meine Mutter fragen. Musst du noch was draufsetzen, es ist doch ein schöner Tag gewesen. Richtig, aber wie erwartet war das Wetter an der westlichen Küste Kauaiis wunderbar, eher nur noch mit ein paar Wolkenflecken im Sonnenlicht. Und das schuf immer wieder beeindruckende Bilder, neongrün im Grün, weißglitzerndes Meer gegenüber dunklen Wellen. Der erste Strand, auf den ich stieß in Kaleka, war so weit, dass ich sofort den Wagen stehen ließ und zu den Wellen ging. Nur wenige Autos und Badegäste auf dem Sand. Das Meer unendlich nach Westen, mit zwei kleinen Inseln am Horizont. Ich konnte immer wieder dem Moment vor dem Brechen der Welle lauschen, dem kurzen, stummen Wölben, bevor sich alles entlud und am weiten Strand in ausgedehnten Rundungen auslief. Ich ging lange, erst ohne T-Shirt, dann sicherheitshalber mit.

    War das genug? Es war so schön, es gab nichts mehr zu toppen, ich wollte nur noch das Ende der Straße sehen, denn die Insel war nicht zu umrunden. Geradeaus führte sie an einer Militärbasis samt Abschussrampe für pazifische Mittel- oder Langstreckenraketen schon in Sichtweite der Bergkette, die das weitere Durchkommen verhindern würde, zu einer Blockierung der Straße - aha, das Ende - und links auf einen Feldweg, der klar gekennzeichnet war: Weiterfahrt nur mit 4-wheel-drive Auto. Nun ich hatte nicht nachgeschaut, aber mein Hyundai Tucson Sah nicht nach so einem Fahrzeug aus allerdings hatten wir auf diversen Fahrten mit den verschiedensten Mietwagen mit Lorin und Elia die schlimmsten Bergstrecken auf Kreta und in Portugal überwunden.

    Junge, muss das sein, hörte ich wieder meine Mutter. Es war der Punkt 58 in den 101 things to do in Kauaii. LEAVE A FOOTPRINT IN THE SAND AT MÄHÄ'ULEPÜ. Ich hätte ihn überlesen. Unspektakulär. Zum Glück las ich ihn aber erst später, nach der Fahrt über tiefe Schlaglöcher, Wasserlachen, vorbei an mannshohem Schilfgras, manchmal geheimnisvoll aufgewertet durch einen Vogelruf. Die Minuten vergingen. Langsam, langsam näherte ich mich der Küste. Die entgegenkommenden Autos waren bis zu den Dächern verschmutzt von Dreckfontänen. Ich fuhr vorsichtiger, schließlich war es ein Mietauto. Irgendwann, vielleicht nach einer halben Stunde bog ein Weg nach links ab ich wusste, über die Düne. Noch einmal Schlaglöcher, dann völlig unverhofft ein überdachter Picknickplatz. Und von dort weg, bereits in tiefem deinem Sand ein Pfad zum Meer. Er öffnete sich, als er von den Dünen herunterführte, öffnete sich auf einen schier unendlichen Strand, leer, begrenzt von den steilen abfallenden Bergen auf der einen Seite und dem Ausblick auf die beiden kleinen Inseln und die Sonne auf der anderen Seite.
    Das Paradies war von hier aus nicht mehr weit.
    Die ganze Reise hatte sich in diesem Moment gelohnt.
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