Leticia
4.–7. jun. 2024, Colombia ⋅ ⛅ 25 °C
In Leticia angekommen, holt D. mich am Flughafen ab um ihren Reisepass in Empfang zu nehmen. Sie bringt mich noch zum Hostel, dann verabschieden wir uns wieder. Am nächsten Tag schaue ich mir ein wenig Leticia an, dabei lerne ich ein neues Transportmittel zu lieben: Mototaxi. Einfach eines der vielen Motorräder anhalten, sagen wo ich hin möchte und hoffen, dass der Fahrer halbwegs besonnen ist. Am Ende 3.000 COP (70 ct) bezahlen. Die Mototaxifahrten sind viel schneller als zu Fuß zu gehen, machen Spaß und kosten für mich als Europäer quasi kein Geld.
Leticia ist nicht sonderlich spannend, aber der Hafen hat es in sich: Hier tummeln sich lauter lange, schmale Holzboote, Einbäume und viele viele Menschen. Hier kommt die Marktware aus den umliegenden Siedlungen an, natürlich alles auf dem Wasserweg. Es werden Plátanos, Zwiebeln, Holzkohle und alles mögliche Andere aus den Booten geladen und über die Straße zum Markt getragen. Die meisten Boote sind motorisiert, die Motoren sehen mir verdächtig nach umgebauten Motorsensen aus: Statt des Mähkopfes wurde einfach ein Propeller angesteckt. Später lerne ich, dass diese Boote "peke peke" heißen, wegen des Geräusches, das die Motoren machen. "Geräusch" ist vorsichtig ausgedrückt, manche Motoren machen so laut "peke peke", dass es in den Ohren wehtut.
Das Hostel (Nómada) wird von einer indigenen Familie und einem Zuwanderer aus Bogotá betrieben. Die Familie wohnt dort schon länger, die Mutter und der jüngste Sohn sind taubstumm, einer der älteren Söhne, Romel, bietet Kanutouren an. Am Nachmittag mache ich mit Diego, der für einige Zeit im Hostel ist, und Romel ebendiese Kanutour. Wir laufen zuerst durch eine indigene Community, danach fahren wir mit einem langen Holzkanu, ähnlich denen, die ich im Hafen gesehen habe, durch den überschwemmten Wald. Zur Regenzeit im Winter schwillt der Amazonas an und überflutet die umliegenden Wälder Der Wasserstand ist dann bis zu 18 m höher als im Sommer. Die Häuser in der Community, durch die wir laufen, sind aus diesem Grund alle auf Stelzen gebaut. Jetzt stehen sie auf dem Trockenen, aber vor ein paar Wochen konnte man sich hier nur per Boot bewegen. Romel zeigt uns anhand der Verfärbungen an den Bäumen, wie hoch das Wasser steigt. Die Markierung ist fast einen Meter über unseren Köpfen...
Per Kanu fahren wir dann erst zu einem Baum, wie ich ihn auf der Isla Fuerte schon gesehen habe: Er bildet Hängewurzeln aus, die, wenn sie den Boden berühren, anwachsen und zu neuen Stämmen werden. Zwischen diesen Stämmen spannt Romel Hängematten auf und wir legen uns hinein. So baumel ich am ersten Nachmittag in Leticia mitten im überschwemmten Amazonasregenwald in einer Hängematte, die Füße vorsichtig ins Wasser steckend. Ich habe mich schon wieder viel zu sehr stressen lassen, weil meine Brille kaputt ist, das Mückenspray nur so mäßig funktioniert, ich mich nicht entscheiden konnte ob ich mich erst mit Mückenspray und dann mit Sonnencreme einschmiere oder lieber andersrum, weil ich unbedingt Tiere sehen möchte und und und... Hier in der Hängematte kann ich ein bisschen loslassen und anfangen zu genießen, dass ich im Amazonas bin.
Nach ca. einer halben Stunde bauen wir unser gemütliches Lager wieder ab und paddeln weiter durch den Wald auf einen See hinaus. Romel fragt uns ob wir baden gehen wollen. "Las pirañas son vegetarianas.", fügt er lächelnd hinzu. Nachdem er reinspringt und nicht gefressen wird ziehe ich mir meine Badehose an und springe hinterher. Das kühle Wasser tut sehr gut nach dem heißen, feuchten Tag. Nur komisch, in Süßwasser zu baden! Das bin ich gar nicht mehr gewohnt!
Auf dem Rückweg verlaufen wir uns kurz, an einem Fluss, wo Romel eine Brücke erwartet hatte, müssen wir spontan umkehren. Danach verbringen wir einen sehr schönen Abend auf der Terrasse im Hostel, mit viel Bier und ein paar Cocktails.
Donnerstag fahre ich wieder per Mototaxi zum Hafen, dort kaufe ich ein Bootsticket nach Mocagua für den nächsten Tag. Danach fahre ich noch kurz an die kolumbianisch-brasilianische Grenze, die mitten durch die Stadt verläuft (auf der brasilianischen Seite heißt sie allerdings Tabatinga). Nachmittags esse ich zwei Eis bei Nàì Chì und positioniere mich im Parque Santander. Ca. eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang geht das Spektakel los: Tausende Vögel strömen in verschiedenen Schwärmen in den Park, setzen sich in die Bäume, fliegen aufgeregt hin und her und machen einen Höllenlärm. Gespräche sind jetzt unmöglich, außerdem muss ich aufpassen, nicht vollgeschissen zu werden. Eine Weile schaue ich mir das Schauspiel aus der Nähe an, dann flüchte ich auf den Kirchturm. Hier ist es ein wenig ruhiger und ich kann nicht nur die Vögel im Park beobachten, sondern auch über die ganze Stadt blicken. Am interessantesten ist jedoch die große Kreuzung am Park: Dort einigen sich Motorräder, Tuk-Tuks und Busse scheinbar ohne Verkehrsregeln, aber per Hupe und Handzeichen, wer als nächster weiterfahren darf.Læs mere










