• Tag 53: Cold Water, Clear Thoughts

    February 2 in New Zealand ⋅ ☁️ 17 °C

    Der Tag stand unter dem Motto: „Es könnte regnen, also fahren wir mal sicherheitshalber 200 Kilometer.“
    Wir verliessen Wanaka in der festen Überzeugung, dass der Himmel gleich aufreisst – im negativen Sinn.
    Tat er aber nicht.

    Ich ging noch tanken und dann in den New World einkaufen. Lisa und ich hatten dort etwas, das man im Familienalltag nur noch aus alten Dokumentarfilmen kennt: Quality Time.
    Was im Camper währenddessen passierte, war uns egal.
    Vermutlich ein Mix aus Gemotze, Ungerechtigkeitsdebatten und einer Wunschliste, die länger war als die Quittung vom New World.

    🥕 New World – das Disneyland der Lebensmittel

    Der New World ist ein Erlebnis.
    Jedes Rüebli wird dort behandelt wie ein VIP‑Gast an den Filmfestspielen von Cannes.
    Jeder Apfel glänzt, als hätte er eine eigene Social‑Media‑Managerin.
    Das Brot sieht aus wie beim Beck – nur dass es hier fünfmal so viel Personal hat, das im T‑Shirt herumläuft und so tut, als wäre es völlig normal, dass die Kühlschränke auf arktische -200 Grad eingestellt sind.

    Ich bin Eisbaden gewohnt, aber dort im T‑Shirt zu arbeiten?
    Nach zwei Stunden wäre ich ein eingefrorenes Rüebli, bereit für die Tiefkühlabteilung.

    An der Kasse wird einem dann alles eingepackt.
    Das letzte Mal habe ich das in Mexiko erlebt – und in Teneriffa.
    Schon damals dachte ich:
    „Das ist so ineffizient, das muss für dekadente Kunden sein.“
    Und jetzt stehe ich da, dekadent wie ein König, und darf nicht einmal helfen.
    Lisa und ich standen daneben wie zwei Praktikanten im falschen Film und warteten darauf, dass uns jemand eine Aufgabe gibt.
    Am Schluss durfte ich immerhin die Karte hinhalten.
    Ein kleiner Moment der Selbstwirksamkeit.

    🌧️ Zwischen Wolken und Zukunftsfragen

    Heute war ein Tag zum Nachdenken.
    Nicht, weil ich wollte – sondern weil die Strasse lang war und die Kinder laut.

    Neuseeland als neues Zuhause?
    Für die Kinder eher nein.
    Für mich… der Traum ist nicht weg, aber er hat jetzt ein paar Dellen.
    Christchurch für ein oder zwei Jahre?
    Das könnten wir uns vorstellen.
    Work‑Life‑Balance, Sportförderung, Outdoor ohne Ende – alles da.
    Aber unser Ehrgeiz und der Kiwi‑Chillfaktor passen ungefähr so gut zusammen wie Flipflops und Schneeschaufeln.

    Dazu kommen die Lebenshaltungskosten, die selbst Schweizer Preise erröten lassen.
    Und unternehmerisch gäbe es hier zwar Chancen – aber die brauchen Zeit.
    Mehr als zwei Jahre.
    Eher fünf.
    Und Geduld ist nicht gerade meine Kernkompetenz.

    🇨🇭 Und die Schweiz?

    Zurück in ein Angestelltenverhältnis?
    Ich weiss, dass ich dort früher oder später unglücklich wäre.
    Zurück in dieselben Projektdienstleistungen?
    Monetär attraktiv, aber seelisch… meh.

    Hobbys?
    Bäume zeichnen?
    Gitarre spielen?
    Spitzensport?
    Mein Körper lacht schon beim Gedanken daran.
    Und jeden Tag Skifahren klingt nur so lange gut, bis man es wirklich macht.

    Ich weiss ziemlich genau, was ich nicht will.
    Das Problem ist: Das weiss ich schon lange.
    Ich habe einfach weitergemacht, weil ich nicht wusste, was ich stattdessen tun soll.

    💭 Und jetzt?

    53 Tage Neuseeland.
    53 Tage Natur, Chaos, Familie, Sandflies, Camperleben.
    Und ich bin nicht wirklich weiter.

    Vielleicht habe ich gehofft, dass irgendwo zwischen Cape Reinga und Invercargill eine Tür aufgeht.
    Eine Idee.
    Ein Ziel.
    Ein Funke.

    Stattdessen habe ich gemerkt, dass ich die Kinder zu sehr verwöhne.
    Dass ich ihnen Dinge ermögliche, die für mich als Kind unvorstellbar gewesen wären.
    Meine Mutter hat im Restaurant oft nichts gegessen, weil es zu teuer war – nicht weil sie keinen Hunger hatte.
    Vielleicht will man unbewusst etwas gutmachen, das man selbst erlebt hat.
    Vielleicht macht man es damit aber nicht unbedingt besser.

    Und vielleicht werde ich nach diesem Trip mehr Fragezeichen haben als Antworten.

    Aber vielleicht ist genau das der Anfang von etwas Neuem.
    Etwas, das noch keinen Namen hat.
    Etwas, das erst entstehen kann, wenn man sich eingesteht, dass man gerade nicht weiss, wohin.

    Manchmal beginnt Klarheit genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

    Eisbaden hat gutgetan. Für einen kurzen Moment war alles klar.
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