• Gastfreundschaft und Sensationsgier

    8. december 2024, Indien ⋅ 🌙 17 °C

    Der zweite Tag am Rad war ein heiteres Auf und Ab 😅. Weil es morgens noch sehr knackig frisch war, kamen wir bei den Aufwärtsmetern kaum ins Schwitzen und bergab froren mir sogar die Fingerl ab. Entlang des Weges begegnen uns die Menschen in ihren morgendlichen Routinen, die Kinder stets fröhlich winkend mit "Hello" und "Bye Bye!"

    Eine knappe Stunde später, wenn die Sonne auf uns Radfahrer trifft, können wir dann schon die Weste ausziehen und freuen uns über die Kühlung im Fahrtwind. Nichts ist so gewiss, wie die Veränderung!

    Nach einer Teepause stoppen wir in einer Nebengasse in einem kleinen Ort und betreten einen schlichten Hof mit allerlei Tonfabrikaten und einem kleinen Kälbchen. Wenige Minuten später erscheint der Chef des Hauses und demonstriert uns seine Kunst. Im Nu schwingt die Töpferscheibe und unter seinen erfahrenen Händen wächst ein schmuckes Häferl hervor. Dann dürfen sogar wir Hand anlegen! Für's erste Mal, gar nicht so übel, lesen wir uns seinem Gesicht. Seine Frau zeigt uns noch, wie sie am Mahlstein Maismehl herstellt und ich bin begeistert, wie toll diese Steine schwingen.
    Wir bedanken uns für ihre Zeit & Freundlichkeit mit einem Packerl Mannerschnitten und einem kleinen Trinkgeld.

    Weiter geht es noch einige Serpentinen hinauf und hinunter durch wunderschöne Berglandschaft bis wir bei Sadri am Ranakpur Jain Tempel ankommen. Hier werden sie Räder für heute verladen und wir besichtigen mit Audioguide dieses imposante und einmalige Baukunstwerk. Allein die Restaurierung hat 11 Jahre gedauert! (Alle anderen Zahlen, hab ich leider bereits wieder vergessen, sind aber bestimmt nachzulesen.) Das Spiel aus Licht und Schatten, sowie die Feinheiten und der Bildhauerei laden zum Verweilen und Flanieren ein, wäre es nicht für die wiederkehrende Trillerpfeifen der Aufseher.

    Am Parkplatz drücke ich drei Kindern noch ein Packerl Feuchtfutter für die ausgemergelte laktierende Mutterhündin in die Hand, bevor uns Nevin, unser achtsamer Fahrer nach Bijapur zu unserem Homestay bringt. Wir kurven durch immer enger werdenden Gassen, wo unser Auto gefühlt kaum mehr durch passt. Schließlich sind wir da! Zwei junge Burschen tauchen wie aus dem Nichts auf und schnappen unser Gepäck, während wir von Himmat, dem Hausherren begrüßt werden. Der Empfang, der uns nun geboten wird, gibt uns das Gefühl entweder Indiens neue Celebrities oder zumindest Ehrengäste des Hauses zu sein!!! Wir werden mit Blumengirlanden behängt, bekommen eine Segnung und ein Tuch, um unsere Hände zu waschen. Dann werden wir in unser Zimmer gebracht und bekommen Chai serviert. Wooooow!! 🤩
    https://travelindiawithhimmat.com/

    Nach einer kurzen Rast werden wir von einem Jeep abgeholt. Nächster Programmpunkt: Leoparden-Safari!
    Die Fahrt und die Landschaft allein sind es schon wert, mit einer Leopardensichtung rechne ich nicht. Vor allem nachdem wir sehen, wie viele Jeeps hier leider herum kurven. Also genießen wir den wunderschönen Sonnenuntergang mit Blick auf den Jawai Bandh Stausee, einen riesigen Wasserspeicher für die umliegenden Dörfer für Trinkwasser und Landwirtschaft.

    Danach möchte Himmat noch kurz dorthin zurückkehren, wo das junge Leopardenmännchen zuvor gesichtet worden ist. Es ist schon recht finster und die Jeeps werden immer mehr. Eigentlich haben wir gar keine Lust mehr hier zu sein. Dann schreit plötzlich jemand auf, Scheinwerfer leuchten in die Dunkelheit und tatsächlich huscht dort oben an Hügel ein gedeckter Schatten durchs Strauchwerk! Unglaublich! Eine Aufregung geht durch die wartende Menge, Autos rangieren, jeder Fahrer möchte seine Position optimieren, während sie versuchen die Bewegung des Tieres vorherzusehen. Reicht es nicht, dass wir ihn gesehen haben? Ich zähle 24 (!) Fahrzeuge! Es stinkt nach Abgasen, es ist laut von den laufenden Motoren, irgendwo oberhalb sitzt eine arme Raubkatze, die vielleicht gerne auf die Jagd für ihr Abendessen gehen möchte, und wird von sensationsgierigen Zuschauen und Jeepfahrern, die das Gefühl haben "abliefern zu müssen", eingekesselt. Die Situation gefällt mir ganz und gar nicht. Ich teile meine Bedenken mit Himmat und er ist verständnisvoll,deswegen hat er selber auch nie Scheinwerfer dabei. Nur sitzen wir in der Kolonne fest und können nicht aus. Erneut geht eine Welle der Aufregung durch die Runde, und plötzlich ist er ganz nahe bei uns! Ich sehe ihn ca 6 - 8 m vor uns im Gebüsch sitzen. Dann steht er auf und geht Richtung Auto-Karawane, dreht wieder um, ist sichtlich nervös und angespannt. Menschen aus den hinteren Fahrzeugen beginnen auf einmal auszusteigen und vorzulaufen, strahlen mit den riesigen Lichtern in seine empfindlichen Augen. Haben sie sie nicht mehr alle??! Auf einmal macht die Katze einen Satz und springt zwischen den wartenden Autos durch auf die andere Seite!!
    Bitte, lasst ihn doch einfach in Ruhe, wünsche ich mir. Autos weiter hinten beginnen zu hupen, die Stimmung ist angeheizt - wie absurd. Da taucht er noch einmal auf, sitzt in nur mehr 4 - 5 m Entfernung von uns und mir kommt vor, er beobachtet seinerseits die ganze Situation. Endlich dreht er sich um und verschwindet im Dickicht der Nacht.
    Langsam löst sich nun endlich die Kolonne auf und wir können aufbrechen.

    Ich schäme mich für uns Menschen, wie wir dieses wunderschöne scheue Tier mit Jeeps und Scheinwerfern jagen und einkreisen.
    Wieder etwas gelernt.
    Hoffentlich provozieren sie nicht irgendwann eine gefährliche Situation hervor, wo er sich in die Enge getrieben fühlt und das Ganze eskaliert. 🙏🏻

    So gibt es wieder viel zu verarbeiten heute Nacht! Und morgen geht es weiter Richtung Jodhpur.
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