Los Arcos - Viana (~18.5km)
March 23, 2022 in Spain ⋅ ☁️ 9 °C
Der Tag heute verläuft eigentlich recht ereignislos. Nachdem ich mich gestern Abend noch ein bisschen mit dem deutschen Paar unterhalten habe, verstehe ich die Frau ein wenig besser und habe Mitleid mit ihr, da sie es schon schwer hat. Gestern Abend schien sie auch etwas bessere Laune zu haben, die ist heute aber schon wieder verflogen und immer wenn wir uns sehen, hat sie irgendetwas, was sie stört und worüber sie meckert. Sie ist trotzdem nett, wenn man direkt mit ihr redet, aber ihre grundsätzlich negative Grundstimmung finde ich anstrengend. Heute werden wir die selbe Etappe laufen, aber morgen lasse ich sie dann vermutlich hinter mir, da die beiden aus gesundheitlichen Gründen nur kurze Etappen gehen und das ist mir auch nicht Unrecht.
Bereits um halb 7 fängt im Schlafsaal wieder das laute Tütenrascheln an. Warum Leute die am meisten knisternden Plastiktüten in ihren Rucksäcken haben und morgens anscheinend nichts besseres zu tun haben, als jede einzelne davon lautstark zu knittern werde ich nie verstehen. Genervt gebe ich auf und stehe ebenfalls auf, brauche jedoch eine Weile um den Rucksack wieder ordentlich zu packen, da laut Wettervorhersage die Regensachen wieder eingepackt werden können. Um Viertel vor 8 starte ich zur heutigen Etappe und komme recht gut voran.
Das Wetter ist wie versprochen zwar bewölkt, aber trocken. Heute stehen wieder einige An- und Abstiege an und ich merke, dass das meiner Ferse nicht gut tut. Die Blase ist übrigens ein Loch im Fuß, aber ordentlich gepflastert und mit Tape abgeklebt merke ich auf geraden Strecken gar nichts. Dafür merke ich bereits nach einer Stunde eine andere Stelle am Zeh. Es hilft nichts, an der nächsten Sitzmöglichkeit packe ich den halben Rucksack aus, um ans Tape zu kommen und die Stelle vorsorglich abzukleben. Das kommt jetzt auch in eine andere Tasche am Rucksack, um schneller griffbereit zu sein.
Ich bin zwar eher langsam unterwegs, werde aber nur von Leuten überholt, die ich nicht näher kenne. Alle anderen sind vermutlich sehr früh gestartet, um heute die 28km bis nach Logroño zu laufen. Das ist mir zu weit und ich bin froh, mich frühzeitig dagegen entschieden zu haben, da ich durch die steilen Anstiege und vor allem Gefälle meine Knöchel stark spüre.
Heute gibt es wieder einen langen Abschnitt zwischen zwei Orten, aber bereits wie gestern gibt es wundersamerweise eine kleine Station dazwischen. Dieses mal ein kleiner Verschlag, in dem ein Spanier Kaffee, Tortilla und ähnliches anbietet, für die er die Gerätschaften mit einem kleinen Transformator in seinem Auto betreibt. Er spricht nur spanisch und ich habe eigentlich auch keine Ahnung, was ich bestellt habe, aber es sah bei der anderen Pilgerin gut aus und ich zeige einfach drauf. Ich lasse mir etwas Tortilla zwischen zwei Toastscheiben zubereiten, die er in einem Waffeleisen erwärmt, dazu ein Kaffee (con leche).
Auf ein paar improvisierten Sitzgelegenheiten komme ich mit einem mir bisher unbekannten Deutschen ins Gespräch, der bereits auf seinem vierten Camino ist, sich dieses Mal aber noch nicht so richtig wohl fühlt. Vielleicht ist es einfach nicht die richtige Zeit für ihn, denn er ist hauptsächlich da, weil er vor zwei Jahren wegen Corona abbrechen musste. Ich stelle im Gespräch fest, dass ich gar nicht das Bedürfnis habe, unbedingt bis nach Santiago zu kommen. Ich werde es zeitlich vermutlich eh nicht schaffen, es fühlt sich aber auch gar nicht schlimm an. Ich laufe einfach, soweit ich Lust habe und komme vielleicht irgendwann für das nächste Stück wieder.
Das nächste Stück zieht sich, es geht auf und ab und der Wind nimmt auch wieder zu. Jede Bank nutze ich zur Pause und brauche für die knapp 18km heute 6 Stunden. Egal, ich habe ja Zeit. In Viana treffe ich noch kurz Christian, der aber auch noch weiter möchte. Weitere 10 km sind mir zu viel, zumal schon 14 Uhr ist und ich bin froh, als ich die Herberge erreiche. Insgesamt bin ich sogar noch früh genug für ein unteres Bett, denn vor mir sind nur die beiden Deutschen und ein Spanier gekommen.
Im Laufe des Mittags füllt sich der Schlafsaal aber und bald sind alle 8 Betten belegt, leider mit niemandem sonst den ich kenne. Die Herberge ist extrem kalt und so beschließe ich, nur die nötigsten Dinge zu waschen, falls nicht alles trocken wird und meine Leggins muss ich definitiv anlassen. Ich schaue mir noch ein wenig die Stadt an und entspanne mich ansonsten einfach, bevor es morgen weitergeht.
Als ich vom Spazieren gehen wiederkomme, hat das französische Paar eine Portion Gemüseeintopf für alle gekocht, weil es so kalt ist; und auch wenn die anderen fast fertig sind mit Essen, beschließen sie, dass ich einfach den ganzen Rest aus dem Topf essen soll, weil es nicht genug Teller gibt. Keiner spricht eine gemeinsame Sprache, aber das brasilianische, das deutsche, das französische Paar und ich schaffen es irgendwie, uns gemeinsam zu verständigen und die warme Suppe tut allen gut. Ich lege mich früh ins Bett, weil ich ziemlich fertig bin, und das deutsche Paar macht einfach um halb 9 schon das Licht aus, ohne das alle überhaupt die Chance hatten, sich einzurichten. Ganz schön dreist, aber nicht mehr mein Problem heute Abend.Read more










