• Agés - Burgos - Vitoria-G. (~18+2.5km)

    March 29, 2022 in Spain ⋅ ☁️ 11 °C

    Um 6 klingelt Kathrinas Wecker, aber ich bekomme tatsächlich nicht mit, wie sie zusammenpacken und gehen. Als ich kurz vor 7 wieder aufwache, ist sogar Diegos Fitnesstracker aus der Steckdose direkt am Kopfende meines Bettes verschwunden und ich habe nichts gemerkt. Ich bleibe noch ein wenig liegen, da sich bei Neil aber nichts rührt, gehe ich zumindest mal ins Bad. Er wird nicht wach und ich bemühe mich um halb 8 meine Sachen möglichst leise zu packen, beziehungsweise alle in den Flur zu tragen und dort einzupacken. Nach den Erfahrungen der letzten Tage ging ich nicht davon aus, dass tatsächlich Leute länger schlafen wollen als ich und habe dementsprechend nicht wie sonst am Abend vorher gerichtet. Es tut mir leid, dass ich nun diejenige bin, die raschelt und Neil grummelt vor sich hin, als ich das Bett abziehe. Es ist aber inzwischen auch Viertel vor 8 und als ich 5 Minuten später meine Schuhe anziehe, geht der Wirt gerade durch die Zimmer um alle Langschläfer aufzuscheuchen.

    Das Wetter sieht heute nicht so gut aus, es ist sehr bewölkt. Als es anfängt zu nieseln, krame ich im ersten Ort doch nochmal meinen Poncho und Regenhose aus den Tiefen des Rucksacks, fange damit beim nächsten (und letzten) Anstieg extrem an zu schwitzen und ziehe sie wieder aus. Zumindest setzt sich dann heute Abend im Bus niemand neben mich wenn ich rieche, denn zum Duschen werde ich heute keine Gelegenheit mehr haben.

    Nach dem Anstieg treffe ich Silvio, Sergio und Fabio wieder, die oben gerade Gruppenfotos schießen und mich gleich mit ablichten. Sergio kann sich meinen Namen nicht merken und begrüßt mich heute bei jedem Treffen mit "belli occhi". Ich weiß zwar nicht, warum er ins Italienische wechselt, obwohl er meines Wissens nach Spanier ist, aber er hat gestern Abend schon festgestellt, dass ich eine ganz besondere Augenfarbe hätte. Es gibt schlimmere Beschreibungen und ich habe nichts dagegen, wenn ich bei den anderen als "die deutsche Pilgerin mit den schönen Augen" bekannt wäre. Es ist allgemein faszinierend, welche Merkmale man nutzt, um sich gegenseitig andere Pilger zu beschreiben, die man vielleicht auch schon getroffen hat.

    Beim Abstieg läuft mir tatsächlich noch das deutsche Paar über den Weg, die ich mindestens eine halbe Etappe hinter mir vermutete, Diego hatte recht. Sie grüßen aber nur kurz angebunden und ich habe auch keinen größeren Bedarf an längerem Austausch. Das Wetter wird wieder besser, aber die Strecke hat heute nicht viel zu bieten und zieht sich auf dem Weg nach Burgos mehrere Kilometer auf der Straße entlang. Es gibt eine schönere Wegalternative am Fluss entlang, aber die wird bei schlechtem Wetter nicht empfohlen und ich will ja sowieso nicht nach Burgos rein.

    Im Hinblick auf das Wetter wird meine Entscheidung, es für dieses Mal in Burgos gut sein zu lassen, nochmal bestätigt, denn mehrere Pilger berichten, dass Einheimische für die nächsten Etappen Schnee bis mindestens Ende der Woche vorhergesagt haben und auch der Blick in verschiedene Wetterapps stimmt die anderen Pilger nicht gerade zuversichtlich. Ich habe zwar genug warme Klamotten eingepackt, aber es klingt nicht gerade nach Spaß, wenn sich das schlechte Wetter über Tage hinziehen soll.

    Bei meiner letzten Pause unterhalte ich mich nochmal mit Barry aus Irland, dann grüße ich ein letztes Mal ein paar Pilger im Vorbeigehen und versuche, an der großen Hauptstraße durchs Industriegebiet unauffällig abzubiegen, um mich nicht noch umfangreich erklären und verabschieden zu müssen. Ich verlasse damit den ausgeschilderten Jakobsweg, muss aber noch 3km bis zum Bahnhof zurücklegen, der wirklich nicht für Fußgänger angelegt wurde. Gegen 2 Uhr habe ich die 18 km für heute geschafft und kaufe mir eine Fahrkarte nach Vitoria-Gasteiz. Dort muss ich noch weitere 2.5 km vom Bahnhof zum Busbahnhof laufen, schaue mir auf dem Weg aber noch ein bisschen die Stadt an und kaufe ein paar Vorräte für die Fahrt ein. Dann sitze ich an der Busstation, packe meine Sachen ein wenig um und verfasse die letzten Blogbeiträge.

    Die Heimfahrt selbst ist dann ein ziemlicher Kulturschock für mich, als ich in den fast ausgebuchten Bus einsteige. Niemand trägt eine Maske, die Leute breiten sich über die einzelnen freie Sitze mit ihrem Gepäck aus oder belegen gleich zu zweit eine ganze Reihe mit vier Sitzen. Die Stimmung ist auch allgemein eher grummelig und ich vermisse jetzt schon die netten, aufgeschlossenen, immer hilfsbereiten Menschen, die auf und um den Jakobsweg unterwegs sind. Die Fahrt zieht sich dann ganz schön, zumal der Bus viele unnötig lange Pinkelpausen einlegt und ordentlich Verspätung einfährt.

    Ich verbringe die meiste Zeit vor mich hin dösend und freue mich über die vielen Geburtstagswünsche, die im Laufe des nächsten Tages eintrudeln. Mit Blick aus dem Fenster auf das schlechte Wetter bin ich ganz froh, heute nicht laufen zu müssen, vermisse es aber trotz schmerzender Füße schon jetzt ein bisschen. Aber auch wenn es kürzer war als geplant, hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Außerdem ist Vorfreude doch die schönste Freude und ich weiß, dass ich noch mindestens das Stück von Burgos bis Leon irgendwann noch in Angriff nehmen werde. Der Camino existiert schon so lange und auch trotz Corona gibt es noch genug offene Herbergen und Bars, sodass ich sicher bin, dass der Weg nur darauf wartet, dass ich irgendwann für das nächste Stück zurückkehre.
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