• Tag 6: Viana do Castelho-Caminha(~ 28km)

    7. maj 2024, Portugal ⋅ ☁️ 19 °C

    Die Italiener haben gestern Abend lange noch lautstark gequatscht, selbst als Speedy mehrfach „schhtt“ gerufen hat, was Patricjia und mich jedes Mal zum Lachen gebracht hat. Aber nicht nur das, sie schaffen es auch heute nicht, leise die Herberge zu verlassen, obwohl sie als erste Aufstehen. Schon beim Aufbruch schmieden wir deshalb Rachepläne, sollten wir heute Abend wieder alle mit dieser Gruppe in der Albergue landen, werden Spaghetti gekauft und vor ihren Augen zerbrochen und der Cappuccino zum Essen bestellt!!

    Da wir uns morgen wohl trennen, lasse ich mich überreden heute auch eine relativ lange Etappe zu laufen. Wie immer starten wir alle getrennt, Speedy wird vermutlich schon am Ziel sein, bevor der Rest von uns die erste Pause gemacht hat. Nach kurzem Überlegen und mit Blick auf die lange Etappe entscheide ich mich, der Empfehlung meines Reiseführers zu folgen und wenigstens das erste Stück am Meer zu laufen. Auch wenn das schlechter ausgeschildert sei, kann es nicht so schwer sein, solange das Wasser links von mir bleibt laufe ich schon richtig. Und die ausgeschilderte Strecke mit ihren vielen Höhenmetern kann mich im Vergleich zu flach am Wasser nicht überzeugen.

    Ich nehme an, dass ich die anderen erst nach einem Wechsel auf die ausgeschilderte Route zu treffen, als nach nicht einmal einer Stunde Patricija und Bogo beide in unserer WhatsAppGruppe schreiben, sie hätten sich heute für die Strecke am Meer entschieden.

    Ich treffe unterwegs gefühlt deutlich weniger Pilger als sonst, was mir heute aber auch sehr recht ist. Mir ist heute nach alleine laufen und das Meer genießen, bevor ich morgen auf den zentralen Weg wechseln möchte.
    Ohne andere Pilger zur Orientierung bin ich zwischendurch jedoch unsicher, noch auf dem richtigen Weg zu sein, doch bevor ich mein Handy raus kramen und gucken kann, sehe ich Bogo in einiger Entfernung auf einem Felsen sitzen. Er sieht aus, als brauche er heute auch Zeit für sich und so laufe ich vorbei, ohne auf mich aufmerksam zu machen. Als ich einige Zeit später selbst gerade auf einem Stein pausiere und die Ruhe und den Blick auf das Meer genieße, holt er jedoch wieder auf und macht unerwartet ein Foto, als ich mich umdrehe.

    Obwohl wir wohl alle die ruhigere Route bewusst gewählt haben, ist die Freude groß, als ich zur Mittagszeit nicht nur schon wieder Bogo einhole, sondern wir auch noch Patricija treffen. Die beiden gehen zusammen etwas essen, ich habe mir Proviant eingepackt, den ich nicht unnötig schleppen will und laufe etwas weiter, bis ich schaukelnde Bänke als perfekten Pausenplatz finde.

    Zum Nachmittag hin merke ich jedoch, dass so eine lange Strecke nichts für mich ist. Die Blase am Fuß macht sich bemerkbar, der Zeitdruck, ob ich ein Bett kriege, steigt, und die Energie lässt nach.
    Ich habe weder Patricija noch Bogo seit Mittag gesehen und wundere mich, dass sie nicht aufholen. Patricija hat ein Hotelzimmer gebucht, um sich nicht hetzen zu müssen, aber Bogo müsste mich schon länger eingeholt haben.

    In der Gruppe schreibt unser Pärchen, dass Hayat sich auf der bergigeren Strecke an der Hüfte verletzt hat und unklar ist, wie es weitergeht. Sie fahren in die Herberge, und werden wohl umplanen müssen. Speedy ist schon länger vor Ort und Bogo schreibt, dass er in 30 Minuten an der Unterkunft ist. Er muss über einen anderen Weg an mir vorbeigezogen sein, denn ich brauche noch über eine Stunde.

    Leicht panisch erkundige ich mich, wie die Bettensituation ist. Man beruhigt mich, man würde sich kümmern. Trotzdem spare ich mir noch eine Pause und beeile mich, obwohl das letzte Stück hässlich und zäh ist.

    Vor der Unterkunft erwarten mich Bogo und Speedy schon und meinen, ich sei leider genau 5 Minuten zu spät für das letzte Bett. Ich kann das Gesicht noch nicht fertig verziehen, als sie anfangen zu lachen und meinen, dass ich mir keine Sorgen machen bräuchte, es gäbe noch welche und sie hätten ansonsten einen Backup-Plan für mich gehabt, der darin bestand, dass das Paar vorsorglich zwei Betten belegt hätte , obwohl sie wie immer eines teilen.

    Während ich einchecke, bringt Speedy meinen Rucksack schon zu dem für mich ausgewählten Bett. Die Albergue ist schön, sie wird von zwei Freiwilligen aus Brasilien betrieben und es gibt nur niedrige Betten.
    Die Dusche baut mich ein wenig auf und so sitze ich eine Weile mit Speedy und Bogo vor der Herberge.

    Da Hayat und Paula wegen Hüfte und Sonnenbrand für heute definitiv ausgeknockt sind und abends nur in der Herberge essen, treffen wir drei uns mit Patricija in der Ortsmitte und entscheiden uns nach den letzten Erfahrungen für das erstbeste Restaurant, in dem wir andere Pilger sehen.
    Wir bestellen gemeinsam mehrere Gerichte zum Teilen und freuen uns, dieses Mal auch portugiesische Speisen zu bekommen.
    Wir diskutieren, wer morgen mit dem Boot nach Spanien übersetzt und wer am Fluss entlang noch auf Portugiesischer Seite zum Camino Central laufen wird. Patricija und ich werden beide wechseln und da die anderen beiden gehört haben, dass nur sechs Personen ins Boot passen und sich ausrechnen, wie lange sie warten müssten, werden wir wohl weiter gemeinsam unterwegs sein.

    Bis wir ins Hostel kommen, ist es schon 10, wir fühlen uns fast wie Italiener. Aber noch schlafen nicht alle und wir können ruhigen Gewissens unsere Sachen richten und uns bettfertig machen.
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