• Rum um Cusco Teil I

    September 5, 2025 in Peru ⋅ ⛅ 6 °C

    Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker. Zu Hause kann ich länger schlafen. 🤔 Ein neuer Tag, ein neuer Guide. Eine neue Sichtweise auf die Geschichte des Landes und der Inka.
    Um 6:30 Uhr geht es mit Benjamin und ein paar anderen Touristen zuerst Richtung Chinchero, einem auf 3760 m Höhe liegenden Dörfchen. Wir laufen an einem Pfarrheim vorbei, deren Fassade wir uns merken sollten. Später erkannen wir, dass für das bauen des Pfarrheims und der Kirche wurden im 16. Jahrhundert die Bauten der Inkas abgerissen. Im Laufe der Zeit haben die Menschen hier – die Indios und die Spanier – einen Kompromiss für das Zusammenleben gefunden. Das Zeugnis dafür finden wir an einem Kreuz mit der Sonne mitten drauf. Zum großen Missfallen der katholischen Kirche, versteht sich. Doch das ist ein Zeichen für das friedliche Zusammenleben. Wer mag schon darüber urteilen, was wohl wichtiger ist?

    Unweit von Chinchero liegt Moray, eine großflächig rund angelegte, nach innen kleiner werdende Struktur. Die runden, breiten Flächen bilden sogenannte Terrassen. An den Terrassen angekommen, erklärt uns Benjamin deren Funktion. Zuerst hatte man angenommen, dass sie dem Anbau von Nahrungsmitteln dienten. Es gibt allerdings kein Bewässerungssystem, mit dem die Pflanzen hätten versorgt werden können. Höchstwahrscheinlich wurden hier Kartoffeln ausgelegt. Tagsüber trocknete die Sonne die Kartoffeln aus, nachts wurden sie durch die Kälte gefriert. Nach ein paar Tagen trockneten die Kartoffeln dermaßen, dass sie kleinen Steinen ähnlich wurden. In dieser Form waren sie über 30 Jahre haltbar. Nach kurzem Einweichen im Wasser waren sie wieder essbar.

    In Peru existieren laut Benjamin weit über 4000 Arten von Kartoffeln. Sie blieben, zusammen mit Mais und Quinoa, die Basis der Nahrung im ganzen Land. Selbst viele Redewendungen und lokale Ausdrucksweisen sind mit Kartoffeln verbunden.

    Eine peruanische Frau erzählt mir dann, wie sie weiterverarbeitet werden. Man reibt die harten Kartoffeln zu einem Pulver. Das Pulver entspricht unserem Kartoffelstärke oder Kartoffelmehl. Es ist geschmackneutral und kann zum andiecken von Speisen genutzt werden. Des Weiteren ist das Pulver reichhaltig an Calcium, was sich positiv auf die Muskeln auswirkt. Am Herzen wirkt es entgegen der Tachykardie, die bei der Höhenkrankheit häufig vorkommt.

    Wir verlassen die hohen Regionen der Berge. Auf dem Weg nach unten wechselt die braune Farbe. Die Berge glitzern in warmen Rottönen.
    Wir besuchen die Salineras Maras. Das aus den Bergen fließende, ca. 30 °C warme Wasser ist sehr salzhaltig. Die Methode der Salinen brachten die Spanier mit. Das Ausbrennen des Salzes brachte ein Sohn des Landbesitzes aus Frankreich – wo er zum Studieren war – nach Peru mit. Seitdem wird von hier aus das Salz in die ganze Welt exportiert. Die ganze Gemeinde verdient damit ihren Lebensunterhalt. Laut unserem Guide funktioniert hier die Idee des Kommunismus seit mehr als 1000 Jahren gut. Demzufolge werden die Menschen der Region Cusco vom Rest der Peruaner „die Roten“ genannt. Dank meiner Erfahrungen aus der Kindheit bezüglich des Kommunismus fällt es mir sehr schwer zu glauben, was Benjamin erzählt... Allerdings ist der Gedankenaustausch mit ihm sehr interessant.

    Benjamin selbst lebte 8 Jahre in der Schweiz. Er spricht ein wenig Deutsch. Nach 8 Jahren kehrte er aufgrund seiner Heimweh nach Cusco zurück. Seine Frau konnte sich wiederum an die peruanische Lebensweise nicht gewöhnen. Die Trennung folgte.

    Benjamins Vater ist ein Indio, die Familie – wie alle hier – ist streng katholisch. Trotz alledem scheint Benjamin recht objektiv über die Geschichte des Landes zu berichten. Er hinterfragt vieles. Seine Version über die Spanier, Inkas und die Entwicklung von Peru gefällt bestimmt nicht allen im Van. Die meisten sind Peruaner aus Lima.

    Die ersten Konquistadoren, die aus dem heutigen Europa kamen, waren die Kastilier. Meistens Männer und Soldaten, auf der Suche nach Gold. Sie verwüsteten die Tempel der Inkas auf der Suche nach Reichtum. Im 16. Jahrhundert kam dann der Kler dazu. Die katholische Kirche erklärte die Indios zu seelenlosen Tieren. Und so hatten zum Beispiel bis vor 55 Jahren die Kinder der Indios keinen Zugang zur Bildung. Um zur Schule zu gehen, wechselten viele die Namen auf spanische. Um zu studieren, mussten viele das Land verlassen.

    Im Grunde genommen waren die Spanier nicht viel anders als die Inkas selbst. Denn auch die Inkas waren gnadenlose und brutale Eroberer. Sie eroberten andere Kulturen, vernichteten oder unterdrückten sie. Unumstritten ist jedoch deren faszinierende Architektur und Kultur. Benjamin meint, sie waren gute Verwalter, aber in ihrer invasiven Art gleichen sie den Spaniern. Das Imperium der Inka, in vier große Teile geteilt, wurde streng von Soldaten kontrolliert und überwacht. Ca. alle 10 km existierte ein Kontrollpunkt. Auch die mächtigen Inkas hatten wohl Angst vor den Aufständen der unterdrückten Völker...

    Mittlerweile ist es Mittagszeit. Im Valle Sagrado, was so viel bedeutet wie „das Heilige Tal“, kehren wir in ein Restaurant ein. Das Essen hier ist gnadenlos überteuert und wird in Form eines Buffets serviert – typisch touristengerecht. Auf diese Weise können wir jedoch viele verschiedene Speisen probieren, ohne dass wir alle Speisen extra kaufen müssen.

    Alles ist sehr lecker. Tatsächlich sind die Basiszutaten für die Gerichte Kartoffeln, Mais und Quinoa, ferner Fleisch und Fisch – spricht: Ceviche.

    Eine Stunde später sind wir mit unserem Van durch das Heilige Tal Richtung Ollantaytambo unterwegs. Die Straße verläuft entlang des Flusses, einer der Quellen des Amazonas auf dieser Seite der Anden. Dank des Flusses ist das Tal selbst jetzt in der Trockenzeit grün.

    Unterwegs statten wir den lokalen Menschen einen kurzen Besuch ab. Hier wird uns präsentiert, wie aus Alpaka-Haaren (Alpakas haben keine Wolle) Wolle gewonnen wird. Sehr interessant! Aus einer einheimischen Wurzel wird Shampoo hergestellt, und das Rohmaterial wird mit diesem Shampoo gewaschen. Aus Pflanzen werden natürliche Farben gewonnen. Unglaublich, wie viele verschiedene Töne da entstehen können. Das Erstellen von Stoffen ist reine Knochenarbeit. Sie ist so anstrengend, dass nur 5 Stunden am Tag gearbeitet wird. Dafür wird ein Instrument aus Alpakaknochen verwendet. Dadurch ist der hergestellte Stoff wasserdicht.
    In der " Küche " der vorzeige Werkstatt werden Meerschweinchen gezüchten. Eine Delikatesse hier. Nur sie zu probieren habe ich mich noch nicht getraut. 😀
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