Satellite
Show on map
  • Day 55

    Tag 53: Von Stadtprozelten nach Lohr

    June 1, 2022 in Germany ⋅ ⛅ 18 °C

    Kaum bin ich los, halte ich auch schon wieder an. Was war das? Ich werde zu "Natur in Stille" eingeladen. Am Mainufer ein Garten im asiatischen Stil mit Feng Shui Elementen. Zentraler Punkt und Kraftquelle sei eine ca. 250 Jahre alte Eiche, um die die fünf Elemente "Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser" angeordnet sind. Treppenstufen sollen das "Auf und Ab" des Lebens symbolisieren.
    Gerne lasse ich mich auf die Einladung ein, lasse den Thai-Gong erklingen und setze mich in der Nähe einer Buddha-Statue auf einen Holzbalken. Die Schönheit des Platzes, das sanft einfallende Licht, das leise Plätschern des Springbrunnens... lassen mich die Ruhe spüren, lassen mich entspannen. Fast wie von selbst fange ich plötzlich mit sanften Bewegungen meiner Arme und Hände an, egal was um mich herum geschieht. Ich spüre diesen Bewegungen nach, es tut mir gut...
    Genauso wie dieses Bedürfnis gekommen ist, so ist es auch wieder vorbei. Beim Verlassen des Gartens klingt plötzlich das Windspiel in der alten Eiche, fast, als wolle sie mir für den Besuch danken und mich verabschieden...
    Mehr durch Felder und Wiesen als am Main entlang, gelange ich nach Wertheim, einem kleinen beschaulichen Städtchen mit einem schönen fachwerkumrandeten Marktplatz. Viel mehr gibt es dort aber auch nicht zu bewundern und so will ich schon weiter, als ich von einer Frau angesprochen werde, die begeistert von der großen Historie "ihrer" Stadt erzählt. Wertheim, die Zweiflüssestadt (Main und Tauber), sei die nördlichste Stadt Baden-Württembergs, man spreche hier taubergründisch (ein regional stark begrenzter Dialekt) und das Gebiet sei bereits seit der Jungsteinzeit besiedelt. Man sei sich ziemlich sicher, dass die Stadt im 8./9. Jahrhundert gegründet wurde und der Stadtname im Sinne von "Wert", "wertvoll" seit dem frühen 17. Jhd. gängig sei. Die Grafen von Wertheim bauten eine Burg (sehr gut erhalten und weithin sichtbar) und die Stadt erhielt 1363 das "Münzregal" (das Recht, Münzen zu prägen und den finanziellen Gewinn daraus zu ziehen). Das Wertheimer Stadtsäckel sei somit immer recht gut gefüllt gewesen, so dass der Wiederaufbau nach der großen Flut von 1784 (über 8 Meter stieg das Wasser in der Stadt - Ursache war wohl der Vulkanausbruch des isländischen Vulkans Laki, der europaweit ein Wetterchaos verursacht haben soll) und die Hungersnot 1846/47 mittels kostenlosen Suppenküchen für die Armen relativ gut bewältigt werden konnten....
    Dann muss meine Gesprächspartnerin leider weiter. Sie ist schon fast weg, als sie meine Frage, woher sie das alles wisse, mit dem Ruf "bin Stadtführerin" beantwortet.
    Ob sie mir wohl auch von der tiefbraunen Geschichte der Stadt erzählt hätte? Wertheim ernannte als eine der ersten Städte Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler am 03.03.1933 zu Ehrenbürgern, was erst im Dezember 1945 für nichtig erklärt wurde....
    Dann kann ich es nicht lassen, ein kurzer Abstecher zum Outletcenter "Wertheim-Village" ist zu verlockend. Und ich hab ja auch einen Grund. Ich brauche unbedingt noch ein sommerliches Radshirt....(find ich dann auch...noch eins in meiner Sammlung....ist aber echt schön...).
    Der nun folgende Weg ist wunderschön. Immer am Mainufer entlang, viele kleine Auen, große und kleine blühende Pflanzen, meterhohe Gräser und ein sanfter Rückenwind. "Maa, Mee, Moa" wird er, der Main, im fränkischen Sprachgebiet genannt, der Namensursprung ist nicht ganz klar. Mir gefällt am besten das keltische "Moin" (was auch sonst als Nordlicht), was soviel wie "gekrümmte Schlange" bedeuten soll. Wenn man sich den Verlauf des Mains ansieht, so kringelt er sich tatsächlich wie eine Schlange zwischen Spessart und Odenwald hindurch. Nur soll es ehemals noch viel mehr Kringel gegeben haben. Die wirtschaftliche Nutzung als Wasserstraße machte Flussbegradigungen und den Bau von Schleusen erforderlich.
    Früher gab es hier auch so manche "Flussberufe", die mittlerweile verschwunden sind, von denen man (zumindest ich) zum Teil noch nie etwas gehört hat.
    So wurde die Flößerei aus Rentabilitätsgründen um 1960 eingestellt, was, wenn man sich den Beruf genauer anguckt, auch klar sein dürfte.
    Generell eigneten sich zum Flößen nur Tannen und Fichten. Die schweren Laubhölzer konnten lediglich als "Oberlast" transportiert oder zwischen Nadelholzstämme "eingebunden" werden. Als Stricke, die sogenannten Wieden, verwandte man junge Fichten, Haselnuss- oder Weidenstämme, die eingeweicht, anschließend gedämpft und in heißem Zustand um die Längsachse gedreht wurden. Ein solches meterlanges Gebilde wurde mit Stangen, die in den Flussgrund gestoßen wurden, bis nach Holland transportiert.... Wenn man Glück hatte, wurde man auf dem Rückweg von irgendeinem Kahn mitgenommen, aber nicht selten war man auch auf "Schuster's Rappen" unterwegs.
    Aber was war der Beruf des "Sandhebers"? Der Mainsand war wohl aufgrund seiner besonderen Reinheit und Helligkeit zur Herstellung von Mörtel, Putz, Zement und Beton bis zum Ende des 19 Jhd. sehr begehrt. Das Sandschöpfen begann im Morgengrauen und vereinnahmte meist die ganze Familie. Die Männer holten den Sand mittels einer an einer langen Stange befestigten durchlöcherten Blechschaufel aus dem Wasser, Frauen und Kinder halfen beim Entladen am familieneigenen Lagerplatz. Als die Sandschöpferlegende, der Haslocher "Schorsch", im Jahr 1952 mit 50 Jahren seinen Beruf aufgab, fand damit auch dieses alte Handwerk endgültig sein Ende.
    Mein Tag endet nach einer "deftigen" Einkehr im vollbesetzten Gasthof Frankenhof (ein großes Radler 0,5 l für 3,60 Euro) auf der Terrasse meines Ferienzimmers in Lohr. Ein lauer Sommerabend mit Blick in den schönen Garten...
    Read more