• 4. Tag Der „Stille Ozean“ zeigt Zähne

    September 1 in French Polynesia ⋅ 🌬 26 °C

    01. September 2026 – Überfahrt Marquesas → Tuamotus

    Endlich finde ich wieder ein wenig Muße, um etwas in unser Seetagebuch zu schreiben. Die vergangenen beiden Tage war daran kaum zu denken – der Pazifik hatte andere Pläne mit uns.
    Nur einen Tag, nachdem wir die Marquesas hinter uns gelassen hatten, zeigte uns der sogenannte „Stille Ozean“, dass man seinen Namen besser nicht allzu wörtlich nehmen sollte.
    Am Sonntagabend nahm der Seegang merklich zu. Am Horizont standen einige Squalls, aber zunächst machten wir uns darüber keine großen Gedanken. Ein paar dunkle Wolken und Regenschauer gehören schließlich zum Segleralltag in den Tropen.
    Allerdings hat man ja irgendwann einmal gelernt: Wenn der Seegang zunimmt, hat das meistens einen Grund. Und häufig ist mehr Wind im Anmarsch.
    Genau so kam es.
    Mit Einbruch der Dunkelheit frischte der Wind immer weiter auf. Das Großsegel stand bereits im zweiten Reff, doch irgendwann war klar: Das Ding muss runter.
    Keine besonders verlockende Aufgabe mitten in der Nacht, bei inzwischen rund drei Meter hohen Wellen und mehr als 25 Knoten Wind.
    Also raus ins Cockpit, Lifebelts einpicken und los.
    Dazu gab es das volle Wellnessprogramm des Pazifiks: Gischt von vorne – schmeckt salzig und hinterlässt hübsche weiße Salzränder auf dem T-Shirt. Kurz darauf tropischer Platzregen – schmeckt süß und wäscht die Salzränder gleich wieder heraus. Sehr praktisch eigentlich.
    Trotz der Bedingungen gelang es uns, das Großsegel sicher zu bergen.
    Und das war definitiv die richtige Entscheidung.
    Denn in den folgenden Stunden legte der Pazifik noch einmal ordentlich nach. Wind und See bauten sich immer weiter auf. Schließlich liefen wir nur noch mit einem auf ein Minimum gerefften Yankee – und trotzdem rauschte die Hägar zeitweise mit fast neun Knoten durch die Nacht.
    An Schlaf war nun nicht mehr zu denken.
    Der Wind mit Böen bis 34 Knoten war dabei gar nicht das eigentliche Problem. Viel unangenehmer war die See. Die Wellen hatten inzwischen geschätzte fünf Meter erreicht und ließen die Hägar kräftig arbeiten.
    Das Leben an Bord wurde entsprechend sportlich.
    Nicht nur, dass man sich unter Deck bei jedem Schritt irgendwo festhalten musste – einige Brecher stiegen auch immer wieder über und füllten die Plicht mit Wasser. Für kurze Zeit stand man dort teilweise knietief in den Fluten.
    Immerhin Pazifikwasser.
    Atlantikwasser wäre hier schließlich etwas beunruhigend gewesen.
    Und als wäre das alles noch nicht abwechslungsreich genug, zogen weiterhin Squalls durch. Sie brachten zusätzlichen Wind, drehten die Windrichtung und sorgten dafür, dass man ständig aufmerksam bleiben musste.
    Anders als wir es vom Atlantik kannten, waren diese Squalls auf dem Radar nur schwer auszumachen. Manche tauchten scheinbar aus dem Nichts auf, und auch ihre Zugrichtung ließ sich kaum zuverlässig einschätzen.
    Irgendwann kam dann der Morgen.
    Das Wetter war zwar nicht wirklich besser geworden, aber die ersten Sonnenstrahlen zwischen den dunklen Wolken taten trotzdem gut. Nach einer langen Nacht gibt Tageslicht einfach ein völlig anderes Gefühl.
    Allerdings hatte es auch einen Nachteil:
    Jetzt konnte man sehen, was draußen eigentlich los war.
    Rings um die Hägar türmte sich die See, weiße Gischt flog von den Wellenkämmen und dazwischen standen die dunklen Wolken der nächsten Squalls.
    Manchmal ist es vielleicht doch besser, wenn man nicht alles sieht.
    Im Laufe des Nachmittags ließ der Wind schließlich etwas nach. Auch die Wellen schienen langsam kleiner zu werden.
    Wir dachten schon: Das war’s.
    Zu früh gefreut.
    Denn kaum beginnt man, sich wieder ein wenig sicherer zu fühlen, denkt sich ein Segelboot offenbar:
    „Da geht doch noch was.“
    Plötzlich gab es einen lauten Knall.
    Der Yankee rauschte aus – und stand innerhalb weniger Sekunden nahezu vollständig vor dem Wind.
    Die Reffleine war gerissen.
    Nun hatten wir ein ziemlich großes Problem: Vorne stand ein großes Segel, das wir weder vernünftig reffen noch auf normalem Wege bergen konnten.
    Bei immer noch ordentlich Wind und Seegang keine Situation, die man sich unbedingt wünscht.
    Also wieder Rettungsweste an, Lifebelt einpicken und zunächst den Kurs ändern. Wir gingen auf einen Kurs vor dem Wind, um möglichst viel Ruhe ins Boot zu bekommen.
    Dann ging es aufs Vordeck.
    Dort vorne war die Hägar noch immer kräftig in Bewegung. Das Vorschiff hob sich auf den Wellen und tauchte anschließend wieder ins nächste Wellental. Zwischendurch gab es regelmäßig eine kostenlose Pazifikdusche.
    Mit einer Ersatzleine gelang es mir schließlich, eine provisorische Reffmöglichkeit um das Vorstag zu basteln. Stück für Stück konnte ich damit den Yankee einrollen, notdürftig bergen und sichern.
    Geschafft.
    Der Yankee war damit zwar zunächst außer Betrieb – aber zumindest war das Segel sicher.
    Also setzten wir die Fock. Mit ihr liefen wir anschließend immerhin noch mit rund fünf Knoten weiter in Richtung Tuamotus.
    Bei all dem hat sich unsere Hydrovane-Windfahnensteuerung übrigens hervorragend geschlagen. Selbst bei diesem Wetter hielt sie die Hägar zuverlässig auf Kurs und verrichtete ihren Dienst.
    Und auch unsere Hägar selbst hat wieder einmal gezeigt, was in ihr steckt.
    Trotz Wind, fünf Meter See, Squalls, Wasser in der Plicht und einer gerissenen Reffleine hatten wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Situation für das Schiff kritisch wurde. Sie arbeitete sich souverän durch die See und vermittelte uns auch unter diesen Bedingungen ein erstaunlich sicheres Gefühl.
    Bequem war es allerdings nicht.
    Aber nach dem vielen „Champagnersegeln“ der vergangenen Wochen war das zumindest mal wieder etwas Abwechslung.
    Und nachdem alle Manöver beendet, die Leinen aufgeräumt und die Segel wieder unter Kontrolle waren, gab es natürlich noch einen ordentlichen Rumpunsch.
    Rein medizinisch selbstverständlich.
    Man muss schließlich den Salzhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen.
    In der vergangenen Nacht hatte der Pazifik dann offenbar genug von uns. Der Wind ließ nach, die See beruhigte sich langsam und wir konnten endlich wieder ein paar Stunden Schlaf nachholen.
    Und heute Morgen zeigte sich derselbe Ozean, der uns wenige Stunden zuvor noch ordentlich durchgeschüttelt hatte, plötzlich wieder von seiner freundlichen Seite.
    Den Sonnenaufgang konnten wir bei einer leichten Brise genießen. Unter Fock glitt die Hägar mit gemütlichen vier bis fünf Knoten dahin, die Wellen waren auf rund zwei Meter zusammengeschrumpft und an Bord kehrte langsam wieder Ruhe ein.
    Fast schon wieder Champagnersegeln.
    Vor uns liegen nun die letzten Meilen zu den Tuamotus.
    Wenn alles nach Plan läuft – und der Pazifik nicht noch eine weitere Überraschung für uns bereithält – werden wir morgen Mittag Fakarava erreichen.
    Nach den vergangenen Tagen hätten wir gegen eine vollkommen unspektakuläre Ankunft überhaupt nichts einzuwenden.
    Einfach den Pass ins Atoll passieren, einen sicheren Ankerplatz finden, den Anker fallen lassen …
    … und dann darf es gerne wieder heißen:
    Ankerbier auf!
    Denn das hätten wir uns diesmal wirklich verdient.
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