• Tag 85, 352 Km/13057 Km

    November 22, 2024 in Sierra Leone ⋅ 🌙 26 °C

    Am Morgen startet Heiner mal wieder nicht. Dieses Phänomen ist zuletzt vor einigen Wochen im Senegal aufgetreten. Ich hoffe, dass er bis Ghana durchhält, dort muss ich ein paar Tage für diverse Reparaturen einplanen. Ich habe aktuell den Verdacht, dass im kalten Zustand nicht alle Düsen im Motor weit genug öffnen und somit nicht genug Diesel eingespritzt wird. Ich werde in Ghana also den Kabelbaum der Düsen tauschen.
    Nachdem der Motor dann läuft, verlasse ich den schönen Strand im Süden Freetowns und mache mich auf den Weg nach Kenema, einer Stadt im Osten von Sierra Leone. Ich versuche in der Stadt im Hauptquartier des Gola Nationalparks die Freigabe zur Besichtigung des angrenzenden Regenwaldes zu bekommen. Telefonisch und per Mail gab es leider keine Reaktion. Zuerst müssen dazu über 300 Kilometer zurückgelegt werden, glücklicherweise auf einer gut ausgebauten Straße. Am ersten Checkpoint kurz hinter Freetown steht ein einzelner Herr, vermummt, Kalaschnikow in der Hand. Er stoppt mich, fragt mich wo ich hinfahre. Auf meine Antwort "Kenema" sagt er: "Kennst du den Weg dorthin?" "Ääh, ja... Ich hab ein Navigationssystem..." Mit derart guter Ortskenntniss darf ich passieren.
    Nach rund einer Stunde finde ich mehrere Obstverkäufer am Straßenrand. Ich stoppe um eine Papaya zu kaufen, werde sofort von rund 30 Verkäufern am Fenster belagert, alle schreien durcheinander, werfen Obst und Gemüse in mein Fenster und wollen Geld dafür. Ich kann gar nicht so schnell alles wieder zurückgeben, weiß sowieso nicht, wer hier was hineingeworfen hat. Ich erspähe einen Jungen mit einer einzelnen Papaya in zweiter Reihe und schaffe es durch den immer lauter werdenden Mob die Papaya zu ergattern. Mehrere Verkäufer halten mich gleichzeitig am Arm fest und greifen durch die offene Scheibe. Für diesen Fall, jedoch auch für Polizeikontrollen, binde ich seit mehreren Wochen den Zündschlüssel morgens mit einem Seil ans Lenkrad fest. Zu groß ist das Risiko, dass jemand den Zündschlüssel abzieht, das Zündschloss ist beim Defender links. Ich lasse den Motor aufheulen, sodass einige der Verkäufer wegspringen und ich aus dem Mob herausfahren kann. Immerhin habe ich jetzt eine Papaya.
    In einer Kurve kommt mir im Gegenverkehr ein Kleinbus entgegen. Viel zu schnell rast er durch die Kurve, kann die Spur nicht halten und bricht in meine Spur aus. Ich reiße das Lenkrad nach rechts und er rauscht im Abstand von Millimetern an mir vorbei. Nach wie vor ist der Straßenverkehr das größte aller Risiken. Viel zu schnell sind die total kaputten Autos zum Teil auf den schlechten Straßen unterwegs, was diese Situation mal wieder beweist.
    Ich fahre durch die Stadt Bo, muss hier wieder tanken. Auch hier Chaos an den Tankstellen, ich finde schließlich eine an der nur Motorräder stehen. Ich bin nach einer kurzen Wartezeit dran, verlange 35 Liter. Einer der beiden Angestellten stellt sich verdächtig vor die Zapfsäule und ich merke sofort, dass etwas faul ist. Ich rufe noch "Stopp!" aber der zweite Typ fummelt schnell den Tankstutzen hinein und startet den Tankvorgang. Laut Zapfsäule sind schon 5 Liter eingefüllt. Total unwissend zucken sie unschuldig mit den Schultern als ich die beiden zur Rede stelle. "Die 5 Liter wären schon bei mir im Tank" sagt einer der beiden. Ich kann leider den Diesel nicht mehr zurücksaugen und im Tank sind sowieso mehr als 5 Liter, also nehme ich 30 Liter Diesel zähneknirschend für den Preis von 35. Tatsächlich kann ich es den beiden nicht übel nehmen, jeder kämpft hier irgendwie ums Überleben. Für die 7€, um die sie mich bringen, darf ich wenigstens noch kostenfrei auf die Toilette.
    Ich komme schließlich in Kenema an, fahre zum Hauptquartier des Nationalparks und erhalte eine Stunde später die Freigabe in den Nationalpark zu dürfen. Telefonisch sorgt man dafür, dass in dem einzigen kleinen Dorf, in dem ich übernachten kann, jemand für mich kocht. "Die Straße ist nicht gut. Viel Glück" sagt der Chef vom Nationalpark. Er wird recht behalten. Mittlerweile weiß ich, was mit dem Auto geht und was nicht, vor 6 Wochen wäre ich nach der Hälfte umgedreht. Es gibt eine Stelle, an der die 'Straße' in der Mitte tief ausgewaschen ist. Ich muss mit den rechten Reifen oben und mit den linken unten in der Waschkuhle fahren und weiß eigentlich vorher schon, dass das nicht klappt. Ich schätze den Versatz auf rund 1.50 Meter. So langsam ich kann rolle ich vorwärts und denke mittendrin, ich verliere das Auto, bin mir eigentlich sicher jetzt zur Seite zu kippen. Irgendwie schaffe ich es ohne umkippen durch diese Stelle und bereue es seitdem, in den Nationalpark gefahren zu sein, schließlich muss ich die Strecke in 3 Tagen wieder zurück. Die Spurrillen sind zum Teil so tief, dass ich mehrfach trotz der Bodenfreiheit des Fahrzeugs aufsetze. Bevor ich zurückfahre muss ich in den nächsten Tagen unbedingt die Mechanik unter dem Fahrzeug prüfen.
    Ich komme nach 4 Stunden kurz vor Einbruch der Dunkelheit in dem kleinen Dorf an, kann kostenfrei am Dorfrand übernachten. Auch wenn das Risiko bis hierhin zu fahren groß war, werde ich in den nächsten Tagen vermutlich belohnt. Die Schreie diverser Tiere bereits am Abend kündigen es zumindest schon einmal an.
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