Mumbai
Mar 27–29, 2024 in India ⋅ ☀️ 33 °C
Nach dem Holi-Fest nahmen wir am Nachmittag den Zug, der uns in rund 15 Stunden nach Mumbai (Bombay) brachte. Um 6 Uhr morgens kamen wir dort an. Der Hauptbahnhof ist riesig und sieht fast wie ein Palast aus. Er wurde von einem britischen Architekten entworfen. Schon kurz nach sechs Uhr herrschte auf dem Bahnhofplatz reges Treiben: Menschen verkauften indisches Frühstück und Zeitungen, überall war Leben.
Mit grossen Augen schlenderten wir durch das wunderschöne Mumbai. Viele Gebäude sind im portugiesischen Kolonialstil erbaut und verleihen der Stadt einen besonderen Charme. In einer Gasse beobachteten wir eine Gruppe junger Menschen, die ihre Gesichter mit Mehl bepuderten. Mara nahm ihren Mut zusammen und fragte sie nach dem Grund. Sie erklärten uns, dass sie dadurch eine hellere Hautfarbe bekommen wollten.
Ich wollte mir unbedingt ein Tattoo stechen lassen – ein Symbol meiner Identität als «Augenmensch». Ausserdem kauften wir einen Hand-Bidet-Schlauch für zu Hause. Ein neu gekauftes Hemd liess ich von einem Strassenschneider anpassen. Obwohl der Schnitt ziemlich kompliziert war, war das für ihn überhaupt kein Problem. Bereits nach einer Stunde konnte ich das Hemd wieder abholen. Auffallend war auch, dass es in Mumbai kaum Tuk-Tuks gab. Stattdessen prägten die gelb-schwarzen Taxis das Stadtbild. Viele von ihnen waren im Innenraum mit bunten Stoffen an der Decke geschmückt.
Ich wollte unbedingt das Viertel besuchen, in dem sich das berühmte Leopold Café & Bar befindet, das durch den Roman Shantaram bekannt wurde. Es war ein besonderes Gefühl, diesen Ort endlich selbst zu sehen. Da die Preise dort wegen des Tourismus ziemlich hoch waren, entschieden wir uns jedoch für einen anderen Pub.
Dort begegneten wir einem indischen Sozialarbeiter namens Babu. Er erzählte uns, dass er Kinder in den Slums unterstütze. Als wir erwähnten, dass wir einen Pashmina-Schal kaufen möchten, bot er uns an, uns zu einem passenden Geschäft zu führen. Später schlug er vor, uns das Viertel zu zeigen, und wir nahmen das Angebot gerne an. Ein guter Freund von ihm kam ebenfalls mit.
Plötzlich standen wir vor einer Metzgerei mitten auf dem Markt. Dort sahen wir zahlreiche lebende Hühner und eine Ziege, die bald geschlachtet werden sollte. Dieser Anblick war für uns sehr eindrücklich.
Zum Abschluss sassen wir gemeinsam in einem Pub und tranken ein paar Biere. Beide Männer wirkten offen, herzlich und sympathisch. Im Verlauf des Gesprächs merkten wir jedoch, dass sie gegenüber Frauen eher konservative Ansichten vertraten. Ihrer Meinung nach sollten Frauen keine Macht über Männer haben. Dieser Gegensatz zwischen ihrer Offenheit und ihren traditionellen Vorstellungen überraschte uns.
Später fragte uns Babu, ob wir Essen für Kinder aus den Slums spenden würden. Ohne zu zögern sagten wir Ja und kauften grosszügig Lebensmittel ein. Erst später erfuhren wir durch eine zufällige Bekanntschaft, dass Babu gelogen hatte. Wir waren völlig überrascht und fühlten uns ziemlich naiv.
Trotzdem bot uns Babu weitere Führungen an. Er zeigte uns die berühmte Wäscherei Dhobi Ghat, in der rund 7000 Menschen arbeiten. Sie waschen dort täglich Wäsche für Hotels, Restaurants und viele weitere Betriebe. Die Arbeitstage dauern etwa zwölf Stunden, und viele der Arbeiterinnen und Arbeiter wohnen auch direkt dort. Uns wurde erklärt, dass viele Familien diesen Beruf seit Generationen ausüben.
Anschliessend besuchten wir einen Slum. Ich hatte zuvor ein völlig anderes Bild davon. Doch es war fast wie ein kleines Dorf mit allem, was man zum Leben braucht: Bäckereien, Coiffeure, Schneidereien, kleine Geschäfte und Werkstätten. Das Leben wirkte überraschend normal und zeigte uns eine Seite Mumbais, die wir so nicht erwartet hatten.
Nach drei Tagen fiel es uns schwer, Mumbai wieder zu verlassen. Wir hatten uns regelrecht in diese Stadt verliebt. Auf dem Weg zum Flughafen gerieten wir jedoch unter grossen Zeitdruck. Mara machte sich grosse Sorgen, den Flug zu verpassen, da sie am nächsten Tag wieder arbeiten musste. Es wurde chaotisch – wir rannten mit unserem Gepäck durch den Flughafen, waren völlig ausser Atem und emotional angespannt. Umso grösser war die Erleichterung, als wir schliesslich doch noch rechtzeitig ins Flugzeug einsteigen konnten.Read more
