• Busan: Mehl-Katholiken und Freiheit

    April 30 in South Korea ⋅ ☁️ 14 °C

    Auf einer geführten Tagestour durch Busan durfte ich heute interessante Eindrücke gewinnen. Noch spannender fand ich aber den persönlichen Kontext, den mein 60-jähriger Guide Peter beisteuerte. Peter erzählte viel von seiner Familiengeschichte und eröffnete dadurch neue Perspektiven.

    Zum Beispiel auf das Trendquartier Gamcheon. Die kleinen, farbigen Häuschen am Hang ziehen täglich unzählige Touristen an. Gamcheon ist als Foto-Hotspot für Influencer aus der ganzen Welt bekannt. Für Peter bedeutet das Quartier aber viel mehr. Er ist hier in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen.

    Sein Vater war im jetzigen Nordkorea geboren worden und arbeitete in einer Kohlenmine. Nach dem Waffenstillstand im Korea-Krieg konnte der Vater wegen der geschlossenen Grenze nicht mehr zurück. Ohne nichts landete er wie die meisten Kriegsflüchtlinge in Busan. Heiratete erneut, wurde erneut Vater. Diese Tatsache fand Peter erst nach dem Tod der Mutter heraus. In ihrer Generation bedeutete es eine Schande, zweimal zu heiraten. Deshalb hatte sie es immer verheimlicht.

    Die Familie hatte nichts. Der Vater starb früh an Kohlenstaublunge. Die Mutter stand mit vier Kindern alleine da. Retterin in der Not war die Katholische Kirche, die im Flüchtlingslager nicht nur missionierte, sondern tatkräftig half. Sie organisierte für Peters Mutter und die Kinder ein Einzimmer-Häuschen, die Mutter und die Kinder lebten und schliefen auf ca. 10 Quadratmetern. Das Wasser musste der kleine Peter nach Hause schleppen. Enge, steile Treppen den Hang hoch und runter. Alle waren stets hungrig. Von der Kirche gab es zum Glück immer wieder mal Mehl. Aus Dankbarkeit nahm die Familie den Katholischen Glauben an. Wie so viele andere im Quartier. Sie nennen sich selbst «Mehl-Katholiken».

    In der Primarschule war Peter mit 87 Kindern in einer Klasse. Alle zusammen wurden von einem Lehrer unterrichtet. Das erforderte Disziplin. Diese wurde ihnen mit Schlägen eingetrichtert.

    Heute lebt Peter nicht mehr im Gamcheon. Kaum jemand tut das noch. Es ist hier viel zu mühsam und anstrengend. Man kann sein Auto nicht parken. Man muss immer noch steil hoch und steil runter. Viele Häuser haben immer noch kein Wasser. 2009 haben Kunststudierende das Quartier aufgehübscht und es hat sich inzwischen als Kulturzone etabliert. Der Schrecken von früher ist übertüncht.

    Peter wird diese Zeiten nie vergessen. Und es bereitet ihm manchmal Mühe, dass seine Kinder die Welt ganz anders sehen. Sie mussten nie hungrig ins Bett. Als Peter uns die Gedenkstätte für die gefallenen Alliierten des Korea-Kriegs zeigt, spricht er mit tiefer Dankbarkeit von jenen, die gekommen waren, um die Südkoreaner zu retten. Mit viel Stolz spricht er von Demokratie. Das südkoreanische Volk habe schon zwei Präsidenten wegen Korruption der Macht enthoben. Er ist glücklich, frei zu sein und kein Kommunist sein zu müssen. So geht es hier allen Menschen aus Peter Generation.

    Busan wurde während des Korea-Kriegs nie eingenommen, war während der Besetzung von Seoul sogar vorübergehend die Hauptstadt von Südkorea. Freiheit bedeutet für Peter mehr als ein Wort. Es bedeutet, dass er sein Leben gestalten und Gamcheon hinter sich lassen konnte. Busan ist heute für ihn Freiheit.
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