Kyoto: Die Luft lesen
May 14 in Japan ⋅ ☁️ 25 °C
Mein Fuss zwang mich heute zu einer Ruhepause, die ich zum Baden im Hotel-Onsen, Kleider waschen, Planen und nachdenken nutzte. In Südkorea hatte mich das Konzept «uri» beeindruckt (siehe 4. Mai). Also wollte ich wissen, ob es in Japan etwas Ähnliches gibt und fand zwei Antworten: ja und nein. Häää? Nicht die Antwort, sondern meine Frage war falsch. Denn in Japan hat ein anderes Konzept Priorität: «Kuuki wo yomu» – die Luft lesen!
Das koreanische «uri» ist kulturell tief verwurzelt. Nicht ich und meins, sondern wir und unseres. In «uri» leben ein starkes Gemeinschaftsgefühl und emotionale Zugehörigkeit. In Japan gibt es ähnliche Denkweisen, aber subtiler, vorsichtiger und stärker über soziale Hierarchie geregelt. Das japanische Pendant zu «uri» ist «uchi». Es bedeutet von innen, unsere Gruppe, Zugehörigkeit. «Uchi» gibt es aber nie ohne den Gegenpol «soto»: aussen, fremd. Diese Haltung prägt in Japan Sprache, Höflichkeit, Verhalten, Emotionen, Distanz.
Das koreanische «uri» ist eher warm, direkt, verbindend. Man fühlt sich aufgenommen. Das japanische «uchi» und «soto» ist eher strukturiert, gruppenorientiert, mit klaren sozialen Grenzen. So schnell wird man hier nicht Teil des «uchi». Die SüdkoreanerInnen öffneten sich vertrauensvoller und waren dann herzlich. Die JapanerInnen empfinde ich als ausgesprochen höflich und respektvoll, aber distanzierter. Sie trennen stärker zwischen dem öffentlich gezeigten Gesicht und dem privaten. Harmonie ist wichtiger als spontane Offenheit, gefragt sind Kontrolle und Rücksicht. Deshalb wirken die Menschen in Japan freundlich und hilfsbereit, sind aber von den Emotionen her schwerer lesbar als die KoreanerInnen, die spontaner, lauter, direkter und transparenter wirken.
Ich habe das nicht empirisch untersucht und werte auch nicht – das sind einfach meine Folgerungen basierend auf den bisherigen Erlebnissen und Gedanken. Die Gruppe ist in beiden Ländern prioritär, doch es wird emotional sehr unterschiedlich ausgelebt. Eine aufschlussreiche Erklärung liefert das japanische Konzept «Kuuki wo yomu», es bedeutet wörtlich «die Luft lesen» und bezeichnet die japanische Fähigkeit, soziale Situationen, Stimmungen und unausgesprochene Erwartungen zu spüren und angemessen darauf zu reagieren.
«Kuuki wo yomu» ist vielleicht die wichtigste soziale Kompetenz in Japan. Wer den Raum nicht lesen kann, hat verloren, besonders in der Geschäftswelt. «Kuuki wo yomu» bedeutet, die Stimmung zu erfassen, zwischen den Zeilen zu lesen, die nonverbalen Hinweise wahrzunehmen, die emotionalen Untertöne und unausgesprochenen Normen innerhalb einer Gruppe einordnen und sein Verhalten anpassen zu können. «Kuuki wo yomu» wird als Zeichen von sozialer Intelligenz und Taktgefühl angesehen. Es ist das Gespür für den richtigen Moment und das richtige Verhalten, ohne dass Worte notwendig sind.
Mir persönlich fällt «Kuuki wo yomu» ehrlich gesagt ein bisschen schwer. Obwohl das Nonverbale in Japan aufgrund der nicht vorhandenen Sprachkenntnisse ja super für mich wäre. Den Raum lesen, kann ich schon, aber die Klappe halten, ist nicht so meins. Meine Erfahrungen in unserer Kultur haben mich gelehrt, dass es effizienter und zielführender ist, wenn klar kommuniziert wird und dadurch weniger Missverständnisse entstehen. Das darf hier aber nur der Ranghöchste. Ein wenig «japanischer» bin ich allerdings schon geworden. Wenn ich merke, dass ich nicht weiterkomme, insistiere ich nicht, sondern bedanke mich mit einer Verbeugung und einem freundlichen Lächeln. Meine Lehre aus «Kuuki wo yomu» ist nämlich, dass ich schneller zum Ziel komme, wenn ich mich selbst darum kümmere …Read more


Traveler
So schön!