• Odawara: Fischerhafen und Lichtkunst

    May 17 in Japan ⋅ ☀️ 28 °C

    Was haben ein in die Jahre gekommener Fischerhafen und eine durchgestylte Freiluft-Galerie für philosophische Lichtarchitektur gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Beim genauerem Hinsehen aber so ziemlich alles. Japan vereint Alltag, Kunst, Natur und Spiritualität, und genau das finde ich hier so genial.

    Heute Morgen spazierte ich zuerst zum Fischerhafen von Odawara. Ehrlich, es war ein trauriger Anblick. Alles ist in die Jahre gekommen. Aber hey, die Funktion zählt. Es klappt alles hier. Der Fisch und die Meeresfrüchte kommen rein, werden verarbeitet, verteilt und auch direkt im Hafen verkauft. Man kann in diversen Izakayas (japanische Kneipen) direkt essen, oder den Fisch einkaufen und an BBQ-Stellen gleich selbst grillen. Cooles Konzept! Zur Mittagszeit standen die Autos Schlange, weil der Parkplatz belegt war. Alles ok also. Einfach nicht besonders attraktiv verpackt.

    Ganz anders mein Nachmittagsprogramm. Ich besuchte das Odawara Art Foundation Enoura Observatory des japanischen Künstlers Hiroshi Sugimoto. In Odawara hat der berühmte Fotograf sich einen Traum erfüllt. Sugimotos Schaffen steht für die Suche nach dem Sinn der Kunst. Wie haben Menschen Schönheit empfunden, bevor es moderne Kunst, Städte oder Technologie gab? Sugimoto glaubt, dass wir Hinweise für unseren Weg in die Zukunft finden, wenn wir wie unsere Vorfahren früher, den Himmel beobachten. Dies ist die Aufgabe, die Sugimoto sich mit der Gründung der Odawara Art Foundation und bei der Gestaltung des Enoura Observatory gestellt hat.

    Das Spannende am Enoura Observatory ist: Es ist keine klassische Galerie oder kein Observatorium im westlichen Sinn. Der Name «Observatory» meint hier eher einen Ort des Beobachtens – von Licht, Zeit, Natur, Jahreszeiten, Erinnerung und der Beziehung zwischen Mensch und Universum. Fast 20 Jahre lang hat Sugimoto diesen Ort entwickelt und nennt ihn sein «Lebenswerk».

    Das Gelände wirkt wie eine Mischung aus Kunstwerk, Landschaft, Tempel, astronomischem Kalender, japanischem Garten, Theaterbühne und Meditation. Man konsumiert nicht einfach Kunst, man bewegt sich durch ein bewusst kuratiertes Erlebnis. Die meisten Elemente sind präzise auf die wunderschöne Sagami-Meeresbucht, Sonne, Licht und Jahreszeiten ausgerichtet. Zum Beispiel ein 70 m langer Stahltunnel, durch den das Sonnenlicht bei der Wintersonnenwende exakt hindurch auf einen Stein trifft. Das erinnert an Stonehenge, Maya-Tempel und andere uralte astronomische Kultstätten.

    Je länger ich die beiden unterschiedlichen Erlebnisse auf mich wirken liess, desto klarer wurden mir die Gemeinsamkeiten. Plötzlich fühlte es sich nicht mehr widersprüchlich an, morgens zwischen Fischkisten zu stehen und nachmittags philosophische Lichtarchitektur zu erleben. Das Observatorium erschien mir wie ein poetischer Kommentar zum selben Meer, das die Fischer jeden Tag ernährt. In dieser Stimmung erschien mir der Hafen nun auch wie Kunst. Denn in Japan gilt nicht nur das bewusst Geschaffene als Kunst. Sondern auch gealtertes Holz, Arbeitsgeräusche, rostig gewordenes Material, Nebel am Mee, gebrauchte Gegenstände, Routinen, Stille zwischen Menschen.

    Vielleicht wirken auch daher in Japan selbst «normale» Orte irgendwie bedeutungsvoll. Hier Fischgeruch, Netze, Möwen, Alltag, Arbeit, Chaos. Dort stille Architektur, Lichtachsen, Kunst, bewusste Komposition. Aber unter der Oberfläche kreisen beide Orte um erstaunlich ähnliche Themen: Zeit, Licht, Überleben, Natur, Sonnenstände, Jahreszeiten, astronomische Zyklen, ewiges Meer. Beim Fischer geht es um Gezeiten, Wetter, Fangzeiten, Generationen von Fischen, tägliche Routine seit Jahrhunderten.

    Der Hafen ist also ebenfalls ein «Zeit-Ort». Er ist einfach nicht philosophisch inszeniert, sondern wird praktisch gelebt. Der Fischer liest Wind, Wellen, Wasserfarben, Vogelbewegungen, Strömungen, Horizont, Himmel und Jahreszeiten fast wie ein Priester oder ein Astronom früher die Sterne. Der Fischerhafen Hayakawa ist kein künstlich perfekter Touristenort. Das Observatorium wirkt zwar gestaltet — aber Sugimoto versucht ebenfalls etwas Echtes und Ursprüngliches zu erschaffen.

    Das Meer verbindet alles. Für Fischer bedeutet Meer Leben. Für Sugimoto ein metaphysisches Symbol. Er fotografierte jahrzehntelang Meere aus aller Welt in seiner berühmten «Seascapes»-Serie, immer Horizont, Wasser, Himmel. Minimalistisch. Zeitlos. Weil derselbe Horizont schon immer existierte. Vor Samurai, vor Städten, vor Japan, vor Technologie. Und genau dieses Meer liegt vor dem Fischerhafen Hayakawa. Hier sieht man die praktische Seite des Meeres. Das Observatorium zeigt die philosophische Seite. Aber es ist dasselbe Meer. Schön, kraftvoll, vergänglich.

    Wer im Hafen arbeitet, trotzt der Natur sein Leben ab. Im Observatorium betrachtet der Mensch die Natur. Aber beides basiert auf Respekt gegenüber Kräften, die grösser sind als wir. Meer, Wetter, Zeit, Sonne, Mond, Jahreszeiten. Deshalb fühlen sich beide Orte trotz ihrer Unterschiede gleich an. Morgens das echte Leben im Fischerhafen. Nachmittags ein Ort, der dieselben Themen in Kunst und Philosophie übersetzt.

    Ich bin so froh, nach Odawara gekommen zu sein. Zwischendurch habe ich ein paar Mal gedacht, es ein wenig schäbig. Dafür schäme ich mich fast ein bisschen. Denn dank Odawara beginne ich langsam Zusammenhänge, Philosophien, Atmosphäre und Alltag in Japan zu erkennen. Damit hat mir Odawara ein wertvolles Geschnk gemacht. Arigato Gozaimasu!
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