Tokio: Architektonisches Wettrüsten der Luxuslabel
May 23 in Japan ⋅ ☁️ 18 °C
Drei Quartiere, vier verschiedene Welten: Tokio hat mich heute einmal mehr fasziniert. Vom Bonbon-Gässli über die Luxus-Einkaufsstrasse zum versteckten Juwel und dem organsierten Chaos der Shibuya Kreuzung. Und eins vorweg: Ich war wirklich nur wegen der Architektur bei Prada …
Meine Erkundigungs-Tour begann im Harajuku-Quartier, einem der angesagtesten Viertel Tokios. Im Zentrum liegen die Strassen Takeshita und Omotesando – sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Takeshita bietet Süssigkeiten-Shops, Crèpes-Stände und schnelle Mode. Dazwischen immer wieder mal ein Tier-Café. Alles wirkt rosa-zuckersüss. Ganz anders Omotesando: Hier befindet sich das architektonische Schlachtfeld der Luxusmarken.
Die Strasse war ursprünglich der Prozessionsweg zum Meiji-Schrein aus der Taisho-Zeit. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Luxus- und Architekturachsen der Welt. Viele Menschen besuchen Omotesando nicht primär zum Shoppen, sondern wie ein kostenloses Architektur-Museum. Manche Architekturführer nennen die Gegend sogar die «grösste Freiluft-Ausstellung moderner Luxusarchitektur».
Die Marken engagierten weltberühmte Stararchitekten, damit ihr Gebäude ikonischer werde als das von der Konkurrenz nebenan. Architektur wurde zum Marketinginstrument. Spektakuläre Fassaden, kulturelles Image, mehr Aufmerksamkeit, mehr mediale Wirkung, mehr Instagram-Effekt. Innerhalb weniger hundert Meter kann man eine unglaublich Dichte an Architektur von Pritzker-Preisträgern (Architektur-Pendant zum Nobel-Preis) und internationalen Spitzenbüros bewundern.
Den Startschuss zum Wettrüsten der Luxushäuser gab Prada 2003 mit der Eröffnung des Prada-Gebäudes in Aoyama, ein paar Meter von der Omotesando entfernt. Prada wollte damals nicht einfach ein Geschäft lancieren, sondern ein globales Statement setzen. Tokio wurde bewusst gewählt, weil Japan zu der Zeit einer der wichtigsten Luxusmärkte der Welt war. Gebaut wurde das Gebäude von den Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron. Die Kosten wurden nie öffentlich gemacht. Die Schätzungen belaufen sich auf ca. 130 Mio. Franken. Eine unglaubliche Summe damals. Dafür ist das Prada-Haus immer noch das Nonplusultra.
Die Form erinnert je nach Blickwinkel an einen Kristall oder an einen Diamanten. Herzog & de Meuron wollten ein Gebäude schaffen, das sich ständig verändert – fast wie ein lebendes Objekt. Das Markenzeichen sind die Rhomben-Glasfelder der Fassade. Manche Scheiben sind flach, andere nach innen und wieder andere nach aussen gewölbt. Der kaleidoskopartige Effekt ist verblüffend. Die Glasfassade ist aber nicht nur Hülle, sondern auch Teil der Tragstruktur. Struktur, Raum und Fassade wurden erstmals als ein einziges System gedacht. Das war damals revolutionär.
Noch spezieller wirkt der Bau dank des Mutes zur Leere. Herzog & de Meuron liessen einen kleinen Vorplatz mit Garten frei, statt alles zuzubauen. Dadurch gleicht das Gebäude einer alleinstehenden Skulptur. Wer sich in einer so dicht bebauten Stadt wie Tokio leeren Raum leisten kann, fällt unweigerlich noch mehr auf. Heute dürfte allein das Grundstück schon mehr wert sein als die damaligen Baukosten.
Vom Harajuku-Quartier fuhr ich nach Daikanyama. Ein friedlicher Ort inmitten der geschäftigen Stadt, nur eine Station vom berühmten Shibuya entfernt. Zuerst fallen die Wohnhäuser und Geschäftsgebäude auf. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man eine Fülle von Vintage-Boutiquen für Markenmode und charmante Restaurants. Hier verschmelzen moderne und traditionelle Kultur. Treffpunkt der eifrigen Instagrammer ist die Log Road. Diese 200 m lange Passage wurde auf ehemaligen Schienen errichtet und führt an trendigen Cafés vorbei.
Zum Abschluss wollte ich die Shibuya-Kreuzung mal live erleben. Das ist eines der Wahrzeichen Tokios und liegt direkt vor dem Hachiko-Ausgang (der Hund, der auf seinen toten Meister wartete) des Bahnhofs Shibuya. Bei jeder Grünlichtphase überqueren bis zu 2’500 Menschen gleichzeitig die Strasse. In den meisten Gebäuden um den Platz herum gibt es begehrte Plätze, um von oben aus auf die Kreuzung herunterzublicken.
Ich war am Nachmittag da. Abends soll es noch mehr Menschen auf der Kreuzung haben. Aber mich hat schon zu diesem Zeitpunkt die Schwarm-Intelligenz der Leute beeindruckt. Die Ordnung entsteht ohne Dirigenten spontan aus vielen kleinen Entscheidungen einzelner Menschen. Die sich bildenden Ströme sehen von oben fast aus wie Wasser, das seinen Weg sucht und findet. Ich habe es auch ausprobiert. Wenn niemand abrupt stehen bleibt, funktioniert es einwandfrei. Echt erstaunlich.Read more


























Traveler
Das sieht wirklich zeitlos spektakulär aus!