• Enoshima: Überraschungseier und Hawaii-Vibes

    May 25 in Japan ⋅ ☁️ 23 °C

    Jeden Tag freue ich mich wie ein kleines Kind auf alles Unbekannte, das mich erwartet. Wenn ich mit Zug, Bus oder der U-Bahn unterwegs bin und alles zum ersten Mal sehe und erlebe, ist das wie früher beim Öffnen der Überraschungseier. Besonders, wenn ich aus dem Untergrund wieder nach oben gespült werde, erfüllt mich diese Spannung. Das ist ein grossartiges Gefühl!

    Heute hatte ich mit dem Weg selbst gleich drei Ziele und durfte einen wunderbaren Tag geniessen. Rund drei Stunden war ich hin und zurück mit dem Zug unterwegs und hatte viel Zeit fürs Menschenstudium der JapanerInnen. Das ist jedes Mal faszinierend. Wie können so viele Leute so wenig Geräusche produzieren? Ich habe drei Gruppen definiert, die mich interessieren: Die Freisteher, die Schläfer und die Wachen.

    Die Freisteher imponieren mir. Meistens finde ich keinen Platz bei all den Leuten, muss also stehen und mich krampfhaft irgendwo festhalten – und dennoch rüttelt und schüttelt es mich durch vom Feinsten. Doch die Freisteher, das sind ÖV-Genies: Sie stehen ganz locker, balancieren Zugbewegungen elegant aus und spielen gleichzeitig Games auf dem Handy. Und es sind nicht nur Teenager. Beeindruckend. Ebenso spannend finde ich die Schläfer. Ich höre nie einen Wecker oder eine Handy-Vibration. Wie schaffen es die Schläfer, ihre Station nicht zu verpassen? Wie können sie in einem rappelvollen Abteil so loslassen, dass sie gleich in ihre Träume abtauchen? Das würde ich auch gern schaffen. Die Wachen sind lustig. Sie beobachten wie ich auch. Dabei treffen sich immer wieder unsere Blicke. Mein Ziel ist es, das auszuhalten und nicht wegzuschauen. Ich habe damit begonnen, einfach mal jemanden beim Gaffen anzulächeln. Damit habe ich bisher immer gewonnen … 🤣

    Doch zurück zu meinem Tag. Es ging heute nicht nur ums Zugfahren, ich hatte auch zwei Ziele am Pazifik, die ich besuchen wollte: Hase und Enoshima. In Hase standen der grosse Buddha Daibutsu sowie den Hasedera-Tempel auf meinem Programm. Ich bin echt kein Religions-Freak oder so. Aber wenn nicht Tausende von Touristen unterwegs sind, lösen solche Orte schon etwas aus in mir. Ich frage mich immer, wer hier alles schon gewesen ist und was gefühlt hat. Wie viele Wünsche schon ausgesprochen worden sind und wie viel Mut oder auch Verzweiflung die Menschen dabei getrieben hat. Und immer bewundere ich die Parkanlagen, den Frieden und die Ruhe, die einen erfassen können, wenn es die Umstände möglich machen.

    Der grosse Buddha «Daibutsu» ist aus Bronze, 11,3 Meter hoch und wiegt rund 121 Tonnen. Was mich bei ihm berührte: Normalerweise stehen die Buddha-Statuen geschützt und verehrt drinnen. Daibutsu aber sitzt seit dem 15. Jahrhundert unter freiem Himmel, weil seine früheren Häuser alle von Tsunamis zerstört worden sind. Jetzt meditiert Daibutsu exponiert und dennoch ganz ruhig draussen, fast so, als hätte er akzeptiert, dass Katastrophen zum Leben gehören und man das Beste daraus machen muss. Er wirkt nicht stolz, nicht einschüchternd, sondern in sich ruhend und völlig unbeeindruckt, von dem was, um ihn herum so abgeht. Im Zug wäre Daibutsu ein Freisteher.

    Hase beheimatet zudem den Hasedera-Tempel. In wunderschöner, terrassierter Hanglage eröffnen sich den Betrachtenden immer neue Perspektiven und Ausblicke, auch wunderbare Aussichtspunkte auf das Meer. Was ich nicht wusste: Hasedera ist berühmt für die vielen kleinen Jizō-Figuren: Diese stehen für verstorbene Kinder oder ungeborene Seelen. Da wird plötzlich vieles still in einem und alte Wunden platzen wieder auf. Doch die ganze Tempelanlage wirkt so friedlich und harmonisch, dass man dennoch Ruhe findet und Gewesenes im Jetzigen ok ist.

    Zum Abschluss fahre ich nach Enoshima, einer Insel zwischen Mythos und Ferienort.
    Heute wirkt Enoshima touristisch und locker – aber historisch war die Insel ein spiritueller Ort für Pilger, Mönche und Samurai. Enoshima galt lange als mystische Insel mit Drachenlegenden und spiritueller Energie. Jetzt jagen die Touristen von der Promenade aus ein gutes Foto vom Mount Fuji (der Schlingel zeigte sich heute nicht richtig), die Surfer reiten die Wellen, und die Liebespaare kommen, um die traumhaften Sonnenuntergänge zu sehen. Hawaii ist zwar rund 8 Flugstunden entfernt, aber Enoshima geniesst in Japan den Ruf eines Mini-Hawaiis wegen der Surfkultur, der Palmen, dem Meerblick sowie der entspannten Küstenatmosphäre.

    Mein Ausflug war schön heute. Es ist genial, wenn man genug Zeit hat, um anderen Wegen zu folgen als den naheliegenden. Ich bin echt dankbar!
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