• Yokohama: Die Geburtsstadt des modernen Japans

    May 29 in Japan ⋅ ⛅ 30 °C

    In Yokohama begrüsste mich Friedrich Schiller auf Deutsch und später tauchte ich noch in China ab … Echt wahr.

    Auch heute durfte ich wieder einen interessanten Ausflug von Tokio aus geniessen. Yokohama kann ich empfehlen: Viel weniger Menschen als in Tokio, tiefenentspannt, schöne Meerespromenade und spannende Orte.

    Die USA machte Yokohama zuerst gross, als es Japan 1853 mit einer Kriegsflotte aus der Isolation zum Handel zwang und Yokohama 1859 zum Vertragshafen bestimmt wurde. Dann wieder nieder, als es Yokohama im zweiten Weltkrieg zu Schutt und Asche bombte. Japan baute alles neu auf. Aus dem früheren Fischerdorf mit etwa 100 Häusern wurde einer der grössten Seehäfen Ostasien und das wichtigste Tor Japans zur westlichen Welt. Deshalb wird Yokohama oft als die Geburtsstadt des modernen Japans genannt.

    Yokohama ist heute mit rund 3,77 Mio. Einwohnern die zweitgrösste Stadt Japans nach Tokio. Die beiden Städte wachsen aber immer mehr zusammen und bilden mit knapp 40 Mio. Einwohnern die grösste Metropolregion der Welt. Und doch ist mir Yokohama heute ganz anders vorgekommen als Tokio. Die Stadt wirkte relaxter und luftiger als Tokio. Und das nicht, weil rund 1 Million knapp 40 Minuten per Zug zur Arbeit nach Tokio pendelt, denn umgekehrt passiert das genauso. Wahrscheinlich ist es das Meer, die grosszügige Promenade, die Weitsicht. Und vielleicht auch der westliche Einfluss, der seit der Geburt der Handelsstadt auf Yokohama wirkt.

    Diesem Einfluss begegnete ich gleich, als ich in Minato Mirai die Rolltreppe von der U-Bahn-Station hochfuhr. Dabei kam ich über mehrere Stockwerke an einer Eisen-Installation mit japanischen und deutschen Zeilen vorbei, die so riesig war, dass ich sie von nirgends ganz aufs Foto brachte. Offenbar hat der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth, der oft mit Sprache, Übersetzung und Bedeutung arbeitet, bewusst einen philosophischen Text aus Europa eingebaut.

    Der Text beginnt mit «Der Baum treibt unzählige Keime …» und stammt aus Friedrich Schillers philosophischen Schriften über Natur, Freiheit und die Entwicklung des Menschen. Schiller beschreibt darin die Natur als etwas, das ständig mehr hervorbringt, als zum blossen Überleben nötig wäre. Für ihn ist dieser Überfluss ein Hinweis auf Freiheit, Schönheit und schöpferische Entfaltung. Darum passt der Text erstaunlich gut zu Minato Mirai: Das ganze Quartier wurde als visionäre «Stadt der Zukunft» geplant. Zwischen Glasfassaden, Hafen und futuristischer Architektur spricht Schiller über Wachstum, Möglichkeiten und die Entfaltung des Menschen – Themen, welche die Planer des Viertels bewusst aufgreifen wollten. Die Wand mit Schillerst Text wirkt fast wie ein monumentales Gedicht oder Manifest im öffentlichen Raum — passend zur modernen Architektur von Minato Mirai.

    Minato Mirai 21 bedeutet wörtlich «Hafen der Zukunft 21» und ist das futuristische Herz von Yokohama. Das Gebiet wurde ab den 1980er-Jahren auf ehemaligen Werft- und Hafenflächen entwickelt und verbindet heute Skyline, Meer, Kultur, Shopping, Freizeit und Business auf engem Raum. Mein Streifzug führte mich erst mit der Gondelbahn zur Küste, danach zu Fuss der Promenade entlang wieder in die Stadt und zur Chinatown. Was für ein Kontrast.

    Yokohama beheimatet die grösste Chinatown Asiens und eine der grössten weltweit. Die chinesische Stadt einwickelte sich direkt nach der Hafenöffnung im Jahr 1859 und wuchs schnell zu einem lebendigen, farbenfrohen Kultur- und Gastronomieviertel mitten in Yokohama.

    Das Viertel fasziniert durch seine Mischung aus chinesischer Tradition und japanischer Präzision. Trotz schwerer Rückschläge wie das grosse Kanto-Erdbeben 1923 und der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg bauten die Bewohner ihr Viertel jedes Mal detailgetreu und noch prächtiger wieder auf. Yokohamas Chinatown ist streng nach den Prinzipien von Feng Shui gestaltet und hebt sich radikal vom restlichen Stadtbild ab.

    Das Viertel wird von zehn grossen, prachtvoll verzierten Toren bewacht. Die vier Haupttore an den Himmelsrichtungen sollen Glück bringen und böse Geister abwehren. Heute wohnen zwar weniger Chinesen direkt im Viertel, aber es ist das unangefochtene kulinarische Zentrum der Region mit über 500 Geschäften und Restaurants. Typisch ist das Essen auf der Strasse. Berühmt sind die Nikuman, das sind riesige, gedämpfte Teigtaschen mit Fleischfüllung, sowie Xiao Long Bao.

    Ich habe Xiao Long Bao mit Schweins- und mit Meeresfrüchte-Füllung probiert. Die sind wie Ravioli, aber es hat noch heisse Suppe drin. Die Teigtaschen werden im Bambuskorb gedämpft, die Suppe entsteht aus der Füllung, die beim Dämpfen geliert. Aber Achtung: Wer direkt hineinbeisst, riskiert eine verbrannte Zunge. Man muss die Ravioli mit den Stäbchen aufnehmen, ein kleines Loch hineinbeissen, die Suppe ausschlürfen und dann den Rest essen. Schmeckte wunderbar!

    Als ich durch die Chinatown schlenderte, war noch nicht so viel los, wie wenn abends die Laternen leuchten und das Nachtleben pulsiert. Nur eine Branche hatte bereits Hochbetrieb: Sehr viele wollten sich aus der Hand lesen lassen. Ich nicht. Das Schlechte will ich nicht wissen und das Gute nehme ich sowieso mit offenen Armen, wann und wie es kommt!
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