Tokio: Fake-Sushi zum Abschied
May 30 in Japan ⋅ ☀️ 28 °C
Mekka liegt in Tokio an der Kappabashi Strasse – wenigstens das Mekka für alles, was Profi- und Hobbyköche sich ausser den frischen Lebensmitteln selbst je wünschen könnten. Ich hätte auch ein paar Wünsche gehabt. Aber mein Koffer war schon voll und die Gewichtslimite wurde bereits vor langer Zeit überschritten …
Rund 800 Meter lang ist die Kappabashi Strasse und ideal, um bei 30 Grad Hitze unter den Arkaden zu wandeln und die gut 170 Geschäfte zu besuchen. Japan-Messer, Geschirr in allen Farben und Formen, Pfannen, Siebe, Reiben, Dampfkörbe, Gläser, Laternen und Eingangs-Vorhänge für die Restaurants, Servietten, Glücksfische, Essstäbchen, En-Gros-Dosen mit Saucen und Gewürzen – alles, was das Herz begehrt, ist hier zu finden und noch viel mehr.
Der riesige, 10 Meter grosse Kopf eines Küchenchefs auf dem Dach eines Geschäfts begrüsst alle Besuchenden in «Kitchen-Town». So wird die Kappabashi Strasse liebevoll genannt. Denn sie ist eine der speziellsten Strassen Tokios. Zwischen dem Sonso-Ji-Tempel und Ueno gelegen, herrscht ein ganz anderer Vibe als wenige Meter weiter. Ursprünglich war Kappabashi Japans grösste Einkaufsstrasse für Küchen- und Restaurantbedarf. Inzwischen hat sich das Geschäft online verlagert, aber zwischen den Touristen sind immer noch vereinzelt Japaner in Kochuniformen unterwegs.
Auch ich hätte stundenlang Porzellan-Schälchen und Geschirr aussuchen oder auf gefühlten 10 Quadratmetern Tausende von Küchenhelfern studieren können. Die Messergeschäfte liess ich aus, die waren total überlaufen. Was ich richtig cool fand, waren die Geschäfte mit den Nachbildungen von Lebensmitteln, die in Japan vor fast jedem Restaurant die Menüs zeigen, die bestellt werden können. Sampuru werden diese Fakes genannt, das Wort kommt vom englischen «sample» (Muster).
Die Dinger sind nicht einfach Dekoration, sondern ein Kommunikationsmittel. Früher konnten viele Menschen die Menüs nicht gut lesen oder kannten gewisse Gerichte nicht. Wir doofen Touristen sowieso nicht. Deshalb zeigen die Restaurants in den Schaufenstern vor dem Eingang exakt, was man bekommt, inklusive Portionengrösse, Zutaten und Präsentation.
Die Ursprünge von Sampuru liegen rund 100 Jahre zurück. Japan modernisierte sich rasch, westliche Gerichte wurden populär, aber viele Kunden kannten sie nicht. Da kam einem cleveren Unternehmer die Idee, die Gerichte in Wachs nachzubauen und auszustellen. Daraus wuchs eine ganze Industrie.
Heute sind die Sampuru meistens aus Kunststoff und sollen nicht Kopien darstellen, sondern die Erinnerung an den perfekten Geschmack auslösen. Deshalb wirkt Tempura oft knuspriger, Sushi glänzender, Ramen frischer und Bier schaumiger. Die Handwerker versuchen nicht nur das Aussehen, sondern auch das Gefühl des Essens darzustellen. Den Betrachtenden soll das Wasser im Mund zusammenlaufen, damit sie ins Restaurant kommen.
Sampuru vereinen mehrere typisch japanische Eigenschaften: Perfektionismus, Handwerkskunst, Humor, Liebe zum Detail. Sie sind deshalb ideale Souvenirs. Ich habe mir heute auch zwei Sushi-Schlüsselanhänger gekauft und liebe sie. Sie passen sogar noch in meinen Koffer! 🤣Read more

























